Erwählte des Zwielichts 106

VI

Flammenstern hasste es, zu warten.

Seit Sternenkatze dem Clan von ihren Träumen berichtet hatte, seit sie zu den Nachtschleichern gegangen und mit der kleinen Sanftpfote zurückgekommen war, kreisten seine Gedanken um die Konfrontation mit den Anhängern Tayaras und der Finstergöttin, und um den Verräter. Ein Teil von ihm hoffte, dass Sternauge sich geirrt, dass sie die Vision, die ihr den Verrat gezeigt, falsch gedeutet hatte. Sein Blick wanderte über das Dorf, den Clan, seine Nityhara. Sternenkatze und Weitherz, die beieinander saßen und Sanftpfote beobachteten. Das Nachtschleicherjunge hatte die Herzen des Clans im Sturm erobert, es gab keinen, der ihm beim gemeinsamen Essen am Feuer nichts zusteckte, die kleine Katze streichelte oder ihr Tannenzapfen und Grasbälle warf. So lange Sanftpfote da war, würd der Clan Hilfe von den Nachtschleichern erhalten, die in weiten Kreisen um das wachsende Dorf in den Silberbäumen strichen und Sternenkatze sofort vor drohender Gefahr warnen würden. Flammenstern fühlte sich sicherer, seit die Nachtschleicher für den Clan wachten. Und doch nagte die Gewissheit an ihm, dass einer seiner Nithyara ihn verraten würde.

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Erwählte des Zwielichts 105

Danke, flüsterten ihre Gedanken. Beobachtet, Nachtschleicher. Schützt unsere Grenzen. Gebt Nachricht, wenn Finsternis sich nähert.

Das werden wir, schnurrte die Katze. Priesterin, wir wollen dir etwas anvertrauen.

Die Katze entzog sich behutsam Sternenkatzes Umarmung und gesellte sich wieder zu ihren Gefährten. Das Gras bewegte sich, und etwas Kleines, Helles tappte auf Sternenkatze zu. Ein junger Nachtschleicher, fast noch ein Welpe, kaum größer als ein Hase. Sein Fell war silbern wie Mondlicht, die Augen klare blaugrüne Edelsteine. Feine graue Streifen durchzogen den Mondlichtpelz wie Nithyarazeichen. Sternenkatze streckte langsam eine Hand aus, und das kleine Wesen schnupperte, kam näher und drückte sich an die Hand. Sternenkatze lächelte, als sie das Fell berührte. So mussten sich Wolken anfühlen, so weich und seidig.

Dieses Junge unserer Art wird bei dir bleiben, bis die Zeit des Jagens anbricht, klang die Stimme der alten Katze in Sternenkatzes Gedanken. So lange es an deiner Seite ist, weißt du, dass wir unser Wort halten und eure Grenzen sichern.

Sternenkatze fühlte nichts als Liebe, als das Nachtschleicherjunge auf ihren Schoß sprang und sich schnurrend zusammenrollte. Sie strich über sein Fell und wusste, sie würde dieses Wesen lieben, und wenn es fortging, würde es einen Teil von ihr mit in die Wälder nehmen.

Danke, sendete sie, ich werde auf sie achtgeben und sie schützen, so wie ihr uns beschützt. Weiterlesen →

Erwählte des Zwielichts 104

Nebelstreif nickte. Genau das fürchtete sie, und wusste zugleich nicht, was sie zögern ließ, Wegsucher ihren Seelennamen zu geben. Sie waren doch Kampfgefährten, hatten einander den Rücken gedeckt, einander mehrmals das Leben gerettet, füreinander gekämpft. Sie waren doch Freunde.

„Es fühlt sich nicht richtig an“, murmelte sie. „Ich kann nicht einmal sagen, warum, aber es fühlt sich nicht richtig an. Der Gedanke daran macht mir Angst. Ich stelle mich vor ihn und lege meine Kleider ab, ich schlafe mit ihm, und wenn ich ein Kind empfangen sollte, dann werde ich darüber glücklich sein, gleich, ob du der Vater bist oder er, denn ich weiß, ihr werdet beide wunderbare Väter sein. Mein Körper spricht zu ihm in der Sprache der Leidenschaft, mein Herz in der Sprache der Liebe und Freundschaft. Aber meine Seele hat nicht einen Atemzug lang nach dem Namen seiner Seele gesucht. Ich habe nichts von dem gefühlt, was ich spürte, als unsere Seelen zueinander sprachen und ihre Namen tauschten. Du kennst mich. Mein Licht, meine Dunkelheit und meine Dämmerung. Du nimmst mich, wie ich bin, du kennst mich ohne jede Maske. Meine Ängste, meine Sorgen, meine Fehler. Ich glaube, ich will so nackt noch nicht vor Wegsucher stehen.“  Weiterlesen →

