Erwählte des Zwielichts 70

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1) Liandras sagte nichts darauf, aber Malika sah die Antwort in seinen Augen, als er sich an ihr vorbeischob und begann, als erster die Stufen hinunterzusteigen. Sie folgte ihm. Hinter sich hörte sie Dirians und Nidhans zögernde Schritte. Jeder Laut hallte auf eigentümliche Weise. Malika spürte, wie ihre Muskeln sich spannten. Unwillkürlich tastete sie nach dem Dolchgriff an ihrer Seite. Im Licht der Dämmersteine glitzerte die polierte Wand um die Wendeltreppe herum, die nach und nach in raueres Gestein überging.
Die Treppe wand sich schier endlos in den Boden hinein. Malika fühlte die Tiefe, sie spürte die Erde, den Felsen, in den dieses unterirdische Bauwerk getrieben war. Sie roch alte Luft, Stein und den Duft von Wasser, ein wenig Schwefel. Natürlich, das Gebiet um Telava herum war bekannt für seine heißen Quellen.
Nach einer Weile endete die Wendeltreppe auf einem kleinen Absatz und wurde zu einer einfachen, geraden Treppe, die in einem Gang mit gewölbter Decke steil abwärts führte. Im Licht der Steine verlor sich der Gang in der Tiefe. Liandras hielt inne und lauschte, auch Malika spitzte die Ohren. Hinter sich hörte sie Dirian mit dem Fuß über den Boden scharren und das leise Schaben, mit dem ein Schwert aus der Scheide gezogen wurde. Auch sie zog ihren Dolch.
„Weiter“, befahl Liandras. „achtet auf den Boden und haltet Augen und Ohren offen. Wenn hier vor Kurzem jemand war, dann ist vielleicht immer noch jemand hier.“
Sie schlichen wie Katzen die Treppe hinunter. Steinchen knirschten unter ihren Füßen. Das Geräusch plätschernden Wassers kam immer näher. Malika musste aufpassen, wohin sie trat, die Stufen waren unregelmäßig und einige fast zu kurz für ihre Füße. Immer weiter ging es abwärts, wobei der Gang eine leichte Kurve beschrieb. Malika hatte das Gefühl, sich parallel zu dem Korridor mit den kleinen Kammern zu bewegen, zurück auf das Torhaus zu – nur eben um einiges tiefer.
Sie erreichten einen weiteren Treppenabsatz, und Liandras hob die Hand und ließ seinen Dämmerstein in der Hosentasche verschwinden. „Die Steine weg“, raunte er, „ich sehe einen Lichtschimmer vor uns.“
Malika erkannte es auch. Der Treppenabsatz weitete sich vor ihnen zu einer kleinen Empore, von der aus eine Galerie zu beiden Seiten eine größere Höhle einschloss. An den Enden der Galerie ahnte Malika weitere nach unten führende Treppen. Geräusche drangen an ihre Ohren – nicht mehr nur fließendes Wasser, auch das ferne Singen eines Schmiedehammers. Liandras duckte sich und schob sich näher an das Geländer der Empore heran und winkte. Malika huschte hinter ihm her und spähte durch die Streben, die das Geländer der Empore hielten.
Sie blickte in eine Höhle hinunter, die allem Anschein nach Gebäude beherbergte. In den Stein gehauen breitete sich dort unten beinahe ein kleines Dorf aus. Malika erkannte Straßen, Treppen, Strickleitern, sah Feuerschein und roch den Rauch. Dort unten lagerte keine Armee. Aber doch eine Einheit, die die Wappenröcke des dunklen Heeres trugen.
Dunkelelfen.

Interview: Alana Falk

Alana Falk

Alana Falk

Tina quatscht mal wieder. Heute mit Alana Falk, der Autorin mit den drei Namen und den drei Genres. Was sich dahinter verbirgt, was Alana schreibt und wie sie arbeitet, das erzählt sie euch am besten selbst. Viel Spaß!

Liebe Alana, danke, dass Du dich für dieses Interview zur Verfügung gestellt hast!

1. Erzähl doch mal ein bisschen über Dich. Wer bist Du, wo und wie lebst Du, und was machst Du, wenn Du nicht schreibst?
Ich bin eine total verrückte, chaotische Münchnerin. Wenn ich nicht schreibe oder an einem Buch arbeite, dann sehe ich zu viel Netflix, ich bin ein furchtbarer Serienjunkie. Meine absolute Lieblingsserie ist Doctor Who. Oder ich gehe in die Berge. Ich liebe es, wenn sich die Alpen vor mir auftürmen, da kann ich sofort freier atmen. Gelegentlich nähe ich auch, ich habe vor, mir für die Doctor Who Convention im Oktober ein Kostüm zu nähen.

