Erwählte des Zwielichts 83

Malika wusste nicht, wie weit sie gekommen waren, als die Nachtschleicher ihre Schritte verlangsamten. Jeder Knochen in ihrem Leib schmerzte, als sie langsam die Finger aus der Mähne und den Klammergriff ihrer Beine um den Bauch des Katers, der sie getragen hatte, löste. Ein dunkles Schnurren antwortete ihr. In ihrem Kopf flüsterte die schon bekannte Stimme: Ihr werdet hier rasten. Ruht euch aus. Hier seid ihr sicher, weit genug fort von der Menschenstadt. Wir werden morgen Abend wiederkommen und euch weiter tragen, bis wir die Kinder des Zwielichts gefunden haben. Sorgt euch nicht, niemand ist uns gefolgt und niemand wird euch hier schaden.

Malika öffnete die Augen und ließ sich langsam vom Rücken des Katers gleiten. Ihr Bein gab unter ihr nach und sie sank mit einem leisen Keuchen in ein weiches Moospolster. Blinzelnd blickte sie sich um. Es dämmerte in den Farben beginnenden Abends, das Licht brach sich jetzt anders im unendlichen Grün des Waldes, als noch am frühen Morgen. Die Kater hatten sie zu einer Lichtung getragen, fast kreisrund um umgeben von hohen Bäumen mit silbriger Rinde und hellen, kleinen Blättern, die im Wind leise wisperten. Am Rand der Lichtung schlängelte sich ein schmaler Wasserlauf entlang. Erst, als Malika das Plätschern hörte, wurde ihr klar, wie durstig sie war – und wie hungrig. Die Kater mussten den ganzen Tag gelaufen sein. Iendra humpelte ungelenk auf Malika zu, auch ihr und Liandras schien der Ritt in der ungewohnten Haltung auf dem nackten Rücken eines übergroßen Katzenwesens in den Knochen zu stecken. Die Kater schienen sie geradezu amüsiert zu beobachten. Weiterlesen →

Erwählte des Zwielichts 82

VII

Malika biss die Zähne zusammen. Ihr Bein fühlte sich an wie Brei. Auch wenn sie sich auf Liandras stützte, dessen Arm sie fest um ihre Taille spürte, war jeder Schritt eine Qual. Rot dämmerte der Morgen herauf. Bald würde der Wachwechsel stattfinden, bis dahin mussten sie Telava hinter sich gelassen haben. Liandras führte sie durch schmale Seitengassen dem Stadtrand entgegen. Immer wieder mussten sie Patrouillen ausweichen, sich durch Ruinen und an Trümmern vorbeischlängeln, sich in Verstecke ducken, bis die Gefahr vorüber war. Es half, dass Iendra die Anwesenheit anderer schon spüren konnte, bevor Liandras sie sah oder hörte, dennoch fühlte Malika sich wie bei einem Spießrutenlaufen. Hinter jeder Ecke erwartete sie, in eine erhobene Armbrust oder eine blankgezogene Klinge zu laufen. Sie konnte es kaum glauben, als Liandras sie durch ein unscheinbares, halb in den Angeln hängendes Tor durch die Stadtmauer schob und sie sich in halb verbranntem Gebüsch wiederfanden, das die Mauer an der Außenseite überwucherte. Aufatmend stützte Malika sich schwerer auf Liandras. „Ich weiß, wir können uns das nicht leisten, aber ich brauche eine Pause“, murmelte sie.
Liandras nickte. „Ich weiß. Aber wir müssen weiter. Wir müssen in die Wälder, dort können wir uns verbergen, bis es deinem Bein besser geht. Wir …“ Er stockte, als neben ihm Iendra plötzlich scharf einatmete. „Was ist los?“ zischte er. Weiterlesen →

Helen B. Kraft: Duft des Sturms

Mit „Der Duft des Sturms“ bringen uns Helen B. Kraft und der Machandel-Verlag den dritten Band der Reihe „Erbe der Sieben Wüsten“.  Und wieder entführt die Autorin ihre LeserInnen in die Welt der Bestien – eine Welt voller Kämpfe, Intrigen, animalischer Triebe, Kriege und knisternder Erotik.

Bestienkönigin Natayla, Enkelin des legendären Cruth (wir erinnern uns an den inzwischen in der Ebene der Nichtexistenz gefangenen und von den Bestien Selas als Gott verehrten Herrscher) versucht alles, den Frieden zwischen den Bestienclans zu bewahren – doch ihre Bestie hat andere Pläne. Sie will einen Partner. Also macht sich Natayla auf eine 20 Jahre währende Suche, an deren Ende sie auf den auf den ersten Blick sehr charmenten Regenten Lucasz und dessen ebenso charmanten Bodyguard Daemyan trifft. Als klar wird, welcher der beiden Männer den karamelligen Whiskeyduft an sich trägt, der Nataylas Bestie zum Schnurren bringt, findet sich die Königin schon zutiefst verstrickt in Intrigen und jahrhundertealte Geheimnisse – Taten schon beinahe vergessener Zeiten, deren ganze Tragweite sich Natayla erst nach und nach komplett erschließt. Natayla steht eine schwere Prüfung bevor, deren Ausgang am Ende darüber entscheidet, ob sie ihren Geliebten halten kann oder nicht – und ob sie am Ende vielleicht sogar ihr Reich verliert.

