Nithyara Weihnachts-Special

Die Nithyara wünschen frohe Weihnachten. Viel Spaß mit dieser kleinen Geschichte aus dem Feuersänger-Universum!

Mittwinter

Feuersänger starrte aus dem winzigen Fenster und traute seinen Augen nicht. Der Wald hatte sich über den Tag hinweg in ein weißes Kleid gehüllt. Dick und schwer lag das helle, schimmernde Zeug auf den Ästen der Silberbäume, hatte die Wiese unter sich begraben und bedeckte die Sitzbänke am Versammlungsplatz. Jedes Baumhaus war von einer im Sternenlicht bläulichweiß glitzernden Kappe bedeckt. Kalter Wind pfiff um Sängers Nase. Er schauderte und ließ den schweren Ledervorhang schnell wieder vor die kleine Öffnung fallen. Brr. Wenn ein Nithyara etwas verabscheute, dann die Kälte des Winters – auch wenn dieses weiße Zeug eine seltsame Faszination auf Sänger ausübte. Leise kroch er wieder zur Schlafstatt, auf der sein Lehrmeister Sternenglanz noch tief und fest schlief. Neben ihm lag zusammengerollt Silbersang, der Legendenbewahrer. Feuersänger betrachtete ihn mit einem liebevollen Blick – Silbersang war mehr als ein Freund, mehr als ein Geliebter für ihn. Er war sein Ta’nesha, sein Seelengefährte. Das Beste, was ihm je passieren konnte.
Mit einem Lächeln ließ Sänger seine Hand in Silbersangs weiches Haar kriechen und kraulte ihn hinter einem spitzen Ohr. Silbersang seufzte im Halbschlaf, gab ein leises Grummeln von sich, dann öffnete er träge die Augen.
„Ta’nesha! Was ist los, warum schläfst du nicht?“
Sänger grinste. „Ich war wach, und weil es sowieso bald Zeit für das Frühstück ist, wollte ich mich nicht noch einmal umdrehen. Silbersang, es ist etwas merkwürdiges passiert, draußen ist alles weiß!“
Zu Sängers Überraschung nickte Silbersang nur. „Der erste Schnee, das war zu erwarten.“
„Sch…nee? Zu erwarten?“ Sänger merkte, dass er seinen Ta’nesha aus großen Augen angesehen haben musste, denn Silbersang grinste, richtete sich auf und strich ihm durchs Haar.
„Ja. Schnee. Sag bloß, du hast noch nie Schnee gesehen, Ta’nesha!“

Sänger schüttelte den Kopf. Dort, wo er gelebt hatte, bevor der Überfall durch die Schattendämonen sein Dorf und seinen Clan ausgelöscht hatte, hatte es nie strenge Winter mit so viel Frost und Kälte gegeben. Und dieses weiße Zeug, das Silbersang Schnee nannte, auch nicht. Manchmal hatte ein wenig Raureif auf den Bäumen im Wald vor den Höhlen gelegen, aber nie solche dicken weißen Matten.
„Wenn es in den Wäldern schneit, ist das ein gutes Zeichen dafür, dass wir das Schlimmste vom Winter hinter uns haben. Du wirst es merken, wenn du hinausgehst. Es ist nicht mehr so kalt. Der Schnee mag eisig aussehen, aber er wärmt doch die Erde. Ah, herrlich – Zeit, das Mittwinterfest vorzubereiten!“
„Das was?“ Sänger kam sich auf einmal ziemlich dumm vor.
„Mittwinter“, kam es aus den Fellen hinter Silbersang, und Sternenglanz kam hinter ihm zum Vorschein, das Haar verstrubbelt und die Augen noch nicht ganz offen. „Ich wollte dir alles darüber erzählen, wenn es an der Zeit ist. Also…“ Er gähnte. „Heute. Bereite das Frühstück vor, und während wir essen, erklären wir es dir.“
Sänger neigte den Kopf und eilte zu seinen beinahe schon vergessenen Schülerpflichten. Er kochte Tee, buk Fladenbrot und stellte noch eine Schale mit Nüssen und getrockneten Beeren zu dem Honigtopf und den eingelegten, kalten Fleischstücken, die beim gestrigen Essen übriggeblieben waren. Sänger stellte alles auf ein Tablett, balancierte es zur Schlafstelle und schenkte für alle Tee ein. Wie es sich gehörte, wartete er, bis sich Sternenglanz etwas genommen hatte, wartete auch noch auf Silbersang, erst dann griff er selbst zu. Neugierig sah er die beiden älteren Nityhara an.