2. Was schreibst du am Liebsten?
Ich schreibe am liebsten Liebesgeschichten aller Art. Egal, ob das Buch gerade Fantasy, Erotik oder ein zeitgenössischer Liebesroman ist, ich brauche eine gute Liebesgeschichte mit viel Konflikt, sonst entsteht beim Schreiben kein Sog. Abgesehen davon schreibe ich alle meine Genres gleich gerne, ich brauche die Abwechslung und könnte mich nie auf eins festlegen. Der ständige Wechsel tut meiner Kreativität sehr gut, die Genres befruchten sich gegenseitig. Ich nenne es die schriftstellerische Dreifelderwirtschaft.

3. Wo schreibst du? Gibt es Orte, die dich inspirieren?
Oh ja, das passiert sogar sehr häufig. Orte mit Atmosphäre geben mir Ideen ein oder wecken den Wunsch, als Setting benutzt zu werden. Wenn ich keine passende Geschichte dafür habe, muss ich eben eine erfinden. Zu meiner Seelenmagie-Reihe hat mich ein schmiedeeisernes Tor inspiriert, das scheinbar nirgendwohin führte. Die Frage, was wohl dahinterliegt, hat mich eine Autofahrt lang beschäftigt und am Ende hatte ich die Grundzüge von Unendlich – Seelenmagie 1 im Kopf.

4. Demnächst erscheint dein Buch „Die Tage, die ich dir verspreche“. Wie bist du auf die Idee zu diesem Buch gekommen?
Ich glaube, das Thema Organtransplantation beschäftigt mich unterbewusst schon sehr lange. Ich hatte mal über das Internet Kontakt mit einer Mutter, deren Sohn ein neues Herz bekam und habe mitbekommen, dass nach der Transplantation meistens ein ganz neuer Leidensweg für die Menschen beginnt. Als ich dann nach einer Idee für den Schreibwettbewerb von Droemer Knaur suchte, sah ich zufällig eine Folge einer Fernsehserie bei der die Organtransplantation wieder einmal als Happy End dargestellt wurde und der Patient nach 3 Tagen gesund durch die Gegend sprang. Diese Darstellung findet man leider häufig und ich wollte gerne mal darüber schreiben, wie es wirklich ist. Ich hatte dann recht schnell Gwen im Kopf, die nach einer Herztransplantation nicht mit den Schuldgefühlen und dem Erwartungsdruck zurechtkommt, und ihr neues Herz wieder verschenken möchte. Zuerst dachte ich, die Idee wäre viel zu durchgeknallt, um irgendwen zu interessieren, aber meine Lektorin bei Knaur hatte sofort Interesse und hat glaube ich von Anfang an viel mehr als meine Idee geglaubt als ich.

5. Du schreibst gern romance – was fasziniert Dich daran, Liebesgeschichten zu schreiben?
In meinen Geschichten stehen die Beziehungen zwischen den Figuren und die persönliche Entwicklung meiner Protagonisten im Vordergrund. Ich finde, dass Liebesgeschichten sich für so eine intime Darstellung besonders gut eignen, da man sehr nah an den Figuren ist. Die Liebe bringt uns dazu, uns völlig zu entblößen, uns zu verändern und hoffentlich irgendwann einander zu vertrauen. Den Weg dahin finde ich faszinierend und spannend. Außerdem mag ich persönlich Herzschmerz sehr gerne. Ich mag deswegen auch Bücher am liebsten, die richtig in der Seele wehtun. Vielleicht weil ich privat zum Glück kaum Herzschmerz kriege. Es ist eben meine Art der Realitätsflucht. 😉

6. Eins meiner Lieblingsbücher aus deiner Feder ist „Bis ins Herz der Ewigkeit“. Wie bist Du auf die Idee zu den „Gaben“ gekommen, die darin eine große Rolle spielen?
Oh danke, das ist nett von dir! Es ist auch eines meiner Lieblingsbücher. Ich mag besonders das Magiesystem und hoffe, dass ich irgendwann eine weitere Geschichte damit schreiben kann. Ich habe dafür auch schon Ideen und habe die Figur der Friedhofswächterin von Anfang an so angelegt, dass sie irgendwann ihre eigene Geschichte bekommt. Wenn alles so läuft, wie ich es mir vorstelle, vielleicht schon relativ bald. Also … in drei oder vier Jahren. *g* Wie ich genau auf die Idee gekommen bin, weiß ich ehrlich gesagt schon nicht mehr, aber es ist auf jeden Fall eine Idee, die ihren Ursprung in der Medizin hat, da die Magie der Gabe sich ja sozusagen als drittes Kreislaufsystem im Körper manifestiert.