Erwählte des Zwielichts 103

„Wegsucher!“ Nebelstreifs Stimme folgte ihm, dann hörte er Flammenstern: „Lass ihn, Ta’nesha. Etwas hat ihn aufgewühlt, er muss erst einmal allein damit zurechtkommen.“
Mehr hörte Wegsucher nicht mehr. Er begann, zu laufen, bis an den Bach, übersprang ihn und lief in die Wälder, weg von den Wegen der Kundschafter. Er brauchte Zeit, und wenn die anderen sie ihm nicht geben wollten, dann musste er sie sich eben nehmen.
Wegsucher folgte den Wildpfaden, die vom Bach tiefer in den Wald führten. Auch, wenn er ihn schon weit hinter sich gelassen hatte, konnte er Flammensterns Verwirrung immer noch fühlen. Mit Macht zog er seine Barrieren hoch. Flammenstern sollte nicht das Echo seiner Zweifel fühlen, nicht seine Gedanken, die immer noch um Nebelstreif kreisten wie Motten um eine Kerzenflamme. Es musste einen Weg geben, mit beiden in Frieden leben zu können und dieses Begehren zu töten. Nur dann konnte er mit sich und dieser verrückten Beziehung zu seinen beiden besten Freunden Frieden schließen.
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Erwählte des Zwielichts 102

Flammenstern nickte. „Gut. Wir haben Zeit, uns vorzubereiten – und ich möchte, dass ihr dass ihr genau das tut. Stellt Fallen um das Dorf herum. Sternenkatze, wenn du die Nachtschleicher noch einmal rufen kannst, dann bitte sie, für uns zu beobachten. Lass sie unsere Augen und unsere Ohren im Wald sein. Ich weiß, dass wir einander eines Tages jagen werden, aber noch ist es nicht an der Zeit. Noch brauche wir sie als Verbündete.“

Sternenkatze nickte.

„Feuerlanze, du bleibst im Dorf.“

„Warum? Flammenstern, ich bin nicht krank, ich bin nicht gebrechlich, ich bin schwanger. Das ist alles. Ich kann tun, was die anderen tun. Kundschaften, wachen. Behandle mich nicht wie ein rohes Ei, Clanführer, tu mir das nicht an!“ Sie rollte die Augen, ihr Blick huschte zwischen Flammenstern und ihrem Gefährten hin und her. „Hast du dich mit Nachtjäger verschworen?“

Flammenstern sah sie ernst an. „Du bist die Hoffnungsträgerin, du bist die Zukunft. Durch dich kommt der erste neugeborene, nicht erschaffene Nityhara auf diese Welt. Du und dein Kind, ihr seid wichtig, Feuerlanze. Zu wichtig, als das sich euch in Gefahr bringen will. Ich weiß, dass ich dich nicht einsperren kann, Theanna, aber ich bitte dich, sei vorsichtig, und bleibe bei Nachtjäger.“

„Damit kann ich leben. Danke, Flammenstern.“ Sie lehnte sich an Nachtjäger, der sie in den Arm nahm und fast besitzergreifend die Hände über ihrem noch flachen Bauch faltete.

Wegsucher wollte nicht hinsehen, und doch klebte sein Blick geradezu an Feuerlanze. Wie ein Fausthieb in den Magen kam die Sehnsucht nach einem eigenen Kind zurück. Nach einem Kind, dessen Mutter Nebelstreif war. Er zuckte zusammen, als er merkte, dass Flammenstern ihn aufmerksam beobachtete. Dankbar griff er zu, als Sternenkatze herumging und aus einem Korb die frischen Fladen verteilte. Nach ihrer Runde setzte sie sich wieder. „Ich werde die Nachtschleicher rufen“, sagte sie. „Sie werden kommen und uns helfen. Ich weiß es ganz sicher.“ Weiterlesen →

Erwählte des Zwielichts 101

„Was haben sie dir in deinen Träumen gezeigt?“ Wegsucher hoffte, sie davon abzubringen, weiter über Nebelstreif und Flammenstern zu sprechen.

Sternauges Blick verdunkelte sich. „Ich habe Verrat gesehen“, murmelte sie, fast mehr zu sich selbst als zu Wegsucher. „Ich habe Gefahr gesehen. Dunkelheit, aus der finstere blaue Flammen aufsteigen, aus der Blut quillt. Wir werden kämpfen müssen. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber die Anhänger der Finsteren werden es nicht auf sich beruhen lassen, dass drei Dunkelelfen, die von ihnen wissen, fliehen konnten. Tayara wird nach Liandras, Malika und Iendra suchen, und sie wird das dort tun, wo sich schon einmal Dunkelelfen vom Heer abgespalten haben. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass sie uns finden. Aber sie dürfen diesen Ort nicht zerstören. Wir müssen alles tun, um sie zu schützen. Ich habe auch das gesehen. Wenn der Götterstein zerstört wird, dann werden auch wir fallen.“ Weiterlesen →

