Nithyara Weihnachts-Special

Die Nithyara wünschen frohe Weihnachten. Viel Spaß mit dieser kleinen Geschichte aus dem Feuersänger-Universum!

Mittwinter

Feuersänger starrte aus dem winzigen Fenster und traute seinen Augen nicht. Der Wald hatte sich über den Tag hinweg in ein weißes Kleid gehüllt. Dick und schwer lag das helle, schimmernde Zeug auf den Ästen der Silberbäume, hatte die Wiese unter sich begraben und bedeckte die Sitzbänke am Versammlungsplatz. Jedes Baumhaus war von einer im Sternenlicht bläulichweiß glitzernden Kappe bedeckt. Kalter Wind pfiff um Sängers Nase. Er schauderte und ließ den schweren Ledervorhang schnell wieder vor die kleine Öffnung fallen. Brr. Wenn ein Nithyara etwas verabscheute, dann die Kälte des Winters – auch wenn dieses weiße Zeug eine seltsame Faszination auf Sänger ausübte. Leise kroch er wieder zur Schlafstatt, auf der sein Lehrmeister Sternenglanz noch tief und fest schlief. Neben ihm lag zusammengerollt Silbersang, der Legendenbewahrer. Feuersänger betrachtete ihn mit einem liebevollen Blick – Silbersang war mehr als ein Freund, mehr als ein Geliebter für ihn. Er war sein Ta’nesha, sein Seelengefährte. Das Beste, was ihm je passieren konnte.
Mit einem Lächeln ließ Sänger seine Hand in Silbersangs weiches Haar kriechen und kraulte ihn hinter einem spitzen Ohr. Silbersang seufzte im Halbschlaf, gab ein leises Grummeln von sich, dann öffnete er träge die Augen.
„Ta’nesha! Was ist los, warum schläfst du nicht?“
Sänger grinste. „Ich war wach, und weil es sowieso bald Zeit für das Frühstück ist, wollte ich mich nicht noch einmal umdrehen. Silbersang, es ist etwas merkwürdiges passiert, draußen ist alles weiß!“
Zu Sängers Überraschung nickte Silbersang nur. „Der erste Schnee, das war zu erwarten.“
„Sch…nee? Zu erwarten?“ Sänger merkte, dass er seinen Ta’nesha aus großen Augen angesehen haben musste, denn Silbersang grinste, richtete sich auf und strich ihm durchs Haar.
„Ja. Schnee. Sag bloß, du hast noch nie Schnee gesehen, Ta’nesha!“ Weiterlesen →

Erwählte des Zwielichts 27

zwielichtbild Iloyon spürte die Berührungen der Göttin auf der Haut, ihr Feuer, den Schmerz, die Lust.
„Nehmt, was wir euch geben. Werdet zu dem, was wir aus euch machen. Nehmt unser Feuer. Nehmt unsere Gaben. In eure Haut soll geschrieben stehen, dass ihr von nun an unsere Kinder seid. In eure Augen soll geschrieben stehen, dass ihr die Flammen der Sterne und den Zorn der Nacht, die Liebe des Lichtes und die Wildheit des Neumondes in euch tragt. Voller Gegensätze sollt ihr sein und doch in euch ruhen. Lautlos wie Schatten sollt ihr euch bewegen, leise und schnell sollt ihr töten, wie die giftigen Schlangen, die aus dem Moos heraufschießen und ihrem Opfer ihre Zähne in die Ferse stechen. Furchtbar soll eure Rache sein, wenn man euch erzürnt, aber ihr sollt lieben mit all eurer Kraft und all eurer Leidenschaft, wenn ein anderer eurer Liebe würdig ist. Ihr sollt fühlen, in allen Facetten sollt ihr das Leben fühlen. Gutes und Schlechtes, Schönes und Schreckliches, alles sollt ihr fühlen mit all seiner Macht. Ihr seid Kinder der Sterne, ihr seid Träger unseres Feuers. Schwört uns Treue, und ihr werdet nie wieder einsam sein, so lange euer Leben auch währen mag und was auch immer euch zustoßen mag auf euren Wegen.“
Die Stimme der Sternenherrin und die Stimme des Nachtschatten verwoben sich zu einem gemeinsamen Gesang voller Harmonie, in dem sich Licht und Dunkel zu einer perfekten, ewigen Dämmerung mischten. Sonnenuntergang und Sterne am Himmel, der Lauf des Mondes vom dunklen Neumond bis zur strahlenden Silberscheibe, von der hellen Silberscheibe zurück zum unsichtbaren Dunkelmond – diese Bilder zogen an Iloyon vorbei, während er sich im weichen Gras wand und die Liebkosungen der Götter annahm. Ciantharas Hand war noch immer fest um seine geschlungen, aber auch sie wand sich in Lust und Schmerz, als die Hände des Nachtschatten wieder und wieder über ihre Haut glitten und ihren makellosen Körper mit Tausenden dieser schimmernden Sternenfeuermale noch schöner machten. Iloyon konnte den Blick nicht von ihr wenden, auch nicht, als die Herrin der Sterne seinen Körper zu zeichnen begann.
„Ein Zeichen für alles, was ihr erlebt und daraus gelernt habt. Für den Schmerz. Für die Freude. Für die Liebe. Für die Angst. Für alles, was ihr gewonnen und verloren habt. Für euren Mut. Für euren Verlust. Für euren Gewinn. Für eure Seelen. Für den neuen Weg. Für alles, was ihr hinter euch lasst und für alles, was vor euch liegt.“
Die Stimmen der Götter sangen in Iloyons Ohren. Ciantharas Seele sprach offen zu ihn, so wie seine zu ihrer sprach, und in ihren Seelen hörten sie die Worte der Götter. Und ihre Seelen waren es, die schließlich antworteten.
Wir schwören euch ewige Treue. Ihr seid unsere Götter und wir sind eure Erwählten. Ihr stellt uns auf neue Wege und wir werden sie gehen. Wir werden das Feuer der Sterne weitergeben. Wir werden für euch erwählen und zu Klingen des Sternenfeuers machen, wen wir für euch für würdig erachten.
Flammen schlugen über ihnen zusammen. Iloyon breitete die Arme aus und schaute in den Himmel, seine Hand in Ciantharas Hand, auch sie lag mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken. Hände woben über ihren Körpern die Zeichen, und am Ende wusste Iloyon nicht mehr, wer ihn berührte, die Herrin oder der Nachtschatten, und es war ihm auch gleich – sie waren eins. Er, Cianthara, die Göttin, der Gott, es war gleich. Alles war eins. Und alles war gut. Es war auch in dem Augenblick noch gut, als er glaubte, nicht mehr ertragen zu können, in dem Moment, als die Flammen des Sternenfeuers sie alle einhüllten. Er glaubte, zu verbrennen, und dennoch warf er sich den Flammen entgegen. Ohne darüber nachzudenken, tat er, was die Götter gesagt hatten – er warf alles, was er hinter sich lassen wollte, in die Flammen, er ließ sie all das läutern, was er sich bewahren wollte. Als die Flammen Einlass in seine Seele forderten, ließ er sie ein.
Da war nur noch Feuer.
Und dann sanfte Dunkelheit und eine ganze Weile nichts mehr.

