Svea Lundberg: Die stille Seite der Musik

Einfühlsam, romantisch, gefühlvoll, bittersüß und sehr lebendig – lauter Worte, die Svea Lundbergs coming-of-age/gay romance-Roman beschreiben und ihm doch alle nicht gerecht werden.
Worum geht es? Bei einem Autounfall wird Valentins Hand so schwer verletzt, dass der aufstrebende Stern am Pianistenhimmel seine Karriere an den Nagel hängen muss, sehr zum Leidwesen seiner Mutter, die nichts lieber gewollt hätte, als den Sohn in die Fußstapfen des berühmten Vaters treten zu sehen. Doch auch Valentin kämpft – gegen seinen Frust, gegen seine Ängste, seine Sorgen, manchmal auch seine Mutter. Als die ihn in die Ferien nach Fehmarn zu ihrer Schwester auf einen Reiterhof schickt, ist Valentin erst einmal alles andere als begeistert – doch dann begegnet er dem jungen Florian, der auf dem Reiterhof arbeitet, ein begnadeter Horseball-Spieler ist, dazu zuckersüß und absolut Valentins Beuteschema – und gehörlos. Zunächst erscheint Flos Gehörlosigkeit Valentin als fast unüberwindbare Barriere. Doch dann erkennt Valentin, wie scheinbar mühelos Flo sich mit seiner Beeinträchtigung abzufinden scheint, und erkennt, dass er selbst an seiner Einstellung zu seiner kaputten Hand ebenfalls etwas ändern kann – wenn er nur will.

„Die stille Seite der Musik“ ist ein Buch voller Dur und Moll und voller Zwischentöne. Sensibel und gut recherchiert präsentiert Svea Lundberg den gehörlosen Florian, ohne dass der Leser sich gezwungen sieht, Mitleid mit ihm zu haben. Die Autorin beschreibt einfühlsam und zugleich vollkommen normal den Alltag eines Gehörlosen und auf humor-und liebevolle Weise, wie sich die Beziehung zwischen dem hörenden Valentin und dem tauben Flo entwickelt. Eigentlich sind Bücher mit Protagonisten unter 30 gar nicht so mein Ding, da mir so junge Romanhelden oft zu kindisch und zu albern be-und geschrieben werden, aber Svea Lundbergs Erzähstimme und Valentin und Flo haben mich sofort in ihren Bann gezogen und um den Finger gewickelt.
Ich hatte sehr viel Freude an diesem wunderbaren Roman und habe immer noch ein wenig den Duft von Seewind und Pferdestall in der Nase.

Katharina Seck: Tochter des dunklen Waldes

Dass Fantasy nicht nur leichte Kost ist, sondern tiefsinnig sein kann und sehr aktuelle Probleme anpackt, zeigt Katharina Seck mit ihrem phantastischen Roman „Tochter des dunklen Waldes“.

Der Roman erzählt die Geschichte der jungen Lilah, die sich ihrem friedlichen Dorf Grünweite zwar verbunden weiß, aber immer das Gefühl in sich trägt, nicht wirklich, nicht ganz und vollkommen dazuzugehören zur Gemeinschaft der Handwerker, Bauern Händler und Schankwirte. Vor allem dann nicht, wenn die Geschichten über den unheimlichen Morgenwald erzählt werden, wo der Legende nach ein Mädchen in ihren Träumen gefangen an das Herz einer schwarzen Eiche gebunden ist und nun den Wald mit den Schreckensvisionen ihrer Träume verseucht und verflucht. Für die Menschen von Grünweite ist der Morgenwald unheimlich, voller Schrecken, eine einzige Bedrohung, von der Gefahr ausgeht – doch Lilah fühlt sich wie magisch angezogen von diesem Wald, ohne zu wissen, warum. Damit ist sie nicht allein: auch der Erntehelfer Dorean, der immer wieder im Dorf auftaucht, um dort zu arbeiten, und dann von einem auf den anderen Tag wieder verschwindet, spürt eine eigenartige Verbundenheit zum Morgenwald. Und eines Tages verschwindet er dort hin, hinterlässt Lilah, die ihn heimlich liebt, nur eine kryptische Nachricht. Und Lilah, verwundert über ihren eigenen Mut, lässt alles stehen und liegen und will ihrem Geliebten folgen in das dunkle Grün, das zugleich so einladend und so bedrohlich wirkt.
Was hat es auf sich mit der toten jungen Frau mit sen seltsamen Malen auf der Haut, auf die Lilah auf dem Weg in den Wald stößt? Und welche Geheimnisse erwarten sie, wenn sie es wirklich wagt, den Wald zu betreten?