„Also, was hat es denn nun auf sich mit diesem Mittwinterfest? Wie kann man den Winter feiern? Ich würde viel lieber feiern, wenn er vorbei ist und man sich wieder hinaus trauen kann, ohne gleich zu erfrieren!“
Sternenglanz grinste. „Wir feiern die Mitte des Winters. Danach werden die Nächte wieder kürzer und wärmer. Das feiern wir. In Mitternachts Palast wird ein großes Fest stattfinden, der ganze Clan wird dort sein. Die Halle wird mit immergrünen Zweigen und silbernen Sternen und Monden geschmückt, es wird gegessen und dann werden wir tanzen und singen, um den Winter auszutreiben.“
Sänger lauschte fasziniert – das hörte sich gut an. Mitternachts Palast war wohl tatsächlich das einzige Baumgebäude im Dorf das groß genug war, den gesamten Clan zu fassen. Er glaubte, den Duft von gebratenem Fleisch, Süßigkeiten und heißem Würzwein schon riechen zu können.
Silbersang warf Sternenglanz einen Blick aus belustigt funkelnden Augen zu. „Das Wichtigste hast du vergessen! Das Mittwinterfest ist nämlich auch ein Fest der Geschenke. Jeder macht einem anderen, der ihm besonders viel bedeutet oder den er sehr mag, ein kleines Geschenk zum Mittwinterfest.“
Sternenglanz nickte. „So weit war ich noch nicht. Silbersang hat natürlich Recht – es gibt Geschenke. Kleinigkeiten, die meisten verschenken zu diesem Fest etwas, das sie in der kalten Zeit selbst hergestellt haben.“
Sänger nickte. Seine Gedanken, die eben noch bei dem „Schnee“ gewesen waren, begannen, sich um Dinge zu drehen, mit denen er seinem Lehrmeister und vor allem seinem Ta’nesha eine Freude machen konnte. Etwas Selbstgemachtes? Sänger schaute auf seine Hände. Er war nie ein guter Handarbeiter gewesen – er konnte seine Kleider flicken, ein wenig sticken, Messer schärfen, Seile flechten und Netze knüpfen, all die Dinge, die für das Überleben in den Wäldern wichtig waren. Aber etwas Künstlerisches, etwas, das einfach nur schön war und ein geliebtes Herz erfreuen konnte? Über so etwas hatte er sich noch nie Gedanken gemacht. In seinem Dorf hatte er hübsche Dinge, die er seinen Lieben schenken wollte, eingetauscht. Er war nicht geschickt mit Feder und Pinsel wie Silbersang, er konnte nicht so kunstvoll schnitzen wie Sternenglanz und nicht so feine Stoffe weben wie Sonnenwende. Er konnte keine so wunderbaren Ledermasken herstellen wie Mondsichel und keine feinen Armbänder knüpfen wie ihre Schülerin Kristallfunke. Sänger seufzte in seinen Tee.
„Was ist los, Ta’nesha? Freust du dich nicht auf das Fest?“
„Doch, schon… ich denke nur nach!“ Er lächelte. Auch wenn es schwierig war, irgendetwas würde ihm schon einfallen. Vor allem für Silbersang sollte es etwas ganz Besonderes sein. Vielleicht konnte er ja auch hier etwas eintauschen. Oder doch versuchen, etwas selbst zu machen. Hatte Sternenglanz nicht gesagt, er bräuchte dringend eine neue Jagdtasche? Sänger grinste in sich hinein. Ja, mit Leder konnte er umgehen, und er hatte noch einiges an Fellen von seinen erfolgreichen Jagdausflügen, aus denen er noch nichts für sich selbst hergestellt hatte. Ja. Sternenglanz würde eine neue Tasche bekommen. Aber Silbersang?