Erwählte des Zwielichts 20

zwielichtbild Für einen Moment schloss Iloyon die Augen und ließ die Gesichter seiner Gefährten durch seine Gedanken ziehen. Als er in das Wasser sah, sah er wie in einem Spiegel das Lager im Wald, das er vor einer Weile verlassen hatte. Die anderen lagen in ihre Umhänge gewickelt am Feuer. Sie schliefen, einige allein, einige im Arm eines anderen. Ein silbrig blaues Glühen lag wie eine Kuppel über den Schlafenden.
„Sirisas Zauber. Dennoch hätten sie eine Wache aufstellen müssen.“
„Mein Schutz“, antwortete Ti’shanari freundlich. „Eure Feinde werden sie nicht finden. Sie werden schlafen und nicht bemerken, dass ihr fort gewesen seid. Die Zeit hier und dort folgt unterschiedlichen Gesetzen. Was hier eine Nacht ist, ist dort vielleicht nur ein Lidschlag. Ich bitte euch, vertraut uns. Nehmt unsere Gastfreundschaft an, esst, trinkt und schlaft. Ihr seid hier genauso sicher, wie eure Freunde es dort sind. Lasst eure wunden Seelen ein wenig Heilung finden, bevor wir über das Geschenk sprechen, das wir euch geben wollen.“
Iloyon blickte von dem Wasser im Becher auf.
„Euer Bruder sprach von einem Handel, Herrin der Sterne.“
„Mein Bruder und ich“, sagte sie mit einem beinahe süffisanten Lächeln in Ti’shanars Richtung, „sind, was das angeht, ein wenig unterschiedlicher Auffassung. Doch am Ende wollen er und ich beide dasselbe. Zu eurem Besten.“
Iloyon zog eine Augenbraue hoch und wollte zu einer Erwiderung ansetzen, aber Cianthara legte eine Hand auf seinen Arm und schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Wir danken Euch“, sagte sie zu der Sternenherrin, dann zog sie Iloyon sanft zum Lagerfeuer und drückte ihn auf eines der Sitzkissen nieder.
Ti’shanari nickte ihnen zu. „Wir werden zurückkommen, wenn morgen die Sonne untergegangen ist und der erste Stern am Himmel steht. Dann werden wir euch unseren Vorschlag… unseren Handel erklären. Bis dahin sei dieser Platz Euer. Ihr könnt beruhigt schlafen. Hier seid ihr sicher, darauf habt ihr mein Wort und das meines Bruders. Möge eure Nacht still und eure Tagträume sanft sein. Wir sehen uns morgen wieder.“
Sie nahm den Arm ihres Bruders, beide nickten Iloyon noch einmal zu, dann traten sie von der Lichtung in den Schatten der Bäume und verschwanden ebenso lautlos, wie sie gekommen waren. Cianthara sah ihnen nach, dann lehnte sie sich an Iloyon.
„Wie in meinen Träumen. Es ist wie in meinen Träumen!“ Weiterlesen →

Schnipsel: „Das Katzenhaus“ („Tessa, reloaded“)- Prolog

Dieses Buch gibt es eigentlich schon. Allerdings ist es nie wirklich Fisch und nie wirklich Fleisch gewesen – zu wenig mystisch für Mystery, zu wenig romantisch für Romance, zu wenig Fantasy für Urban Fantasy. Und da solchen Projekten neu schreiben guttut und es bei gravierenden Änderungen erfahrungsgemäß weniger Arbeit macht, von vorn anzufangen statt zu überarbeiten, wird es Tessa jetzt in einer ganz anderen Form noch einmal geben – als urban-fantasy-Märchen für romantische Crazy Cat-Ladies.

