Erwählte des Zwielichts 37

zwielichtbild „Ich bin mir sicher.“ Amayas hob seine Hand. „So sicher, wie sein Blut in mir fließt und meines in ihm. Und so wahr ich diese Narbe trage.“
Liandras runzelte die Stirn. „Was ist mit deiner Haut passiert?“
„In Iloyons Blut fließt das Feuer der Sterne. Das Feuer hat auch mich gezeichnet.“
„Haben sie sich so sehr verändert, dass sie Angst vor uns haben? Oder warum brauchen sie dich als Fürsprecher?“
Liandras erhob sich. „Iloyon, Cianthara, wenn ihr mich hört, dann zeigt euch!“
Amayas blickte zu den Bäumen, hinter denen Flammenstern und Nebelstreif warteten, und zuckte kaum merklich die Schultern.
Flammenstern nahm Nebelstreifs Hand. „Ich glaube, jetzt müssen wir gehen.“
Einen Moment sahen sie einander an, dann streifte sie beide ihre Kapuzen ab. Die anderen sollten sie sehen, wie sie waren. Mit Masken und Zeichen, kein Versteckspiel mehr. Sie würden sich ihren Fragen stellen, ihrem Misstrauen begegnen und es ausmerzen – oder die Misstrauischen verlieren. Und ihnen vergeben. Und irgendwann vergessen und am Schmerz des Verlustes wachsen. Sajanan’tei-vahr. Das Wort ging Flammenstern nicht mehr aus dem Kopf. Er fasste Nebelstreifs Hand und gemeinsam traten sie aus den Schatten zurück auf die Lichtung.
Elf Augenpaare richteten sich auf sie, als sie beinahe lautlos auf die Lichtung traten. Amayas trat an Flammensterns Seite. Flammenstern sah in die Gesichter seiner Freunde. Misstrauen schlug ihm wie eine Welle entgegen, als die Blicke der anderen über seine Gestalt glitten, an der Maske hängenblieben, den Zeichen folgten ihm in die Augen drangen. Neugier wehte ihm wie ein frischer Hauch entgegen, der tausende von Fragen mit sich trug.
„Iloyon Flammenstern. Und Cianthara Nebelstreif. Freunde, die wir kennen wie uns selbst, und Erwählte zweier Götter, die wir erst kennenlernen müssen. Mein Wort gilt – sie sind immer noch sie selbst. Auch in diesem neuen Gewand.“

Flammenstern suchte nach den richtigen Worten. Die anderen schienen das zu spüren, denn niemand sagte etwas. Die Stille, nur vom Knistern der Flammen durchbrochen, war beinahe greifbar. Flammenstern spürte, wie Nebelstreif sich neben ihm bewegte, die Hand hob und das kleine Sternenfeuerflämmchen wieder über ihre Finger tanzen ließ.
„Wie in meinem Traum!“ Es war Sirisa, die die Worte flüsternd hervorgestoßen hatte. Sie stand auf und blieb erst dicht vor Nebelstreif stehen.
„Das ist das Feuer der Sterne. Wie schön es ist! Kann ich es berühren?“
Nebelstreif lächelte. „Wenn du willst.“ Sie streckte die Hand aus und die Flamme sprang von ihrer auf die Hand der Magierin über. Sirisa keuchte auf, dann leuchtete ein Lächeln auf ihrem Gesicht. „Das ist wunderbar!“ Sie sah Nebelstreif an, dann umarmte sie sie, das Flämmchen noch immer in der Hand.
