Erwählte des Zwielichts 40

zwielichtbild

Flammenstern kniete neben Amon und dem Bock auf dem Boden und zog sein Messer. Bilder blitzten in seiner Erinnerung auf, er sah einen anderen Jäger mit seiner Beute an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit, und seinen Gefährten, gebannt in einem ähnlichen Moment wie diesem. Flammenstern wusste, was er zu tun hatte. Er schnitt den Bauch der Beute auf und zog das Herz hervor. Mit blutigen Fingern zog er zwei rote Linien auf Amons Wange, dann teilte er das Herz in neun Stücke.
„Am Anfang unseres neuen Weges teilen wir die erste Jagdbeute. Wir danken dem Amon, der den Bock erlegt hat, und wir danken dem Tier, dessen Fleisch uns nähren und dessen Fell einen von uns wärmen wird. Mit diesem Fleisch werden wir eins mit dem Wald.“ Er reichte die Herzstücke herum, jeder nahm und aß ohne zu zögern. Sie hatten draußen in den Gräben schon weitaus schlimmeres gegessen als rohes Rehherz. Schweigend kauten sie, dann sah Amon auf und lächelte Flammenstern zu.
„War mir eine Ehre“, murmelte er verlegen. „Es war fast zu einfach. Er stand auf einmal einfach da, als hätte er auf uns gewartet.“
Nebelstreif betrachtete das Tier und berührte einen kleinen, halbmondfömigen Fleck auf seiner Flanke. „Er war ein Geschenk.“ //Vielleicht wollen die Götter uns prüfen. Hättest du das Herz nicht genommen, hätte ich es getan. Es fühlt sich so richtig an.//
Flammenstern nickte Nebelstreif zu. //Es ist ein altes Ritual der ersten Nithyara. Sie haben das immer getan, wenn sie eine erfolgreiche Jagd hatten. Frag mich nur nicht, woher ich das weiß.//
//Wir wissen es. Wir tragen ihr Feuer in uns. Wir sind ihre Erben.// Nebelstreif lehnte sich kurz an ihn, dann stand sie auf.
„Wir haben ein Festmahl vorzubereiten! Bereitet alles vor, dann verstaut das Fleisch so, dass keine Raubtiere uns bestehlen, und in der Nacht feiern wir unseren Neuanfang. Wir sind jetzt frei.“
„Klingt nach einem guten Plan.“ Amayas lächelte Nebelstreif zu, dann gesellte er sich zu Sirisa und Amon und half ihnen, den Bock zu häuten und auszunehmen. Naeve, deren Mutter Gerberin gewesen war, kümmerte sich um das Fell, Veannan nahm die Geweihstücke an sich. Flammenstern lächelte. Veannan hatte schon immer gern geschnitzt, sei es Holz oder Horn. Seine Fähigkeiten würden nützlich sein hier im Wald. All die vielen Dinge, die sie zu Friedenszeiten getan hatten, würden hier wichtig sein. Er selbst erinnerte sich kaum noch daran, dass er als junger Dunkelelf immer gern gelesen und Geschichten und Lieder gesammelt hatte. Nebelstreif konnte Harfe spielen. Er wusste, sie hatte ein kleines Instrument in ihrem Gepäck, aber im Krieg gab es so viel wichtigere Dinge als Musik.
Wir haben gekämpft und vergessen, wofür wir kämpften. Wir haben verlernt, zu leben. Es wird allen schwerfallen.
Als der Tag anbrach, verteilten sie die Feuerwachen, dann krochen die, die als erste schlafen durften, in ihre Zelte. Alle waren müde nach der langen Nacht, und alle freuten sich auf das kommende Fest und die kommende Zeit. Als Flammenstern sich neben Nebelstreif in den Decken zusammenrollte, konnte er ihre Freude und die erwartungsvolle Neugier der anderen beinahe körperlich spüren. Ja, da war eine Menge Sorge und Unsicherheit, aber er spürte bei allen seinen Gefährten auch eine Entschlossenheit, die seine eigene Sorge zu Sternenstaub werden ließ. Nebelstreif schmiegte sich an ihn, sie schnurrte wohlig, als er durch ihr Haar strich und die Sternenfeuermale an ihren Ohren berührte.
Sie rollte sich herum und sah ihn an.
„Jetzt sind wir allein“, flüsterte sie. „Jetzt kannst du tun, was du vorhin schon tun wolltest.“ Ihre Finger glitten unter seine Maske und lösten sie, dann fuhren ihre Fingerspitzen leicht über sein Gesicht und seine nackte Brust. Flammen zuckten unter seiner Haut. Er spürte die Hitze. (Warnung: ab hier wird’s erotisch)

„Glaub mir“, flüsterte er und biss sie zart in die Spitze eines Ohres, „das werde ich!“
Er erwiderte ihre Berührungen und genoss es, sie aufkeuchen zu hören. Es war ein unglaubliches Gefühl, wenn ihre Hände über seine Zeichen glitten, die Muster nachzogen, auf den silbernen Linien tanzten. Ihm war, als sei sein ganzer Körper ein fein gestimmtes Instrument, auf dem ihre Hände spielten. Er war eine schwingende Saite kurz vor dem Zerreißen. Er war eine Klinge im Feuer. Zum ersten Mal spürte er, was das bedeutete – im Feuer zu sein. Sternenfeuer tropfte von Nebelstreifs Händen auf seine Haut, und ohne dass es ihm bewusst war, hatte auch er das Feuer gerufen. Sie berührten einander mit Feuer, fühlten das Brennen und die unglaubliche Lust, die es bedeutete, einander so zu berühren. Als sie sich vereinigten und ihre Seelen sich berührten, tanzte das Feuer über ihre ineinander verschlungenen Körper. Noch nie hatte Flammenstern so eine vollkommene Vereinigung gespürt. Lust, Verlangen, Schmerz, Sehnsucht, Erlösung. Es war perfekt. Mehr als perfekt. Er sah in Nebelstreifs Augen, die in wildem Feuer loderten, strich über ihr knisterndes, dieses Mal vor Erregung gesträubtes Haar und trank Küsse von ihren leicht geöffneten, schimmernden Lippen, bis er glaubte, in ihren Küssen zu ertrinken. Und es war ihm vollkommen gleichgültig, dass nur eine dünne Zeltplane sie von den Blicken und den Ohren der anderen trennte. Es war zu gut, sich endlich wieder lebendig zu fühlen und dieses Leben mit seiner Geliebten zu teilen.