Prolog

Eine Katze kann das Heimkommen in ein leeres Haus in ein
„nach Hause kommen“ verwandeln.
(Pam Brown)

Alles ist eins. Nichts endet einfach so. Immer wieder schließen sich Kreise. Das Leben hat keinen Anfang und kein Ende. Das Leben geht weiter. Es mag vielleicht einen Augenblick innehalten, doch irgendwann beginnt der Kreislauf wieder von neuem und dann geht auch das Leben weiter. Und so findet Verlorenes immer wieder den Weg zurück zu denen, die vermissen.

Er wusste es tief in sich. Alles war eins, und irgendwann schloss sich jeder Kreis. Alle seiner Art wussten um den Kreislauf des Lebens und seine Geheimnisse. Leben war nicht gleich Leben. Er erinnerte sich an das Leben, in dem er einen Körper besessen und Hunger und Durst verspürt hatte, und er erinnerte sich daran, welche Aufgabe er damals gehabt hatte. Jetzt lebte er ein anderes Leben, sein Körper war fort, Schmerz und Leid waren verschwunden, Verlangen und Begierden fort, aber seine Form war noch immer da. Er erinnerte sich, dass dieser Körper ein schöner Körper gewesen war, geschmeidig, kraftvoll und elegant. Er war bewundert worden, er war geliebt worden wegen seiner Schönheit, seiner Anschmiegsamkeit, seiner Treue.
Und genau diese Treue war es, die ihn an diesen Ort und in diese Form zurückgetrieben hatte. Witternd hob er den Kopf und prüfte den Wind, der durch die Erinnerung seiner Schnurrhaare und seines langen, dichten weißen Pelzes strich. Er war zurück. Unter den Pfoten konnte er den Weg fühlen, die kleinen runden Kiesel, das Moos, die Grasbüschel zwischen den Steinen. Der Geruch hatte sich kaum verändert. Wie jeden Spätsommer hing der Duft nach reifen Äpfeln in der Luft, die Süße der Astern und Dahlien, eine Ahnung von Kastanien, die bald von den Bäumen fallen würden. Er hatte Kastanien immer gemocht, sie rollten über den Boden und er konnte sie jagen.
Das Haus hatte sich verändert, natürlich hatte es das. Es war alt geworden, es gab keine Menschen mehr, die darin lebten. Die Tür war verschlossen, die bunten Scheiben blind und voller Sprünge, auf der Treppe und der Terrasse vor dem Eingang wuchsen Flechten und Moos. Er trat auf die glatten braunen Fliesen, die im Sommer immer so warm gewesen waren. Jetzt lag feuchtkalter Abendtau über ihnen.

Er setzte sich und sah sich um. Er war der erste, aber er wusste, die anderen würden kommen. Der Schwarze und die Gestromte. Worte fielen ihm ein, Worte, mit denen er und die anderen gemeint gewesen waren. Voller Liebe waren sie ausgesprochen worden von einer sanften warmen Stimme, begleitet von zärtlichen Berührungen.
Winter.
Sie hatte ihn Winter genannt, weil sein Fell so weiß wie frisch gefallener Schnee war, den Schwarzen Nacht und die Gestromte Zwielicht. Sie hatten jedes Wort verstanden, das sie zu ihnen gesagt hatte, denn sie hatte eine Gabe genutzt, die alle Menschen in sich tragen, aber derer sich nur wenige bewusst sind. Sie hatte die Gabe erkannt und benutzt und darum waren sie Freunde geworden: Winter, Zwielicht und Schatten und die Frau, die den Tieren half.
Winter spitzte die Ohren, als die anderen aus den Büschen traten und sich zu ihm gesellten, Schatten an der einen, Nebel an der anderen Seite. Ihre Gedanken berührten einander. Jeder von ihnen wusste, warum sie gekommen waren.
Sie wird bald kommen. Winter war sich sicher, er konnte es fühlen in allem, was ihn umgab.
Sie wird kommen, aber sie wird blind sein. Nebel trat unentschlossen von einer Pfote auf die Andere. Ihre geringelte Schwanzspitze zuckte.
Wir sind nicht allein. Ich habe jemanden gefunden. Sie wird uns helfen. Sie hat bereits zugestimmt. Nachts gelbe Augen richteten sich auf etwas, das sich in der Dunkelheit bewegte. Winter und Nebel folgten seinem Blick. Aus der Dunkelheit trat eine Gestalt, schmal und zerbrechlich, ihre kleinen Pfoten verursachten kaum einen Laut auf den ersten gefallenen Blättern. Langsam, leicht geduckt und vorsichtig kam sie näher, ihre Schnurrhaare weit aufgefächert. Es irritierte sie sichtlich, dass sie Ihresgleichen sah und doch weder Geruch noch Geräusch wahrnahm. Winter sah, dass sie alt war. Um die Schnauze herum wurde ihr Fell grau, sie bewegte sich, als würden ihre Gelenke sie schmerzen und doch strahlte sie eine Würde aus, wie sie den ganz Alten ihrer Art zu Eigen ist. Grün leuchteten ihre Augen in der Dämmerung. In ihrer Jugend musste sie eine Schönheit gewesen sein, noch jetzt war Anmut in jedem ihrer behutsamen Schritte und ihr kurzes, glattes Fell zeigte noch immer Glanz. Ihre großen Ohren richteten sich auf.
Ich wurde gerufen. Und ich bin bereit. Ich weiß, was ich zu tun habe und ich weiß, woran ich sie erkenne. Ihr habt mich zur Botin gemacht und ich werde eure Botin sein, damit ein Kreis sich schließt und alte Wunden heilen können.
Die Alte näherte sich Winter und streckte ihre Nase der seinen entgegen. Er ahnte ihre Berührung mehr, als dass er sie fühlte, aber er wusste, als er die Alte spürte, dass Nacht eine gute Wahl getroffen hatte. In ihr war eine Krankheit. Sie verbarg es gut, aber Winter wusste, als sie ihm nahe war, dass ihre Zeit in diesem Körper nur noch kurz war. Nacheinander tauschte die Alte mit jedem der drei Schatten die Nasenberührung, dann wandte sie sich ab und schritt die Kastanienallee zur Hauptstraße hinunter, so sicher im Dunkeln und so leise, wie es nur eine Katze vermochte.

