Erwählte des Zwielichts 27

zwielichtbild Iloyon spürte die Berührungen der Göttin auf der Haut, ihr Feuer, den Schmerz, die Lust.
„Nehmt, was wir euch geben. Werdet zu dem, was wir aus euch machen. Nehmt unser Feuer. Nehmt unsere Gaben. In eure Haut soll geschrieben stehen, dass ihr von nun an unsere Kinder seid. In eure Augen soll geschrieben stehen, dass ihr die Flammen der Sterne und den Zorn der Nacht, die Liebe des Lichtes und die Wildheit des Neumondes in euch tragt. Voller Gegensätze sollt ihr sein und doch in euch ruhen. Lautlos wie Schatten sollt ihr euch bewegen, leise und schnell sollt ihr töten, wie die giftigen Schlangen, die aus dem Moos heraufschießen und ihrem Opfer ihre Zähne in die Ferse stechen. Furchtbar soll eure Rache sein, wenn man euch erzürnt, aber ihr sollt lieben mit all eurer Kraft und all eurer Leidenschaft, wenn ein anderer eurer Liebe würdig ist. Ihr sollt fühlen, in allen Facetten sollt ihr das Leben fühlen. Gutes und Schlechtes, Schönes und Schreckliches, alles sollt ihr fühlen mit all seiner Macht. Ihr seid Kinder der Sterne, ihr seid Träger unseres Feuers. Schwört uns Treue, und ihr werdet nie wieder einsam sein, so lange euer Leben auch währen mag und was auch immer euch zustoßen mag auf euren Wegen.“
Die Stimme der Sternenherrin und die Stimme des Nachtschatten verwoben sich zu einem gemeinsamen Gesang voller Harmonie, in dem sich Licht und Dunkel zu einer perfekten, ewigen Dämmerung mischten. Sonnenuntergang und Sterne am Himmel, der Lauf des Mondes vom dunklen Neumond bis zur strahlenden Silberscheibe, von der hellen Silberscheibe zurück zum unsichtbaren Dunkelmond – diese Bilder zogen an Iloyon vorbei, während er sich im weichen Gras wand und die Liebkosungen der Götter annahm. Ciantharas Hand war noch immer fest um seine geschlungen, aber auch sie wand sich in Lust und Schmerz, als die Hände des Nachtschatten wieder und wieder über ihre Haut glitten und ihren makellosen Körper mit Tausenden dieser schimmernden Sternenfeuermale noch schöner machten. Iloyon konnte den Blick nicht von ihr wenden, auch nicht, als die Herrin der Sterne seinen Körper zu zeichnen begann.
„Ein Zeichen für alles, was ihr erlebt und daraus gelernt habt. Für den Schmerz. Für die Freude. Für die Liebe. Für die Angst. Für alles, was ihr gewonnen und verloren habt. Für euren Mut. Für euren Verlust. Für euren Gewinn. Für eure Seelen. Für den neuen Weg. Für alles, was ihr hinter euch lasst und für alles, was vor euch liegt.“
Die Stimmen der Götter sangen in Iloyons Ohren. Ciantharas Seele sprach offen zu ihn, so wie seine zu ihrer sprach, und in ihren Seelen hörten sie die Worte der Götter. Und ihre Seelen waren es, die schließlich antworteten.
Wir schwören euch ewige Treue. Ihr seid unsere Götter und wir sind eure Erwählten. Ihr stellt uns auf neue Wege und wir werden sie gehen. Wir werden das Feuer der Sterne weitergeben. Wir werden für euch erwählen und zu Klingen des Sternenfeuers machen, wen wir für euch für würdig erachten.
Flammen schlugen über ihnen zusammen. Iloyon breitete die Arme aus und schaute in den Himmel, seine Hand in Ciantharas Hand, auch sie lag mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken. Hände woben über ihren Körpern die Zeichen, und am Ende wusste Iloyon nicht mehr, wer ihn berührte, die Herrin oder der Nachtschatten, und es war ihm auch gleich – sie waren eins. Er, Cianthara, die Göttin, der Gott, es war gleich. Alles war eins. Und alles war gut. Es war auch in dem Augenblick noch gut, als er glaubte, nicht mehr ertragen zu können, in dem Moment, als die Flammen des Sternenfeuers sie alle einhüllten. Er glaubte, zu verbrennen, und dennoch warf er sich den Flammen entgegen. Ohne darüber nachzudenken, tat er, was die Götter gesagt hatten – er warf alles, was er hinter sich lassen wollte, in die Flammen, er ließ sie all das läutern, was er sich bewahren wollte. Als die Flammen Einlass in seine Seele forderten, ließ er sie ein.
Da war nur noch Feuer.
Und dann sanfte Dunkelheit und eine ganze Weile nichts mehr.