Eine Hand stahl sich in das Haar in seinem Nacken. „Hör auf zu brüten, Ta’nesha. Komm, zieh deine wärmsten Sachen an – wenn du noch nie Schnee gesehen hast, dann musst du ihn aus der Nähe anschauen. Es ist zwar kalt, aber es ist auch wunderschön!“
Sänger verzog das Gesicht. „Ich hab’s doch gesehen… vom Fenster aus. Der Wind ist widerlich. Ich mag da nicht raus.“
Silbersang grinste und Sternenglanz zerzauste Sänger das Haar.
„Silbersang hat recht, du solltest es dir ansehen. Es ist wirklich wunderschön.“ Er griff hinter sich und warf Sänger seinen Fellumhang zu – Sänger hatte sich angewöhnt, in den Umhang gewickelt zu schlafen, als die Nächte immer kälter und kälter wurden. Sänger sagte nichts, aber er nahm den Umhang und schlüpfte in die wärmsten Kleider, die er besaß. Dazu zog er sich hohe Stiefel mit Fellstulpen darüber an.
„Ich kann mich kaum bewegen… ich hoffe, dass es das wert ist!“ Sänger duckte sich, als Silbersang ein Fellkissen nach ihm warf, und öffnete die Tür, die aus dem Baumhaus auf die Balustrade führte. Der kalte Wind ließ ihn zurückzucken, doch Silbersang stand bereits hinter ihm in der Tür und schob ihn sanft vorwärts. Sänger trat auf die Balustrade hinaus. Der Schnee knirschte unter seinen Füßen. Auf den Stegen zwischen den Baumhäusern und unten auf dem Versammlungsplatz sah er hier und da Fußspuren im tiefen Schnee, aber bis auf die Wachen am großen Feuer unten auf dem Platz war niemand unten. Aus den Hütten schimmerte hier und da goldenes Licht. Es war still. Noch nie hatte Sänger eine solche Stille erlebt. Für einen Moment schloss er die Augen und atmete tief die klare Luft, dann sah er sich um.
Der ganze Wald sah aus, als sei er mit Sternenstaub überpudert. Wie winzige Diamantsplitter funkelte der Schnee im Mondlicht. Es war, als lägen das Dorf und der Wald unter einem Bann. Die Welt schlief, der Winter hatte sie zugedeckt mit seinem Schnee.
„Gefällt es dir?“
Sänger nickte. Er trat beiseite, damit Silbersang und Sternenglanz ihm folgen konnten, dann beugte er sich hinunter und hob mit seinen behandschuhten Händen ein wenig Schnee auf. Er spürte die Kälte durch das fellgefütterte Leder, aber für einen Moment vergaß er sie, als er sich den Schnee genau ansah. Waren das wirklich Tausende und Abertausende winzig kleiner Sterne? Er pustete hinein, ein wenig Schnee stob davon, der Rest schmolz in seinem warmen Atem.
„Aber… das ist ja… Sternenstaub!“
Silbersang nickte mit einem Lächeln auf den Lippen. „Ja, es sieht ganz genauso aus, nicht wahr? Aber es ist nichts als gefrorenes Wasser… es kann auch nichts anderes sein. Die Sterne sind nicht so kalt.“ Er zog seine Handschuhe aus und nahm Schnee auf die bloße Hand. Er schmolz in wenigen Augenblicken und zurück blieb nichts als Wasser, das Silbersang sich von der Hand leckte, bevor er die Handschuhe wieder überstreifte.