Romanschnipsel aus „Die rote Tür“

Auf zum Showdown. Ilaro hat Nadim gestellt. Und jetzt hat er Spaß.


Der Kampflärm kam aus einer der Höhle etwas näher am Hafen. Ilaro sah mehrere Gestalten im Mondlicht, die einander umkreisten, im Hintergrund lag ein unförmiges Bündel auf dem Sand. Er rannte los und versuchte, sich im Näherkommen ein Bild zu machen. Einer der Kämpfenden war ganz eindeutig Nadim, an seiner Seite focht ein weiterer Mann, ihnen gegenüber stand ein hochgewachsener Kerl und wirbelte einen Klingenstab herum, mit dem er sich Nadim und seinen Verbündeten zugleich vom Hals hielt und versuchte, die beiden nicht aus der Höhle herauszulassen, die sich hinter ihnen im Felsen öffnete.
„Nadim!“ Ilaro brüllte den Namen, schlitternd kam er neben dem Mann mit dem Klingenstab zum Stehen und ging mit gezogener Klinge in Stellung.
„Macht mit dem anderen, was Ihr wollt, aber der da gehört mir!“
Der Kerl mit dem Klingenstab grinste und salutierte. „Silberfuchs!“
„Derselbe!“ Er machte einen Ausfall in Nadims Richtung, versuchte, ihn von seinem Kumpanen zu trennen und ihn zugleich von Shayan wegzubekommen, der reglos im Sand lag, Blut schimmerte dunkel in seinem Haar und auf der blassblauen Haut. Ilaro hielt sich daran fest, dass der Shariach nicht tot sein konnte – Nadim würde sein Juwel nicht töten, und Ilaro hätte den Tod des Shariach gefühlt. So sehr er es hasste, gebunden zu sein, was das anging, war das Band nicht ganz unnütz.
Nadim lachte, aber seine Stirn glänzte schweißnass und sein Atem ging stoßweise. Er hatte Shayan bis hierher geschleppt, hier musste ihn sein Verbündeter in Empfang genommen haben und dann hatte der Mann mit dem Klingenstab ihn überrascht.
„Meerfee?“ rief Ilaro dem Klingenstabkrieger zu, und dieser nickte, zugleich wirbelte er den Stab herum und Nadims Kumpan duckte sich in letzter Sekunde, bevor das scharfe Messer ihm in den Hals dringen konnte. Der Mann knurrte, versuchte, an den Klingenstabkerl heranzukommen, aber der hatte einfach den besseren Stand – er war größer und er hatte die längere Waffe. Ilaro ging davon aus, dass der Seemann seinen Gegner allein bewältigen konnte, und konzentrierte sich ganz auf Nadim.
„Gib auf“, knirschte er zwischen den Zähnen, „ergib dich und ich sehe vielleicht davon ab, dich aufzuspießen. Nura ist gefangen. Du hast verspielt. Was auch immer passiert, wir werden dich kriegen!“
„Sei dir da… nicht so sicher, Silberfuchs!“
Ilaro machte einen weiteren Ausfall, Klinge prallte auf Klinge, als Nadim nicht ganz ungeschickt parierte und seinerseits einen Ausfallschritt machte. Ilaro tänzelte rückwärts und ließ sein Rapier wieder vorschnellen, es blitzte im Mondlicht.
„Womit willst du mich aufhalten, Tänzer? Ich sehe keine Armee, nur einen einzigen Mann, der gerade versucht, sich nicht umbringen zu lassen!“
Nadim gelang ein Grinsen. „Warte es ab…“
Der Tänzer tanzte, während er focht. Seien Schritte woben ein Muster, seine Füße tanzten Formen in den Sand, sein Rapier – Ilaro sah es, als es schon beinahe zu spät war. Nadim legte es gar nicht darauf an, ihn zu treffen, er focht einen Tanz und tanzte im Fechten, nicht auf Shayan zu, sondern um ihn herum!
„Nein!“
Ilaro schrie auf, als er die erste Rune blau im Sand aufflammen sah, „Nein! Du Wahnsinniger!“