Erwählte des Zwielichts 25

zwielichtbild „Eure Seelen, Treue, Kraft und euren Glauben. Wir wollen, dass ihr unsere Gabe weitergebt. Ihr werdet Stammeltern sein. Die Kinder, die aus eurer Liebe hervorgehen mögen, werden sein, wie ihr sein werdet. Nicht, wie ihr einmal wart. Und jeder, dem ihr unsere Gaben weitergebt, wird sich verändern, so, wie ihr, wenn ihr unsere Gabe annehmt. Wir werden eure Götter sein, und ihr unser erwähltes Volk.“ Ti’shanar sah Iloyon in die Augen. Sein Nachthimmelblick war jetzt tiefschwarz, die Lichtpunkte verschwunden.
„Ihr werdet unsere Klingen; und unsere Namen in die Welt zurücktragen. Ihr werdet ein neues Volk; und wir nicht länger zu den Beinahe Vergessenen gehören. Wenn ihr uns eure Hände reicht, dann …“ Er hielt inne. Iloyon glaubte, Furcht in den Nachthimmelaugen zu sehen. Konnten Götter Angst empfinden? Fürchteten sie ihr Schwinden so sehr, dass sie sich an die Entscheidung zweier zwar sehr langlebiger, aber doch nicht unsterblicher Wesen klammerten?
Die Sternenherrin legte ihre Hand auf die ihres Bruders und vollendete seinen Satz.
„Wenn ihr euch für uns entscheidet, dann rettet ihr unsere Existenz“, sagte sie. Ihr Blick war offen und ehrlich. Iloyon sah, dass sogar eine Göttin verletzlich sein konnte. Es erschreckte ihn, und zugleich spürte er eine tiefe Verbundenheit zu diesen Göttern, die so schonungslos ehrlich waren. Wo waren die Götter der Dunkelelfen? Hatte jemals einer von ihnen sich einem seines Volkes gezeigt? Iloyon konnte sich an ein einige wenige alte Sagen erinnern, aber nicht an mehr. So lange er lebte, hatte kein Dunkelelf leibhaftig einem Gott gegenüber gestanden.
„Ihr werdet uns nahe sein, nicht wahr?“ Cianthara sprach aus, was Iloyon dachte. „Ihr wählt uns. Aber zugleich wählen wir Euch. Wenn wir zusagen, dann werden unsere Schicksale miteinander verknüpft. Wir liegen als Klingen auf dem Amboss und Ihr seid die Schmiede.“
Die Sternenherrin nickte. „So wird es sein.“
Cianthara sah Iloyon an. Er erwiderte ihren Blick, hielt ihn fest. Er spürte, was sie dachte. Er spürte, wie sehr sie es wollte. Auch er wollte es. Die Sternenherrin und der Nachtschatten berührte etwas in ihm. Ihm war, als würden Saiten in seiner Seele mit einem Mal wieder klingen, die viel zu lange stumm gewesen waren. Er verspürte eine so große Sehnsucht nach Leben, dass es beinahe schmerzte. Wann hatte er das letzte Mal wirklich gelebt? In den Momenten, in denen in der Schlacht sein Blut sang, weil er seine Gefährten gegen einen Feind verteidigte? In den seltenen Augenblicken, in denen er mit Cianthara das Lager geteilt hatte, leidenschaftlich, voll von verzweifeltem Hunger und der nagenden Angst, dass dieses Mal das letzte Mal war, dass sie einander so nahe waren? Die Spannung knisterte auf der kleinen Lichtung.
Iloyon erhob sich. Er hielt noch immer Ciantharas Hand, langsam zog er sie mit sich und sie trat neben ihn. Die Götter erhoben sich ebenfalls. Nun standen sie einander gegenüber, Götterpaar und Dunkelelfenpaar, und sahen einander in die Augen. Die Sterne waren in den Blick des Nachtschatten zurückgekehrt, die Augen der Sternenherrin glühten im blauen Feuer. Die Zeichen auf der Haut der Götter schimmerten.
Wie schön sie sind. Wie unwirklich. Und doch sind sie da.
„Ich will es.“ Iloyon sprach die Worte mit fester Stimme. Er hatte sie noch nicht ausgesprochen, als Cianthara ebenfalls sprach: „Ich nehme an.“
Sie sahen einander an, dann knieten sie in einer fließenden Bewegung nebeneinander nieder.
Iloyon spürte eine Hand, die über sein Haar strich. Die Berührung war sanft und warm, es knisterte, als die schlanken Finger durch sein Haar strichen. War es der Nachtschatten, der ihn berührte, oder die Sternenherrin? Er wusste es nicht, aber er wollte, dass diese Berührung nicht endete. Sie war so anders als jede Berührung, die er jemals in seinem Leben gespürt hatte. Es war nur eine Hand in seinem Haar, und doch stand von einem Atemzug zum anderen sein ganzer Körper in Flammen. Er hörte Cianthara neben sich leise aufkeuchen, ihre Hand umklammerte seine fester. Iloyon spürte etwas auf seinen Fingern, heiß und kalt zugleich, etwas, das sich wie ein glühendes Band um seine und Ciantharas Hand schlang und sie wie in einem Paarschwur-Ritual aneinander kettete. Doch noch bevor er hinsehen konnte, versank seine Welt im Feuer der Sterne.
Das letzte, was er hörte, waren die seidigen Stimmen der Götter, die in seinen Gedanken sangen.
Willkommen im Sternenfeuer. Willkommen, Erwählte des Zwielichts. Willkommen, Kinder der Sterne. Thales’de, Edrenn’nen. Thales’de, Ha’ir’shalenn. Thales’de, Nithyara.
Er verstand jedes Wort in dieser fremden und doch so vertrauten Sprache. Nithyara. Nicht mehr Dunkelelf. Es fühlte sich an wie nach Hause kommen.