„Kommt, wir gehen zur heißen Quelle. Bei so einem Wetter ist es herrlich dort. Glaub mir, Ta’nesha, ein Winterbad ist etwas ganz besonderes.“
Sänger sah auf. „Glaubst du etwa, dass ich mich bei dieser Kälte an der Quelle ausziehe? Vergiss es. Da kann das Wasser noch so heiß sein, ich werde erfrieren, noch bevor ich mich hineinsetzen kann!“
Sternenglanz lachte. „Du musst ja nicht baden.“
Sie zogen los, drei fest in warme Mäntel und fellgefütterte Stiefel und Handschuhe gehüllte Gestalten, deren silbriges Haar schimmerte wie der Raureif auf den Bäumen. Sänger rückte die schwarze Halbmaske über seinen Augen zurecht – er war noch nie so froh über den Brauch seines Volkes gewesen, solche Masken zu tragen, das weiche Leder wärmte sein Gesicht und hielt den scharfen Wind ab. Ohne die Maske würde ihm die Nasenspitze abfrieren, da war er sicher. Er fror, und wie alle Nithyara hasste er es zu frieren, aber Silbersang und Sternenglanz hatten recht – der Winterwald war wunderschön. Schimmernder Schnee und glitzernder Raureif, wohin er blickte, schillerndes Eis auf den Steinen nahe der heißen Quelle, deren vertraut schwefliger Wasserdampf wie eine dichte weiße Wolke in der kalten Luft hing.
„Es sieht aus, als wäre ein Stück Himmel herunter gekommen…“ Sänger streckte seine behandschuhte Hand aus und berührte den dichten Nebel. Feine Raureifkristalle bildeten sich an seinen Fingerspitzen. Er betrachtete sie fasziniert. „Es ist wirklich wunderschön.“
Eine Weile blieben sie bei der Quelle, dann wanderten sie durch den Wald, und Silbersang und Sternenglanz zeigten Sänger die Wunder, die der Winter zu bieten hatte. Als sie schließlich durchgefroren in Silbersangs Hütte beieinander saßen und heißen Gewürzwein mit Honig teilten, schwebten vor Sängers innerem Auge noch immer die Bilder von Raureif, Schneeflocken und Eiszapfen. Er mochte die Kälte noch immer nicht, aber der kleine Ausflug hatte ihn gelehrt, Schnee und Eis zu mögen. Und nun verstand er auch ein wenig besser warum Eisstern, der Gefährte von Königin Mitternacht, seinen Namen so mochte. Eissterne waren wunderschön, auch wenn sie kalt waren.

Die Zeit verging, der Frost blieb, und das Mittwinterfest rückte näher und näher. Sänger nutzte die Zeit, die Sternenglanz auf kurze Kundschafterausflüge ging, um die Jagdtasche für seinen Lehrmeister zu nähen. Silbersang beobachtete ihn dabei, während er über seinen Schriftrollen saß und schrieb und zeichnete. Sänger fragte sich, ob Silbersang ihm wohl etwas schenken würde. Vielleicht eine Geschichte? Oder eines seiner wunderbaren Bilder? Er seufzte innerlich, denn er wusste noch immer nicht, was er seinem Ta’nesha, seinem Seelenbruder und Geliebten, dem Mann, der für ihn das Wichtigste in seinem Leben geworden war, schenken sollte. Das Fest war auf den fünfzehnten Tag des zweiten Eismondes festgesetzt worden. Sänger fluchte innerlich. Eine Woche noch. Die Tasche zu nähen hatte ihn fast zwei Wochen Zeit gekostet, weil er nur daran arbeiten konnte, wenn Sternenglanz fort war. Silbersang aber war immer in seiner Nähe. Er wollte es nicht anders, ganz und gar nicht – aber wie bei der Sternengekrönten und dem Dunkelmond sollte man ein Geschenk für jemanden basteln, der einem ständig auf die Finger schaute?
Silbersang schien seine Unruhe zu bemerken, denn er kam zu ihm herüber und setzte sich neben ihn. Sänger, der gerade letzte Hand an das Geschenk für Sternenglanz legte, ließ die Arbeit aus den Händen gleiten und lehnte sich an Silbersang. Silbersang hob die Tasche aus Fell und Leder auf und nickte anerkennend.
„Sternenglanz wird sich freuen. Sag nie wieder, du könntest nichts mit seinen Händen anfangen. Die Tasche ist sehr schön. Und praktisch!“
Sänger seufzte. „Sternenglanz wird sich sicher freuen, auch über ein praktisches Geschenk. Aber… sag, Ta’nesha, was wünschst du dir?“
Silbersang lächelte, hauchte Sänger einen Kuss auf das Haar und dann einen auf die Nasenspitze.