Nadim lachte. Seine Augen weiteten sich, da war nichts Dunkles mehr in ihnen, nur noch ein beinahe irres blaugrünes Flackern, als sich die nächste Rune in blauem Feuer in den Sand fraß.
„Nadim, nicht!“ Ilaro drang wieder auf ihn ein, diesmal legte er es darauf an, ihn zu treffen, er ließ seine Klinge auf die des Tänzers prallen, durchkreuzte seine Muster, trat nach seinen Füßen. Nadim keuchte, als die nächste Rune direkt unter seinen Füßen aufleuchtete und sofort zu Asche zerfiel, als Ilaros Klinge sie durchstrich wie die Feder eines Lehrers ein falsch geschriebenes Wort auf dem Pergament des Schülers. Das Gesicht des Tänzers verzerrte sich vor Wut und… war es Angst, die in Nadims Augen aufflammte? Ilaro sah nur noch Nadims Augen. Der Tänzer focht und tanzte weiter und achtete kaum auf das, was um ihn herum geschah, er schien nur Ilaro wahrzunehmen – aber Ilaro sah sie, die winzige Bewegung in der Mitte des Kreises, als Shayan eine Hand ausstreckte und seine bebenden Finger um einen Stein schloss, der gerade eben in seine Hand passte. Ilaro versuchte, nicht zu Shayan zu blicken, er zwang sich, Nadim anzusehen, sprang vor, seine Klinge schabte über Nadims, das Rapier des Tänzers zuckte hoch und Ilaro spürte einen kalten, schneidenden Schmerz an seiner Schulter. Blut floss, er ignorierte es, knurrte und schob sich näher an den Tänzer heran, jetzt spürte er Nadims keuchenden Atem in seinem Gesicht. Der Tänzer lachte. Ilaro stand zu dicht vor ihm, er konnte nichts ausrichten mit seinem Rapier – doch Nadim ebensowenig.
„Patt“, murmelte er. „Gib auf, Nadim, das ist Wahnsinn, lass es!“
„Niemals!“
„Auch gut…“
Ilaro fühlte den Stein, als läge er in seiner eigenen Hand. In seinen Gedanken formte sich ein einziges Wort.
Jetzt.
Shayan rollte sich herum, kam auf die Beine und warf.
Mit einem seltsam trockenen Laut prallte der Stein an Nadims Hinterkopf. Die Augen des Tänzers weiteten sich ein letztes Mal, jetzt in ungläubigem Staunen, ein Mund öffnete sich zu einem stummen Protest – dann gaben seine Beine unter ihm nach und er sank in den Sand. Hinter ihm hatte der Matrose von der Meerfee seinen Gegner zu Boden gebracht und hielt ihn dort, eine Klinge seines Stabes am Hals des Mannes, er sich mit ausgebreiteten Armen ergab. Im Sand flammten Runen auf, mattblau und kränklich grün, und zerfielen zu Staub. Ilaro ließ sein Rapier fallen, eilte zu Shayan und zog den zitternden Shariach in seine Arme.
„Ich… ich habe meinen Meister angegriffen…“, murmelte er an Ilaros Schulter gedrückt, „aber… aber ich konnte nicht anders… er hätte einen anderen gerufen, etwas Größeres und Stärkeres als mich… und das hätte dann dich umgebracht!“
Ilaro sagte nichts. Er kniete im Sand und hielt Shayan fest, hielt ihn mit seinen Armen und mit seinen Gedanken.
Alles wird gut. Es ist vorbei.

Romanschnipsel aus „Die rote Tür“

Der NaNo ist zuende, das Buch noch nicht, es wird fleißig weitergeschrieben und langsam nähert sich der Showdown. Rasielle und Vennian schmieden Pläne zur Befreiung von Ilaro udn Shayan. Und in mir kommt der Rollenspieler durch. Been there, done that. Fazit: Pläne schmieden ist ein Riesenquark, das kostet nur Zeit und Nerven. Am Ende ist es doch immer dasselbe: Reingehen, das was man sucht, rausholen und flüchten. Und nebenbei ein paar Feinde abmurksen.