Erwählte des Zwielichts 24

zwielichtbild Die Sternenherrin senkte den Blick, aber Iloyon sah, dass ihre Augen sich mit Tränen füllten.
„Es tut mir Leid“, flüsterte sie. „Ich empfinde Reue.“
Ti’shanars Blick wurde hart. „Wenn ihr unsere Hände ergreift, dann wird euer Leben anders werden, aber nicht leichter. Wenn ihr euch entscheidet, Erwählte des Zwielichts zu werden, werdet ihr kämpfen müssen. In eurem eigenen Krieg. Ihr werdet Unverständnis ernten und in Gefahr sein, ihr werdet wachsam sein müssen wie die Tiere des Waldes und ihr werdet nur in Euresgleichen wirklich Frieden finden. Wir konnten nicht eingreifen, selbst wenn wir es gewollt hätten, denn der Krieg ist nicht unser Krieg.“ Er deutete zum Himmel.
„Erzähle von dem, den du Tyuran nennst, Iloyon von den Dunkelelfen, und sieh dabei zu den Sternen. Erinnere dich an ihn, wie du dich bei seiner Verbrennung an ihn erinnert hast. Hilf ihm, Cianthara. Erinnert euch beide. Und seht in die Sterne.“
„Wozu soll das gut sein? Er ist tot.“ Iloyon spürte den Schmerz wieder, er raste durch sein Herz, in seinen Gedanken, vor seinen Augen waren die Gesichter all derer die er verloren hatte. Sie schienen ihn anzusehen, einige abwartend, einige ruhig, einige vorwurfsvoll und einige tatsächlich vergebend. Als Cianthara nach seiner Hand griff, drückte Iloyon sie fest. Er sah zu den Sternen.
„Tyuran war ein Magier“, begann er. Seine Stimme zitterte. Er hatte nie viele Worte machen müssen um die, die neben ihm gefallen waren, denn die, die bei den Verbrennungen dabei gewesen waren, hatten die gefallenen immer gut gekannt.
„Er war der Jüngste in meiner Einheit, der jüngste Magier des ganzen vereinigten dunklen Heeres. Frisch von der Gilde war er zu uns gestoßen, gegen den Willen der Älteren, gegen meinen Willen – er war stur, er war unbeugsam, er wollte kämpfen, weil er etwas verändern wollte. Die Magie war stark in ihm. Sogar Sirisa, meine zweite Magierin, die älter und erfahrener war, sagte, sie hätte noch einiges von ihm gelernt. Er war voller Leben. Er hatte für jeden ein gutes Wort, er war immer freundlich, und er war bescheiden. Er suchte keinen Ruhm für sich. Er hat immer nur helfen wollen.“ Iloyon spürte seine Augen brennen. Er blinzelte. Am Himmel strahlte ein Stern, der ihm vorher noch nicht aufgefallen war. Er war größer als die anderen, sein Licht ein strahlendes Silberblau.
„Thalan’zhe Hai’re, Tyuran“, flüsterte die Sternenherrin und vollführte eine Geste zum Himmel. Der Stern strahlte noch einmal hell auf, dann schien er sich zwischen die anderen Lichter zurückzuziehen. Aber noch immer glühte er in einem deutlich bläulicheren Glanz als die anderen Sterne.
„Seine Seele ist jetzt hinter meinem Tor“, sprach die Göttin weiter. „Das soll mein erstes Geschenk an euch sein. Die Seele des letzten, der an eurer Seite gefallen ist, soll die erste sein, die als Kind des Zwielichts wiedergeboren wird.“
„Wiedergeboren?“ Cianthara sah sie an. „Thal-an-zhe-hai-re? Was bedeutet das?”
“Es ist unsere Sprache. Die Sprache der Sterne. Es bedeutet ‚Sterne mit dir‘ oder ‚Sterne über dir‘. Tyuran wartet jetzt dort. Seine Seele wird wiederkommen, sie wird einen neuen Namen tragen, aber wer ihn in seinem ersten Leben gekannt hat, wird ihn wiedererkennen. Das wird euch allen geschenkt werden, wenn ihr unsere Hand nehmt und unsere Kinder werdet. Der Tod wird dann nur noch eine Tür sein, die sich euch öffnet und hinter der ihr wartet, um sie eines Tages erneut zu durchschreiten, um in die Welt der Sterblichen zurückzukehren.“
Iloyon wusste nicht, was er sagen sollte. Es war zu phantastisch, zu unwahrscheinlich, aber er konnte nicht anders, er musste der Sternenherrin glauben. Tyurans Stern. Er sah noch einmal zum Himmel, dann sah er die Götter an.
„Damit ich es richtig verstehe“, versuchte er seine Gedanken zu ordnen, „was ihr uns bietet ist ein Leben als Eure Erwählten. Wir werden ein neues Leben beginnen, ablegen, was alt ist und wir werden eine Möglichkeit bekommen, aus den Zwängen unserer Welt, der zwei Seiten und des Krieges auszubrechen. Wir erhalten Eure Hilfe, Euer Sternenfeuer, Euren Schutz.“
Ti’shanar neigte den Kopf. „So ist es.“
Iloyon verengte die Augen. „Was verlangt ihr von uns dafür?“