7. Wenn Du Sarah einmal persönlich treffen würdest, was würde sie dir sagen?
Puh, das ist echt schwer. Vielleicht: Was fällt dir ein, mir so was anzutun? *lach*

8. Du schreibst unter verschiedenen Pseudonymen. Magst du uns verraten, als „wer“ Du auf dem Buchmarkt noch anzutreffen bist?
Klar. Außer als Alana Falk schreibe ich noch Erotik als Emilia Lucas und zeitgenössische Liebesromane, die in Richtung Jojo Moyes gehen, als Lily Oliver.

9. Gibt es ein Genre, das du niemals schreiben würdest? Warum nicht?
Ach, ich würde niemals wirklich nie sagen. Ich merke jetzt schon, dass sich mein Geschmack beim Schreiben ändert und ich Interesse und Lust an Themen entwickle, die mich früher nie interessiert hätten. Zum Beispiel merke ich immer mehr, wie interessant ich nicht nur romantische Beziehungen, sondern zwischenmenschliche Beziehungen im Allgemeinen finde. In Seelenmagie habe ich viel Platz auf die Beziehung zwischen Cay und seinen Brüdern verwendet, weil ich das als Dynamik unheimlich spannend finde und es für die Liebesbeziehung auch eine große Rolle spielt. Aber ich merke auch immer wieder: ohne Liebesgeschichte geht es nicht. Oder jedenfalls nicht gut. Ich denke daher, dass ich alles ausschließen würde, was ohne Liebe ist. Im Moment reizen mich Thriller und Horror nicht, ich glaube auch nicht, dass das jemals kommt, aber wer weiß das schon. Immerhin habe ich seit Langem einen kleinen Traum, der genretechnisch ein ziemlicher Ausreißer wäre: ich würde unheimlich gerne mal eine Folge für Die drei Fragezeichen schreiben. Und zwar ganz ohne Liebe. 😉 Denn ich bin ein ganz großer Fan.

10. Hast Du Vorbilder, wenn es ums Schreiben geht?
Joanne K. Rowling. Klingt witzig, weil ihre Bücher im Prinzip ohne Liebe auskommen. Aber für mich ist Harry Potter eines der größten literarischen Meisterwerke aller Zeiten. Die Bücher sind handwerklich unglaublich gut gemacht, die Darstellungen der einzelnen Figuren sind zum Niederknien. Die Plots sind unfassbar komplex, aber so genial simpel erzählt, dass man sie sofort versteht. Ich höre Harry Potter ungefähr einmal im Jahr komplett durch und es ist für mich eine nie enden wollende Quelle der Inspiration und Motivation. Der beste Schreibratgeber der Welt, in jedem Absatz steckt eine Lektion. Jedes Mal, wenn ich die Bücher höre, entdecke ich etwas Neues, was handwerklich genial gut gemacht ist, dann überlege ich, warum das so gut funktioniert und wie ich das für mich nutzen kann.
Ein weiteres Vorbild ist für mich auf jeden Fall Anna Campbell. Ihr Roman „Claiming the courtesan“ ist für mich das Paradebeispiel eines genialen Liebesromans. Düster, romantisch, schmerzhaft, sexy, ohne einfache Lösung. Wunderschön. Den habe ich auch schon ganz oft gelesen. Besonders ihre ersten Bücher sind grenzwertig und sehr gewagt, aber gerade deshalb so gut. Sie ist die Königin der schrecklichen Backstorys, die die Figur definieren und ihre Handlungen erklären, ohne übertrieben oder gewollt zu wirken. Besonders in ihrem Buch Captive of Sin hat sie mich richtig geschockt. Ich glaube, danach habe ich ein paar Tage kein anderes Buch angefasst, weil es mich einfach nicht losgelassen hat. Und genauso mag ich es.