In poetischer und zugleich moderner, mitreißender Sprache erzählt Katharina Seck eine Geschichte vom Sich-selbst-finden, vom Nach hause kommen und von Gegensätzen, die aufeinanderprallen wie Tag und Nacht. Sie webt ihre Leser ein in die Geheimnisse des dunklen Waldes, dessen mysteriöse Bewohner die Menschen draußen in den Dörfern ebenso fürchten, wie die Menschen in den Dörfern sich vor den Waldwesen ängstigen. Und am Ende zwingt Katharina Seck uns, ihre Leser, Lilah bei der Lösung der schwersten aller Fragen zu begleiten: was ist wichtiger, das Wohl von vielen oder das Wohl Einzelner? Wie kann es gelingen, Mauern aus Angst vor dem „Anderen“ einzureißen? Und am Ende erfahren wir, was ein Mensch, der mutig genug ist, bewegen kann, indem er erst sich selbst bewegt und dann andere dazu bringt, zu vertrauen und zu folgen. Und wir lernen, welche Geheimnisse und welche Schönheit sich im Fremden, das so gefürchtet anders erscheint, verbergen kann, wenn man nur bereit ist, Grenzen von Vorurteilen und Hörensagen zu überwinden und ganz genau hinzuschauen.

Ein märchenhaftes, wunderbares Buch mit einer hoch aktuellen Botschaft. Absolut lesenswert.

Helen B. Kraft: Geheimnisse der Macht

Mit „Geheimnisse der Macht“ bringt Helen B. Kraft ihre Reihe „Erbe der sieben Wüsten“ zu einem gelungenen Abschluss. Im letzten Band der „Bestien“-Reihe spielt Lorin die Hauptrolle, Oberhaupt der Morrow-Hexen und mit den Bestien auf geradezu katastrophale Weise verbunden. Denn Lorin ist der Sohn der Hexe, die einst von Cruth getötet wurde – woraufhin Cruth als Verbannter zwischen den Welten landete und Lorin und seine Schwester Tezza nicht mehr altern konnten und als hoch magisch begabte Kinder weiter existierten.
Inzwischen ist Cruth wieder frei, der Fluch, der Auf Lorin lag, gebrochen, so dass er als erwachsener Mann leben kann. Doch das ist gar nicht so einfach, denn sein Körper mag der eines Erwachsenen sein, sein Innenleben doch oft noch das eines pubertierenden Teenagers, was Lorin in so manche unangenehme Situation bringt.
Und dann ist da auch noch Dia, die junge Bestienfrau, die gegen ihre ganz eigenen Dämonen zu kämpfen versucht und dabei die Hilfe einer Hexe braucht. Und diese Hexe ist Lorin. Auf beiden Seiten ist sofort das Begehren da, und Dia ist sich sicher: Lorin ist der Mann, den ihre Bestie will. Doch kann eine Liebe, die gebeutelt und auf die Probe gestellt wird von dunklen Geheimnissen und finsteren Zaubern, von inneren wie äußeren Dämonen, eine Zukunft haben?

Helen B. Kraft bringt mit „Geheimnisse der Macht“ die Bestienreihe zu einem fulminanten und für den Leser höchst zufriedenstellenden Abschluss. Alle aus den Vorgängerbänden noch offenen Fragen werden geklärt, alle losen Fäden finden ihren Gegenpart und bilden so ein gut durchdachtes Geschichtengewebe mit einem alle Bände der Reihe übergreifenden Spannungsbogen. Dazu sorgen Helen B. Krafts bekannt humoriger Schreibstil und ihre knisternden Erotikszenen wie immer für ein Lesevergnügen der ganz besonderen Art.