Erwählte des Zwielichts 23

zwielichtbild Iloyon hatte aufmerksam zugehört, jetzt hob er den Kopf.
„Aber wir wollen keine Stimme in diesem Krieg sein. Wir wollen unsere eigene Seite, nicht zwischen allen Seiten stehen.“
Ti’shanar nickte. „Das Zwielicht muss für sich allein stehen. Nicht Licht, nicht Nacht, wird es immer den Ausgleich bringen und sich auf die Seite des Schwächsten schlagen. Das Zwielicht bringt Licht in die Finsternis und wirft einen Schatten auf das Licht. Es ist weder das eine noch das andere, es ist beides. Wir haben euch ausgewählt, um euch zu Erwählten des Zwielichts zu machen, zu Kindern der Dämmerung, die wie Katzen jagen, wenn die Sonne untergegangen ist und wie Eulen die Nacht über wachen und mit dem Sonnenaufgang zur Ruhe gehen. Wir geben euch einen Teil unserer Macht. Ihr werdet eine Kraft besitzen, jenseits aller bekannten Waffen und Zauber auf eurer; und Stärke in eurer Schwäche finden. Ihr werdet Kraft und Leidenschaft aus euren Schmerzen ziehen, Schwerter sein, die im Feuer der Sterne geschmiedet sind und in ihrem Feuer brennen. Unsere Hände werden auf euren Seelen liegen. Ihr werdet unsere Einsamkeit teilen und doch mehr als nur Gefährten und Freunde in denen finden, denen ihr unsere Gaben weitergebt. Ihr werdet von den Sternen kommen und zu den Sternen gehen in der Stunde, die den Namen eurer Seele kennt. Eure Seelen werden uns gehören und doch frei sein, wenn ihr durch Feuer gegangen und alles Alte hinter euch gelassen habt; und neu und geläutert aus diesen Flammen hervorgehen – als die ersten der Kinder der Dämmerung.“
Ti’shanar hielt inne. Sein Blick senkte sich in Iloyons. Iloyon sah in die Sternenaugen des Gottes und bemerkte, dass die leuchtenden Punkte zahlreicher geworden waren.
„Ihr wollt uns verändern“, vermutete Cianthara, noch bevor Iloyon etwas sagen konnte. „Ihr wollt uns formen. Wir werden nicht mehr das sein, als das wir geboren wurden, wenn wir uns in Eure Hände geben. Wir werden keine Dunkelelfen mehr sein.“
Ti’shanar nickte. „Wenn ihr uns folgt und unser Angebot annehmt, wenn ihr euch von uns erwählen lasst, dann werdet ihr im Feuer der Sterne neu geschmiedet wie Klingen auf dem Amboss. Alles, was ihr an euch schätzt, wird geläutert, und alles, was ihr hinter euch lassen wollt, verbrennt im Feuer der Sterne.“ Er hob die Hand, eine helle, blaue Flamme tanzte auf der mit schimmernden Zeichen bedeckten Handfläche.
„Seht es euch an, das Sternenfeuer. Es ist ein Teil von mir, ein Teil meiner Schwester, die pure Essenz unserer Macht, die unsterbliche Essenz der Sterne. Und es wird auch ein Teil von euch werden, wenn ihr es annehmt. Es verbrennt und es kühlt. Es kann vernichten und heilen. Und wer es kennt, wird euch ansehen, dass ihr es besitzt.“ Er schloss die Hand um die Flamme, und die Zeichen auf seiner Haut flammten auf, blauschwarz wie der Neumondhimmel und silbern wie der Vollmond. Die Sternenherrin nahm seine Hand in ihre, und auch ihre Zeichen begannen zu leuchten, blau und silbern, hell und strahlend wie Tausende von Sternen. Iloyon spürte, wie Cianthara neben ihm den Atem anhielt. Sie zitterte. Langsam streckte sie eine Hand aus.
„Darf ich es berühren? Bitte, darf ich?“
Die Sternenherrin lächelte. Sie öffnete ihre Hand, eine Sternenfeuerflamme tanzte darauf. Langsam schob Cianthara ihre Hand näher an die der Göttin. Das Flämmchen schien einen Augenblick zu zögern, als sei es ein scheues Waldtier, dann sprang es auf Ciantharas Hand über und tanzte über ihre Finger. Cianthara keuchte auf.
„Davon habe ich geträumt“, flüsterte sie, „es fühlt sich an wie in meinem Traum. Als ich im Sternenregen tanzte. Da habe ich es gefühlt. Lebendig, warm.“
„Und ich habe gesehen, wie sehr es dir gefiel“, sagte die Sternenherrin. „Darum wählte ich dich. Mein Bruder wählte denen Gefährten, weil er wusste, dass es nicht leicht sein würde, ihn zu überzeugen. Doch der Stahl, der in der Schmiede widerspenstig ist, wird die beste Klinge. Langsam und gut geschmiedet, wird so ein Stahl niemals brechen. Er wird sich biegen. Er wird glühen. Aber er wird nicht brechen.“
Iloyon sah sie an. „Ich habe mich schon oft gebogen. Ich habe oft gebrannt vor Zorn über diesen Krieg. Vielleicht war ich kurz davor, zu brechen, und vielleicht ist etwas in mir gebrochen, als Tyuran neben mir fiel. Wenn Ihr alles gesehen habt, dann habt Ihr auch das gesehen.“
Die Sternenherrin nickte. „Das haben wir. Und nun willst du wissen, warum wir nichts getan haben.“
Iloyon sah sie an. „Ja“, sagte er leise. „Wenn Ihr da wart, warum habt ihr nicht verhindert, dass Tyuran fiel? Wenn Ihr da wart, warum hat Naeve ihr Auge verloren und warum wurde Veannan so schwer verwundet? Warum wurde Amayas von den Lichtlingen gefangengenommen und gefoltert, nur damit sie mich in die Finger bekommen konnten?“