11. Hast Du einen (oder auch zwei…) Tipps für Autorinnen/Autoren, die darüber nachdenken, ihr Werk zu veröffentlichen?
Ich glaube, dass man heute als Autor viel mehr Möglichkeiten hat als früher. Deswegen rate ich jedem, der mich fragt: sei selbstbewusst, verkauf dich nicht unter Wert. Das bezieht sich allerdings nicht unbedingt auf Geld. Beinahe jedes Veröffentlichungsszenario hat seine Daseinsberechtigung und kann für den Autor eine tolle Erfahrung sein. Ich habe selbst mein Debüt „Die blutroten Schuhe“ ein einem Kleinstverlag veröffentlicht und habe es nie bereut, weil die Zusammenarbeit großartig ist und wir ein wunderschönes Buch zusammen gemacht haben. Aber man sollte sich genau bewusst machen, was man sich von einem bestimmten Weg erwartet und wie wahrscheinlich es ist, dass man das bekommt. Ich bin zum Beispiel der festen Überzeugung, dass sich nicht alle Bücher fürs Selfpublishing eignen und Selfpublishing keineswegs der leichte Weg zum Erfolg ist. Für bestimmte Genres kann es aber der beste Weg sein. Deswegen sollte man sich sehr gut überlegen, wohin das eigene Buch am besten passt. Wenn man sich für die Veröffentlichung in einem Verlag entscheidet, sollte man sich sehr genau schlau machen, was das bedeutet, was für ein Verlag das ist und wie dort gearbeitet wird. Verträge sollte man sich genau durchlesen, Kollegen befragen und sich auf keinen Fall auf schlechte Konditionen einlassen, nur damit ein Verlagsname auf dem Buchcover steht. Man sollte es sich als Autor wert sein, nur mit solchen Partnern zusammen zu arbeiten, die einen auch wertschätzen und einem das zeigen, indem sie faire Verträge anbieten. Heutzutage ist Selfpublishing so eine gute Option geworden, die nicht nur zu großem Erfolg führen, sondern auch Türen öffnen kann, dass wir Autoren es nicht mehr hinnehmen sollten, Verträge abzuschließen, die uns Bauchschmerzen machen.

12. Gibt es noch etwas, das Du unbedingt loswerden möchtest?
So ungefähr 5 kg? Nein, im Ernst, ich freue mich, dass du an mich gedacht hast und danke dir sehr für die interessanten Fragen.

Ich bedanke mich ganz herzlich für dieses Interview!
Mehr über Alana erfahrt ihr auf ihrer Webseite.

Kater der Woche: Die 16-Pfoten-WG Teil 3

kater_kleinHallo ihr Lieben,

heute möchte ich euch meine dritte Mitbewohnerin vorstellen: Kleo(patra), genannt Bru, die Bruselkatze. Bru ist ein gutes Beispiel dafür, wie es auch gehen kann, wenn man feststellt, dass das eigene Leben nicht oder nicht mehr mit einem Haustier vereinbar ist. Bru gehörte nämlich früher zu einem Kollegen meiner Menschen, der über Rumfragen ein neues Zuhause für sie gesucht hat, statt es sich einfach zu machen und sie im Tierheim abzugeben.

Kurz, seit über zwei Jahren schon wohnt Bru jetzt bei uns und ich mag sie sehr, denn sie ist die einzige hier, die meinen Kollegen Leo auspowern kann, indem sie gefühlt stundenlang mit ihm über Tische und Bänke rennt.

IMG_0965_(800_x_600)Und warum „Bru“? Ja, ich weiß, dass ihr euch das fragt. Kennt ihr dieses nette, freundliche Geräusch, das wir Katzen machen, wenn wir euch oder andere Katzen begrüßen? Dieses leise Gurren mit geschlossener Schnauze, das fast klingt wie eine Taube? Bru macht das immer. Erst dachten wir, sie könnte gar nicht miauen, weil sie anfangs so ängstlich war, dass sie nur unter dem Bett wohnte und fauchte, aber als sie dann langsam auftaute und zugänglicher wurde, sagte sie „brrrrrrrrrrrrrrrru“. Immer wieder. Tja, und daher der Spitzname.

Und inzwischen kann sie sogar kuscheln.