Ich hatte mit der Bestienreihe sehr viel Spaß und kann sie allen empfehlen, die nach nur einem Band einer Geschichte noch nicht genug haben und noch ein wenig länger in der Welt der Bestien verweilen wollen.
Auch sehr zu empfehlen sind die die Reihe wunderbar ergänzenden Kurzgeschichtenbände Zwischen Verrat und Hoffnung und Die Hoffnung ist stärker, in denen weitere Fäden aus den Bestien-Romanen weitergesponnen werden. Wer Spaß an den Bestien hatte, sollte sich diese spannenden Kurzgeschichtenhappen nicht entgehen lassen!

 

 

Kati Seck: Sie Stille zwischen Himmel und Meer

Selten habe ich auf das Erscheinen eines Buches so sehr gewartet wie bei diesem. Ich gehörte zu einem kleinen Kreis von Testlesern, die die erste Hälfte des Buches, das damals noch unter dem Arbeitstitel „Edda“ gehandelt wurde, lesen durfte. Und ich war sofort verliebt. Verliebt in diese Liebe zum Meer, die Kati Secks Roman in jeder Zeile atmet, verliebt, weil ich selbst das Meer so liebe und verstehen konnte, warum es sowohl die Protagonistin Edda als auch die Autorin Kati Seck immer wieder anzieht.
Als Edda – bzw. „Die Stille zwischen Himmel und Meer“ dann endlich den Buchmarkt eroberte, dauerte es dann doch noch ein Weilchen, bis ich zum lesen kam, und dann dauerte es noch einmal ein Weilchen, bis ich es ausgelesen hatte – denn dieser Roman ist keiner, den man mal eben schnell zwischendurch liest. Dieses Buch braucht Zeit, genau wie Edda, denn sonst kann es seinen zarten Zauber nicht weben.

Zum Roman: Im Spätsommer, fast schon Herbst, kommt Edda an die Nordsee, um dort ganz besondere Ferien zu machen. Denn Edda ist keine einfache Touristin. Sie fürchtet die Weite des Himmels und des Meeres, und die Freiheit eines fliegenden Vogels erschreckt sie. Edda ist ans Meer gekommen, um sich ihren Ängsten zu stellen, um ihnen eines Tages ins Gesicht lachen zu können. Doch erst muss sie lernen, die Stille zwischen Himmel und Meer zu ertragen, die Weite und das Freisein. Und dann ist da noch Sebastian, der in Eddas Leben und ihren sorgsam geplanten Urlaub platzt, weil das Ferienhaus, in dem Edda untergekommen ist, versehentlich doppelt vermietet wurde. Edda lernt schnell, dass auch Sebastian ein Gefangener seiner Vergangenheit ist und ebenfalls eine tiefe seelische Wunde mit sich herumträgt. Behutsam kommen beide einander näher – und sind sich doch immer fern.

„Die Stille zwischen Himmel und Meer“ ist ein Buch, das mich berührt, denn ich finde mich in der Widmung wieder. Kati Seck hat ihren Roman für die geschrieben, die manchmal verloren gehen. Verloren in der Welt, in ihrer Vergangenheit, in ihren Ängsten, Sorgen und Nöten. Eddas Geschichte ist kein Patentrezept dafür, wie man es schafft, nicht verloren zu gehen. Aber sie zeigt, wie man sich wiederfinden kann, ohne zu zerbrechen. Und wie man am Ende seinen Ängsten ins Gesicht lachen kann.

 

Julia Fränkle: Elfenrache – Flammen im Wind

Manchmal glaubt eine Autorin, dass eine Geschichte zu Ende erzählt wurde. Doch dann kommen auf leisen Sohlen Figuren zurück, schleichen sich in die Gedanken und wispern den Wunsch nach ihrer eigenen Geschichte. Für Julia Fränkle waren es Vilmos, Nîfra und Reifalas aus ihrem Doppelbänder Elfendiener, die auf der Matte standen und ihre eigene Geschichte erzählt haben wollten. Das Ergebnis: Elfenrache – Flammen im Wind, eine Fortsetzung, die den Vorgängerbänden um nichts nachsteht.

