„Kannst du mir die Mail mit der Agenda für das Meeting forewarden?“ – Anglizismenüberschuss, oder warum ich nicht „cool“ sein will

Wo früher am Bahnhof mal die Information war, befindet sich jetzt ein „Info-Point“. Man geht nicht mehr zu Arbeitstreffen, sondern kommt höchst anglizistisch in „Meetings“ zusammen, für die man zuvor keinen Themenplan, sondern eine Agenda bekommen hat. Man bringt sich seinen „Coffee to go“ mit, den man sich zuvor noch schnell beim „Coffeeshop“ geholt hat. Welcher Bestandteil eines „Bread-Shops“ ist. Früher nannte man so etwas eine Cafeteria in einer Bäckerei.
Statt wie früher super findet man erfreuliche Ereignisse oder Dinge, die einen erstaunen heute „cool“. Ein Mobiltelefon ist ein „Handy“, wenn es bereits einige Jahre auf dem Buckel hat; ist es neu, spricht der moderne Mensch von einem Smartphone. Und haben wir inzwischen nicht alle „Notebooks“? Entschuldigung, „Laptops“. „Notebooks“ sind ja diese kleinen Dinger aus Papier, in die man mit einem „Ballpen“ oder einem Füller schreibt. Mit der Hand.
Eine Nachricht ist eine „Message“, im Internet unterhält man sich nicht, ondern „chattet“ und „skyped“. Oder schreibt man das ohne e?
Die Aufforderung, Anträge einzureichen, nennt man neudeutsch „call to papers“. Klingt irgendwie nach „call to arms“, das ist gruselig.
Diätprodukte sind „light“ oder „zero“ (persönliche Erfahrungen haben mich gelehrt, dass diese Worte entweder für übersüß durch Aspartam oder für pappig und schmeckt nicht stehen), eine Frikadelle ist ein „Burger“, und in die Pfanne kommt „Bacon“ statt Speck.
Wer als Redner oder vielleicht als Journalist beeindrucken möchte, wirft mit Fremdwörtern um sich, denn diese assoziieren dem lauschenden Gegenüber eine Intelligenz und Bildung des Texturhebers, welche dieser im schlimmsten Fall gar nicht besitzt. Fremdwörter werden benutzt, um Artikel zum Schillern zu bringen, bis der Leser zwischen all den Anleihen aus Englisch, Französisch, Latein und Altgriechisch den eigentlichen Inhalt des Geschriebenen kaum noch finden kann.
Als Autorin, die in Deutschland geboren wurde, in Deutschland aufgewachsen ist und Deutsch als Muttersprache spricht, empfinde ich den zunehmenden Einsatz von Anglizismen als sprachlichen „Igittigittismus“. Für so viele Dinge, die wir heute mit Anglizismen bedenken, gibt es tatsächlich auch deutsche Wörter. Natürlich gibt es auch hier Grenzen – Markennamen wie Ebay und Paypal müssen nicht krampfhaft in „E-Bucht“ und „Bezahlkumpel“ eingedeutscht werden. Aber mein „Meeting“ ist ab jetzt ein Arbeitsgruppentreffen oder eine Besprechung, meine Agenda eine Themenliste und mein Handy ein Mobiltelefon. Und aufregende, positive Dinge sind super oder klasse oder prima. Es muss nicht alles „cool“ sein. Ich selbst will gar nicht cool sein – denn „cool“, das bedeutet wortwörtlich übersetzt „kühl“ oder „kalt“. Was sind „coole“ Klamotten? Zeug, das nicht wärmt? Dünne Blusen und kurze Hosen oder Miniröckchen im Winter? Was sind „coole“ Menschen? Die, die keine Gefühle zeigen, die nach außen kühl wie Vulkanier wirken und an denen alles abprallt?
Nein danke, das bin ich nicht.
Ich bin wohl eher uncool (was für ein Wort…), wenn ich mich jetzt wieder verabschiede und weiter daran arbeite, meine Sprache und meinen Wortschatz aufzuräumen.

Die Zwielichterwählten machen Pause

Participant-2014-Square-Button Es ist November, liebe Leserinnen und Leser, und wie für viele Autorinnen und Autoren ist auch für unsere Erfinderin das große Kampfschreiben namens NaNoWriMo ausgebrochen. Für diesen Monat schickt sie Cianthara und mich und unsere Lieblingsfeinde, die Lichtelfen, daher in die Wüste, pardon, in den Urlaub. Am ersten Dezemberwochenende sind wir wieder da.
Bis dahin bitten wir um Verständnis!

Möge die Nacht mit euch sein. Wir sehen uns!

Iloyon & Cianthara

Vom Plot zum Roman: Der Rückwärtsgang

Da haben wir ihn, den schönen roten Faden, den Plot, alles liegt vor uns ausgebreitet wie eine Landkarte, wir fangen an zu schreiben… und merken nach den ersten 20-50 Seiten: So geht das nicht.
So geschehen bei meinem „Beispielprojekt“ Silberschleicher. Eine Nacht drüber geschlafen udn auf einmal erschienen Dinge,die beim Plotten noch so schön passend und super erschienen waren,in einem ganz anderen Licht, wirkten unlogisch, lösten Widerwillen aus.