„Duft des Sturms“ ist mein bisheriger Bestienliebling, und das nicht nur, weil endlich eine intrigante Mistbestie wohlverdient ins Gras beißt, der ich schon seit spätestens Band 2 ein unrühmliches Ableben gönne. Der dritte Band der „Erbe der Sieben Wüsten“-Reihe besticht durch eine drama-und actionreiche Handlung und die wie immer herrlich spritzigen Dialoge – vor allem, wenn sich die Bestien wieder einmal mit dem Kobold Barrique herumschlagen müssen, der sehr viel mehr ist als einfach nur ein comic relief. Faszinierend, wie in diesem Buch nach und nach Fäden zusammengeführt werden und sich Puzzleteile zu einem Bild zusammenfügen, das man anfangs nur ahnen konnte.

Helen B. Krafts Schreibstil ist wie immer sicher und angenehm flüssig zu lesen. Wieder einmal beweist sie, dass sie beides kann: die schnelle, harte Action ebenso wie die leisen Töne und das Knistern von heißer Erotik. Ein echter Hingucker auch das Cover aus der Feder von Cover für Dich.

Fazit: Absolut empfehlenswert. Ich freue mich schon jetzt auf das nächste Buch der Bestienreihe.

Schreibjahr 2017

Die Böller sind nur noch Altpapier auf der Straße, der Sekt ist alle und die Reste von gestern Abend wurden erfolgreich vertilgt. Zeit für einen Ausblick auf das, was ich im kommenden Jahr alles schreiben möchte (ein Blick auf die Liste hat schon im Vorfeld für den einen oder anderen hysterischen Lachflash gesorgt, ich zeige sie euch aber trotzdem, damit ihr mir entweder die Herren im weißen Dinnerjacket vorbeischicken oder mich anfeuern könnt. Ich nehme auch Kekse, Schokolade, einen schönen Single Malt oder einen guten trockenen Merlot. Danke im Voraus.).

2017 wird mein Jahr der Romanrettung. Es wird nichts neues angefangen, bevor nicht mindestens eine, besser zwei dieser Altlasten mit dem Wort „Ende“ versehen sind. Und hier sind sie: die zu rettenden Romane:

„Yenyaab – verbotenes Kraut“ –  Gay romance/Fantasy und NaNo 16-Altlast um ein ungleiches Männerpaar, ein tragisches Familiengeheimnis, zwei unmöglich scheinende Liebesbeziehungen und ein Kraut, das sowohl böse als auch gute Seiten hat.

Mehr dazu hier.

„Klänge der Tiefe“ – Mystery/gay romance mit historischem Hintergrund. Der lungenkranke Naturfotograf und Wissenschaftsjournalist Theo und der Biologe Nathanael verfolgen die „Wasseraffen-Hypothese“ des naturwissenschaftlers Alister Hardy und stoßen dabei auf der Isle of Man auf seltsame Machenschaften einer militärischen Forschungseinheit. Warum stranden in diesem Winter so viele Wale vor Jurby? Was für Ziele verfolgt General Harris, der Leiter der Foschungsstation, welche Geheimnisse hütet die Militärfliegerin Selma und wie passt die mysteriöse Theremin-Virtuosin Ava in das ganze Spiel? Und was lebt in den geheimen Meerwassertanks hinter den in Eile hochgezogenen Elektrozäunen der Militärbasis?

„Kristallglut“ – NaNoWriMo-Altlast aus 2014/15 und (natürlich) auch wieder Gay romance/Fantasy. Die Nordmenschen und Steppennomaden von Nitann haben im wahrsten Sinne des Wortes einen ganzen Berg voller Probleme: Das Dualán-Gebirge und seine elfenhaften Bewohner verhindern seit Jahrhunderten erfolgreich den Ausbau von Handelsbeziehungen, da sie sich strikt weigern, Menschen durch ihre Heimat zu lassen, sei es über-oder unterirdisch. Als der königliche Berater Yvain mit der Königin der Dualán über den Bau einer Straße durch die Berge verhandelt und dabei am hartnäckigen Nein der Elfenherrin zu scheitern droht, entschließt er sich zu einer Verzweiflungstat und entführt den Sohn der Königin, um sie mittels Erpressung dazu zu bringen, dem Straßenbau endlich zuzustimmen, während auf der anderen Seite der Berge die Anführerin der Steppennomaden mit einer Abordnung der Bergelfen eine Ehe zwischen dem Kronprinzen der Elfen und ihrer Tochter auszuhandeln versucht.
Yvain erkennt, dass sein Plan gescheitert ist, als er feststellen muss, dass er nicht den Elfenprinzen Ciaran, sondern dessen Berater, Leibwächter und Hofmagier Senan erwischt hat, der dem Prinzen ausgesprochen ähnlich sieht. Yvain weigert sich, Senan freizulassen, und nimmt ihn mit in seine Heimat. Senan sieht nur eine einzige Möglichkeit, seine Freiheit zurückzubekommen und sein Volk und das Geheimnis der Berge zu schützen: Er muss das Herz des sturen Diplomaten gewinnen. Und er weiß gar nicht, wie leicht er es damit haben wird – denn Yvain liebt Männer…

„Erwählte des Zwielichts“ – natürlich geht es auch 2017 in vielleicht nicht ganz so regelmäßigen Abständen mit Iloyon Flammenstern, Cianthara Nebelstreif, Amayas, Malika, Liandras und den Nithyara und Dunkelelfen weiter.