Wir folgen dem Feuerelfen-Assassinen Reifalas zurück in die Königsstadt Boatna, in der noch immer König Thakeno herrscht, voller Hass auf die Elfen, denn der Elf Ranve nahm ihm seine Mätresse Saihra, die inzwischen eine mächtige Feuermeisterin geworden ist. Mit dem Befehl, den König zu Fall zu bringen, verbündet Reifalas sich mit Vilmos und der Ildyr-Blutmagierin Nîfra. Doch Reifalas muss feststellen, dass er nicht der einzige Elf ist, der auf Befehl seines Fürsten in Boatna weilt. Auch Leyunar befindet sich dort, ein mächtiger Magier der Luftelfen und Lustdiener des Fürsten Deluwar. Schon bei der ersten Begegnung der beiden so unterschiedlichen Elfen knistert es gewaltig, und es dauert nicht lange, und aus dem Knistern wird unwiderstehliche Anziehungskraft.

In bildgewaltiger Sprache erzählt Julia Fränke eine Geschichte um Macht und Intrigen, Leidenschaft und Liebe, spinnt die Fäden weiter, die in den Vorgängerbänden ihren Anfang nahmen, und lässt ihre LeserInnen bis zum Ende mitfiebern. Nicht nur einmal führte sie mich mit Nîfras Blutmagie und der damit verbundenen Fähigkeit, die Gestalt eines anderen Wesens anzunehmen, so sehr aufs Glatteis, dass ich mit offenem Mund meinen Kindle anstarrte und die drei Buchstaben „WTF??“ in meinem Hirn einen wilden Reigen aufführten.

Wer Spaß an epischer, wildromantischer, knisternd erotischer Fantasy voller Wirren und Intriegen hat, dem kann ich „Elfenrache – Flammen im Wind“ nur ans Herz legen.

Tanja Rast: Stollenblut

Mit „Stollenblut“ eröffnet Tanja Rast die zweite Staffel ihrer gay romance-Reihe Der Magie verfallen, und es geht gleich so fulminant weiter, wie es in der ersten Staffel nebst Kurzgeschichtenband aufgehört hat.
Als begleitendes Arbeitstier landet der junge (und ausgesprochen schnuckelige) Schreiber Enris mit seinem Magister in einer Minenkolonie, in der zum einen das für die Herstellung magischer Edelsteine wichtige Stollenblut gewonnen wird, und in der es zum anderen nicht mit rechten Dingen zugeht. Enris und der Magister waren der Meinung, gerufen worden zu sein, um einen Mordfall aufzuklären, doch sind es derer bereits drei, und während Schreiber und Magister nach Spuren suchen, kommt sogar noch ein weiterer dazu, und sofort gibt es einen Verdächtigen: den Minenarbeiter Arev, mit dem Enris schon nach kurzer Zeit im Bett gelandet ist – und den er, koste es was es wolle, von jedem Verdacht reinwaschen will.
Ob es Enris, Arev und der geheimnisvollen, resoluten Deye gelingt, die Morde aufzuklären? Und ob aus Enris und Arev ein Paar wird? Das sollte jede/r selbst lesen!

„Stollenblut“ führt die Reihe „Der Magie verfallen“ in gewohnt knisternder, spannender und humorvoller Weise fort. Vielleicht ist dieser Roman ein kleines Bisschen düsterer als seine Vorgänger, aber das tut der Geschichte keinen Abbruch, sondern verstärkt nur noch Stimmung und Spannung. Wieder gelingt es Tanja, mit wenigen Worten und Beschreibungen Bilder im Kopf heraufzubeschwören und den Lärm der Stollenblutmine in den eigenen Gedanken hörbar zu machen. Was den Bergbau angeht, ist der Roman gut recherchiert, auch dafür gibt es einen Pluspunkt. Alles in allem ein kleines Juwel, das sich Liebhaber der Reihe und die, die es werden wollen, nicht entgehen lassen sollten.