Im Grunde hätte die Geschichte funktionieren können, hätte ich nicht einen kleinen aber wichtigen Punkt außer Acht gelassen: die von mir selbst erdachte nicht gerade unkomplizierte Religion meiner Protagonisten und dazu noch einen Plotpunkt, mit dem ich mich im Nachhinein gar nicht mehr so recht anfreunden konnte.
Ursprünglich sah mein Plot nämlich eine Vergewaltigung und ein daraus resultierendes Kind vor. Ich tue mich mit Vergewaltigungen schwer, denn zum einen sind sie schon in so vielen Büchern als Plotbestandteil verwendet worden. Ich wollte meine Heldin nicht brechen, ich wollte sie in keine Krise stürzen, ich wollte keine Vergewaltigung nicht. Keine Leser, die mit den Augen rollen und „nicht schon wieder“ seufzen, keine Leserinnen, denen ich mit einer solchen Szene vielleicht auf die Füße trete oder bei der ich Wunden aufreiße. Zu heikel das Thema, zu oft schon von Autoren angefasst und mehr oder weniger gut umgesetzt. Mit der Vergewaltigung im Buch geht es mir wie mit der „ersten Periode“. Ich rolle inzwischen mit den Augen, wenn mir irgendwo wieder mal das unaufgeklärte Mädchen begegnet, das zum ersten Mal ihre Tage bekommt und glaubt, sterben zu müssen. Natürlich kann das ein einschneidender Moment im Lebe einer Protagonistin sein. Aber manchmal habe ich den Eindruck, dass solche Szenen geschrieben werden, weil… nun ja, weil man eben auch einmal so eine Szene schreiben wollte. Ich habe schon Bücher in die Ecke gepfeffert deswegen, und ich weiß von einer Freundin, die es nicht über sich gebracht hat, „Die Wanderhure“ zu lesen, wegen der Vergewaltigungsszene am Anfang. Nein, ich muss sowas nicht schreiben udn ich will sowas nicht schreiben, also baue ich meinen Plot neu, auch wenn ein „Kind der Gewalt“ gut hineingepasst hätte.

Also: Rückwärtsgang, noch mal alles auf Anfang und überlegt: wie kommt die Jungfrau zum Kind bzw. wie kommt der Nithyara-Clan an ein Kind, das sich später als extrem faules Ei herausstellt? Lösung: Es ist ein Kuckucksei, ein Waisenkind unbestimmter Herkunft, das von einer mitfühlenden Nithyarafrau auf der Jagd gefunden und mitgenommen wird -denn Kinder sind den Nithyara heilig, Kindern wird geholfen Kinder sind Zukunft.
Doch was ist dieses Kind, das wie ein Nithyarakind aussieht, aber ganz allein in einem Wald liegt, in dem es nur einen Nithyaraclan gibt -in dem aber gerade keine einzige Frau ein Kind erwartetet? Was ist das für ein Baby, das da ganz allein unter einem Baum liegt? Die Jägerin beschließt, es aufzunehmen und als eigenen Sohn aufzuziehen. Die Geschichte wird zeigen, was sie davon hat.
*böses fieses Autorenkichern*

Von der Idee zum Roman: (Haupt)-Figuren – von unkooperativ bis anbiedernd

Weiter geht’s mit meiner kleinen Zusammenfassung, wie ich einen Roman schreibe. Ich betone das hier so deutlich weil dieser Leitfaden sicherlich nicht für jeden etwas ist, aber es ist die Methode, die für mich funktioniert.

Eigentlich wollte ich mit dem roten Faden weitermachen, aber ich werde mir selbst untreu und schiebe noch ein kleines Kapitel über Figuren und ihre Entwicklung dazwischen, denn oft ergibt sich der Plot bzw. der rote Faden aus dem, was ich an Hintergrundinformationen für meine Figuren zusammentrage.

Eine Figur ohne Hintergrund ist eine leere Hülle. Ich weiß vielleicht, wie er oder sie aussehen soll, aber Aussehen allein macht noch keinen „Charakter“ aus der Figur. Auch gehöre ich zu den Autoren, die grundsätzlich nicht über eine Figur schreiben können, wenn sie noch keinen Namen hat. Da bin ich extrem pingelig. Platzhalter wie „XY“ oder „Gurkensalat“ helfen mir da auch nicht weiter. Ich brauche Namen und verbringe oft Stunden damit, nach der passenden Buchstabenkombination für bestimmte Figuren zu suchen.

Am Beispiel „Schattenschleicher“ dargestellt: ich habe meine Hauptfigur, den Nithyara „Traumweber“. Er macht es mir leicht, da ich sein halbes Leben bereits kenne. Ich kenne ihn als Erwachsenen, kann mir also überlegen, was ihm in seiner Kindheit und Jugend alles zugestoßen und passiert sein könnte, damit er am Ende der Mann wird, als den ich ihn kenne. Warum zum Beispiel musste er den Nithyarastamm verlassen, in den er hineingeboren wurde? Wer ist die Bezugsperson, von der er später Feuersänger erzählt und von der er sagt, er habe einmal jemanden verloren, der ihm sehr viel bedeutet hat? Der Einschnitt muss krass gewesen sein, denn Traumweber, der später den Namen Silbersang beommen soll, leidet seitdem unter erheblichen Bindungsängsten – ein Trauma für einen Nithyara, also: was ist passiert und wer war diese andere Person?

