Erwählte des Zwielichts 39

zwielichtbild X

Die Lichtung mit dem schimmernden Steinblock in der Mitte schien auf sie gewartet zu haben. Zwischen den Kronen der Bäume leuchtete Sternenlicht, das sich wie ein silbriger Strom auf den Granit ergoss und die kleinen metallischen Einschlüsse in ihm glitzern ließ. Die mächtigen Bäume mit der silbernen Rinde und den silbrigen Blättern standen um den Felsen wie stumme Wächter. Ihre Kronen verflochten sich wie ein von feinen Maschen durchbrochenes Dach. Flammenstern blieb an Rand der Lichtung stehen.
„Hier haben wir den Ruf der Götter gehört. Wir hatten beide allein sein wollen, und doch trafen uns hier. Wir reichten uns über den Stein hinweg die Hände. Das war der Moment, in dem die Beinahe Vergessenen uns in ihre Welt holten. Ich möchte diesen Platz zu unserem Versammlungsplatz machen. Es ist ein heiliger Ort. Ich glaube, dass jeder von uns, der sich entscheidet, ebenfalls die Nithyarawege zu gehen, früher oder später auch von den Göttern gerufen wird. Sie haben uns versprochen, über uns zu wachen. Wir können in ihrer Nähe sicher sein. Ihre Versprechen sind keine leeren Worte. Ti’shanar und Ti’shanari, der Nachtschatten und die Sternengekrönte, sie sind Wirklichkeit. Und weil wir ihnen hier zum ersten Mal begegnet sind, soll dieser Teil des Waldes von nun an unsere Heimat sein.“
Sirisa betrachtete die Lichtung mit leuchtenden Augen. „Wie wunderschön es hier ist! Ich habe noch nie solche Bäume gesehen. Ich werde unsere Höhlen vermissen, aber ich glaube, dass ich hier leben kann.“ Sie sah zu den Baumkronen hinauf. „Mit ein wenig Geschick könnten wir in den Bäumen Hütten bauen, dann sind wir vom Boden weg und weniger angreifbar.“
Amon legte einen Arm um ihre Taille und lachte. „Mit ein wenig Geschick und mit ein wenig Magie, meinst du wohl.“ Sie lächelte und küsste seine Nasenspitze. „Vielleicht auch mit ein wenig mehr Magie. Aber lasst uns erst einmal ein Lager aufschlagen mit dem, was wir haben, und dann sehen, wie wir uns hier einrichten und ob das hier wirklich so ein guter Platz zum Leben ist. Gibt es hier in der Nähe Wasser?“
„Gibt es!“ Rhians Stimme klang von der anderen Seite der Lichtung herüber, sie war einige Schritte weiter gewandert und hatte den Baumkreis halb umrundet. „Hier fließt ein Bachlauf. Er wird immer breiter. Ich sehe mir das mal an.“
„Nimm Luath mit!“ Flammenstern nickte dem Dunkelelfen zu, und er huschte Rhian nach. Er konnte hören, wie die Schritte der beiden sich entfernten.
„Sammelt Holz für ein Lagerfeuer und baut die Zelte auf. Stapelt alles, was wir haben, am Feuer auf, damit wir sehen, was wir davon noch brauchen können. Sirisa, Amon, schaut euch in der Nähe um, ob ihr etwas Essbares findet. Wenn euch jagbares Wild über den Weg läuft, viel Spaß. Die anderen – Holz sammeln, Lagerfeuer, Umgebung sichern.“
Einige salutierten, bevor sie sich an die Arbeit machten, andere grinsten und zwinkerten Flammenstern zu. Nebelstreif lehnte sich an ihn, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn.
„Ein guter Ort. Neu anfangen! Wir tun es tatsächlich!“ Sie umarmte ihn und schmiegte sich an ihn, ihre Finger krochen in seinen Nacken, fanden die Zeichen auf seiner Haut, fuhren sie nach. Flammenstern erschauerte wohlig. Hitze strömte über seinen Körper, die Zeichen brannten unter Nebelstreifs sanften Fingern. In seinem Schoß sammelte sich die Hitze.
„Götter, Ta’nesha!“ Sanft schob er sie von sich. Er keuchte. „Warte damit, bis wir in einem Zelt sind, im Namen des Nachtschatten!“
Nebelstreif grinste. „Warum?“ Sie sah ihn so unschuldig an, dass er lachen musste.

„Darum“, murmelte er und küsste sie. „Wir müssen unser Teil zum Lager tun, sonst denken die anderen, wir lassen sie für uns arbeiten.“
Nur widerwillig löste sie sich von ihm, zwinkerte ihm zu und gesellte sich zu Veannan und Naeve, die in den abgestellten Taschen und Rucksäcken nach Zeltplanen kramten. Amayas kam mit einem Bündel Stecken aus dem Wald, rasch wurden sie zugeschnitten und zusammengebunden, die höchsten Punkte der Lichtung wurden ausgesucht und aus Planen und Stecken entstanden fünf kleine Zelte, gerade groß genug, dass alle einen Schlafplatz und ein wenig Raum für ihre persönliche Habe finden konnten. Nahe bei den Zelten entstand ein Steinkreis für das Lagerfeuer. Es dauerte nicht lange, und er war mit trockenem Holz gefüllt und knisternde Flammen loderten. Weiteres Holz wurde neben den Feuerkreis gelegt, damit es trocknen und später verbrannt werden konnte. Ohne große Diskussionen verteilten die Dunkelelfen sich auf ihre Zelte. Nebelstreif bezog zusammen mit Flammenstern das größte, Amon und Sirisa bekamen ebenso wie Veannan und Naeve paarweise ein Zelt. In die beiden kleinsten zogen Amayas und Luath jeweils allein ein. Flammenstern hatte ein seltsames Gefühl, Amayas, dabei zuzusehen, wie er seine Sachen in sein neues Heim aus Leder und geöltem Leinenstoff schaffte. Es fühlte sich falsch an, Amayas fühlte sich zu weit fort an. Flammenstern konnte dieses Gefühl nicht deuten. Er schüttelte den Kopf und schob seinen Rucksack ins Zelt, wo Nebelstreif schon dabei war, aus trockenem Laub, abgewetzten Fellen und ihren zerschlissenen Armeedecken ein Bett zu bauen.
Jubelrufe von draußen ließen ihn aufhorchen. Er steckte den Kopf aus dem Zelt und sah die anderen Amon und Sirisa umringen, die einen Rehbock an einem Stock zwischen sich trugen. Aus der Schulter des Tieres ragte ein Pfeil mit grünen und schwarzen federn – Amons Farben.
„Thelennya thalessia!“ Flammenstern wusste nicht, woher die Worte kamen, sie waren einfach da, in seinem Kopf, auf seinen Lippen. „Gute Jagd!“ Zusammen mit Nebelstreif trat er in den Kreis der anderen. Amon und Sirisa ließen den Bock zu Boden gleiten. Amon kniete sich neben das Tier und strich über das kurze braune Fell.
„Danke“, murmelte er. „Danke für dein Blut.“