Tanja Rast: Ein Ritter für Beriz

Bisher kannte ich Tanja Rast als Autorin heroischer Fantasy wie Cajan oder Arrion und als Verfasserin hinreißender Gay Romance- Romane ihrer Reihe Der Magie verfallen. Mit „Ein Ritter für Beriz“ betritt sie ein ganz anderes Terrain und präsentiert uns einen humorvoll-spannenden Fantasykrimi um gruselige Giftanschläge, eine Serie ungeklärter Wintermorde und den königlichen Ritter Derron, der eine Vorliebe für saftige Flüche und eine Abneigung gegen sabbernde Kleinkinder mit vollen Windeln hat. Dass ausgerechnet die kleine Beriz Derrons größte Hilfe bei der Aufklärung der Morde wird – daran muss der Ritter sich erst einmal gewöhnen. Und überhaupt sind der Ritter und das Mädchen ein eher ungewöhnliches Gespann – warum, das möchte ich hier nicht verraten, denn sonst nehme ich den Witz, auf dem der ganze Roman aufbaut, schon voraus.

Trotz des etwas anderen Genres ist auch „Ein Ritter für Beriz“ ein echter „Rast“, erzählt mit dem ihr eigenen Humor, den zum Teil herrlich schrulligen Figuren und sprechenden Bildern, die einem beim Lesen sofort das Kopfkino anspringen lassen und in die Geschichte hineinziehen. Ich hatte sehr viel Spaß mit Beriz und ihrem Ritter und wünsche diesem Buch, dass es noch viele weitere Leser erreicht. Denn es ist seine Lesestunden wirklich wert. Und eines ist sicher: Kotzbrocken kriegen keine Kekse.

Deborah Feldman: Unorthodox

Vorweg: dies ist keine Rezension. Ich wüsste gar nicht, wie ich ein Buch wie „Unorthodox“ überhaupt rezensieren sollte. Kann ich als Leserin das Leben der Autorin, das sie in ihrem Buch so schonungslos ehrlich, unaufgeregt sachlich und in einer Weise, dass das Weiterlesen manchmal schmerzt, rezensieren? Ich denke nicht. Trotzdem möchte ich einige meiner Gedanken zu diesem Buch teilen, das mich schon nach wenigen Seiten unglaublich beeindruckt hat.

In „Unorthodox“ beschreibt Deborah Feldman ihre Kindheit, Jugend und ihr Leben als junge Erwachsene als Satmarer Chassidin in Williamsburg, New York. Im engen Korsett religiöser Regeln, denen sich chassidische Juden unterwerfen, sehnt sich Deborah Feldman nach Freiheit, nicht nur im Sinne von Freiheit, hinzugehen, wohin man will und zu tun und zu lassen, was man selbst für gut und richtig hält, sondern vor allem auch nach einer Freiheit des Geistes. So schleicht sie sich schon als kleine Kind in die Bibliothek und schmuggelt nicht-koschere, also unerlaubte, unzensierte weltliche Literatur in ihr Zimmer, liest heimlich und verbirgt die Bücher unter ihrer Matratze. Sie stellt als Mädchen nicht die Religion an sich infrage, sucht aber immer wieder Fluchtwege aus den strengen Regeln der Satmarer Chassiden. In der Schule lebt sie für den Englischunterricht und wird nach ihrem Schulabschluss Lehrerin für Englisch in den Unterstufenklassen. Mit Siebzehn wird sie nach einem aufwändigen, von Ehevermittlerin und Familien arrangierten mehrstufigen Kennenlernen mit einem jungen Mann verheiratet und muss sich nun den Regeln der verheirateten Frauen ihrer Gemeinde unterwerfen. Weder sie noch ihr Mann sind sexuell aufgeklärt, dennoch wird von ihnen erwartet, dass sie in der Hochzeitsnacht die Ehe vollziehen. ZU beschreiben, was das für die junge Deborah nach sich zieht an Qual, Peinlichkeiten, Arztbesuchen und Therapien, möchte ich hier gar nicht wiedergeben, ich denke, jede/r, der/die davon liest, wird sich eigene Gedanken dazu machen können.