Kommen wir zur Hauptfigur Nummer 2, zugleich dieser mysteriöse Freund und später Antagonist in der Geschichte. Der Dunkelelf. Der Herr hat es mir schwer gemacht. Zuerst weigerte er sich, seinen Namen zu verraten, dann wollte er nicht damit rausrücken, was ihn, den Dunkelelfen, dazu treibt, sich mit einem Nithyara, dem Erzfeind, anzufreunden.
Geholfen hat mein geliebter Tintenzirkel und das „Charakterinterview“. Sesnan, so der Name des Dunkelelfen, musste sich den unangenehmen Fragen meiner Mit-Tintenzirkler stellen. Aus dem Interview ergab sich: Sesnan lernt Traumweber kennen, während er noch in seiner Ausbildung zum Spurenleser und Krieger steckt, Sesnan ist ehrgeizig, eigenbrötlerisch, stur und „eingewachsen“ in die Traditionen und Vorurteile seines Volkes.

Es wird spannend werden, diese beiden so unterschiedlichen Herrschaften aufeinanderprallen zu lassen. Nächstes Mal geht es dann weiter mit dem roten Faden: wie bekomme ich es hin, dass Sesnan und Traumweber tatsächlich die für den Plot so wichtige Freundschaft schließen? Und wie zerstöre ich alles Aufgebaute dann so nachhaltig, dass Traumweber von seinem eigenen Stamm verstoßen wird bzw. ihn aus Gründen des Ehrgefühl verlässt oder verlassen muss?
Wie wird aus Traumweber Silbersang?
Und was wird aus Sesnan, wenn alles um ihn zerbricht?

Von der Idee zum Roman: Plot, komm raus!

Geschichten sind wilde Tiere. Du kannst ihr Vertrauen gewinnen, aber du kannst sie nie ganz zähmen.
(Sabrina Zelezny, „Kondorkonder – der Fluch des Spiegelbuches“)

Du hast einen Auftrag.
Du hast einen Abgabetermin.
Du hast wartende Betaleser und, noch viel besser, eine erwartungsvolle Verlegerin, mit der das Projekt geplant und besprochen wurde, es wurde abgenickt und alle Zeichen stehen auf „go“.
Go writing. Schreib. Schreib einen verdammt guten Roman.

Und nun?
Ich bin sicher nicht die einzige Autorin, die mit einem groben Konzept, einer vagen Idee, einer mit dem Fuß auf dem Boden herumtappenden Hauptfigur, einem nebulösen Antagonisten und einem um alles herumhüpfenden comic relief-Element am Schreibtisch sitzt und sich überlegt, wie es denn nun losgehen soll, bevor es denn weitergehen kann. „Von der Idee zum Roman“ soll als Artikelreihe den Entstehungsprozess eines mir sehr wichtigen Romanprojekts begleiten.
Es geht um die Nithyara. „Feuersänger“, mein erster Nithyara-Roman, bekommt eine Hochglanzpolitur, wird in der Mitte gespalten und überarbeitet und erscheint 2015 als Taschenbuch und EBook. Und er bleibt nicht allein. Ein Kurzgeschichtenband kommt dazu – und ein Prequel, besagtes neues Projekt, um das es hier gehen soll.

Da wären wir dann schon mitten in der Planung.
Ein Roman, der „etwas mit Feuersänger oder seiner Welt zu tun hat“, soll es sein, also eine Fortsetzung oder eine Geschichte, die vor den Ereignissen in „Feuersänger“ spielen. Die Entscheidung fiel zugunsten des Prequels, weil ich mich erinnere, dass einige Leser gefragt hatten, ob sie denn mehr über Figuren erfahren könnten, die bei Feuersänger zwar wichtig sind, aber eben keine Hauptrolle spielen.
Damit hat sich dann schon der nächste Planungspunkt erledigt: ich habe meine Hauptfigur. Silbersang, der Legendensänger und im „Feuersänger“ Feuersängers Lebensgefährte und Seelenbruder, hat das Rennen um den ersten Platz gewonnen. Ich habe irgendwie auch das Gefühl, es ist nur fair, seine Geschichte ebenfalls zu erzählen, denn für Feuersänger ist Silbersang immens wichtig.
Mit der Hauptfigur kommt der Sidekick, genau genommen zwei davon. Sternenglanz, Feuersängers Lehrmeister, wird eine wichtige Rolle spielen, ebenso ein im Augenblick noch namenloser Dunkelelf. Und natürlich die in meinen Romanen allgegenwärtige Katze in Form eines ganz besonderen Nachtschleichers. Weitere Personen werden nach und nach folgen, meist entstehen sie erst während des Schreibprozesses und füllen sich nach und nach mit Leben. das ist der Moment, in dem Die Kladde zum Einsatz kommt, denn irgendwann wird es schwierig, sich alle kleinen Feinheiten, Haar-und Augenfarben, Körpergrößen, Macken und Haustiere der versammelten plotrelevanten Figuren zu merken.