 

„Finstere Wasser“ – Gay romance/Fantasy, eine wilde Mischung aus Piratengeschichte und Indiana Jones. Der Meerelf Vion wurde aus seiner Sippe verstoßen, da er Männer liebt – ein Unding bei einem Meerelfenclan, dem schon so lange keine Kinder mehr geboren wurden, dass er kurz vor dem Aussterben steht. Vion lässt sich in einer unterseeischen Ruinenanlage nieder, ohne zu wissen, dass an diesem Ort einmal viele seines Volks den Tod gefunden haben.

Doch nicht nur Vion findet die Unterwasserruinen reizvoll, auch eine Gruppe Schatzsucher gelangt an den seltsamen Ort – und findet neben Vion auch noch andere Geheimnisse, die sie vielleicht besser hätten ruhen lassen.

„Schwarze Flügel“ – Uraltes und immer wieder an die Wand gefahrenes Gay romance-Projekt um einen geflügelten Elfen, einen größenwahnsinnigen Magiebegabten, Magiergilden, deren Wirken eine Stadt zerstört. wenn nicht sogar die ganze Welt, und einen jungen Zauberer, der außer seinem Ziel, die Welt zu retten, nur noch einen einzigen Wunsch hegt: das Herz des Elfen mit den schwarzen Flügeln zu gewinnen und ihn aus der Gefangenschaft des dunklen Zaubermeisters zu befreien.

„Wüstenfeuer“ – gay romance. Um seinen todkranken Neffen Jhamal zu retten, Thronfolger des Königshauses der Wüstenstadt Sadje, schenkt Menaz ihm den Wüstenelfen Nayan als Sklaven. Denn Wüstenelfen sind begabte Heiler, denen angeblich keine Krankheit trotzen kann. Nayan fügt sich in seine Rolle, denn ihm wurde Freiheit für sich selbst und Schutz vor den Sklavenjägern für sein ganzes Volk versprochen, sollte es ihm gelingen, den Prinzen zu retten und die Thronfolge zu sichern. Doch als Nayan herausfindet, dass es sich bei der Krankheit des Prinzen nicht um ein schleichendes Leiden, sondern um eine Vergiftung handelt, findet er sich urplötzlich in Hofintrigen verwickelt und sieht sich selbst im Visier des Mörders, der es auch auf den Thronfolger abgesehen hat. Welche Rolle spielen die beiden Frauen des Herrschers, welche Jhamals Halbbruder, und was wissen Fadil und Zakiyah, die beiden vertrauten Diener der Königin Adija?

Jahresrückblick (natürlich mit Kater) und ein kleiner Blick in die Zukunft

Und wieder ist ein Jahr zu Ende, und wieder einmal fragen der Herr Kater und ich uns, wo dieses Jahr so schnell hin ist. 2016 hat viel genommen, aber auch viel gegeben und mich vieles gelehrt, sowohl, was das schreiben angeht, aber auch, was das Leben angeht. Für mich persönlich war es ein gutes, erfolgreiches Jahr. Auch wenn ich nicht so vieles geschafft habe, wie ich schaffen wollte.

 

 Ich wollte zum Beispiel viel mehr und viel häufiger bloggen. Den Kater wirklich wöchentlich zu Wort kommen lassen und nicht nur hin und wieder mal. Ja, er sitzt hier neben mir und beschwert sich, denn er hat wirklich viel zu erzählen. Der Herr im schwarzen Pelz und ich haben uns fest vorgenommen, uns im kommenden Jahr öfter zu melden. Vielleicht nicht als Kater der Woche, aber doch als Kater des Monats, und wenn es gut läuft, vielleicht auch als Vierzehntagekater. Dazu sollen auch im kommenden Jahr natürlich auch Buchbesprechungen und Schreibartikel nicht fehlen, und mit den Zwielichtigen wird es auch weitergehen.

2016 durfte ich mich über mehrere Veröffentlichungen und die immer noch ganz hervorragende Zusammenarbeit mit dem Machandel-Verlag freuen. Als „Schmiedefeuer“ und „Schattenfluch“ erblickte der gute alte Feuersänger das Licht der Welt in überarbeiteter Fassung neu. Eine Zusage für eine Kurzgeschichte flatterte ins Haus. Und ein Vertrag mit dem wunderbaren Verlag ohneohren kam zustande. Noch ist das Projekt geheim, noch darf ich nichts erzählen, also bleibt es spannend und ich falle hier vor lauter Hibbeln fast von meinem Stuhl, weil das alles so aufregend ist und es um ein echtes Herzprojekt geht.

Geschrieben wurde natürlich auch, viele neue Ideen tauchten auf und einige davon sind inzwischen zu zwar noch nicht ausgewachsenen Projekten, aber immerhin zu Projektkindergartenkindern ausgewachsen, einige wollen auch schon Abitur machen. Dass ich auf ein so produktives Jahr zurückblicken kann, liegt zum großen Teil an einer Idee meiner lieben Autorenkollegin Tanja Rast, die mich zum Kampf um die Marienkäferpunkte herausforderte und damit immer wieder mit kleinen, überschaubaren Zielen am schreiberischen Ball bleiben ließ. In diesem Jahr werden wir diese liebgewonnene Trasdition fortführen und haben uns einen weiteren Käfer ins Boot geholt: Sylvia Ludwig, die nicht nur schicke Cover zaubern, sondern auch ganz wunderbar zauberhafte Geschichten schreiben kann. Ich freue mich jetzt schon auf den freundschaftlichen, motivierenden Kampf um die Punkte.