Trotz aller Widrigkeiten – Deborah wird schwanger, bringt einen gesunden Sohn zur Welt, sieht sich nun nicht mehr nur in der Rolle einer chassidischen Ehefrau, sondern einer chassidischen Mutter eines Sohnes, der nach chaissidischem Glauben aufgezogen werden und aufwachsen soll. Immer mehr sieht Deborah Feldman sich als Gefangene ihrer Welt, und immer wieder bricht sie ein Stückchen mehr aus. Heimlich schreibt sie sich Sarah Lawrence College ein und studiert Literatur. Anonym beginnt sie, über ihr Leben zu bloggen, schreibt offen über ihre Probleme mit Sex und stößt auf große Resonanz, sowohl von außerhalb als auch von innerhalb ihrer Gemeinde. Schließlich gelingt ihr der Ausbruch – sie lässt sich von ihrem Mann scheiden und zieht schließlich mit ihrem Sohn nach Berlin, wo sie als freie Schriftstellerin lebt und arbeitet. Zu ihrer Gemeinde in Williamsburg und zu ihrer Familie hat sie keinen Kontakt mehr – sie gilt dort als Verräterin.
„Ich bin machthungrig“, schreibt sie in „Unorthodox“, „aber nicht, um über andere zu herrschen; nur, um mir selbst zu gehören.“ An anderer Stelle, als sie über eine Verwandte schreibt, die große Eigeninitiative zeigte, als ihre Tochter an Diphtherie erkrankte und zu sterben drohte: „Ich möchte auch eine solche Frau sein, die sich ihr eigenes Wunder erkämpft, anstatt auf Gott zu warten, damit er es vollbringe.“

Offizielle Webseite von Deborah Feldman. Unter „Meinung“ finden sich Artikel und Interviews.

Valerie Colberg: Talvars Schuld

Der Roman „Talvars Schuld“ von Valerie Colberg entzieht sich jeder Genre-Einordnung, und gerade das macht ihn so faszinierend. Er ist spannend wie ein Krimi, intensiv wie ein Entwicklungsroman, wirkt wie ein historischer Roman und spielt doch in einer vollkommen eigenen, akribisch durchdachten und perfekt gebauten Welt. Wer sich an das antike Rom mit seinem Senat, seiner Rednertribüne auf dem Forum Romanum und die ausgefeilten Rhetorikkämpfe, die dort stattfanden, erinnert fühlt, liegt nicht falsch, denn Valerie Colbergs „Kessel“ ist an eben diesen historischen Schauplatz angelehnt.
In die Stadt Kessel mit all ihren Intrigen, politischen Ränkespielen und Prozessen, die über Aufstieg oder Niedergang entscheiden, landet der junge Kadevis bei seinem Mentor Malkar, um von ihm zu lernen und in die politische Gesellschaft eingeführt zu werden. Doch Kadevis ist nicht nur an seiner Ausbildung interessiert – vor vielen Jahren fand in Kessel ein Prozess gegen den einflussreichen Talvar statt, der angeblich Kadevis‘ Eltern während eines Feldzugs gegen die Inselreiche ermordet und wertvolle Kriegsbeute unterschlagen haben soll. Als Kadevis merkt, dass Malkar nach ganz eigenen Regeln spielt, während er ihn bei der Suche nach Beweisen für Talvars Schuld unterstützt, ist es um die naive Unschuld des jungen angehenden Politikers schon beinahe geschehen. Und dann ist da noch Lerina, Talvars hübsche und ausgesprochen kluge Tochter, die Kadevis sein Herz stiehlt …