Erwählte des Zwielichts 69

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1)

„Es sieht aus, als hätte etwas diesen Körper von innen heraus verbrannt“, sagte Liandras leise. „Wenn es das war, das Tirac getötet hat, dann sind wir auf der richtigen Spur.“ Er kniff die Augen zusammen, als er den Schädel betrachtete. „Das ist kein Menschenschädel“, murmelte er, und deutete auf die Knochenansätze über den Ohrlöchern. „Sieht aus wie ein Elfenschädel. Noch wahrscheinlicher … ein Dunkelelfenschädel.“

Malika nickte, und sie unterdrückte ein Schaudern. Sie hatte genug Tote gesehen, dass es für zwei Leben reichte, das war es nicht. Es lag an diesem Ort, an diesen verbrannten Knochen. An der Erinnerung an Tirac und das Ding, das sie in ihrem Quartier heimgesucht hatte.

Liandras erhob sich. „Kommt rein, wir sehen uns hier um. Der da kann uns nichts mehr sagen, aber vielleicht der Raum.“

Malika stieg vorsichtig über die Knochen. Eine irrationale Furcht, die schmalen, verbrannten Skeletthände könnten plötzlich nach ihren Knöcheln greifen, ließ ihren Magen krampfen. Die anderen folgten ihr und leuchteten die Wände ab. Poliert erschien der Fels wie ein Nachthimmel voller Sterne, die als winzige Glimmerpunkte in der Schwärze aufglühten. Auch der Boden war polierter Stein, in den mit blauen, goldgesprenkelten Edelsteinen ein Muster leicht vertieft eingelegt war. Verschlungene Bänder aus sich ständig wiederholenden Knoten, die aussahen wie eine fremde Schrift. An einigen Stellen wirkten die blauen Steine schmutzig rot. Eine Steinbank folgte der Wand rund um den Raum, nur an der Stelle, an der sich der Zugang befand, war eine Lücke ausgespart. Gegenüber dem Zugang war ein Becken in die Wand eingelassen, von dem etwas Angetrocknetes eine raue Spur über die makellose Wand bis zum Boden zog, wo eine angetrocknete Pfütze zurückgeblieben war. Malika riss den Blick von dem Skelett los und trat an das Becken. Mit dem Blick folgte sie der Spur an der Wand zu der getrockneten Lache und den Einlegearbeiten im Boden. Ja, etwas war dort heruntergeflossen und genau in die verschlungenen Knoten hinein. Vorsichtig griff Malika in das Becken – und zuckte zurück, als etwas Klebriges, Feuchtes durch das dünne Leder ihrer Handschuhe drang. Sie betrachtete im Licht der Dämmersteine ihre Finger und roch daran. Der süßlich-metallische Geruch ließ sie beinahe würgen.  Weiterlesen →

Erwählte des Zwielichts 68

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1)

Malika bezweifelte das, auch wenn sie sich dadurch nicht unbedingt sicherer fühlte. Aus dem Schacht wehte ihnen feuchte Luft entgegen, die sich mit klammen Fingern in Malikas Kragen schob und nach Algen roch. Sie schauderte. Langsam kletterte sie hinter Liandras her, der als erster im Schacht verschwunden war, und fluchte leise, als Nidhan ihr beinahe auf die Finger trat. „Mach langsam, verdammt!“ zischte sie. Zwanzig Leitersprossen hatte sich schon hinter sich gebracht. Weitere dreißig folgten, bis sie endlich Boden unter den Füßen spürte. Sie trat beiseite, um Nidhan und Dirian Platz zu machen. Ein Luftzug streifte Malika, leicht und beständig. Irgendwo musste der Gang nach Draußen führen.

Der Boden unter ihren Füßen war derselbe raue Fels, auf dem ganz Telava errichtet war. Der Schacht war in den Stein getrieben, ebenso der Gang, der sich vor ihnen in den Fels erstreckte. Roh behauen, nicht glatt, wie ein Dunkelelfentunnel es gewesen wäre. Einen Hebelmechanismus so wie oben, mit dem sie den Zugang hätten verschließen können, fand Malika nicht.