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„Vennian, ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr wieder. Hat es dir so gut gefallen in der Rose?“
Er setzte sich auf einen der hochbeinigen Hocker. „Khava“, sagte er gespielt streng. „Was in der Rose passiert ist oder auch nicht, geht dich nichts an. Gibt es einen Grund, warum du so gute Laune hast?“
„Kann schon sein.“ Sie stellte einen dampfenden Becher vor Vennian, daneben einen Korb mit frisch gebackenen klebrigen Kuchen, die mehr aus Rosinen als aus Teig zu bestehen schienen. Vennian nahm einen und leckte sich die Finger ab. „Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen.“
„Heute Abend kommt Mbalaq und bringt mir etwas mit. Ich war heute früh schon im Hafen und habe gerade die Meerfee einlaufen sehen. Ich wartete, bis sie festgemacht hatte, und konnte gleich mit dem Kapitän reden. Er verlangt einen horrenden Preis, aber ich denke, das ist es wert. Schließlich bekommen wir unseren Halbelfen zurück.“
Vennian nickte und legte seinen Geldbeutel auf den Tisch. Er hatte einige Edelsteine in der Rose gelassen, aber für den Kapitän würden die Saphire und Rubine sicherlich noch reichen. Rasielle spähte in den kleinen Ledersack und nickte. „Damit wird er zufrieden sein, ganz sicher. Fast schon schade, dass wir das Ambara werden vernichten müssen. Wir könnten es genauso teuer, wenn nicht teurer, wieder verkaufen!“ Rasielles Augen funkelten.
„Untersteh dich.“ Vennian sah sie an, sah das Lachen in ihren Augen und wusste, sie scherzte nur. „Gehst du heute schon zum Brunnen?“
Rasielle nickte. „Ich denke, wir ziehen das jetzt so schnell wie möglich durch. Konntest du mit dem Silberfuchs sprechen?“
Mehr als das…
„Ja. Ich war bei ihm. Und bei dem Dämon. Sie halten sie zusammen gefangen, weil der Dämon Ilaros Nähe braucht. Nadim hat bei der Beschwörung Fehler gemacht und Ilaro und den Dämonen aneinander gebunden. Ich hoffe, dass Venaro das wieder rückgängig machen kann.“
Rasielle pfiff leise durch die Zähne. „Es gibt also wirklich eine Dämonen. Und was ist mit dem Silberfuchs? Ist er… der Halbelf, den du suchst?“
„Ich bin mir mehr als nur ein wenig sicher. Ich werde ihn mit an den Hof nehmen, ja. Dieser Mann hat Traverrablut in seinen Adern. Es gibt Beweise.“ Vennian nahm einen Schluck Khava und aß noch einen der barbarisch süßen Rosinenkuchen. „In Ordnung, wenn du zum Brunnen gehst, werde ich die Klingen zusammentrommeln. Und sobald wir das Ambara haben, gehen wir in die Rose… bestehe darauf, dass du Nadim das Ambara in die Rose bringst. Ich brauche dich dort als Ablenkungsmanöver.“
Rasielles Augen leuchteten. „Ein Abenteuer!“ Sie strahlte wie ein kleines Kind, das Wintersonnenwendegeschenke bekommen hatte. „Ich darf dabeisein?“
„Ich brauche dich. Nadim weiß nicht, wie gut du kämpfst. Ich habe deine Klinge fest eingeplant – dein Überraschungsangriff verschafft uns Zeit. Ich habe inzwischen einiges von dem Haus gesehen… gib mir etwas zum schreiben, dann zeichne ich dir eine Karte.“
Rasielle holte Pergament und Kohlestifte, und Vennian zeichnete eine grobe Skizze des Hauses.
„Hier ist die Eingangshalle… dahinter liegt ein kleinerer Raum, in dem Nura seine besonderen Gäste empfängt, von dort aus führt auch ein Gang zu der roten Geheimtür, hinter der sie Ilaro und Shayan gefangenhalten. Das dort ist eine geräumige Gaststube. Von diesem Korridor gehen die Zimmer der Huren ab, auch von hier kommt man zu der roten Tür, und in den Badekeller. Wir müssen aufpassen, dass es niemand schafft, sich in die Keller abzusetzen, ich bin mir nicht sicher, ob es dort nicht doch Geheimgänge gibt. Hier ist die rote Tür, dahinter liegen mehrere Räume, die von einem zentralen Zimmer abgehen. Dort ist Shayan, das Zimmer daneben ist das, in dem sie Ilaro einsperren. Von beiden Zimmern gibt es Zugänge zu kleineren badekellern, aber dort sind auf keinen Fall Geheimgänge, wir haben schon alles abgesucht.“
„Nur weil ihr keine gefunden habt, heißt das nicht, dass keine da sind.“ Rasielle kaute auf ihrer Zopfspitze, wie immer, wenn sie aufgeregt war.
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass da keine sind.“ Vennian tippte mit dem Kohlestift auf die grobe Karte.
„Ich werde Klingen als Kunden getarnt in das Haus schicken, sie sollen sich in der Gaststube aufhalten und die Gäste unauffällig dazu bringen, zu gehen. Je weniger Volk im Haus ist, umso einfacher. Rasielle, ich denke, Nadim wird dich in diesem Hinterzimmer empfangen. Bist du noch so gut wie damals, als ich dich kennenlernte?“
Rasielle grinste, katzenhaft, wölfisch. „Willst du es ausprobieren?“
„Meinst du, du schaffst es, Nadim zu überwältgen? Allein?“
„Er ist ein Tänzer, er wird stark und kräftig sein, wendig und schnell. Aber ist er ein Kämpfer, und wird er bewaffnet sein? Er rechnet mit einer wehrlosen Frau, die kommt, um mit ihm ein Geschäft zu machen. Ich traue es mir zu, mit ihm fertigzuwerden.“
„Gut. Dann werde ich mir mit einer Klinge zusammen Nura vornehmen. In der Gaststube werden sechs sein, vielleicht acht, mehr wäre zu auffällig.“
Rasielle nickte. „Das klingt nach einem Plan.“ Sie lachte. „Das erinnert mich an alte Zeiten… Ich hatte bei Mbalaq angeheuert, wir wollten in den Süden von Ischar. Mbalaq hatte Gerüchte über Tempelruinen und Schätze gehört und wir schmiedeten Tage-und Nächte lang Pläne, wie wir es schaffen würden, an den Kriegsmönchen vorbeizukommen, die sich dort einquartiert und zu selbsternannten Hütern der Ruinen erklärt hatten. Wir waren zwanzig, die waren an die zweihundert. Und das letzte, was wir wollten, war, einfach hineinstürmen, alles erschlagen, was sich uns in den Weg stellt, und dann mit allen Schätzen, die wir tragen können, verschwinden. Also planten wir und planten, wie wir an den Kriegsmönchen vorbeikommen konnten, ohne viel kämpfen zu müssen… und am Ende lief es dann doch wieder auf das eine hinaus, das immer passiert – wir stürmten rein, erschlugen, was sich uns in den Weg stellte, bekamen entsetzlich eins aufs Dach und sind mit deutlich weniger Reichtümern wieder herausgekommen, als wir gehofft hatten. Um ehrlich zu sein, das Zeug war gerade mal so viel wert, dass wir die Schäden reparieren konnten, die die Katapulte der Mönche an unserem Schiff angerichtet hatten.“
Vennian grinste. „Wie gut, dass die Flammende Rose keine ischarische Tempelruine und wir keine Piraten sind.“
Rasielle zwinkerte. „Ein Pirat hört niemals wirklich auf, ein Pirat zu sein.“