„Talvars Schuld“ beschreibt nicht nur die Suche eines jungen Mannes nach Informationen über den Tod seiner Eltern. Vor allem beschreibt er die Entwicklung eines jungen, naiven Menschen, der unter den Fittichen eines skrupellosen Mentors, der mit Menschen wie mit Karten spielt und ein Meister der Intrigen und Ränke des Adels und der Politiker von Kessel ist, seine Unschuld zu verlieren droht. Der Leser erlebt, wie Kadevis immer mehr zu denken lernt wie sein Meister und sich dabei immer mehr von sich selbst entfremdet, bis er schließlich seine eigene Stärke findet und lernt, seinem Herzen zu folgen.
Valerie Colberg schreibt mitreißend, spickt ihre Geschichte mit spritzigen Dialogen und Wortgefechten, zeigt beeindruckend Kadevis‘ Entwicklung. Nur einen einzigen Nachteil hat dieses Buch – es ist viel zu schnell zu Ende gelesen, und ich als Leser würde gern mehr über Kessel und seine durchtriebenen Politiker erfahren. Vielleicht gelingt es Valerie Colberg, weitere Kessel-Romane an den Verlag zu bringen. Ich würde es ihr (und mir) sehr wünschen.

Dahlia von Dohlenburg: Meermänner küsst Mann nicht

Als Dahlia im Tintenzirkel-Fantasyautorenforum ihre gay romance-Märchenadaption „Meermänner küsst Mann nicht“ vorstellte, war sofort klar: dieses Buch muss ich haben. Die Vorlage, Andersens „Kleine Meerjungfrau“ hat mich schon zu meiner Kinderzeit in ihren Bann geschlagen. Ich schaute die tschechische Filmversion jedes Mal, wenn sie mir im Fernsehen über den Weg lief, ich besaß das Märchen als Hörspiel und natürlich in Buchform, ich liebe die Disney-Version ebenso wie das Original (weil ich Andersen trotz allem „es passt und so traurig ist es letztendlich ja irgendwie doch nicht“ sein eher tragisches Märchenende nie so richtig verziehen habe).
Und ich bin absolut verliebt in Dahlias schnuckeligen Meermann Iain, der wie die kleine Meerjungfrau im Märchen mit seiner Stimme einen finsteren Zauberer bezahlt, um an Land gehen, ein Mensch werden und das Herz des angebeteten Königs Flint gewinnen zu können. Sehnsüchtig wartet Iain auf den Kuss der wahren Liebe von Flints Lippen – doch der junge König hat ganz andere Pläne.
Aber da ist noch jemand, der Iain schon seit Jahren heimlich liebt: Prinz Lennard, des Königs Bruder, dem einst Iain den Schmuck seiner Mutter ans Ufer brachte – in der irrigen Meinung, Lennard sei sein Bruder Flint. Seit diesem Tag begehrt Iain den König – und Lennard ist bis über beide Ohren in Iain verliebt.
Bis Geheimnisse gelüftet und Meermänner endlich erlösend geküsst werden können, vergeht viel Zeit, in der man den armen leidenden Iain einfach nur in den Arm nehmen und knuddeln möchte.

Geschickt bringt Dahlia von Dohlenburg alle Elemente des Märchens in ihre Version der Geschichte ein: den Meerkönig, der in den Menschen nur Feinde sieht, den bösen Zauber, Iains Furcht, zu Meerschaum zu werden, sollte er nicht binnen vier Tagen den erlösenden Liebeskuss erhalten, und den Dolch, der das Leben des Königs beenden soll, damit Iain ins Meer zurückkehren kann.
Bei Dahlia wird im Gegensatz zur Vorlage am Ende alles gut – für alle, aber auf welchen verschlungenen Wegen, das soll hier nicht verraten werden. Das lest lieber selbst. Wenn ihr gay romance mögt und in die „Kleine Meerjngfreu“ genauso verliebt seid wie ich, dann werdet ihr dieses romantische, süße Märchen nicht mehr aus der Hand legen können und danach selbst über Meermänner schreiben wollen.
Ich fahre dann mal an die Küste und suche in den Wellen nach einem Gesicht mit grünen Augen und langem schwarzen Haar.