Kein Jahresrück-und Ausblick ohne Kater. denn wie wie alle Katzenhalter wissen, müssen unsere bepelzten Freunde immer das letzte Wort haben. Herr Kater: Bitteschön, hier ist die Tastatur, Sie sind dran.

„Oh, ich bin dran? Mimimi. Miau. Ich durfte so lange nicht an die Tastatur, dass ich schon gar nicht mehr weiß, wie das mit dem Tippen eigentlich geht, also bitte ich darum, kleine Fehler zu verzeihen. Und überhaupt, was ist schon ohne Fehler? Ich habe nur einen einzigen guten Vorsatz für das kommende Jahr gefasst: den, dass ich es in Zukunft vermeiden möchte, zu versuchen, perfekt zu sein. Denn wer kann das schon? Und wer will das schon? Perfekt sein? Ohne Makel, ohne Ecken und Kanten, glatt wie Eis und genauso kalt in all dieser Perfektion? Nein, das ist nichts für mich. ich weiß, was ich bin, ich weiß, was ich kann, und ich weiß, was ich will. Vor allem weiß ich aber, was ich nicht mehr will: mich verbiegen. Immer nur anschmiegsam sein und anderen nach der Pfeife tanzen. 2017 wird mein (oh, pardon… unser) Jahr, ein Jahr voller Schnurren, mit Platz für Gemütlichkeit und Ruhepausen, mit Familie, Wahlverwandtschaften und Freunden. Wir blicken zuversichtlich in die Zukunft, denn eins wird 2017 auf jeden Fall bringen: Katzen. Bleibt gespannt!“

 

Erwählte des Zwielichts 80

Liandras klopfte ihr auf den Rücken, und sie schnaufte. „Danke … verschluckt …“ Ihr Blick huschte zu Malika, die sich plötzlich aufgerichtet hatte, als hätte sie etwas bemerkt, das ihr und Liandras verborgen geblieben war. „Mal?“
„Wir sollten aufbrechen“, sagte sie, „jetzt gleich. Ich weiß nicht, warum, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass wir von hier verschwinden sollten. Und damit nicht länger warten. Ich schaffe es aus der Stadt heraus, wenn ich meine Sachen nicht tragen muss.“ Sie schälte sich aus der Decke, rutschte vom Sessel und klammerte sich an die Lehne, als ihr verletztes Bein nachzugeben drohte. „Gebt mir etwas, auf das ich mich stützen kann, dann wird es gehen.“
Liandras murmelte Unverständliches und schlang seinen Arm um Malikas Taille. „Nimm mich. Bist du dir sicher?“
„Dass wir hier wegmüssen – ja. Dass ich es schaffe: ja, wenn du nicht unter mir zusammenbrichst. Iendra?“
Iendra sah auf und schwang sich ihren und Malikas Rucksäcke auf den Rücken.
„Bist du sicher?“
Iendra nickte, auch wenn ihr dabei schlecht wurde. Die anderen zurücklassen, das Lazarett, die Truppe, ohne ihre erfahrenste Heilerin? Sie war nie besonders stolz darauf gewesen, die älteste, am besten ausgebildete und talentierteste Heilerin in Tayaras Truppe zu sein. Aber sie wusste, wer es würde ausbaden müssen, wenn sie jetzt ging. Und wenn es weitere Verletzte wie Khara und Tirac, Shinyenna und Lucai geben würde … sie würgte den bitteren Geschmack hinunter, der sich auf ihrer Zunge sammelte, als die Bilder der grässlichen Verletzungen wieder vor ihrem inneren Auge auftauchten. „Ich komme mit. Wir können nur dann etwas gegen Tayara und die anderen tun, wenn wir nicht allein sind. Und vielleicht wenden sich noch mehr von der Truppe von ihr ab, wenn sie erkennen, was es bedeutet, Khadiss zu dienen. Ich glaube nicht daran, das die Angriffe auf Shinyenna und Lucai Unfälle waren oder Zufall. Das war … gezielt. Das waren Attentate. Aber wer würde uns hier glauben?“
„Niemand“, brummte Liandras. „Sie sehen zu Tayara auf, als sei sie selbst eine Göttin. Sie nennen sie die Herrin der Blitze. Die Auslöscherin allen Lichtes. Das fühlt sich alles so verdreht und falsch an.“
„Die Nithyara“, sagte Malika leise. „Iloyon und Cianthara werden uns glauben. Für sie hat sich dieser Krieg schon viel früher falsch angefühlt.“
„Ebenso wie ich immer noch ihre seltsame Verwandlung und ihre neuen Götter als falsch empfinde“, sagte Liandras und klang noch immer grummelig. „Aber wir haben keine Wahl. Bis wir hier Verbündete gefunden haben, haben uns Tayaras Verborgene wahrscheinlich schon dreimal einen Kopf kürzer gemacht. Sie wird nach uns suchen lassen, sobald sie erfährt, dass wir da unten waren und ihren kleinen Stiefellecker von Informanten getötet haben.“
Iendra nickte, auch wenn ihr immer noch schlecht war. „Dann lasst uns verschwinden.“