Erwählte des Zwielichts 100

Sein Blick schweifte über das Dorf. Die meisten schienen noch zu schlafen, nur Sternenkatze und Weitherz saßen am Wachfeuer, nah beieinander, sie hielten sich an den Händen, und Sternenkatze hatte den Kopf an Weitherz‘ Schulter gelehnt. So wirkten so friedlich. So entspannt. So wie zwei, die ineinander gefunden, was sich schon ihr Leben lang gesucht hatten. Wegsucher fühlte Neid in sich aufsteigen. Neid auf diese beiden Frauen, zwischen denen von einer Nacht zur anderen Liebe gewachsen zu sein schien. Neid auf Flammenstern, dem Nebelstreif schon immer gehört hatte. Und Wut auf seine eigene Dummheit.

Warum habe ich geschwiegen? Warum habe ich ihr nie etwas gesagt, ich Narr?

Er kannte die Antwort. Damals war sie ihm so klar erschienen: Weil es sein Blutsbruder war, der die Frau liebte, die er selbst heimlich begehrte. Damals hatte er Begehren und eigene Liebe beiseitegeschoben, um Nebelstreif und Flammenstern glücklich zu sehen. Damals war ihm das leichtgefallen. Warum jetzt nicht mehr? Bei jedem Gedanken an Nebelstreif flammte sein Begehren auf wie Sternenfeuer. Er wollte sie wieder spüren, er wollte sie wieder haben – aber allein. Ohne, dass Flammenstern dabei war.

„Verdammt. Da hilft wohl nur noch ein kaltes Bad …“ Wegsucher kletterte von der Plattform hinunter und ging zum Bach. Ein Bad würde es nicht werden, so wenig Wasser, wie er führte. Es musste reichen, sich das kalte Nass über den Kopf zu gießen, und im schlimmsten Fall auch über die Hosen. Weiterlesen →

ERwählte des Zwielichts 99

IV

Als Wegsucher die Augen öffnete, konnte er sich im ersten Moment kaum erinnern, was den Tag über geschehen war. Er lag zwischen Flammenstern und Nebelstreif, und noch immer brannten seine Zeichen in einem Echo des Feuers, das sie miteinander geteilt hatten. Keiner von ihnen trug mehr seine Maske, und keiner mehr Kleider. Nebelstreifs und Flammensterns Hände lagen über Wegsucher, ineinander verschränkt, und seine Hände ruhten auf ihren. Wegsucher wandte den Kopf und blickte in Flammensterns Gesicht. Im Schlaf sah er so friedlich aus, so entspannt. Die tiefen Furchen, die der Krieg und die Sorge um seine Freunde in sein Gesicht gegraben hatten, wirkten nun weniger tief, und auf seinen Lippen lag dieses Lächeln, das Wegsucher schon so gemocht hatte, als Flammenstern noch Iloyon und er selbst noch Amayas gewesen war. Er konnte sich nicht erinnern, jemals mehr als Freundschaft für Iloyon empfunden zu haben. Tief genug, um sein Blutsbruder sein zu wollen, aber sein Lager teilen? Wegsucher schmunzelte. Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, mit einem Mann zu schlafen, und schon gar nicht mit dessen Gefährtin. Langsam drehte Wegsucher den Kopf zur anderen Seite, und sein Blick fiel auf Nebelstreif. Weiterlesen →

Erwählte des Zwielichts 98

Disclaimer: PG13. Dieser Schnipsel enthält lesbische Erotik. Weiterlesen auf eigene Verantwortung.

 

Weitherz lächelte. Sie beugte sich über Sternenkatze, und endlich, endlich fühlte Sternenkatze die Hände der Heilerin auf ihrer Haut, sanft, forschend folgten sie jedem einzelnen Zeichen. Weiterlesen →

Erwählte des Zwielichts 97

Wegsuchers Hand bebte in seiner. „Das ist … ich kann das nicht, ich …“

„Du kannst“, raunte Nebelstreif und verschloss seine Lippen mit einem Kuss. Flammenstern seufzte wohlig auf, als er Wegsucher kapitulieren sah und Nebelstreif mit einem Aufstöhnen an sich zog. Leise lachend rückte er näher. „Wie gut, dass ich zwei Hände habe“, murmelte er und ließ eine die Zeichen auf Nebelstreifs Rücken nachziehen, die andere glitt Wegsuchers schlanke Gestalt entlang, fand die Zeichen auf seinen Armen und Beinen. Seine Hände trafen sich auf Nebelstreifs Haut mit Wegsuchers, umschlangen einander, und dann trieben sie sich gegenseitig in ein Feuer, von dem Flammenstern hoffte, dass es Wegsuchers Bedenken und seine Zurückhaltung endgültig zu Asche verbrannte.

 

***

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