„Das haben Menschen gebaut“, sagte Dirian und ließ die Hand über die Felswand gleiten. „Mit einfachen Werkzeugen, auf keinen Fall mit Magie.“

„Müssen nicht unbedingt Menschen gewesen sein. Kommt, sehen wir nach, wohin der Gang führt. Ich gehe vor, dann Malika, dann Nidhan. Dirian, du sicherst nach hinten.“

Im matten Licht der Dämmersteine folgten Malika und die anderen dem Gang, der stetig weiter in den Berg hineinführte. Von irgendwo her erklang das Rauschen von Wasser. Noch immer konnte Malika den Luftzug spüren, der den schwachen Algengeruch mit sich trug. „Ich glaube, der Gang führt an den Fluss.“ Weiterlesen →

Julia Fränkle: Elfendiener I – Der Krieger und die Mätresse

elfendiener „Nach Wochen voller Briefe und Geschenke erhört Saihra endlich die Avancen des Königs und wird zu seiner Mätresse. Ein Skandal am Hofe, denn sie ist nur die Tochter eines Handwerkers und muss schnell erkennen, dass sie kaum mehr als eine Trophäe ist. Doch erst die Begegnung mit dem Elfenkrieger Ranvé weckt in Saihra den Wunsch nach wahrer Liebe und Freiheit.

Ranvé indessen sucht in der Königsstadt nach Antworten auf eine undurchsichtige Einladung von Seiten des Königs. Seine Nachforschungen treiben ihn mitten in das Intrigenspiel des Hofes und in das Visier des Königs, der um jeden Preis das Geheimnis der Unsterblichkeit der Elfen lüften will.

Die Liebe zwischen Ranvé und Saihra liefert dem Menschenherrscher schließlich nicht nur die Rechtfertigung für einen persönlichen Rachefeldzug, sondern auch einen Grund, durch dunkle Magie die Macht der Elemente zu entfesseln.“

Der Klappentext verspricht eine Geschichte voller Liebe, Leidenschaften, Abenteuer, Verwirrungen, mystischer Geheimnisse und Intrigen – und ich als Leserin wurde nicht enttäuscht. Schon nach wenigen Seiten konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen, denn die Geschichte um Saihra und Ranvé, das Geheimnis der Unsterblichkeit und die mysteriösen Elementarherrscherinnen hatte mich schnell in ihren Bann gezogen. Der Schreibstil ist märchenhaft, zuweilen episch, gleitet dabei aber nie ins Schwülstige oder Kitschige ab und lässt hier und da einiges an Humor durchschimmern.

Geschickt versteht Julia Fränkle es, die verschiedenen Handlungsstränge miteinander zu verweben und bei der Vielfalt der Figuren und Schauplätze nie den Überblick zu verlieren. Die Figuren sind allesamt lebendig ge-und beschrieben. Ihr Handeln ist auf den ersten Blick nicht immer ganz logisch, im Nachhinein aber doch immer nachvollziehbar. Faszinierend ist die Welt, die Julia Fränkle erschaffen hat, mit ihren Welteninseln, Weltentoren, die durch das Meer führen, Menschen, Elfen, Trollen, Zentauren und geheimnisvollen Wesen wie dem Totenerwecker, der seine ganz eigene tragische Geschichte hat und über den ich hier nichts weiter verraten werde.

Das einzige Problem dieses Buches: es ist viel zu schnell zuende und hört an einer Stelle auf, an der man schreien möchte, weil es den zweiten Band noch nicht gibt. Ich freue mich jetzt schon darauf, zu erfahren, wie die Geschichte von Saihra und Ranvé weitergeht.

Zum Schluss ein dickes Dankeschön an Autorin Julia Fränkle und dem Deadsoft-Verlag/Imprint tensual publishing für das Rezensionsexemplar. Ich hatte wirklich Spaß!

Erwählte des Zwielichts 67

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1)

Malika schüttelte den Kopf und hastete hinter den anderen her, als sie Liandras ungeduldig ihren Namen rufen hörte. Nur noch wenige Schritte trümmerübersäter Straße trennten sie von dem Torhaus. Katapultgeschosse hatten tiefe Wunden in die Stadtmauer gerissen, Löcher in Häuser geschlagen und einen Wachturm zertrümmert. Das Torhaus allerdings schien beinahe unversehrt. Malika ahnte, warum Khara und Tirac dieses Gebäude genauer untersuchen wollten.

„Es hat so gut wie keinen Kratzer abbekommen.“ Liandras sprach aus, was Malika dachte. „Scheint solider gebaut zu sein, als der Rest der Mauer.“

„Ja, aber warum?“ Dirian hob einen Stein auf und warf ihn gegen eine Mauer des Torhauses. Mit einem hohlen, fast metallischen Laut knallte er gegen die Mauer und fiel auf den Boden.