Und da fiel schon das nächste Stichwort. Plot.
Früher war ich Bauchschreiber, heute plotte ich. Zu oft habe ich die reinen „Bauchprojekte“ inzwischen an die Wand gefahren. Es muss sein, der rote Faden muss her, am besten schriftlich festgehalten in Der Kladde.
Was brauche ich für den Plot? Erst einmal eine Grundidee. Schreibratgeber nennen das oft „Prämisse“, ich nenne es eher Grundidee, das Eine, um das es in der Geschichte gehen soll, worauf sie hinausläuft.
In „Feuersänger“ spricht Silbersang nur ein einziges Mal über seine Vergangenheit, und auch da macht er nur Andeutungen. Er hat Bindungsangst, er spricht Feuersänger gegenüber von Freundschaft und Verrat. Und damit habe ich meinen Aufhänger. Freundschaft, Verrat und, damit das Ende nicht zu traurig wird, Hoffnung, vielleicht sogar Vergebung, wobei noch festzustellen ist, wer am Ende wem vergibt. Darum wird es in der Geschichte gehen.
Leicht gesagt. Wie eingangs zitiert, Geschichten sind wilde Tiere. Noch einmal danke an Sabrina Zelezny für dieses wunderschöne Bild. Ich komme mir gerade wirklich so vor, als würde ich ein scheues Tier zähmen wollen. Die Ideen liegen aus wie Futterbröckchen, wie ein Köder, und ich warte darauf, dass sich das Gesamtbild aus diesem Flickenteppich ergibt, wenn die Geschichte aus ihrem Loch gekrochen kommt und nach den Ködern schnappt.

Ich brauche Konflikt, nicht nur Silbersangs inneren, mit der Freundschaft-und-Verrat-Sache zusammenhängenden Konflikt, sondern auch einen äußeren. Ein Feindbild muss her, ein Antagonist, eine Bedrohung. Die Regieanweisung der Verlegerin lautete: Bitte nicht die Dämonen aus dem „Feuersänger“.
Nein, natürlich nicht, dann würde ich ja dieselbe Geschichte zweimal erzählen, nur mit anderen Namen. In der Geschichte der Nithyara gibt es diese Bedrohung. Es ist noch gar nicht so lange her, in den Maßstäben eines sehr langlebigen und als unsterblich geltenden Volkes gedacht, dass die große Schlacht zwischen den hellen und den dunklen Völkern geschlagen wurde und mit einem unbefriedigenden Unentschieden ausging. Schuld daran waren unter anderem ein paar Dunkelelfen, die es leid waren, ständig im Gezerre zwischen Licht und Dunkel zu stehen und nach einem anderen Weg suchten. Aus diesen Dunkelelfen gingen die Nithyara hervor. Oh, da ist es ja, mein Konfliktpotential: Dunkelelfen und Nithyara können sich nicht ausstehen. Sie trauen einander nur so weit, wie sie einen ausgewachsenen Baum werfen können.
Was aber nun, wenn ein Nithyara sich mit einem Dunkelelfen anfreundet?
Was, wenn aus vorsichtiger Annäherung heimliche Freundschaft, heimliche Liebe entsteht?
Und dann: Verrat.

Die Geschichte nähert sich, futtert die Köder, dann setzt sich sich vor mich hin und sieht mich an. In ihren großen Augen spiegelt sich eine Welt, meine Welt, wie ein offenes Buch. Je nachdem, wie das Licht in diese Augen fällt, sehe ich etwas anderes. Und langsam formt sich ein Bild.
Und die Geschichte sagt: Da bin ich.

Nächsten Sonntag geht es weiter mit dem roten Faden. Kapitelexposé: Ja oder nein?

Rückblick und Ausblick mit Kater

kater_klein Der letzte Tag des Jahres 2013 – Zeit für ein kleines Resümee.
2013 war ein durchwachsenes Jahr, Erfolg und Misserfolg hielten sich die Waage; und es war ein Jahr der Veränderungen.
Der Kater, seine Kumpels und wir Menschen wechselten unseren Standort, der Umzug war schon lange fällig und die letzte Mieterhöhung gab dann den Ausschlag: raus aus der alten Bude, ab in eine neue. Näher am Arbeitsplatz, schimmelfrei, günstig gelegen, leider ein Zimmer zu wenig, aber Kater, Freunde und Menschen arrangierten sich. Wieder ein Jahr ohne Mittelalter – schade, aber es ließ sich nicht ändern, Zeit und monetäre Verhältnisse waren gegen uns.

Erfolgreich: das Schreiben. 2013 erblicke das „Nachtjägerherz“ beim Machandelverlag das Licht der Welt, eine Fortsetzung und weitere Kooperationen sind geplant. Die Kurzgeschichte „Jahrestag“ schaffte den Sprung in die Torsten-Low-Anthologie „Krieger“. Im NaNoWriMo entstand die Neufassung eines bereits 2012 abgeschlossenen erotic-Fantasy-Romans, der durch das Neuschreiben nur gewinnen konnte. Fazit eines Jahres ohne Kampfschreiben im Tintenzirkel: diese Autorin ist eine faule Socke, die nur dann etwas auf die Reihe bekommt, wenn ein allegorischer Jemand mit Pistole hinter ihr steht, Realität geworden in Form des Tintenzirkel-Wörterzähltabellendokuments, in das im kommenden Jahr das Jahresziel 250.000 eingetragen wird. 250.000 Wörter in einem Jahr, fünf NaNoWriMos verteilt auf nur einen einzigen NaNoWriMo und viele ruhigere Schreibmonate. Zeit, angestaubte Unfertigkeiten aus der Mottenkiste zu kramen und end-losen Romanen zu einem tosenden Finale zu verhelfen oder brachliegende Plotideen weiter zu beackern und so lange zu düngen, bis die Ideen schlüpfen.