„Ich brauche keine Beweise, dass du meine alte Freundin Cianthara bist. Wer das nicht sieht, ist blind. Du hast dich verändert, aber ich sehe immer noch meine Cianthara in deinen Augen. Deine Aura – sie ist so strahlend geworden! Ich sehe Feuer überall, um dich herum, in dir, in diesen Malen auf deiner Haut!“
Nebelstreif erwiderte die Umarmung mit einem Lachen und küsste die Magierin auf die Wange. „Danke, Theanna.“
„The-anna?“
Flammenstern lächelte. „Schwester-Freundin. Es ist ein Wort aus der alten Sprache, die die ersten Erwählten der zwei Beinahe Vergessenen gesprochen haben. Cianthara und ich sind die ersten Nachfolger dieser anderen. Was mit dem Plan begann, einen sinnlosen Krieg hinter uns zu lassen, endete damit, dass die Götter uns ein neues Leben schenkten. Sie haben ihr altes Volk neu erschaffen, indem sie uns veränderten. Wir haben die Hand der Götter aus freiem Willen ergriffen. Ihre Gaben sind unsere Möglichkeit, wirklich fort zu kommen aus diesem Dämonenreigen. Wir wollten neue Wege, wir haben sie bekommen.“ Er ließ sich am Feuer nieder, Nebelstreif setzte sich neben ihn und Sirisa ließ sich neben der Heilerin ins Gras sinken. Noch immer betrachtete sie fasziniert die Zeichen auf Nebelstreifs Händen und Armen. Amayas setzte sich ebenfalls. Er schaute von einem zum anderen.
„Vielleicht solltet ihr die Fragen stellen, die euch auf den Lippen brennen, statt sie in euren Köpfen im Kreis zu drehen“, sagte er mit einem leisen Lachen.
Liandras schnaubte. „Götter, Auserwählte, neue Wege? Alles wegwerfen, was mich ausgemacht hat? Im Leben nicht. Iloyon, wie konntest du? Cianthara – du hast es sicher nur getan, damit er dich weiterhin haben will, das verstehe ich ja noch, aber du, Iloyon? Flammenstern? Nebelstreif? Was sollen diese lächerlichen Namen?“
Nebelstreif hob den Kopf. Sie sah Liandras aus funkelnden Augen an, aber als sie sprach, klang ihre Stimme ganz ruhig. Flammenstern biss sich auf die Lippen, um sich zurückzuhalten. Das Sternenfeuer in seinem Blut wurde von einem sanften Glühen zu einem lodernden Brand. Er konnte beinahe spüren, dass etwas mit seinen Augen geschah. In seinen Haaren knisterte es, als sich feine Sternenfeuerfunken darin sammelten. Es sträubte sich wie von selbst, wie das Rückenfell einer ärgerlichen Katze. Auch Nebelstreifs Haar knisterte und richtete sich auf. Ihre Augen, zuvor schwarz mit diesem feinen roten Rand um die Iriden, loderten in einem feurigen Rot.
„Ich hoffe doch, dass es nur die Unsicherheit, das Misstrauen und vielleicht ein wenig der Neid ist, was aus dir spricht, Liandras.“ Ihre Stimme klang gefährlich leise. „Wenn du mich beleidigen willst, dann sag es mir offen ins Gesicht. Es gab eine Zeit, da habe ich geglaubt, dass wahre Freundschaft alles überwinden kann. Entweder, ich habe mich darin getäuscht, oder deine Freundschaft war nicht das, wofür ich sie gehalten habe. Ich habe den neuen Weg nicht beschritten, um Flammenstern zu gefallen. Ich habe ihn beschritten, weil ich es so wollte. Ich habe die Stimmen der Götter gehört, ich habe ihre Hände berührt, ich habe mich von ihnen berühren lassen. Ich habe aus freien Stücken ihr Feuer angenommen und mich von ihnen zu einer Erwählten von Dämmerung und Zwielicht machen lassen. Ich bin die Schwelle, genau wie Flammenstern. Wir sind noch immer Iloyon und Cianthara. Aber wir sind auch Flammenstern und Nebelstreif. Wir sind Dunkelelfen. Und wir sind Nithyara. Und unsere Namen sind Namen, die schon immer in uns geruht haben. Wenn du das ins Lächerliche ziehen willst, Liandras, dann tu dir keinen Zwang an, aber erwarte nicht, dass es eine Klinge berührt, wenn ein Holzschwert auf sie prallt.“
Flammenstern hielt den Atem an. Er wusste, dass seine Gefährtin stark und selbstbewusst war, aber noch nie hatte er sie so reden hören. Er war stolz auf sie.
Liandras öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, klappte ihn wieder zu, dann wieder auf. Er sah aus wie ein Fisch auf dem Trockenen.