„Was war das denn?“ Malika trat näher an das Torhaus. Die Tür hing in den Angeln, geschwärzt von Flammen wie das gesamte Gebäude, aber bis auf den Rußschleier war es tatsächlich unversehrt. Fußspuren im Ruß zeigten, wo Khara und Tirac gegangen waren, auf dem Türgriff zeichneten sich Griffspuren schmaler Finger in Handschuhen ab.

Malika kniff die Augen zusammen. „Jetzt hätte ich gern Iendra hier“, murmelte sie. „Dann könnte sie uns sagen, ob sie da drin etwas spürt…“

Nidhan hatte angefangen, mit einem Stein die Wände des Torhauses abzuklopfen. Jeder Schlag klang hohl und metallisch. Mauerwerk bröckelte ab, darunter kamen Eisenplatten zum Vorschein. „Seht euch das an!“

„Das ganze Ding ist metallverstärkt. Was für ein Aufwand für so ein unscheinbares Torhaus.“ Liandras pulte noch mehr Mörtel und bröckeligen Stein aus dem Loch, legte mehr von der Eisenplatte frei. „Irgend etwas sollte hier ganz besonders geschützt werden. Nur was?“

„Gehen wir rein“, sagte Dirian. „Darum sind wir schließlich hier.“

Liandras nickte. „Also gut. Aber seid vorsichtig. Ihr wisst, was Khara passiert ist. Und Tirac.“

Sie kramten Dämmersteine aus ihrem Marschgepäck, faustgroße rote Juwelen, die in Dunkelheit gedämpftes rötliches Licht abgaben. Auch wenn die Menschen den Dunkelelfen immer nachsagten, in vollkommener Nacht sehen zu können, war das doch nur ein Gerücht, von dem Malika sich schon einige Male gewünscht hätte, es wäre wahr. Sie zog ihr Schwert, hängte sich den an einer Kordel baumelnden Dämmerstein um den Hals und schob sich vorsichtig durch die Tür ins Innere des Torhauses. Die anderen folgten ihr langsam. Das Innere des Gebäudes bestand aus nur einem einzigen Raum, in dessen Mitte ein mehr als zwei Schritte durchmessendes Loch klaffte. Der Rand bestand aus spitzen Zacken, die das Loch sternförmig wirken ließ. Malika konnte nicht ausmachen, wie tief es hinunterging. Nur vage erkannte sie Sprossen in der Wand wie von einer Leiter.
„Eine Geheimtür? Ein Fluchtweg? Das würde erklären, warum das Haus so gut gegen Katapultgeschosse gesichert ist.“ Dirian umrundete das Loch.

„Hier, das scheint der Mechanismus zu sein.“ Liandras zeigte auf eine Nische, in der im matten Licht der Dämmersteine ein Hebel aus Messing glänzte. Liandras zog an dem Hebel, ein knirschendes Geräusch erklang, und die Steinspitzen schoben sich langsam aus dem Rand des Lochs wieder heraus. Liandras schob den Hebel zurück, und unter ähnlichem, zahnschmerzeugenden Knirschen öffnete das Loch sich wieder.

„Interessant“, murmelte er.

„Runter?“ fragte Malika und ärgerte sich, dass ihre Stimme so zittrig klang. Der Gedanke daran, was sie finden mochten, wenn sie in dieses Loch hinunter kletterten, gefiel ihr nicht.

Liandras nickte. „Wir gehen runter.“ Er warf einen Blick in die Runde. „Haltet eure Waffen bereit, wir wissen nicht, was uns da unten erwartet. Vielleicht ist das Ding, das Tirac angegriffen hat, noch da.“

Erwählte des Zwielichts 66

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1)

IV

Sie trafen Beluan und seine vier Kundschafter vor dem Tempel. Liandras begrüßte Beluan, indem er dessen Unterarm mit festem Griff umfasste. Beluan erwiderte die Geste und umarmte Liandras kurz. „Hast du das von Khara und Tirac gehört?“

Liandras nickte. „Darum sind wir hier. Wir sollen dort mit unserer Patrouille beginnen, wo du die beiden zuletzt gesehen hast.“