„Ich bin wunschlos glücklich“, flüsterte er in Sängers Ohr, so sanft, dass die feinen Härchen in seinem Nacken sich sträubten und ihn ein wohliger Schauer überlief. Sänger schloss die Augen und seufzte. Er ließ eine Hand unter Silbersangs Robe wandern und berührte die weiche warme Haut darunter. „Ich auch“, flüsterte er. Für einen Moment vergaß er die Sorge um ein Geschenk, als Silbersang begann, ihn sanft zu berühren. Sänger ließ sich fallen, erwiderte die Zärtlichkeiten und sie vergaßen die Zeit und den Winter. Zwischen ihnen war nichts als Wärme und Zärtlichkeit.

Der Tag des Festes kam näher und näher. Überall wurden Vorbereitungen getroffen. In die schneebedeckten Bäume wurden Lichter gehängt, die wie Sterne leuchteten und die tiefe Finsternis des Winters vertreiben sollten. Von den immergrünen Tannen und Fichten wurde der Schnee abgeschüttelt, die Männer schnitten Zweige und die Frauen flochten in Mitternachts Halle Girlanden aus Fichtenzweigen und Tannengrün. Die Girlanden wurden mit getrockneten und kandierten Früchten und würzigem Honiggebäck geschmückt und dann in der Halle aufgehängt. Überall wurde gearbeitet, gekocht und gebacken. Jeder, der es vermochte, trug seinen Teil zum Gelingen des Festes bei. Silbersang würde auf seiner Harfe spielen, die alten Lieder singen und eine Geschichte vorlesen. Die Kundschafter würden einen Jagdtanz aufführen und die Männer und Frauen von Mitternachts Wache einen Schaukampf. Sänger hatte lange darüber nachgedacht, was er würde tun können – er würde zu den Feuern in der Halle singen und den anderen Nithyara zeigen, wie er mit seinen Liedern das Feuer beeinflussen konnte. Er hatte zudem einen Korb mit getrocknetem und mariniertem Fleisch vorbereitet, den er zum Festessen beisteuern wollte. Die Jagdtasche für Sternenglanz war in ein Stück Pergament gewickelt, das Silbersang mit kunstvollen Verzierungen versehen hatte.
Nur für Silbersang hatte Sänger noch immer nichts. Was er sich auch überlegt hatte – bei näherem Hinsehen hatte sich jede Idee in seinen Augen als zu wenig, zu klein, zu unwürdig, zu nichtssagend herausgestellt. Einfach als nicht besonders genug. Und nun war es nur noch eine Nacht bis zum Fest, und Sängers Hände waren noch immer leer. Am Tag, als Sternenglanz und Silbersang tief und fest schliefen, lag Sänger wach und zergrübelte sich den Kopf. Bis zum Abend hatte er noch wenige Stunden, es musste sich doch etwas finden lassen… aber alles, woran er dachte, zerrann wie Eis in der Nähe des Feuers, wenn er sich sein Geschenk in Silbersangs Händen vorstellte. Was, wenn sein Ta’nesha von dem, was er ihm gab, enttäuscht sein würde? Er konnte den Gedanken nicht ertragen, Silbersang enttäuscht zu sehen oder traurig. Als die Abenddämmerung hereinbrach, war Sänger klar, dass er ohne ein Geschenk für seinen Ta’nesha zum Mittwinterfest gehen würde. Er weinte beinahe bei dem Gedanken – aber er wollte lieber gar nichts schenken als etwas, was sich für ihn nicht richtig anfühlte. Noch lange vor den anderen stand er auf, wusch sich das Gesicht und schlüpfte in seine besten Kleider. Wenn Silbersang und Sternenglanz aufwachten, wollte er ihnen ein Lächeln zeigen.