Erwählte des Zwielichts 22

zwielichtbild VI

Iloyon erwachte, als ihm der frische Duft von Kräutertee und frischem Brot in die Nase stieg. Die Tischchen hatten sich den Tag über wie von Zauberhand frisch gedeckt. Brot, Früchte, Honig. Iloyon konnte noch immer noch glauben, dass dieser Ort Wirklichkeit war. Sacht weckte er Cianthara.
„Schau. Sie sorgen dafür, dass wir nicht verhungern!“ Er küsste seine Geliebte sanft, dann wand er sich aus den Decken und ging zum Bach, um sich zu waschen. Cianthara kam ihm nach einer Weile nach, sie trug etwas über dem Arm.
„Sie mal. Das lag neben unserem Lager. Saubere Kleider.“
Iloyon betrachtete die Gewänder, schlichte Hemden und Hosen, zwei Kleider, ein Rock, alles aus weichem schwarzen Leder gearbeitet. Einige Stücke waren mit feinen Silberstickereien verziert, die den schimmernden Zeichen auf der Haut der Götter glichen.
Iloyon musste nicht lange überlegen. Er streifte seine alten Kleider ab, wusch sich gründlich mit dem klaren, kühlen Wasser aus dem Bach und schlüpfte mit einem Aufseufzen in die sauberen Gewänder. Herrlich, endlich wieder Kleidung zu tragen, die nicht verdreckt war und nach Blut und Schweiß stank! Cianthara schälte sich ebenfalls aus ihren Sachen, schrubbte sich im Bach und streifte eines der Kleider über. Es umschmeichelte ihren Körper, betonte ihre schlanke Gestalt, ließ aber dennoch genug Bewegungsfreiheit durch einen langen Schlitz, der den Rock weitete. Iloyon legte einen Arm um sie. „Du siehst wunderbar aus.“ Sie lachte und küsste ihn.
Während sie aßen, warteten sie auf die Götter. Sie kehrten bei Sonnenuntergang und mit dem Aufgehen des ersten Sterns zurück, wie sie es versprochen hatten. Wie am Abend zuvor erschienen sie beinahe lautlos auf der Lichtung, nur ihre Ausstrahlung kündigte ihr Kommen an. Sie jagte Iloyon einen Schauer über den Rücken, aber wieder empfand er keine Furcht, nur Neugier. Die Sternenherrin und der Nachtschatten traten mit einem Lächeln auf sie zu. Wie vorher schon wirkte das Lächeln des Nachtschatten leicht spöttisch, aber die Lichtpunkte in seinen dunklen Augen schimmerten voller Wärme.
„Ich sehe, ihr habt unsere kleine Aufmerksamkeit gefunden.“ Sein Blick glitt in einer Weise über Ciantharas Gestalt, dass Iloyon ihm einen warnenden Blick zuwarf. Cianthara war sein! Sie war seine Gefährtin, seine Geliebte, Teil seiner Seele und seines Lebens. Noch nicht einmal ein Gott, und mochte er noch so schön sein, konnte daran etwas ändern. Ti’shanar lachte.
„Keine Sorge, Iloyon, ich habe nicht vor, dir deine Gefährtin abspenstig zu machen.“
Cianthara sah ihn an. „Bei allem Respekt, Herr des dunklen Mondes, das könntet Ihr auch nicht. Mein Herz weiß, zu wem es gehört.“
Die Göttin nickte ihr wohlwollend zu, während Ti’shanars Lächeln in die Breite wuchs. Er ließ sich auf einem Sitzkissen Iloyon gegenüber nieder. „Ich erkenne immer mehr, wie gut und wie richtig es war, euch zu erwählen. Hattet ihr einen ruhigen Tag?“
Iloyon nickte. „Ich gebe zu, wir haben so gut geschlafen wie schon lange nicht mehr. Wir wissen die Sicherheit Eures Hains zu schätzen. Habt Dank dafür.“
Der Nachtschatten neigte den Kopf. „Es ist das Mindeste, was wir tun können für die, die wir in unsere Welt holen. Ihr werdet neugierig sein, darum will ich mich nicht mit Geplänkel aufhalten, sondern euch klar und deutlich sagen, warum wir euch herbrachten. Eure Gedanken und Gespräche der letzten Stunden sind uns nicht verborgen geblieben.“ Er sah Cianthara an. „Was du gesagt hast, über uns, über die anderen Götter, über den Krieg, das trifft die Wahrheit ziemlich genau. Es stimmt – wir sind Götter. Aber auch alles andere ist wahr – unsere Macht ist begrenzt, denn wir sind sehr einsame Götter. Unter all denen, die die Macht besitzen, zu erschaffen, zu vernichten, zu verändern, zu töten und zu heilen, gehören wir zu den Beinahe Vergessenen. Es gibt den einen oder anderen, der sich in eurer Welt noch an uns erinnert, wenn vielleicht auch unter anderen Namen als denen, die wir euch genannt haben, aber es genügt, um unsere Macht nicht vollends schwinden zu lassen.“
Cianthara sah auf. „Aber… Götter sterben doch nicht.“
Die Sternenherrin lächelte. Wieder war ihr Lächeln voller Traurigkeit, die sich in ihren Augen widerspiegelte. „Nein, Kind der Dunkelelfen, Götter sterben nicht. Sie schwinden. Ihre Macht nimmt immer mehr ab, bis sie schließlich im Gefüge der Welt aufgeht und sich mit der Kraft anderer, stärkerer Gottheiten vereint. Wir sehen diesem Schicksal schon seit langem entgegen. Unsere Kraft zehrt sich auf in dem ewigen Streit zwischen Licht und Finsternis, denn wir sind weder das eine noch das andere ganz. Ich bin nicht nur Licht, denn mir gehören die Sterne, und die Sterne scheinen bei Nacht. Mein Bruder ist nicht nur Finsternis, denn ihm gehört der Mond, und der Mond ist nur einmal in seinem Lauf wirklich finster, dann beginnt er, wieder zu wachsen und zu strahlen, bis er in einer Nacht seines Laufes so silbern und hell strahlt wie all meine Sterne zusammen. Wir sind Zwielicht. Und ihr seid, was wir sind. Ihr entstammt der Finsternis, aber ihr habt euch dagegen entschieden, gegen das Licht zu kämpfen. Ihr sagt, es gibt keinen Tag ohne die Nacht, ihr glaubt, dass der, der als Sieger aus diesem Krieg hervorgeht, mit dem Verlierer untergeht. Ihr seht die Wahrheit. Zwischen Licht und Finsternis steht die Dämmerung, aber die Dämmerung hat keine Stimme in diesem Krieg. Wir wollen ihr die Stimme zurückgeben.“

