Erwählte des Zwielichts 38

zwielichtbild„Wenn du etwas sagen willst, Liandras, warum tust du es dann nicht?“ Flammenstern sah ihn an, seine Wut war verraucht.
Liandras atmete tief durch. „Es ist so viel geschehen, dass ich es nicht einfach so annehmen kann. Ihr behauptet, die zu sein, die ihr immer wart und doch seid ihr vollkommen verändert.“
„Das ist wahr. Aber wenn du ein anderes Gewand anlegst, bist du doch immer noch Liandras, nicht wahr?“ Flammenstern sah Liandras in die Augen. „Wenn eine Schlange sich häutet, ist sie danach dieselbe Schlange. Wir haben unser altes Leben abgestreift. Aber unsere Seelen sind noch immer die, die ihr kennt.“
Rhian erhob sich, trat hinter Flammenstern und Nebelstreif und legte beiden eine Hand auf die Schulter.
„Ich glaube ihnen, ich will ihnen und ihren neuen Wegen eine Chance geben. Ein neues Leben kann man nur lernen, wenn man es lebt. Iloyon und Cianthara waren meine Freunde. Nebelstreif und Flammenstern sollen meine Freunde werden. Ich bleibe bei ihnen. Das hätte ich auch getan, hätten sie sich ohne diese Verwandlung vom Heer getrennt.“
Flammenstern legte seine Hand über Rhians.
„Danke“, flüsterte er.
Die nächsten, die sich erhoben, waren Naeve und Veannan.
„Rhian spricht weise Worte. Auch wir wären mit Iloyon gezogen. Nun ziehen wir mit Flammenstern.“ Veannan ließ sich neben Amayas nieder, der neben Flammenstern saß, und zog Naeve an seine Seite. „Ich glaube, ich sehe, was diese neuen alten Götter vorhaben. Wenn selbst Götter den Krieg nicht mit Gewalt beenden können, dann müssen auch sie subtiler vorgehen und Sand zwischen eingeschliffenen Räder werfen. Ich wäre gern ein Sandkorn, das die Welt, so wie wir sie bisher kennen, aus den alten Fugen gleiten lässt.“
Naeve grinste. „Wenn ich den neuen Weg auch mit einem Auge beschreiten kann, dann gehe ich mit.“
„Du wirst lernen, mit der Seele zu sehen.“ Nebelstreif zwinkerte ihr zu. „Dann wird alles ganz einfach.“
Malika sah zwischen den beiden Gruppen hin und her. Ihr Blick glitt zu Liandras, der ihn geradezu bittend erwiderte. Sie nickte ihm kaum merklich zu.
„Ich bleibe, was ich bin“, sagte sie mit fester Stimme. „Dunkelelfe und Soldatin des dunklen Heeres. Ich werde für mein Volk und für meine Seite streiten, wenn nötig, bis zu meinem Tod. Aber ich werde nicht meine alten Freunde verraten. Wenn ich zum Heer zurückkehre, werde ich den Generälen und Heerführern sagen, dass Iloyon und Cianthara tot sind und alle anderen aus ihrer Truppe versprengt, vermutlich gefallen. Das wird sie davon abhalten, euch zu suchen und zu jagen. Zumindest für eine Weile.“ Sie nahm Liandras‘ Hand und sah ihn an, eine stumme Bitte in ihrem Blick. Er schnaubte, dann nickte er, widerwillig.
„Ich schließe mich Malika und ihrem Versprechen an. Tote kann man nicht verraten.“
Flammenstern spürte, dass er es anders meinte als Malika, aber er schwieg. Eine Weile war es still, dann erhob sich Amon und trat zu Sirisa.
„Ich will bei der bleiben, die ich liebe. Also werde ich euch folgen.“
Sirisa starrte ihn mit offenem Mund an. „Amon, du… sag das noch einmal!“

