Erwählte des Zwielichts 35

zwielichtbild Veannan richtete sich auf und sein Gesicht verzog sich zu einer Maske des Schmerzes. „Ist ihm etwas zugestoßen? Wo ist er, und wo ist Cianthara?“
„Sorgt euch nicht. Es geht beiden gut. Sie sind in der Nähe. Sie haben mich gebeten, erst einmal allein mit euch zu sprechen, denn es ist etwas geschehen, und das ist ein wenig… kompliziert.“
„Was kann so kompliziert sein, dass Iloyon und Cianthara es uns selbst nicht erzählen könnten?“ Malikas Stimme klang ungehalten.
„Es hat etwas mit dieser Desertation zu tun, nicht wahr?“ vermutete Liandras, und Flammenstern sah Amayas nicken.
„Ja. Auch wenn es inzwischen weitaus mehr ist als das.“
„Wie soll ich das verstehen?“ Liandras lehnte sich vor, seine Augen funkelten im Feuerschein. „Er will sich aus dem Krieg zurückziehen. Er will nicht zurück zum Heer. Für mich ist das Desertieren.“
Amayas lächelte. Flammenstern biss sich auf die Lippen. Er kannte dieses feine, leicht ironische Lächeln so gut. Wann immer Amayas einen Plan hatte, den einen Gedanken, auf den vor ihm noch keiner gekommen war, dann tanzte dieses Lächeln auf seinen Lippen.
„Lass mich dir und euch allen eine Frage stellen. Wenn jemand beschließt, dass sein Volk nichts mit ihm zu tun haben soll, würdet ihr das dann eine Desertation nennen, auch wenn dieses Volk sehr wohl auf einer der beiden Seiten kämpfen könnte?“
Liandras schnaubte. „Was soll das? Es gibt kein Volk auf dieser Welt, das nicht in irgendeiner Weise in den Krieg verwickelt wäre. Auch wer nicht selbst kämpft, wählt eine Seite. Ein solches Volk gibt es nicht.“
„Und wenn es so wäre? Wenn es so ein Volk gäbe?“
Jetzt war es Dirian, der die Stimme erhob.
„Die Götter müssten es hier und jetzt aus dem Boden stampfen, dieses neue Volk. Sie müssten es backen aus Lehm und Erde, oder aus dem Blut der Gefallenen. Da hätten sie genug Material.“ Es klang bitter.
Amayas lächelte immer noch. „Das haben sie nicht getan.“
„Was?“ Dirians Blick bohrte sich in Amayas‘ Augen.
„Ich sagte, sie haben es nicht aus dem Blut der Gefallenen geschaffen oder aus Lehm und Erde gebacken. Aber Götter haben ihre Finger im Spiel, das ist richtig. Glaubt mir, ich verstehe auch nicht alles, was geschehen ist. Aber um Iloyons und Ciantharas Willen, lasst mich versuchen, es zu erklären.“
„Was zu erklären?“ Sirisa und Rhian sprachen beinahe gleichzeitig, dann erhob die Magierin sich. „Ich habe eine Bindung zu meinen Zaubern, also auch zu dem Bann, den ich zu unserem Schutz um diesen Ort legte. Ich war müde, viel zu müde für einen wirklich guten Schutz. Aber ich habe schon während ich ihn wob gefühlt, dass etwas anders war hier. Mir war, als würde ich aus allem, was mich umgibt, Kraft ziehen. Und als ich schlief, träumte ich von kleinen Flammen, die von den Sternen fielen, auf meinen Bann hinab, und in ihm aufgingen und ihm Kraft gaben.“
Flammenstern sah Nebelstreif an, die neben ihm saß und vor Erwartung beinahe zitterte.
//Sie teilt meinen Traum vom Sternenfeuer!//
Flammenstern nickte. //Vielleicht nicht nur sie.//
Amayas nickte Sirisa zu, dann sprach er wieder. „Erinnert ihr euch noch an Iloyons Frage? An die Frage nach dem Lachen im Wind?“
Sirisa nickte, ebenso Rhian. „Wir haben es beide gehört.“ Die Heilerin sah sich um und umfasste mit einer Geste den Wald. „Es ist hier. Die ganze Zeit. Ich kann es nicht immer hören, aber ich kann es fühlen. Und der, de da lacht, beobachtet uns. Aber er ist keine Bedrohung.“
Malika schüttelte den Kopf und schnupperte an dem Tee, der im Helm über dem Feuer vor sich hinkochte. „Ich weiß ja nicht, was ihr getrunken habt, bevor ihr schlafen gegangen seid, aber Rhian sollte besser mal nach ihrer Wuzelschnapsflasche schauen.“
Rhian warf Malika einen fast böse funkelnden Blick zu. „Ich habe keinen Schnaps mehr. Der letzte ist dabei draufgegangen, als ich Veannan und Amayas verbunden habe. Vielleicht solltest gerade du den Mund nicht so weit aufreißen. Du nicht und Liandras auch nicht. Ihr wärt doch ohnehin zurückgegangen. Vielleicht wäre es besser, ihr tut das gleich.“
Flammenstern atmete scharf ein, als er die Heilerin so scharf antworten hörte. Er wollte aufspringen, aber Nebelstreif packte seinen Ärmel und schüttelte stumm den Kopf. Flammenstern entspannte sich widerwillig und blieb sitzen. Still lauschte er weiter.