Erwählte des Zwielichts 79

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1) Der Kundschafter erwartete sie mit ebenfalls bereits geschnürten Bündeln. Malika war wach, sie saß in Decken gewickelt am Feuer und hielt einen dampfenden Becher in den Händen. Ihre müden Augen füllten sich mit Leben, als Iendra eintrat. „Iendra …“
„Mal.“ Iendra ließ ihren Rucksack fallen und umarmte Malika vorsichtig. „Wie fühlst du dich?“
„Scheußlich.“ Malika grinste schief. „Wenn ich versuche, aufzustehen, gibt das verdammte Bein unter mir nach. Entweder lasst ihr mich zurück, oder jemand von euch trägt mich, oder wir brauchen Pferde.“
„Zurücklassen ist keine Option“, brummte Liandras. Iendra zog eine Braue hoch, warf dem Kundschafter einen fragenden Blick zu, aber er schwieg. Wahrscheinlich hatten er und Malika diese Diskussion bereits während Iendras Abwesenheit zu genüge geführt. Iendra legte noch einmal die Hände auf Malikas verbundenes Bein und ließ ihre Heilkräfte fließen. Sie fühlte, dass das Gift verschwunden war, aber auch, dass es Muskeln und Sehnen geschwächt hatte. Sie knirschte mit den Zähnen. Malika hatte Recht, sie brauchten Pferde oder einen Wagen. Ihre Gedanken rasten. Es gab nicht mehr viele Pferde. Die Tiere, die die letzten Scharmützel und Begegnungen mit den Lichtlingen überlebt hatten, gehörten dem Kommandostab und standen unter ständiger Bewachung. Und die aus Telava geflüchteten Menschen hatten weder Tiere noch Wagen zurückgelassen.
„Woran denkst du?“
Malikas Stimme riss Iendra aus ihren Gedanken. „Wie wir an Pferde herankommen. Oder wie wir zumindest so weit von hier wegkommen, dass uns keiner findet, selbst wenn sie nach uns suchen. Ist es euch wirklich ernst damit, wollt ihr Iloyon suchen gehen?“
„Ja“, sagte Malika und Liandras nickte zur gleichen Zeit.
„Was habt ihr von diesen neuen Göttern mitbekommen, die Iloyon erwählt haben?“
Liandras verzog das Gesicht. „Was hast du vor, Iendra?“
„Noch gar nichts, ich will nur wissen, was du weißt.“
„Sie sind Beinahe-Vergessene und nennen sich der Nachtschatten und die Sternengekrönte. Iloyon und die anderen wollten sich in der Nähe der Felsen niederlassen, an denen sie diesen Göttern begegnet sind. Das ist eine ganze Ecke weg von hier. Mehrere Nachtmärsche. Malika schafft das nicht …“
„Ich weiß.“ Iendra hob ihre Hand, als sie sah, dass Malika protestieren wollte. „Hat Iloyon irgend etwas gemacht, um die Aufmerksamkeit dieser Götter auf sich zu ziehen?“
„Nein.“ Diesmal war es Malika, die antwortete. „Die Götter haben ihm und Cianthara Träume geschickt. Und sie gerufen.“
Iendra nickte langsam. Götter, die sich ihre Gläubigen selbst aussuchten. Götter, die der Welt der sterblichen Völker nahe waren. Die etwas mit dieser Welt zu tun haben wollten. Wenn diese Götter Träume schicken und Dunkelelfen erwählen konnten, konnten Dunkelelfen dann nicht auch Götter wählen? Tayara hatte es offensichtlich getan und sich Khadiss angeschlossen. In ihr keimte die verrückte Idee, eine Gottheit, die sie nur aus den Erzählungen anderer und aus einem Buch voller alter Legenden kannte, um Hilfe zu bitten. Beten. So wie Tayara. Hilflos begann sie zu kichern und hustete krampfhaft, um ihr Lachen zu unterdrücken. Es klang so irrsinnig. Und doch konnte sie die Gedanken in ihrem Kopf nicht davon abhalten, immer wieder dieselben Worte zu formen: Nachtschatten. Sternengekrönte. Helft uns hier heraus.

Erwählte des Zwielichts 78

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1)Sie beugte sich über ihn. „Ich weiß“, sagte sie sanft in sein zerfetztes Ohr, dann legte sie die Hände auf seine Brust und ließ ihre Heilkraft fließen. Dunkle Flammen umloderten ihre Hände, als sie ihr Tun wie eine Heilung aussehen ließ, während unter ihren sanften Fingern Lucais Herz zu schlagen aufhörte.

Den verzweifelten Blick, den sie Varael zuwarf, musste sie nicht spielen. „Er ist gegangen…“

„Und Shin? Was ist mit Shin?“

Iendra beugte sich über Shinyenna und strich über das schweißnasse Haar, das ihr in die Stirn gefallen war. Die Herrführerin sah sie an, einen Moment wurden ihre violetten Iriden sehr klar. „Iendra“, hauchte sie.