Es gelang ihm, und als sie gemeinsam durch den Schnee zu Mitternachts Baumpalast stapften, konnte Sänger seine Traurigkeit sogar für eine Weile vergessen. Es war, als sei der Wald über den Tag hinweg verzaubert worden. Überall in den Bäumen hingen Lichter, es sah aus, als seien die Sterne vom Himmel gefallen und in den Strickleitern und den Geländern der Brücken, die die einzelnen Baumhäuser miteinander verbanden, hängen geblieben. Das ganze Dorf leuchtete, funkelte und glitzerte. Mitternachts Baumpalast sah aus wie ein schimmerndes Juwel. Musik schwebte durch die Nacht, der Duft von gebratenem Fleisch, süßem Gebäck und Würzwein wehte ihnen entgegen, als sie den Palast betraten. Sänger ließ sich forttragen von der Atmosphäre des Festes. Für einen Moment konnte er vergessen. Mit den anderen zusammen sang er, aß und trank und tanzte, verfolgte die verschiedenen Darbietungen und sang schließlich selbst eines der Lieder seines alten Clans, während Silbersang dazu die Harfe spielte. Als er für das Feuer sang und die Flammen zu der Melodie seines Liedes tanzten, genoss er den Jubel und das Lachen des Clans.
Erst, als es später wurde und sich ein Hauch gespannter Erwartung über alles und jeden legte, kehrte das mulmige Gefühl in Sängers Magengrube zurück.

Sänger zuckte zusammen, als Mitternacht einen Gong schlug, der das allgemeine Gemurmel, Lachen und Scherzen zum Verstummen brachte.
„Die Nacht hat ihren Höhepunkt überschritten und der Winter die Hälfte der ihm zustehenden Zeit“, klang die Stimme der Königin durch den Saal. „Feiert, mein Clan, feiert und zeigt eure Freude, indem ihr anderen eine Freude macht. Jetzt ist es Zeit, die Geschenke zu überreichen!“
Sofort bildeten sich überall kleine Grüppchen, in denen verpackte Kleinigkeiten den Besitzer wechselten. Bänder wurden gelöst, die ersten Freudenschreie und dankbaren Umarmungen wurden ausgetauscht. Sänger holte die eingepackte Tasche hervor und reichte sie Sternenglanz mit gesenktem Blick.
„Für dich, Sharass. Ich verdanke dir mein Leben. Ich danke dir, dass du mich aufgenommen hast und mein Lehrer geworden bist. Ohne dich wäre ich nichts als eine zerbrochene Klinge.“
Sternenglanz‘ Augen leuchteten bei Sängers Worten. Silbersang stand ein wenig abseits und beobachtete mit einem feinen Lächeln auf den Lippen Lehrer und Schüler, Sharass und Sha’ir. Sternenglanz nahm das Paket aus Sängers Händen, wickelte es aus und strahlte über das ganze Gesicht. Er umarmte Sänger und küsste ihn auf die Wange.
„Danke, Sha’ir. Ich werde sie stets in Ehren halten und sie wird mich immer an dich erinnern. Für dich habe ich auch etwas…“ Er zog ein langes schmales Päckchen aus seinem Gürtel. Sänger nahm es mit zitternden Händen. Es wog schwer in der Hand.
„Öffne es!“ Silbersang trat neugierig näher und spähte Sänger über die Schulter, als dieser das Päckchen öffnete. Darin lag ein langer, schlanker Dolch in einer Scheide, die man sich in den Stiefel stecken konnte. Sänger betrachtete sie im Kerzenlicht schimmernde Klinge, die aussah wie feinster Seidenstoff.