Der philosophische Herr Kater wird im nächsten Jahr deutlich mehr Platz in diesem Blog bekommen. Aus unserem Leben ist er nicht mehr wegzudenken, ebensowenig seine kätzischen Freunde. Frei nach Loriot: Ein Leben ohne Katzen ist möglich, aber sinnlos.

Noch ein Wort des Katertieres:
Menschen, euch erwartet eine phantastische Nacht. Habt ihr das schon einmal erlebt, Neumond und Neujahr, die in einer einzigen Nacht zusammenfallen? Neumond und Neujahr – alle Zeichen stehen auf Veränderung. Ergreift diese Möglichkeit. Wir Katzen kennen den Mond, unsere Schnurrhaare zittern vor Erwartung und die Zukunft knistert in unserem Fell. Erwartungsvoll strecken wir unsere Rücken, graben die Krallen noch einmal fest in das alte Jahr, und dann springen wir, wach und mit offenen Augen, voller Vorfreude auf das viele Neue, das uns erwartet, hinein in das Jahr 2014. Genießt die Augenblicke, die vielen kleinen schönen Momente, an denen ihr schnellen Menschen oft so hastig vorbeilebt. Mein Mensch hat sich für das neue Jahr eine Idee gemopst, die vor ihr schon einmal jemand hatte – sie ist so genial, dass es eigentlich nur die Idee einer Katze gewesen sein kann. Mein Mensch will diese schönen kleinen Momente sammeln und für die Ewigkeit bewahren – notiert auf Zettelchen, vielleicht nur ein Satz, ein Wort, ein schnell hinskizziertes Bild, ein Foto, und das alles konserviert in einem Glas. Dieses Glas wird das Jahr über nicht angerührt, nur, um weitere Zettel hineinzulegen. Erst in der Silvesternacht 2014 auf 2015 wird das Glas geöffnet – ein Glas voller wunderbarer Momente, ein Glas voller Erinnerungen. Ich bin mir sicher, dass ganz viele dieser Erinnerungen mit Freunden zu tun haben werden, mit wunderbaren Menschen, die das Jahr über an uns gedacht haben, die da waren, die geholfen haben, die sich mit uns gefreut und mit uns geweint haben.
Wäre so ein Glas nicht auch etwas für eure Fensterbank?

Alles Gute für das neue Jahr – ad astra!
Eure
Tina & Kater

Eine Nacht in der Oper, oder „Drama, Baby!“

Gestern war ich seit einer halben Ewigkeit wieder einmal in einer Oper und habe da erst gemerkt, wie mir das doch gefehlt hat. Es gab „La Traviata“, aufgeführt von einem tschechischen Ensemble mit einer grandiosen Sopranistin, der man die Hauptrolle nicht nur stimmlich, sondern auch vom Aussehen her abgenommen hat. Wirklich: schön war das. Und welch ein Drama! Liebe, Sinnlichkeit, Leidenschaften, Geld, Glücksspiel im Hinterzimmer, Edelkurtisanen, Duelle, Eifersucht.
Ist das nicht der Stoff, aus dem heute noch immer Großes Kino gestrickt wird? Zum ersten Mal ist mir wirklich bewusst geworden, dass zu den Zeiten, als es noch kein Kino gab, eine Theater-oder Opernaufführung genau das für die Menschen war, was heute ein romantischer, spannender, dramatischer oder actionreicher Hollywoodstreifen ist. Schade, dass die Oper nicht mehr so ein gesellschaftliches Ereignis ist wie früher. Nicht, dass man nicht auch heute noch in der Pause mit Bekannten quatscht und Sekt schlürft. Aber was wurde früher alles in Opernlogen verhandelt, was wurde nicht alles in Opernlogen getrieben an verbrechen und Geldschiebereien? Die Oper inspiriert – sonst hätte es wohl nie den Roman „Das Phantom der Oper“ gegeben oder all die Nachfolger, die sich mit dem berühmten Maskengesicht befassen. Sehr zu empfehlen ist da übrigens der Roman Das Phantom von Susan Kay, das die Geschichte von Gaston Leroux‘ Phantom aus dessen Perspektive ganz neu erzählt.
Ich bin gespannt, wozu die Oper mich noch inspirieren wird.