„Ich bin hier, General.“

Shinyenna lächelte. „Tu das auch für mich“, hauchte sie, „es tut so weh … Dämonen… körperlos … Schatten und Feuer … Tayara ….“

„Shhht, ich weiß.“ Sie sah auf. „General Varael, sie will Tayara sehen. Und ich weiß nicht, ob ich sie noch lange am Leben halten kann. Sie hat entsetzliche Schmerzen. Ich kann das, was ihre Beine zerfrisst, nicht aufhalten.“

Varaels Lippen wurden zu einem dünnen Strich. „Halte sie am Leben, bis wir wieder da sind.“

Iendra nickte Varael zu, wandte sich aber sofort wieder Shinyenna zu, nachdem Varael weg war. „Verrat?“ flüsterte sie. Shinyenna nickte mit geschlossenen Augen. „Schatten … Feuer … sie tun nur so, als seien sie auch angegriffen worden … warne die anderen … wenn sie Tayara folgen, werden sie alle sterben. Sie werden sterben…“

„Ruhig… ich tue, was ich kann.“

Shinyenna versuchte zu lächeln, sie hustete und krümmte sich, als ein Schwall Blut aus ihrer Nase schoss. „Schmerzen …“

Sanft drückte Iendra sie wieder auf ihr Lager zurück. „Ich helfe dir“, raunte sie und berührte Shinyennas Brust. Tränen rannen über ihr Gesicht, als sie auch Shinyennas Herz zum Stillstand brachte.

Die Erschöpfung, die sie zur Schau trug, als Varael mit Tayara zurückkam, musste Iendra nicht spielen. Sie war müde, verstand nicht, was hier geschah, wollte es auch gar nicht verstehen. Sie wusste nur, hier konnte und durfte sie nicht bleiben. Liandras und Malika hatten Recht – die einzigen, die gegen die erweckte finstere Göttin eine Hilfe sein konnten, waren Iloyon und seine neuen Verbündeten.

„Ihr seid zu spät“, stieß sie hervor, als Tayara sie ansah, „ich konnte ihnen nicht mehr helfen, ihre Wunden waren zu schwer.“

Tayara nickte mit zusammengebissenen Zähnen. „Geh zurück ins Lazarett, Heilerin, und versuche, dort zu retten, was zu retten ist. Und sag mir, hast du etwas von Liandras‘ Truppe gehört?“

Iendra ließ den Kopf müde hängen. „Nein, General. Sie müssen noch unterwegs sein, im Lazarett sind sie jedenfalls nicht… ich bin mir sicher, sie werden sich melden, sobald sie zurücksind.“

„Ganz sicher.“ Tayaras Stimme klang wie ein Schnurren, während Varael kalt in den Korridor brüllte, dass jemand kommen und die Leichen wegräumen sollte. Iendra wusste, dass am nächsten Abend Scheiterhaufen brennen würden. Für tapfere Heerführer, die mutig gegen Dämonen gekämpft hatten. Von unschuldigen Opfern düsterer Mächte. Und sie wusste, dass Tayara innerlich triumphierte und zu Khadiss betete. Sie stand auf du verließ langsam und mit schleppenden Schritten den Tempel. Im Lazarett rief sie ihre engsten Vertrauten zusammen.

„In der nächsten Zeit werden sich in dieser Truppe wahrscheinlich einige Dinge ändern“, begann sie, „denn heute Nacht sind die Heerführer Shinyenna und Lucai bei einem Dämonenangriff zu Tode gekommen. Niemand weiß, woher die Dämonen so plötzlich kamen, oder warum sie es ausgerechnet auf das Hauptquartier der Heerführer abgesehen hatten. Aber ich bin mir sicher, dass das alles nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Ich möchte, dass ihr die Augen aufhaltet, Ungewöhnliches bemerkt und auf eure Kameraden und die Soldaten achtgebt. Lernt, rüstete euch aus, so gut ihr könnt, schaut lieber einmal zu oft hin, wenn euch etwas seltsam vorkommt, als einmal zu wenig. Ich möchte, dass ihr für alles, was kommt, gerüstet seid. Öffnet eure Augen und Ohren, aber noch mehr solltet ihr eure Sinne öffnen und auf eure Herzen hören.“

„Du sprichst in Rätseln, Iendra“, beschwerte sich Heiler Alvion, „was willst du uns sagen?“

„Dass ihr vorsichtig sein sollt. Und jetzt geht wieder an eure Arbeit, wir werden gleich eine größere Gruppe verwundeter Soldaten mit Verätzungen und Verbrennungen bekommen. Die Dämonen waren nicht zimperlich zu denen, die versucht haben, unsere Heerführer zu schützen.“

Iendra danke den Göttern dafür, dass tatsächlich nur einen Lidschlag später die Verwundeten gebracht wurden und sich alle Heiler und Gehilfen auf ihre Arbeit stürzten. Iendra half mit, so gut sie konnte, doch als sie merkte, dass ihre Leute allein zurechtkamen, zog sie sich unter dem Vorwand, erschöpft zu sein, zurück. Niemand hielt sie auf, immerhin wussten inzwischen alle, dass sie versucht hatte, den tödlich verwundeten Anführern zu helfen – und versagt hatte. Im Schutz der beginnenden Dämmerung schlich sie sich in ihre Kammer, packte kurz entschlossen ihren Rucksack und schlich zurück zu Liandras‘ Quartier.

 

Erwählte des Zwielichts 77

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1)In einiger Entfernung sah sie Flammen züngeln und Rauch in den Himmel aufsteigen, ein beißender Geruch lag im Wind, der Rufe und Schreie mit sich trug. Sie schauderte. Noch mehr hing in der Luft als nur ein seltsamer Gestank und der Lärm, Iendra konnte es nicht ausmachen, aber es zerrte an ihrer Gabe, Auren zu sehen, und als sie sich konzentrierte, zeigte ihre Sicht ihr nichts als finstertes Schwarz.