„Das war im Südviertel nahe den Überrasten der Stadtmauer. Folgt der Hauptstraße nach Süden, dann kommt ihr an das alte Südtor. Ich sah Khara das letzte Mal, als sie mit Tirac zusammen das Torhaus durchsuchte. Ich hatte den beiden den ausdrücklichen Befehl gegeben, nicht allein in ein Gebäude zu gehen, das nicht sicher scheint, und das Torhaus sah aus, als würde es beim nächsten Windstoß zusammenbrechen. Tirac muss irgendetwas darin gesehen haben, denn er rannte los und verschwand darin, bevor Khara ihn zurückhalten konnte. Als ich mit den anderen zu den beiden stieß, war es bereits zu spät. Khara kauerte über Tiracs ekelhafter Leiche und faselte etwas von Schatten und blauem Feuer, wir bekamen keinen klar artikulierten Satz aus ihr heraus. Wie auch immer, seid vorsichtig, wenn ihr euch da unten umseht, Liandras. Mich bekommen keine zehn Gäule mehr ans Südtor. Am liebsten würde ich zu Tayara gehen und sie um eine Standortverlegung bitten. Auf Knien, wenn es sein muss. Mit dieser Stadt stimmt etwas nicht. Das, was Tirac getötet hat, kann nur eine Falle sein, die uns die Lichtlinge und ihre verdammten Menschenfreunde zurückgelassen haben. Wahrscheinlich sind alle Gebäude hier damit gespickt, und es ist nur eine Frage der Zeit, wann es die nächsten erwischt.“ Weiterlesen →

Erwählte des Zwielichts 65

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1) Tayaras Braue wanderte noch ein wenig höher. „Und was lässt dich darauf schließen?“
„Wir wurden über Tag in unserem Quartier angegriffen. Und ebenso zwei der Tagwachen.“
Malika beobachtete Tayara genau, während Liandras sprach, und sie sah, dass der drahtige Körper der Befehlshaberin sich spannte wie eine Bogensehne. Sie konnte die Worte fast sehen, die Tayara auf den Lippen brennen mussten. Sah, wie Tayara sich zwingen musste, Liandras nicht zu unterbrechen. Die Stiefelspitze der Generalin tappte leise auf den Boden. Unwillkürlich schloss sich Tayaras Hand um das Heft ihres Langdolches.
„Kein elfischer oder menschlicher Gegner“, fuhr Liandras fort. „Dennoch ein Gegner. Ich kann dir nicht einmal genau sagen, was es war, General, denn wir sahen nur einen Schemen, einen Schatten, der Kälte mit sich brachte und bereit war, uns anzugehen. Malika und ich durchbohrten ihn mit Klingen. Ich weiß, dass das wie eine Kindergeschichte klingt, wie ein Märchen. Aber sieh her, General: das sind die Klingen, mit denen wir uns verteidigten.“ Er zeigte sein verrostetes Schwert, und Malika legte ihren zerstörten Dolch vor Tayara auf den Tisch. Die betrachtete mit gerunzelter Stirn die Waffen. „Ein Schatten soll das verursacht haben? Was für ein Schatten? Ein Geist, ein Schemen? Wollt ihr mir sagen, dass es hier spukt?“ Sie ließ eine behandschuhte Fingerspitze über die zerstörten Klingen fahren und blies fast verächtlich rostigen Staub in die Luft.
„Wir berichten nur, was wir gesehen haben“, sagte Liandras. „Wir haben den Schemen gesehen, und wir konnten ihn fühlen. Er war wie ein dunkler Nebel, und um ihn herum wurde es kalt. Raureif erschien auf den Möbeln in unserem Quartier. Wir haben keine Ahnung, was das Ding bei uns gewollt haben kann. Aber wenn du dir Iendras Bericht anhörst, General, dann gab es wahrscheinlich gar keinen Grund, warum es bei uns war – denn wahrscheinlich fast zur gleichen Zeit griff ein ebensolches Ding Khara und Tirac von der Tagwache an.“
Tayara nickte mit fest zusammengepressten Lippen. Malika sah keine Regung in ihrem versteinerten Gesicht. Tayaras Blick wanderte zu Iendra. „Heilerin? Was hat die Tagwache berichtet?“
„Kundschafter Tirac ist tot, General. Er ist noch im alten Palast. Ich habe versucht, mit Khara zu sprechen, denn sie hat alles gesehen. Aber das einzige, was ich aus ihr herausbekomme, ist, dass sie ebenfalls über Kälte spricht. Sie friert, meine Heiler und ich bekommen sie kaum wieder warm. Und auch sie spricht von einem Schatten, wie Nebel, der Tirac einhüllte. Und tötete. Khara selbst hat Wunden davongetragen, die aussehen, als sei brennendes Öl auf ihre Haut getropft.“ Weiterlesen →