Und so beginnt es…

2013-Participant-Square-Button
Der Wahnsinn geht in die… mal überlegen… sechste Runde, zumindest für mich. Zum sechsten Mal werde ich in diesem Jahr am National Novel Writing Month, kurz NaNoWriMo, teilnehmen. Vom 1. bis zum 30. November heißt es dann wieder: Kampfschreiben, was das Zeug hält, und mindestens 50.000 Wörter eines zusammenhängenden Schreibprojekts aus dem Boden zu stampfen. Ein Roman in einem Monat.
Immer wieder kommt die Frage: Warum machst du das? Was soll das? Du hast das ganze Jahr über Zeit, deine Bücher zu schreiben, warum verfällst du im November in diesen Irrsinn und versuchst, in einem Monat ein Buch zu schreiben?
Die Antwort darauf musste ich für mich selbst auch erst einmal finden, denn bis 2007 gehörte ich auch zu denen, die den NaNoWriMo-Schreibern oder kurz „Naniten“ den berühmten Vogel gezeigt haben und staundend-sprachlos den Kopf schüttelten. „So ein Käse. Was soll der Quatsch?“
Bis ich dann das erste Mal mitgeschrieben habe, in Gemeinschaft mit dem Team des Autorenforums Tintenzirkel unter der Teamleitung der wunderbaren Maja Ilisch.
Seitdem lässt mich das NaNoWriMo-Fieber nicht mehr los. Die Atmosphäre im Team ist einfach großartig, das Mitfiebern mit den anderen, das gegenseitige Aufmuntern und Anspornen, die Schreib-Battles, die Hilfe bei Plotlöchern, Schreibblockaden und zickenden Romanhelden, das alles ist einfach ein perfektes Mittel gegen Herbstdepressionen und aufkommenden Winterblues. Allein die Vorbereitungszeit, die meist ab Ende September so richtig beginnt, ist der Kracher. Auf einmal schießen überall die Romanideen wie Pilze aus dem Boden, werden geteilt, besprochen, diskutiert, reifen wie Wein, werden immer besser. Man hibbelt dem ersten November bzw. dem magischen Mitternachtsläuten vom 31. Oktober auf den 1. November entgegen, und dann… dann geht es los, man öffnet das Dokument, schreibt den Titel, den ersten Satz. Daneben läuft der Tintenzirkelchat oder man spricht sich über Skype oder icq oder die NaNoWriMo-Webseite ab. Und man weiß, man ist nicht allein. Auf der ganzen Welt sitzen in dieser Nacht Autorinnen und Autoren jeden Alters und beginnen mit dem Mitternachtsläuten, einen neuen Roman zu schreiben.
Der Gedanke hat etwas Faszinierendes.
Ich freue mich drauf. Ihr auch?

Mit der Kettensäge auf Füllwortjagd: Der Betaleser

Gestern habe ich darüber geschrieben, wie ich Textkritik annehme, heute möchte ich ein wenig über das Geben von Textkritik schreiben.
Erst einmal: einen fremden Text zu betazulesen“ ist ganz sicher nicht einfach (verflixt, muss da jetzt ein Komma hin oder nicht? Ich brauche schon Betaleser für mein Blog!). Schon gar nicht, wenn es der Text eines guten Bekannten oder einer guten Freundin ist, sprich, von einem Menschen, dem man auf gar keinen Fall auf die Füße treten, die Lust am Schreiben nehmen oder ihn sonst irgendwie „runterziehen“ möchte. Also, was tun?

Beschnuppern
Wenn ich für jemanden aus meinem Bekannten-und Freundeskreis betalese, dann teste ich erst einmal an, ob mir der Stil des Autors überhaupt liegt. Denn wenn nicht, brauche ich gar nicht erst anfangen, einen Beta-Durchgang zu machen. Dann kann ich vielleicht Tippfehler und Grammatik korrigieren, wenn nötig, vielleicht auf die innere Logik gucken, aber keine Stilvorschläge unterbreiten – denn dann müsste ich den ganzen Text ummodeln und würde dem Autor damit meinen Stil aufzwingen, statt mit ihm zusammen an seinem zu arbeiten. Da sollte man als Betaleser auch durchaus den Mut haben, einen Text nach einem kurzen Beschnuppern zurückzugeben und so ehrlich sein, zu sagen, dass man damit nichts anfangen kann. Lieber ein abgelehnter Text als eine angeknackste Freundschaft.

Vorschläge
„Nimm, was du brauchen kannst, und hau den Rest in die Tonne“. Damit will ich nicht sagen, dass der Autor all meine Kommentare ignorieren und weiter sein Ding machen soll, nein. Ich sage ihm damit, dass das, was ich ihm gebe, Vorschläge sind, Dinge, die ich vielleicht besser, glatter, passender, schöner finde. Oft wird man als Autor so betriebsblind dem eigenen Text gegenüber, dass man murksige Formulierungen oder seltsame Bilder gar nicht mehr wahrnimmt und seinen eigenen Stilmarotten gegenüber vollkommen immun ist. Das kennt sicher jeder, eine bestimmte Formulierung, ein Bild, das einem besonders gut gefällt, und das sich, weil man es ja so liebt, in jeden zweiten Satz einschleicht. Meine Autorenkollegin Tanja Rast nennt meine Marotten liebevoll „Ary-ismen“, nach meinem Tintenzirkel-Forennamen „Aryana“ und dem bekannten „-ismus“. Mein Pferdefuß sind Cicero-eske Rhetorikstilmittel. In Maßen vielleicht ganz nett, aber ich gebe zu, man kann es auch übertreiben, und wie schrecklich sich das später liest, nehme ich selbst gar nicht mehr wahr, da brauche ich Betaleser, um mich mit der Nase auf diese Häufungen zu stoßen. Finde ich bei anderen so etwas, markere ich es natürlich auch an. Trotzdem versuche ich, nicht jede dieser kleinen Marotten auszumerzen, denn sie sind das, was den Stil des Autors prägt und ihm in der richtigen Dosis die persönliche Note verleihen, typisch für ihn ist.
Genauso sehe ich die Jagd auf Adjektive und Füllwörter. Die Dosis macht das Gift, nicht jedes Adjektiv ist überflüssig und nicht jedes Füllwort tatsächlich nur ein Füllsel. Trotzdem – oft sieht man als Betaleser sehr viel besser als der Autor, wo man die Kettensäge ansetzen und einen Text kürzen und straffen kann. der Autor hängt mit Herzblut an jedem Wort, der Betaleser erkennt unter der ganzen Textverliebtheit besser die Grenze zwischen dem, was wirklich noch nötig ist, und dem sich endlos wiederholenden Gelaber, in das man gerade dann so leicht verfällt, wenn man zum beispiel den NaNoWriMo mitschreibt und nicht nur Qualität, sondern auch Quantität produziert.