Erwählte des Zwielichts 21

zwielichtbild „Haben Götter Seelen, Tien’sha?“
„Ich weiß es nicht. Aber ich habe etwas gefühlt, das ich nicht erklären kann. Ich kenne dich, ich liebe dich. Ich muss nur in deine Augen sehen und weiß, wie es dir geht. Aber als ich in die Augen der Sternenherrin sah, habe ich ihre Traurigkeit gesehen. Wie ein tiefes Meer, Iloyon. Ihre Traurigkeit ist weit wie der Himmel. Und Ti’shanar, der Nachtschatten… was er fühlt, kann ich nicht in Worte fassen. Es ist zu groß, zu wild. Da ist so viel Dunkelheit in ihm. Aber sie ist nicht finster, verstehst du? Er ist dunkel und wild, sie ist dunkel, sanft und durchdrungen vom Licht der Sterne. Und in ihnen beiden brennt dieses Feuer, das ich gesehen habe, das auf mich herabgeregnet ist, als ich unter den Sternen tanzte.“
„Was du sagst, macht es mir nicht leichter, ihnen zu trauen.“ Iloyon nahm ebenfalls ein Gebäckstück und schnupperte misstrauisch daran. Es duftete nach Fleisch und unbekannten, scharfen Gewürzen. Nicht schlecht. Er spürte, wie ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Cianthara hatte Recht – auch er konnte das ewige Wegebrot, das Trockenfleisch, die steinharten getrockneten Früchte und die gerösteten Wurzeln, von denen sie sich die letzten Monate ernährt hatten, schon lange nicht mehr sehen. Etwas Richtiges zu essen. Etwas, das mit Zeit und Liebe zubereitet war und nicht nur dazu dienen sollte, den Magen zu füllen, sondern auch für den Genuss?
Cianthara lächelte. Sie biss in das Stück, das sie sich genommen hatte. Ihre Augen weiteten sich, dann schloss sie sie und ihr Gesicht nahm den Ausdruck einer sehr zufriedenen Katze an.
„Oh… ist das gut!“ Sie kaute genüsslich, dann biss sie noch einmal ab.
Iloyon musste grinsen. Sehr vorsichtig probierte er auch. Und dann verstand er, warum Cianthara so ein verzücktes Gesicht machte, nur wegen einer gefüllten Teigtasche. Die Gewürze schienen auf seiner Zunge geradezu zu explodieren. Es war scharf, süß, salzig, sauer, es schmeckte nach Fleisch, nach Gemüse und nach Früchten. Der Teig knackte und knusperte zwischen seinen Zähnen.
„Göttlich.“
Cianthara grinste. „Ziemlich sicher.“ Sie nahm die Karaffe und füllte zwei Becher mit dem roten, würzig duftenden Getränk und reichte Iloyon einen. Der Bann war gebrochen. Er nahm den Becher und trank. Es war tatsächlich Wein, schmeckte aber nicht nach Trauben. Vielleicht war er aus Walderdbeeren gemacht. Dazu hing ein Hauch von Honig im Duft des seltsames Weins, er war süß, schwer und ein wenig scharf.
„Ein Glas zu viel davon, und unsere Köpfe sind so groß wie dieser Stein!“ Iloyon nahm einen tiefen Schluck, dann noch einen. Besser als abgestandenes Wasser und der widerliche, scharfe Wurzelschnaps, den Rhian im Lazarettzelt brannte. Sie benutzte ihn, um Wunden zu säubern, aber oft genug wurde das Zeug auch Schwerverwundeten eingeflößt, um ihre Schmerzen zu betäuben. Iloyon schüttelte sich unwillkürlich, nur bei dem Gedanken an den ekligen Geschmack.
Cianthara lachte. Sie trank von dem Wein, dann nahm sie noch ein Gebäckstück und lehnte sich an Iloyon. Sie sah zu den Sternen.
„Hörst du? Sie singen wirklich.“
Iloyon lauschte. Zuerst hörte er nur den sanften Wind in den Blättern, doch dann mischten sich andere Klänge in das stetige Rauschen. Es klang wie Glocken, kleine, große. Wie ein leises Klingeln, darunter dunkle, warme Schläge, die Töne flossen ineinander, schwebten miteinander, lösten sich voneinander, um wieder mit anderen zu verschmelzen. Es war, als hörte er den Wald, den Himmel, die ganze Welt um sich herum atmen. Iloyon schloss die Augen. Er erinnerte sich, dass er als Kind diese Musik oft gehört hatte, wenn er nachts allein durch die Wälder gestreift war. Doch je näher der Krieg seinem Zuhause gekommen war, desto seltener hatte er die seltsamen Klänge gehört, bis sie schließlich ganz verstummt waren unter dem Lärm der Heere. So sollte es sein, Es fühlte sich auf einmal so richtig an, hier zu sein. Bei dem Gedanken, unter diesen Klängen einzuschlafen, fühlte er sich so wohl und geborgen wie schon lange nicht mehr. Er öffnete die Augen und sah Cianthara an. In ihren Augen stand Sehnsucht. So tiefe Sehnsucht nach Frieden, dass es ihm ins Herz schnitt. Er nahm sie in den Arm und sie schmiegte sich ganz fest an ihn.
„Wir werden uns anhören, was sie zu sagen haben. Ich verspreche dir, meine Geliebte, wenn es ein gutes Angebot ist und es mit meinen Plänen zu vereinen ist, dann werde ich annehmen.“
Sie seufzte, dann hob sie den Kopf und küsste ihn. Bis der Morgen graute, saßen sie eng umschlungen beieinander, fütterten sich gegenseitig mit den Leckereien der Götter, tranken ihren feurigen Wein und lauschten auf das Lied der Sterne. Schließlich wehrte Iloyon sich auch nicht mehr, an diesem sonderbaren Ort zu schlafen. Mit Cianthara in seinen Armen rollte er sich auf einem Lager aus Kissen und Seidendecken zusammen und schlief so tief und traumlos und ruhig wie schon lange nicht mehr.

Erwählte des Zwielichts 20

zwielichtbild Für einen Moment schloss Iloyon die Augen und ließ die Gesichter seiner Gefährten durch seine Gedanken ziehen. Als er in das Wasser sah, sah er wie in einem Spiegel das Lager im Wald, das er vor einer Weile verlassen hatte. Die anderen lagen in ihre Umhänge gewickelt am Feuer. Sie schliefen, einige allein, einige im Arm eines anderen. Ein silbrig blaues Glühen lag wie eine Kuppel über den Schlafenden.
„Sirisas Zauber. Dennoch hätten sie eine Wache aufstellen müssen.“
„Mein Schutz“, antwortete Ti’shanari freundlich. „Eure Feinde werden sie nicht finden. Sie werden schlafen und nicht bemerken, dass ihr fort gewesen seid. Die Zeit hier und dort folgt unterschiedlichen Gesetzen. Was hier eine Nacht ist, ist dort vielleicht nur ein Lidschlag. Ich bitte euch, vertraut uns. Nehmt unsere Gastfreundschaft an, esst, trinkt und schlaft. Ihr seid hier genauso sicher, wie eure Freunde es dort sind. Lasst eure wunden Seelen ein wenig Heilung finden, bevor wir über das Geschenk sprechen, das wir euch geben wollen.“
Iloyon blickte von dem Wasser im Becher auf.
„Euer Bruder sprach von einem Handel, Herrin der Sterne.“
„Mein Bruder und ich“, sagte sie mit einem beinahe süffisanten Lächeln in Ti’shanars Richtung, „sind, was das angeht, ein wenig unterschiedlicher Auffassung. Doch am Ende wollen er und ich beide dasselbe. Zu eurem Besten.“
Iloyon zog eine Augenbraue hoch und wollte zu einer Erwiderung ansetzen, aber Cianthara legte eine Hand auf seinen Arm und schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Wir danken Euch“, sagte sie zu der Sternenherrin, dann zog sie Iloyon sanft zum Lagerfeuer und drückte ihn auf eines der Sitzkissen nieder.
Ti’shanari nickte ihnen zu. „Wir werden zurückkommen, wenn morgen die Sonne untergegangen ist und der erste Stern am Himmel steht. Dann werden wir euch unseren Vorschlag… unseren Handel erklären. Bis dahin sei dieser Platz Euer. Ihr könnt beruhigt schlafen. Hier seid ihr sicher, darauf habt ihr mein Wort und das meines Bruders. Möge eure Nacht still und eure Tagträume sanft sein. Wir sehen uns morgen wieder.“
Sie nahm den Arm ihres Bruders, beide nickten Iloyon noch einmal zu, dann traten sie von der Lichtung in den Schatten der Bäume und verschwanden ebenso lautlos, wie sie gekommen waren. Cianthara sah ihnen nach, dann lehnte sie sich an Iloyon.
„Wie in meinen Träumen. Es ist wie in meinen Träumen!“ Weiterlesen →