NaNo-Riesenschnipsel

[…]
„Du bist so eine niederträchtige Ratte, Nadim Belazar!“
Nadim verneigte sich. „Ich danke für das Kompliment.“
Nura wollte etwas erwidern, doch das melodische Glockenspiel des Klingelzugs aus den Räumen hinter der roten Tür unterbrach ihn.
„Das ist er. Der Fuchs. Er hat geläutet.“
„Ich bin nicht taub, Nura. Und doch werden wir uns jetzt taub stellen. Ich haben es nicht gehört.“
„Und was willst du tun? Er wird läuten, bis das Seil vom Klingelzug abreißt.“
„Lass mich nur machen. Ich werde alles zu deiner – und meiner – Zufriedenheit regeln. Der Fuchs soll sich nicht anstellen. Sein Gefängnis wird ein angenehmes sein. Wenn Shayan keine Kunden hat, kann er ihn haben, solange sie beide wollen. Und glaube mir, Shayan wird wollen. Bis wir eine Lösung für dieses lästige Problem gefunden haben, wird der Fuchs unser Gast sein.“
„Und dann? Ich meine… was soll mit ihm geschehen, wenn wir eine Lösung gefunden haben?“
Nadim lächelte und fuhr sich stumm mit der Handkante über die Kehle. Er lachte, als Nura erblasste.
„Ach komm schon, Amio, sei nicht so eine Memme. Wir lassen ihn heute doch bereits sterben. So wird uns zumindest niemand der Lüge bezichtigen, wenn irgendwann irgendwo seine Leiche auftaucht.“
Wieder läutete es, dieses Mal mehrmals hintereinander.
„Götter, wie ungeduldig, ich glaube, ich werde doch einmal hingehen und das regeln. Dieses Läuten bereitet mir Kopfschmerzen. Kümmere dich um die Gäste, Amio, und lade den Grafen Variccia zu einem Wein ein, ich habe ihn doch heute Abend schon gesehen.“
Nura nickte. „Ich weiß, er ist da, er ist vor einer Weile mit Elion und Padnim ins Badehaus gegangen. Wenn er wiederkommt, rede ich mit ihm und werde ihm deine Steine schmackhaft machen. Es gefällt mir nicht, was wir hier tun.“
Nadim lachte. „Mir schon, mein Lieber. Mir schon.“
Er tätschelte noch einmal Nuras Hand. Es gefiel ihm, wie der offizielle Besitzer der Flammenden Rose jedes Mal zusammenzuckte, wenn er ihn berührte. Nura wollte von Männern nichts wissen, ihm gefielen Frauen, schöne Frauen. Einen Moment lang war Nadim versucht, ihm anzubieten, er könne auch Gerüchte darüber streuen, dass Nura mit seiner angebeteten Schwester schlief, wenn er nicht mitspielte. Doch dann überlegte er es sich anders. Die Idee war so schön, dass er sie sich für ein anderes Mal aufsparen wollte. Im Augenblick hatte Nura am Tode des Fuchses und an der Bestechung des ehrenwerten Grafen genug zu knabbern. Er stand auf, als die Glocken ein weiteres Mal aufklangen. Nura schien sich unter seinem Blick zu ducken. Er nahm den Beutel mit den Granatsteinen und verließ das Hinterzimmer Richtung Empfangsraum, während Nadim sich auf den Weg zur roten Tür machte. Der Fuchs würde keine Waffen bei sich haben, es ziemte sich nicht, die Zimmer der Huren bewaffnet zu betreten, also würde er mit ihm leichtes Spiel haben. Er griff unter die Stofffetzen seines Kostüms, wo er im Gürtel den langen Dolch verborgen hatte. Eine Hand legte er an den Griff, als er den Mechanismus betätigte und die rote Tür öffnete. Dahinter stand der Fuchs und bedachte ihn mit einem überraschten Blick – sicher, er hatte Nura erwartet. Und ziemlich sicher eine saftige Rechnung, und den Weg nach draußen. Nadim lächelte innerlich.
Leider verloren, Füchslein in der Falle.
„Nadim. Endlich, ich dachte schon, es kommt niemand mehr.“
„Wäre das denn so schlimm? Die Gesellschaft könnte doch angenehmer nicht sein!“
„In der Tat, sie war angenehm, aber das alte Sprichwort sagt, man soll doch gehen, wenn es am schönsten ist, also, danke, dass du gekommen bist, um die Tür zu öffnen, ich würde jetzt gern gehen.“
