Erwählte des Zwielichts 36

zwielichtbild Amayas hob seine Hände.
„Nein. Wir werden uns jetzt nicht zerfleischen. Iloyon hat es jedem von uns freigestellt, zu gehen oder zu bleiben, und so werden wir es halten. Aber es soll niemand gehen, bevor er nicht gehört hat, was ich euch von Iloyon sagen soll. Er und Cianthara waren weit fort, während wir uns ausgeruhten. Und länger, als es uns vorgekommen ist.“
Rhian und Sirisa rückten näher an Amayas heran, auch Naeve, Veannan, Amon und Luath schoben sich dichter ans Feuer. Malika lehnte sich an Liandras, der etwas abseits unter einem Baum saß, und Dirian gesellte sich zu ihnen. Der einzige, der unschlüssig irgendwo in der Mitte blieb, war Nidhan.
„Erzähl.“ Sirisa legte eine Hand auf Amayas‘ Arm. „Wir werden zuhören.“
Iloyon spannte sich wieder. Er hatte gefühlt, was in Amayas vorgegangen war, als während des neuen Blutschwurs die Bilder zwischen ihnen hin und her geflogen waren. Wie konnte Amayas das in Worte fassen? Iloyon merkte erst, dass er den Atem angehalten hatte, als Nebelstreif ihn sanft anstieß. Sie lauschten schweigend.

„Als ich sagte, es sei kein desertieren mehr, da meinte ich das vollkommen ernst“, begann Amayas. „Auch, als ich von einem neuen Volk sprach. Iloyon und Cianthara sind bei denen gewesen, die uns schon beobachten, seit unsere Kundschaftertruppe sich vom Rest des Heeres trennte. Die, deren Lachen wir im Wind gehört haben. Die, von deren Sternenfeuer einige von uns geträumt haben. Ich habe das Feuer mit eigenen Augen gesehen. Iloyon selbst hat es mir gezeigt. Er hat mich sehen lassen, wo er und Cianthara gewesen sind und wer es ist, der uns beobachtet – es sind zwei Beinahe Vergessene. Ja, ich weiß. Auch ich habe das Zeichen gegen Götterflüche geschlagen, als ich davon erfuhr. Aber inzwischen weiß ich, dass sie keine dämonischen Wesenheiten sind. Sie sind nur Götter auf der Suche nach einem Anker, der sie in dieser Welt halten kann.“
„Und dieser Anker… das sollten Iloyon und Cianthara sein?“ Naeve zog eine Augenbraue hoch und sah Amayas an.
„Ja. Die Götter haben unsere Gefährten sozusagen genommen und etwas Neues aus ihnen erschaffen. Ich habe Iloyon und Cianthara in ihrer neuen Gestalt gesehen, meinen Bluteid mit Iloyon erneuert und durch ihn gesehen, was geschehen ist.“
„Und du bist dir ganz sicher, dass Iloyon noch immer Iloyon ist?“ Liandras‘ Stimme troff von Zweifel und Misstrauen.
Flammenstern spürte einen tiefen Schmerz in sich, als er erkannte, dass er ihn und vermutlich auch Malika verlieren würde. Das Misstrauen tat weh. Er biss sich auf die Lippe. Nebelstreif berührte ihn wieder sanft, auch in ihren Augen sah er Schmerz. Er begann, sich zu fragen, ob er schon immer so intensiv gefühlt hatte, wie in diesem Augenblick. Er hatte es bedauert, als die andere ihm deutlich gemacht hatten, dass sie sicher nicht alle mit ihm fortgehen würden. Er hatte gewusst, dass es schwer sein würde, sie ziehen zu lassen, aber diesen Schmerz hatte er nicht erwartet. Er spürte ihn in sich, und zugleich spürte er, wie neben diesem Schmerz etwas in ihm wuchs und stärker wurde. Es war nicht zu ändern, dass sie gehen wollten. Er würde sie niemals zwingen, und er würde ihnen vergeben. Und irgendwann würde er vergessen. Dass sie ihm wehgetan hatten. Er lächelte. In der alten Sprache der Nithyara bedeutete das „Sayanan’tei-vahr“. Vergeben und vergessen. Aber so einfach, wie es klang, war es nicht.