Er lächelte und nahm ihre Hand. „Ich will bei dir sein. Ich liebe dich, Magierin, aber ich wollte dich nicht in den Wirren des Krieges bitten, meine Gefährtin zu werden. Doch nun liegen die Dinge anders. Wir werden nicht mehr kämpfen.“
„Also fragst du mich jetzt, ob ich deine Gefährtin sein will?“
Ein Hauch von Röte kroch in Amons Wangen. Er nickte. Sirisa sprang auf und flog ihm an den Hals. „Und ob ich will!“ Sie küsste Amos auf die Lippen, dann zog sie ihn zu ihrem Platz neben Nebelstreif und lehnte sich an ihn.
Flammenstern lächelte. So glücklich hatte er seine Leute lange nicht gesehen. Liebe – er hatte sie zugelassen, trotz der Kämpfe, oder gerade ihretwegen, aber er verstand jeden, der sagte, dass er genau das nicht tun konnte.
„Ihr macht mich glücklich“, sagte er leise. Amon grinste.
„Nidhan, Luath, Dirian. Was ist mit euch?“ Flammenstern wandte sich von Amon ab und sah seine letzten drei Kundschafter an, die zwischen ihm und Malika und Liandras standen. Dirian sprach als erster.
„Ich schließe mich Malika an, und auch ich gebe ihr Versprechen. Kein Verrat. Ihr lebt euer Leben. Aber ich will weiterkämpfen.“ Er trat zu Malika, wenig später folgte ihm auch Nidhan.
„Luath?“ Flammenstern sah den jungen Bogenschützen an. Nachdem Naeve ihr Auge verloren hatte und nie wieder würde so schießen können, wie sie es vor der Verletzung gekonnt hatte, würde er einen guten Bogenschützen brauche können. Luath zögerte.
„Ich weiß es nicht“, sagte er schließlich. „Ich bin kriegsmüde wie ihr, aber diese neuen Wege machen mir mehr Angst als der Krieg.“
„Dann komm mit uns.“ Flammenstern streckte seine Hand aus. „Komm mit uns und sieh dir die neuen Wege an. Und wenn du deine Angst nicht überwinden kannst, dann kehre in dein altes Leben zurück. Ich werde niemanden zwingen und niemanden aufhalten. Das tun sie auch nicht.“
„Sie?“ Luath‘ Stimme zitterte. „Die Götter?“
„Ja. Die Götter.“ Flammenstern sah zum Himmel. Die Sterne schienen zu tanzen. Ihm war, als würden sie sich bewegen, ihre Position ändern, blinken und strahlen. Und einer von ihnen strahlte besonders hell.
Tyuran.
Er sah Nebelstreif an und wusste, sie dachte dasselbe. Einige Augenblicke später erhob er sich und trat auf Malika zu.
„Ich danke dir für deine Treue“, sagte er leise. „Und für deine Freundschaft. Du warst immer eine gute Soldatin, eine gute Kundschafterin und eine gute Freundin. Du wirst uns fehlen. Ihr alle werdet uns fehlen. Aber es ist das Beste, wenn wir uns hier und jetzt trennen. Es wird bald Tag, und bevor es wirklich hell wird, möchte ich fort sein. Und ihr solltet auch aufbrechen, damit ihr noch im Schutz der Nacht die anderen erreicht.“
Malika streckte die Hände aus, Flammenstern umfasste ihre Unterarme und drückte sie.
„Thalan’zhe Hai’re. Mögen die Sterne über euch wachen. Und wenn ihr zu den Sternen seht, dann denkt an uns.“
„Leb wohl, Iloyon. Leb wohl Cianthara. Verzeiht, aber ich bekomme eure neuen Namen nicht über die Lippen. Ihr werdet für mich immer Iloyon und Cianthara bleiben. Mögen die Nacht euch schützen und mögen eure neuen Götter euch leiten. Und mögen sie geben, dass wir einander niemals als Feinde gegenüberstehen.“
Flammenstern neigte den Kopf. „Mögen wir uns niemals als Feinde gegenüberstehen“, wiederholte er, dann zog er Malika in seine Arme.
„Passt auf euch auf, Freunde.“ Nacheinander umarmte er sie alle, nur Liandras wich ihm aus und er verabschiedete sich auch nicht von Nebelstreif und den anderen, die Flammenstern folgen wollten. Flammenstern musste ihn nicht ansehen, um den leisen Groll zu spüren, der in seinem ehemaligen Gefährten brodelte. Er konnte es beinahe hören, das Wort Verräter, das in Liandras‘ Kopf seine Kreise zog und ihm die Seele vergiftete. Es tat weh, aber er konnte es nicht ändern.
Als Malika und ihre kleine Gruppe zwischen den Bäumen verschwanden, sah Flammenstern ihnen nach, bis sie in den Schatten verschwunden waren. Dann wandte er sich an seine Gruppe. Seine Erwählten. Er sah sie an, jeden von ihnen, und er war zufrieden. Es waren gute Leute. Die besten.

„Ich kenne einen guten Platz für uns, an dem wir euch alles genau erklären können. Einen Ort, den der Nachtschatten und die sternengekrönte Herrin berührt haben.“
Flammenstern ging voraus, und die anderen folgten ihm. Nebelstreif deckte ihnen den Rücken, Veannan, Naeve und Amayas blieben in der Mitte. Rhian und Luath übernahmen die Vorhut, Sirisa und Amon deckten die Flanken. Jeder fand seinen Platz, als sei es nie anders gewesen.