Aus den Augenwinkeln sah Nadim Shayan, der mit einem Rock aus blauer Seide bekleidet in der Tür zu seinem Zimmer stand und dem Fuchs beinahe sehnsüchtig nachblickte.
Nadim schüttelte den Kopf. „Ich bedaure, Silberfuchs, aber du wirst nirgendwo hingehen.“
Der Fuchs legte den Kopf schief. „Wie war das?“ fragte er, die Stimme sanft. Gefährlich leise.
„Du hast mich verstanden, Fuchs. Du bist bis auf weiteres unser Gast. Ich würde es begrüßen, wenn du keine Schwierigkeiten machst, sondern dich einfach damit abfindest. Du wirst bleiben. So wie ich unseren süßen Shayan kenne, hat er dir bereits das ganze Dilemma seiner Anwesenheit unterbreitet. Du siehst, Fuchs… es ist unabdingbar, dass du bleibst, denn ich will meinen Shariach nicht verlieren. Und Nura liegt auch sehr viel an ihm.“
Der Fuchs wich einen Schritt zurück. Nadim beobachtete ihn ganz genau, er achtete auf jede noch so kleine Bewegung – der Fuchs war nicht dumm, vielleicht hatte er irgendwo eine Waffe. Im Stiefel, im Ärmel, irgendwo. Diese Glücksritter waren unberechenbar. Er fasste seinen eigenen Dolch fester.
„Ihr steckt jetzt schon bis zum Hals in Schwierigkeiten, Nura und du. Sollte das, was hier passiert, irgendwie dem Fürsten zu Ohren kommen, seid ihr beide eure Köpfe los.“
Nadim lächelte. „Genau darum bleibst du hier, Fuchs. Wir können es uns nicht leisten, dass jemand redet, und ich habe das dumme Gefühl, du wirst reden, also wäre es sinnvoller und für deinen eigenen Kopf gesünder, wenn du dich darauf einstellst, eine Weile hier zu bleiben.“
„Und wenn mir der Sinn danach nicht steht? Der Fuchs bewegte sich schnell, trat noch einen Schritt zurück, bückte sich kurz und zog ein Messer aus seinem Stiefel. Nadim sah die Klinge im Kerzenlicht schimmern, er drehte sich, wich aus, das Messer in der Hand es Fuchses verfing sich in den Bändern seines Kostüms, er fühlte, wie die Klinge leicht seine Haut ritzte, doch das war alles. Er holte aus, drehte seinen eigenen Dolch in der Bewegung und ließ den Knauf der Waffe mit Wucht gegen die Schläfe des Silberfuchses krachen. Die Augen des Mannes weiteten sich einen Moment lang überrascht, dann rollten sie im Schädel nach hinten, für einen Moment sah Nadim nur noch Weiß in ihnen. Mit einem dumpfen Laut sank der Fuchs in sich zusammen und blieb reglos liegen. Ein feiner Blutfaden rann von seiner Schläfe über die Stirn.
„Meister!“ klang es entsetzt von der Tür her, „Meister, was hast du getan? Er war gut zu mir. Er war der, den ich so sehr gebraucht habe!“
Nadim schnaubte. Er kniete sich neben den Silberfuchs, tastete nach dem Puls und nickte zufrieden, als er das Pochen unter seinen Fingern spürte, langsam, aber kräftig. Er schleifte den reglosen Körper über den Beschwörungskreis und ließ ihn vor Shayans Füßen liegen.
„Darum kannst du ihn jetzt auch behalten. Er gehört dir, mach mit ihm, was du willst. Solange du keine Gäste hast, darf er bei dir sein. Kümmere dich um ihn, wenn du ihn behalten willst.“
Damit wandte Nadim sich ab und ließ die rote Tür hinter sich ins Schloss fallen. Wenn seine Informationen über die Shariach stimmten, dann verfügten diese Dämonen über eine schwache Heilergabe. Das einzige, was der Fuchs von diesem Schlag zurückbehalten würde, waren eine Schramme, vermutlich eine Beule und ein paar Stunden Kopfschmerzen. Der Shariach würde das schon wieder in Ordnung bringen. Sehr zufrieden mit sich und der Welt machte Nadim sich auf die Suche nach Nura. Er musste wissen, ob dieser Weichling bereits mit dem Grafen gesprochen hatte oder ob er auch das noch selbst erledigen musste.

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