Objektivität
Kritik ist niemals zu 100 Prozent objektiv. Trotzdem versuche ich, so objektiv wie möglich zu formulieren, freundlich, ohne Spitzen, wenn ich weiß, dass der Autor es verträgt, mit einer Prise Humor. Nichts tut so gut, wie beim Überarbeiten über die eigenen kleinen Unzulänglichkeiten zu lächeln oder sogar laut zu lachen. Und es nimmt der Kritik die Schärfe.

Erklären
„Das ist nicht gut“ ist durchaus eine Kritik, aber keine Brauchbare, denn sie ist unbegründet. Ich bemühe mich, zu erklären, warum mir etwas nicht gefällt, auch wenn das Nichtgefallen zuerst vielleicht nur einem vagen Bauchgefühl entspringt. Mit etwas Suchen gibt es für vieles, das sich beim lesen seltsam anfühlt, eine Erklärung. „Dein Protagonist handelt unlogisch“. Okay, Protagonisten sind meist auch nur Menschen und nicht immer komplett logisch, aber dem Autor hilft nicht, wenn ich ihm sage, dass sein Protagonist unlogisch handelt oder sich out-of-character benimmt, ich muss an beispielen belegen, wo im Text er das tut, damit der Autor mein Genörgel über den inkonsequenten Helden auch nachvollziehen kann.

Loben!
Finde ich ganz wichtig. Ich sage „meinen“ Autoren nicht nur, was mich nicht gefällt, sondern gerade auch, wenn mir etwas besonders gut gefällt oder ich eine Formulierung oder eine Plotwendung für sehr gelungen halte. Ich bin selbst ein Mensch, den Kritik zwar anstachelt, etwas besser zu machen, den aber auch ausschließlich negatives Feedback eher dazu animiert, den Kopf in den Sand zu stecken und alles in die Tonne zu treten, statt an der Sache zu arbeiten. Lob ist das, was am meisten motiviert, also, liebe Betaleser, spart bei aller gerechtfertigten Kritik nicht mit Lob und gönnt dem gebeutelten Schreiberling, dessen Text ihr seziert, auch ab und zu mal einen Keks.

Danke fürs Lesen!

Vergossenes Herzblut: Vom Umgang mit Textkritik

Leise Musik.
Vorhang auf.
Die Autorin sitzt vor dem Computer und lächelt selig.
Die Szene ist gelungen. Ja. das ist das Beste, das ich in meinem Leben geschrieben habe. Alles stimmt. Die Perspektive. Die Figuren, wie sie handeln, was sie sagen. Ich war wirklich gut dieses Mal.
Die Autorin nimmt ihren Text, küsst ihn noch einmal zum Abschied und dann schickt sie ihn in die Welt. Zu einem Betaleser. In ein Textkritikforum. Oder sie stellt ihn in ihr Blog, damit alle sehen, was für eine geniale Szene sie da geschrieben hat, in der alles stimmt, in der alles gut ist, so wie es ist.

Und dann kommt sie, die kalte Dusche. Der Betaleser hat aus drei Seiten Text fast zehn gemacht, so viele Kommentare und Korrekturvorschläge hat er hineingeschrieben. Der ganze Text ist rot, kaum noch ein zusammenhängender schwarzer Satz und der Rand trieft vor rosa unterlegten Kommentaren. Nicht anders im Textkritikforum. Beitrag um Beitrag haben sich hinter den Text gehängt, man hat ihn seziert, auseinandergenommen, analysiert, Satz für Satz kommentiert und nichts als ein Schlachtfeld übriggelassen, über das rot das Herzblut der Autorin rinnt. Auch die Kommentare im Blog lassen zu Wünschen übrig. Da ist kein Lob. Nirgends. Nur mehr oder weniger (in den Augen unserer frustrierten Autorin eher weniger) konstruktive Meinungen, die alle eines gemeinsam haben: sie tun weh.
Die Autorin ist enttäuscht, wütend und traurig.
Aber das war doch wirklich richtig gut! Warum sagt mir niemand, dass es gut ist? Füllwörter? Adjektivitis? Pah. Die Adjektive brauche ich, damit sich auch alle anderen das Ganze so vorstellen können, sie ich es vor meinem inneren Auge sehe. Ich brauche die Adjektive doch, um die Gefühle meiner Figuren zu transportieren. Schwache verben? Logiklöcher? Mangelhafte Recherche? Perspektivwechsel? Das kann doch alles nicht sein. Haben die meinen Text überhaupt gelesen, haben sie ihn verstanden?
Leise Musik.
Vorhang fällt.