Liebster-Award

award-150x150 Dank Kaye Alden wurde ich für den Liebster-Award nominiert. Da ich immer gleich nach allem grabsche, was Blogs bekannter machen und schreibende Menschen miteinander vernetzen kann, bin ich natürlich gern dabei.

Was ist der Liebster-Award?
Es geht darum, elf Fragen des Nominierers zu beantworten und im Gegenzug dafür weitere Blogger zu nominieren und ihnen ebenfalls elf Fragen zu stellen. Das Ganze dient dem Networking und dem Kennenlernen neuer Seiten, Blogs und vielleicht sogar Freunden.

Die Spielregeln
• Bedanke dich bei dem Autor/Blogger, der dich nominiert hat, und verlinke seine Website/seinen Blog.
• Verwende das Awardbild.
• Beantworte die 11 Fragen, die man dir gestellt hat.
• Formuliere im Anschluss daran 11 neue Fragen.
• Nominiere bis zu 11 weitere Autoren/Blogs und bitte darum, deine Fragen zu beantworten.
• Informiere die Nominierten natürlich über ihr Glück.
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Erwählte des Zwielichts 19

zwielichtbild Cianthara neigte den Kopf. „Wenn es eine Botschaft war, dann verstehe ich sie nicht.“
„Aber du hast sie doch verstanden, Kind der Dunkelheit. Und dein Gefährte ebenfalls. Denn sonst wärt ihr jetzt nicht hier. Wäre nicht das Wissen in euch, dann hättet ihr die letzte Schwelle nicht überschreiten können.“
„Die Schwelle wohin?“ Iloyon sah die Fremden an, die so unglaublich anziehend auf ihn wirkten.
Diesmal antwortete Ti’shanar. „An dem Ort, den wir euch finden ließen, sind die Grenzen zwischen den Welten fließend. Ihr seid bereit für das, was wir euch zeigen wollen, darum konntet ihr die Grenze in unsere Welt überschreiten. Wir beobachten euch schon eine ganze Weile, Kinder der Dunkelheit. Und was wir gesehen haben, gefällt uns.“
Iloyon zog eine Augenbraue hoch. „Warum? Warum beobachtet Ihr uns? Was seid Ihr?“
Ti’shanar lächelte, die Lichter in seinen Mitternachtsaugen funkelten. „Müssen wir es tatsächlich aussprechen?“ Seine Stimme klang amüsiert, der Spott tanzte auf seinen lächelnden Lippen.
Cianthara drücke Iloyons Hand. „Sie sind nicht wie wir“, flüsterte sie. „Spürst du es denn nicht?“
Iloyon erwiderte den Händedruck. „Mein Verstand weigert sich, es zu glauben, aber tief in mir fühle ich die Macht, die Euch umgibt. Ihr seid nicht von dieser Welt, und doch gehört Ihr dazu. Gehört Ihr zu den Göttern, für die in diesem Krieg immer wieder zu den Waffen gerufen wird?“
„Iloyon!“ Cianthara zuckte zusammen, aber Iloyon schob sie nur hinter sich und sah Ti’shanar herausfordernd an. „Seid Ihr es? Dann kann ich mich glücklich schätzen, Euch gegenüberzustehen. Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass es das ist, was Ihr von mir zu hören erwartet habt!“
Für einen Moment weiteten sich Ti’shanars Augen. Sie wurden dunkel, als die meisten Lichter darin für einen Atemzug erloschen. Dann waren sie auf einmal wieder da, sie tanzten in den schwarzen Tiefen wie flammende Sterne. Ti’shanar stand einen Augenblick lang unbeweglich, dann begannen seine Lippen, zu zucken, und er brach in schallendes Gelächter aus.
Iloyon war so überrascht, dass er nicht wusste, was er tun sollte. Er sah Ti’shanar an, der sich an Ti’shanari lehnte und sich vor Lachen schüttelte.
„Was ist so komisch?“ knurrte Iloyon schließlich. Cianthara legte ihm eine Hand auf die Schulter und legte mit einem fast flehenden Blick einen Finger an die Lippen. Ti’shanar fasste sich und atmete tief durch.
„Du gefällst mir, Iloyon von den Dunkelelfen. Es passiert nicht oft, dass mich jemand so amüsiert.“ Er gluckste noch immer unterdrückt.
„Was mein geliebter Bruder damit sagen möchte“, sprach Ti’shanari und bedachte ihren Bruder mit einem ungeduldigen Blick, „ist, dass wir nicht zu denen gehören, die diesen Krieg gutheißen oder gar unterstützen. Unser Ansehen in den Reihen der Erschaffer eurer Welt ist dadurch nicht gerade gestiegen. Wir haben euch beobachtet, weil ihr, gerade ihr beide, mit euren Gedanken über diesen Krieg beinahe so allein dasteht wie wir.“
„Und deswegen“, fuhr Ti’shanar fort, auf einmal wieder sehr ernst, „haben wir euch zu uns geholt. Wir möchten euch einen Vorschlag unterbreiten. Einen Handel.“
„Einen Handel?“ Iloyon wich einen Schritt zurück und prallte gegen den Onyxblock..
Ti’shanari seufzte. „Nicht so hastig, Bruder. Unsere Gäste sind verwirrt und erschöpft. Und sicherlich auch hungrig.“ Sie vollführte eine beiläufige Geste, und auf der Lichtung flammte ein Feuer auf. Um das Feuer bedeckte sich der Boden mit Fellen und Kissen aus schwarzer und roter Seide. Zwischen den Kissen tauchten niedrige Tischchen auf, auf denen Platten mit duftenden Speisen und Karaffen mit schimmernden Flüssigkeiten erschienen.
„Esst, Kinder der Dunkelheit. Und dann ruht euch aus. Wir werden später wiederkommen, und dann werden wir reden.“ Ti’shanari deutete mit einer einladenden Handbewegung auf das Lager. Iloyon spürte Ciantharas Bewegung hinter sich, sie schob sich an ihm vorbei und trat an das Feuer. Er nahm ihr Hand und hielt sie zurück.
„Wer sagt, dass Ihr Euer Wort haltet und unseren Gefährten nichts geschieht?“
Ti’shanari lächelte. Sie nahm einen Becher von einem der Tischchen, füllte ihn mit Wasser aus dem Bach und reichte ihn Iloyon.
„Denke an deine Freunde und sieh in das Wasser.“