„Verdammt“, murmelte sie und begann zu laufen, immer in die Richtung, aus der sie die Flammen schimmern sah, und wohin auch schon andere unterwegs waren. Immer mehr Soldatinnen und Krieger rannten an ihr vorbei, und Iendra schloss sich dem Strom an. Fragen huschten an ihren Ohren vorbei, sie blickte in geweitete Augen, verwirrte Gesichter, sah blankgezogene Waffen, hörte Alarmrufe. Ein Angriff?

„Was ist passiert?“ rief sie einem an ihr vorbeihastenden Unteroffizier zu, den sich schon einige Male in Varaels Kielwasser gesehen hatte. „Angeblich gab es einen Angriff auf das Quartier der Generäle“, keuchte er im Laufen, „anscheinend waren es Dämonen…“

„Dämonen.“ Iendra lief weiter. Ihr wurde schlecht, sie ahnte, was sie sehen würde, als ihr Weg sie immer näher an die von den Heerführern besetzte Tempelanlage führte. Einer der Türme brannte. Jetzt erst sah Iendra, dass sie Flammen, die sie aus der Ferne nur hell hatte flackern sehen, eine eigenartig kränkliche grünliche Farbe hatten und ganz offensichtlich diesen beißenden Gestank verursachten. Vor dem Zugang der Anlage schimmerte der Boden feucht von Blut. Die Wachen lagen am Boden. Jetzt würgte Iendra wirklich: die Wachen waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Und da lagen noch mehr Gestalten am Boden, zusammengekrümmt, wie mit beißender Säure übergossen, tot. Im Tempeltor stand Tayara, ihr Umhang wehte im Wind, blähte sich um sie, machte sie zu einer Kriegsgöttin. Schrammen wie von Klauen zogen sich über ihr Gesicht. Die Klinge in ihrer Hand glänzte von Blut. Neben ihr traten Soldaten aus dem Tempel, gefolgt von Varael und Durnin. Sie brüllte Befehle, jemand rief nach einem Heiler. Iendra schluckte ihre Furcht hinunter und trat vor. „Ich bin hier!“

„Zu mir, Heilerin! Ihr anderen – ausschwärmen, durchkämmt die Stadt, bringt mir die, die das getan haben!“ Ihre Stimme überschlug sich beinahe, und als Iendra nähertrat, sah sie das fast irre Funkeln in ihren Augen. Sie salutierte. „General, hier bin ich. Was ist passiert?“

„Lucai“, sagte sie knapp, „Shinyenna. Geh mit Varael.“

„General, Euer Gesicht…?“

„Nicht wichtig“, schnappte Tayara, „nur Kratzer. Shinyenna und Lucai brauchen dich.“

„Komm mit, Heilerin.“ Varael packte Iendra an der Schulter und stieß sie grob in den Korridor. Iendra taumelte, fing sich, folgte Varael, der mit schnellen Schritten vorausging. Iendra ging über geschwärzte Bodenfliesen, die irgendwann einmal weiß gewesen waren, vorbei an feuchten dunklen Flecken und weiteren zusammengekrümmt und verbrannt daliegenden Körpern. Der Gestank wurde immer schlimmer. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Diese Dinger, die Tirac getötet hatten, waren hier gewesen. Tirac, den Tayara als Unfall bezeichnet hatte. Diese Dinger, von denen Tayara wusste. Sie waren hier gewesen, hatten Soldaten massakriert und …

Varael war stehengeblieben und öffnete eine Tür. „Tu, was du tun kannst, Heilerin“, sagte er dumpf. Erst jetzt sah Iendra, dass seine linke Hand kraftlos herabhing und die dunkle Haut mit Brandblasen und blutigen offenen Wunden übersät war. Er schüttelte unwisch den Kopf, als sie die Finger anstarrte. Sie trat an ihm vorbei ins Zimmer.

Da lagen auf zwei notdürftig zusammengeschusterten Lagern Shinyenna und Lucai – oder das, was von ihnen übrig war. Lucais Gesicht war kaum mehr als eine blutige Masse, die Haut zur Unkenntlichkeit verätzt und verbrannt. Shinyenna lag leise wimmernd neben ihm. Da, wo einmal ihr rechter Arm gewesen war, befand sich nur noch ein notdürftig verbundener blutender Stumpf, und ihre Beine …

„Götter“, hauchte Iendra. Sie musste die Verletzten nur ansehen, um zu wissen, dass sie nichts mehr tun konnte, als ihnen Mohnsaft zu geben, damit sie die Schmerzen nicht mehr so sehr spürten. Dennoch kniete sie zwischen den Lagern nieder und legte ihre Hände über Lucais Gesicht. Seine blinden Augen starrten blicklos zu ihr auf. Iendra schluckte hart. Was einmal seine Lippen gewesen waren, bewegte sich, formte immer wieder ein Wort: Verrat.