Hand auf’s Herz – welcher Angehörige der schreibenden Zunft hat sich nicht schon einmal über Kritik am eigenen Werk geärgert? Wie geht man um mit vernichtender Kritik, mit Nicht-Lob, mit Meinungen, die von der eigenen abweichen, mit dem gnadenlosen Verriss eines Textes, den man doch mit so viel Liebe geschrieben hat, der einem selbst so gut gefällt, den man selbst für wirklich gut hält?
Negative Kritik, ganz gleich, wie konstruktiv und behutsam sie auch formuliert ist, schmerzt, das ist klar. Ich habe keinen allgemeingültigen Rat, wie „man“ mit einem Verriss umgehen sollte. Ich möchte hier nur aus eigener Erfahrung schreiben, wie ich gelernt habe, damit umzugehen, wenn jemandem mein Geschreibsel nicht gefällt und er das auch unverblümt kundtut.
Die eingangs beschriebene Szene habe ich am eigenen Leib erfahren. Ich war wütend, stinkwütend, überlegte, mich umgehend aus dem bösen Textkritikforum wieder abzumelden und mich mit meinem geliebten Text in meinem Zimmer einzuschließen und nichts, aber auch gar nichts daran zu ändern. Denn die anderen sind schließlich alle doof und verstehen mich und meinen Text sowieso nicht.
Falsch. Nein. So nicht.
Spätestens, als mir auffiel, dass nicht nur ein Leser sondern gleich mehrere mit einigen Kritikpunkten einer Meinung waren, begannen die Gedankenrädchen, sich zu drehen. Da musste doch was dran sein. Also: eine Nacht darüber geschlafen, dann noch eine und noch eine, so lange, bis ich mir die Meinungen zum Text durchlesen konnte, ohne gleich traurig oder wütend zu werden. Mir wurde klar – die hatten Recht. Zumindest teilweise. Ich nahm, was ich von den angemäkelten Punkten übernehmen wollte, überarbeitete, stellte den Text noch einmal zur Diskussion, und auf einmal kam auch das ersehnte Lob.

Aus meinen Erfahrungen mit Textkritik und Betalesern habe ich drei Dinge gelernt:

Kritik spiegelt immer eine Meinung wider, die meist nicht die eigene ist.
Darum: durchlesen, durchatmen, bis zehn zählen, noch einmal lesen, darüber schlafen, das Ganze ruhen lassen und dann entscheiden, welchen der kritisierten Punkte ich aufgreifen will, wo ich etwas ändern möchte und wo ich ganz klar sage: nein, das ist meins, das ist mein Stil, da lasse ich mir nicht hineinreden. Meist sind die Hinweise von Textkritikern und Betalesern freundlich gemeinte Hinweise, Ratschläge und Vorschläge. Man kann sie annehmen – muss aber nicht. Am Ende gehört der Text immer noch mir.

Stell nie einen Text zur Diskussion, der aus ganz frischem Herzblut besteht.
Natürlich hängt mein Herz an allem, was ich geschrieben habe. Meine Bücher, meine Geschichten, sind meine geistigen Kinder, natürlich liebe ich sie. Mütter lieben ihre Kinder ebenfalls, aber sie lieben sie anders, wenn sie Babys sind, als wenn sie im heiratsfähigen Alter mit dem Partner vor den Traualter treten. Ich lasse meine Geschichten zumindest ins Teenageralter reifen, bevor ich sie das erste Mal aus der Hand gebe. Mit etwas Abstand zum eigenen Werk ist auch „böse“ Kritik sehr viel erträglicher. Sicher, auch bei Kritik an einer schon gereiften Geschichte kann man sich über angemarkerte Kleinigkeiten ärgern, aber es fällt leichter, wenn es einem gelingt, das eigene Werk mit etwas Abstand, sozusagen mit Lektorenaugen, zu lesen. Darum: reifen lassen. Sobald das Wort „Ende“ unter dem Text steht, schließ ihn für ein Weilchen weg, dann lies ihn nochmal. Du wirst dich wundern. Überarbeite im stillen Kämmerlein, einmal, vielleicht zweimal, und erst dann nutze Betaleser und Textkritikplattformen.

Textkritikplattformen sind nicht für jeden etwas.
Manch einer möchte zu seinem Text möglichst viele Meinungen. Anderen sind zwei oder drei lieber, danach vielleicht noch einmal zwei oder drei andere, aber kein Wust von vielleicht zwanzig Antworten, die vielleicht noch alle unterschiedlich ausfallen. Darum: Suche dir die Möglichkeit, an Textkritik zu kommen, die für dich die beste ist, mit der du dich am wohlsten fühlt. Für den einen ist es ein Textkritikforum, für den anderen ein Stamm an Betalesern, die man nicht selten ebenfalls in den verschiedensten Autorenforen findet. Und auch hier: sei wählerisch. Vielleicht stellst du fest, dass du mit Betaleser A wunderbar klarkommst, mit B aber nicht arbeiten kannst, und wenn das Schicksal der Welt davon abhinge. Trau dich, das zu sagen. Betaleser beißen nicht, meist sind sie sogar Freunde, zumindest Bekannte. Man kann mit ihnen reden. Und vielleicht klärt ein Gespräch mit B die Fronten derart, dass er danach die Arbeit von A wunderbar ergänzen kann.

Ganz wichtig ist: so gemein sie im ersten Moment auch wirken, Textkritikforen-Meinungen und Betaleserkommentare sind nicht dazu da, den Autor „runterzuziehen“. Die Kritiker wollen alle nur eins: den Text besser machen. Und manchmal gehen die Meinungen, was „besser“ ist, schon mal auseinander.
In diesem Sinne: weiterschreiben und nicht entmutigen lassen!