Erwählte des Zwielichts 18

zwielichtbild „Wer seid Ihr?“ Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass ein vertrauliches Du diesem Mann gegenüber unangebracht war, auch wenn sein Gegenüber ihn wie selbstverständlich beim Vornamen nannte. „Wo sind wir? Wo sind meine Leute?“
„In Sicherheit.“ Die Stimme des Sternenäugigen klang wie ein sanftes Schnurren. Er trat näher. Seine Bewegungen waren geschmeidig wie die eines Raubtieres. Er hatte die Haltung eines Kriegers, aber er bewegte sich wie ein Dieb.
„Ich gebe euch mein Wort, dass euren Gefährten nichts geschehen wird. Sie stehen unter dem Schutz der Sterne.“ Er vollführte eine einladende Geste in Richtung der Bäume, und eine Frau trat auf die Lichtung. Eingehüllt in ein am Oberkörper eng anliegendes schwarzes Kleid aus hauchdünnem Stoff, auf dem Tausende von Diamantsplittern glitzerten und das sich unterhalb der Hüften zu einem langen Rock mit Schleppe weitete. Ihr Haar war ebenso schwarz wie das des Mannes, doch wo es bei ihm bläulich glänzte wie Elsternfedern, tanzten in ihren bis fast auf den Boden reichenden Locken funkelnde Lichter. Auch sie trug eine Halbmaske vor dem Gesicht, nicht so verwegen und gezackt zugeschnitten wie die des Mannes. Ihre Maske war sanft geschwungen, verbarg silbergraue Augen und Teile von Stirn, Wangen und Nase. Volle Lippen lächelten Iloyon entgegen. Auch die Haut der Frau war über und über bedeckt mit diesen verschlungenen silbrig blauen Zeichen.
„Es ist mein Schutz, der über deinen Leuten wacht, Iloyon von den Dunkelelfen. Sie schlafen im Schatten meiner Sterne und niemand wird sie finden oder ihnen ein Haar krümmen. Sorge dich nicht.“
Iloyon ließ den Blick zwischen dem Mann und der Frau hin und her schweifen. Es war, als schimmere die Luft um sie herum in einer bläulichen Aura, sie schien zu knistern.
„Ihr seid uns gegenüber im Vorteil“, sagte er schließlich. „Ihr wisst ganz offensichtlich, wer wir sind, aber Ihr habt Euch nicht vorgestellt. Ich kann nichts auf das Wort eines Mannes geben, dessen Namen nicht kenne.“
Der Mann lächelte. „Ich habe viele Namen. Wählt, wie ihr mich ansprechen wollt. Man nennt mich Nachtschatten, Dunkelmond, Chaos und Veränderung. Man nennt mich Gefahr und man nennt mich Beschützer. Schöpfer und Vernichter. Ich bin Ti’shanar, ser Herr der Neumondes, und ich habe euch hierher gebracht.“
Noch ehe Iloyon etwas antworten konnte, sprach die Frau. Ihre Stimme klang wie das Rauschen des Windes in den Blättern, wie das sanfte Klingen, von dem Sirisa gesagt hatte, es sei der Gesang der Sterne.
„Auch ich habe viele Namen“, sagte sie. „Sternengekrönte, die, die erschafft und vernichtet. Die Leben gibt und es wieder nimmt. Die die Seelen geboren werden lässt und das Tor in die Ewigkeit öffnet, wenn die Zeit eure Namen kennt. Die die Seelen aufnimmt und ins Leben zurückschickt. Die, die heilt und tröstet. Ich bin die Mutter. Ich bin Ti’shanari, die Herrin der Sterne.“ Sie trat an die Seite des Mannes, und jetzt fiel Iloyon auf, wie sehr ihre schmalen Gesichter einander ähnelten. Die Luft knisterte, als Ti’shanari die Hand des Mannes nahm und näher an den Stein trat, an dem Iloyon lehnte. Cianthara trat an Iloyons Seite. Sie sah Ti’shanari an.
„Ich kenne Euch“, sagte sie. „Ich habe Euch schon einmal gesehen. Ich kenne Eure Stimme.“
Verstohlen tastete Iloyon nach Ciantharas Hand. Er empfand keine Furcht, aber die Fremden machten ihn misstrauisch. Ihre Ausstrahlung war so anders, so viel mehr, als er es von Magiern, auch von mächtigen Magiern, kannte. Die Frau nickte. Sie lächelte, und sofort veränderten sich ihre Züge. Aus der kühlen Schönheit wurde ein Gesicht voller Leben, Funken tanzten in den silbrigen Augen. Es war ein Gesicht, das er gernhaben musste, ob er wollte oder nicht. Iloyon wusste nicht, ob ihm das gefiel. Es machte ihn nur noch misstrauischer. Wob sie einen Zauber?
„Meine Botschaft hat dich also erreicht, Kind der Dunkelheit.“ Sie sagte es, als würde sie sich maßlos darüber freuen.