 

Erwählte des Zwielichts 76

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1)

„Wir haben unterirdische Gänge gefunden. Unterirdische Hallen, hier unter der Stadt. Dort lagerten Dunkelelfen. Als wir uns noch fragten, was sie dort trieben und wie bei allen Göttern sie da hingekommen waren, stellten sie uns auch schon zur Rede. Sie nannten uns Spione und griffen uns an. Malika kannte einen von denen – er war anscheinend nur ein kleines Licht bei der Truppe, ein Wagenlenker. Aber wer wusste, dass Malika Javarons Sachen durchsucht hat. Er arbeitete für Tayara. Er hat Malika verraten – und damit auch dich.“

„Scheiße“, entfuhr es Iendra.

Liandras nickte. Vorsichtig schob er die Arme unter Malikas Körper. „Dirian und Nidhan sind tot“, sagte er leise, „wir konnten gerade noch so wegkommen. Malika erwähnte Iloyons Namen, bevor sie ohnmächtig wurde. Ich denke, sie will desertieren.“

„Nicht die dümmste aller Ideen“, knurrte Iendra. Sie schob Trümmer und Sand über das Blut, das überall auf dem Boden schimmerte. „Ich habe Tayara heute Nacht belauscht. Sie, Varael und Durnin sprachen von ‚Verborgenen‘, die unter der Stadt warten. Und sie erwähnten den Namen Khadiss.“

„Davon stand etwas in den Aufzeichnungen.“ Liandras erhob sich, schwankte kurz, dann stand er fest. „Komm mit zum Haus. Wenn Tayara wirklich Khadiss angerufen hat, dann stecken wir tiefer im Mist, als wir bisher angenommen haben, aber das würde auch den Ausgang dieser Schlacht erklären, nach der Javaron starb. Sie hat einen Pakt mit einer Gottheit geschlossen, die sogar unseren Vorfahren zu finster war. Wenn sie uns unter dem Banner der Khadiss in die Schlacht führt, dann … dann können wir am Ende nur verlieren. Sie ist nicht Nacht, Iendra. Sie ist Finsternis. Sie will mehr als nur auf dem Schlachtfeld vergossenes Blut. Khadiss will Seelen. Wer mit ihr einen Pakt schließt, wird selbst zu Finsternis.“

Iendra nickte. „Aber was sollen wir tun? Wir können nicht einfach zu Lucai und Shinyenna rennen und es ihnen erzählen, wie kleine Kinder, denen andere kleine Kinder die Puppen weggenommen haben.“

„Nein.“ Liandras holte tief Luft. „Wir gehen weg. Wir tun, was Malika will. Wir gehen und suchen Iloyon und schließen uns ihm an.“

„Das ist desertieren!“

„Ich weiß.“ Liandras bog in eine Seitengasse, um einer Kundschaftergruppe auszuweichen. Auf Umwegen führte er Iendra zu dem weißen Haus, in dem noch immer ihre Ausrüstung lag. Malika hatte inzwischen das Bewusstsein wieder vollständig verloren. Reglos hing sie in Liandras‘ Armen. Iendra huschte an ihm vorbei und öffnete die Tür zum Unterschlupf, spähte in das dunkle Zimmer, dann betrat sie es. Liandras folgte ihr, und sie schloss die Tür und lehnte sich dagegen. „Wirklich, Liandras? Weggehen? Einfach so? Und dass, nachdem du dich noch da draußen gegen Iloyon entschieden hast?“

Liandras ließ Malika auf eines ihrer Schlaflager sinken und deckte sie zu. „Als wir draußen waren, war noch alles anders.“ Er nahm Malikas Hand in seine und hauchte einen Kuss auf ihre schlaffen Finger. „Damals sah ich in Iloyon nur einen kriegsmüden Kommandanten, der andere Kriegsmüde um sich geschart hatte und einem Traum nachjagte. Dann sah ich einen Mann, der für fremde Götter bereit war, alles aufzugeben, was sein Leben bisher ausgemacht hatte. Das kam mir vor wie Verrat. Und jetzt muss ich dabei zusehen, wie auch unsere eigenen Heerführer unser Volk verraten. Wir sind dunkel. Wir dienen dennoch nicht den Dämonen der Finsternis.“

Iendra kniete sich neben ihn und tastete nach Malikas Pulsschlag. „Sie ist in keinem Zustand, in dem wir sie mitnehmen können“, sagte sie, und Liandras hob eine Braue. „Wir? Du kommst mit?“

Kam sie mit? Iendra schluckte das Würgen in ihrer Kehle mühsam hinunter. Sie wollte nicht an Tirac denken und an das, was ihn getötet hatte. An das, was Tayara beschwor, wenn sie Khadiss anrief. „Ich kann Tayara nicht mehr dienen“, sagte sie leise. „Ebensowenig Durnin und Varael. Shinyenna und Lucai …“ Sie zuckte mit den Achseln. „Wir können mit ihnen reden, aber werden sie uns zu –„ Sie hielt inne, als von draußen Schreie erklangen. „Was zum …?“

Liandras wollte sich erheben. „Ich gehe nachsehen.“

„Nein, du bleibst. Wenn Tayara da draußen ist und schon weiß, was in den unterirdischen Gängen passiert ist, bist du so gut wie tot. Wenn eine Heilerin da auftaucht, wo Alarmrufe erklingen, wird sich keiner etwas denken. Bereite alles vor. Ich will mit euch gehen, aber wenn ich es doch nicht kann, dann will ich euch wenigstens den Rücken freihalten. Ich komme wieder.“

„Iendra, sei vorsichtig!“

„Ich versuche es!“ Sie lächelte mit mehr Zuversicht, als sie in sich spürte, und verließ das Haus.