„Sharass! Oh… das ist wunderschön!“
Sternenglanz lächelte. „Eine Klinge für eine Klinge“, sagte er sanft, „ich kenne dich, Feuersänger, und ich weiß, was in dir schlummert.“
Sänger spürte, dass er unter seiner Maske errötete. Er umarmte Sternenglanz. „Danke, Sharass. Ich werde mich ihrer würdig erweisen.“
Sternenglanz nickte. „Ich weiß. Und nun werde ich euch beide einen Augenblick allein lassen.“ Er zwinkerte Silbersang zu, der sich mit einem Lächeln Sänger zuwandte, dann nahm er von einem Tablett, das von einer von Mitternachts Zofen herumgetragen wurde, einen Becher mit heißem Wein und trat zu der Königin. Wenig später streiften sie Seite an Seite durch die Halle und unterhielten sich leise miteinander. Sänger schluckte. Jetzt war er da, der Moment der Wahrheit, jetzt musste er dem, den er am meisten von allen liebte, sagen, dass er mit leeren Händen vor ihm stand. Silbersang trat auf ihn zu und zog ihn in eine ruhige dunkle Ecke an einem der Fenster. Mitternachts Palast war das einzige Gebäude mit größeren Fenstern, die mit kleinen, dünn geschliffenen Kristallscheiben versehen waren. Der Blick nach draußen war wie verzaubert – die Lichter auf der Balustrade vor dem Baumpalast brachen sich in den Kristallfensterchen und die Bäume sahen aus wie durch ein Kaleidoskop betrachtet. Silbersang sah Sänger an, lächelte und zog etwas aus seinem Gürtel, eine schmale, dünne Lederrolle.
„Es ist nur eine Kleinigkeit“, sagte er, „aber ich hoffe, du freust dich trotzdem.“
Sänger nahm die Rolle mit zitternden Händen.
„Na los, mach schon auf!“
Sänger löste die silberne Schnur, die das Leder zusammenhielt und entrollte es – es war die Aufzeichnung eines Liedes. Sänger erkannte sofort wieder – es war das erste Lied, das er bei seinem neuen Clan gesungen hatte, kurz nachdem Sternenglanz ihn als Schüler angenommen hatte. Silbersang hatte Text und Melodie aufgeschrieben und alles mit feinen Zeichnungen und wunderbar illuminierten Anfangsbuchstaben ausgestattet. Sänger spürte, wie seine Augen zu brennen begannen.
„Ta’nesha… das ist wunderschön…“ Er zog Silbersang in seine Arme, küsste ihn – und plötzlich hielt ihn nichts mehr. Er schluchzte auf und weinte in Silbersangs seidiges Haar. Erschrocken schlang Silbersang die Arme um ihn.
„Ta’nesha… Ta’nesha, Feuersänger, was ist denn los?“
Sänger schluckte. „Ich… ich habe nichts für dich… ich habe kein Geschenk für dich, es tut mir leid… ich habe so lange gesucht, es sollte doch etwas ganz Besonderes sein, aber… ich habe nichts gefunden, was in meinen Augen etwas besonderes für dich gewesen wäre! Ich schäme mich so…“
Silbersang drückte ihn an sich. Ein erleichtertes Lächeln kroch über sein Gesicht. „Ta’nesha“, flüsterte er sanft, „oh Ta’nesha… komm. Komm mit mir.“
Silbersang fasste Sängers Hand und er folgte ihm durch dunkle, nur mit schimmernden Leuchtkristallen spärlich erhellte Korridore. Sänger hatte keine Ahnung, wohin Silbersang ihn brachte, halb tränenblind stolperte er hinter ihm her. Silbersang blieb vor einer Tür stehen, horchte kurz, dann öffnete er die Tür und schob Sänger in einen kleinen Raum. Auch hier glühten Leuchtkrsitalle, Sänger sah in den Schatten Regale voll mit etwas, das wie zusammengefaltete Kleidungsstücke aussah.
„Ta’nesha, hör mir zu“, sagte Silbersang leise. „Komm her. Du hast mir doch schon etwas geschenkt. Etwas ganz Besonderes, etwas, von dem ich nie zu hoffen gewagt hatte, dass ich es jemals bekommen würde. Ich bekomme es jeden Tag aufs neue und jeden Tag macht es mich glücklich.“ Er zog ein Tuch von einem in der Mitte des Raumes aufgestellten großen Gegenstand und berührte einen der Leuchtkristalle. Es wurde heller in dem kleinen Raum. Der große Gegenstand entpuppte sich als beinahe mannshoher Spiegel.
„Ich zeige es dir“, murmelte Silbersang und schob Sänger sacht vor den Spiegel. „Hier ist es. Schau.“
Sänger schluckte. „Aber das bin ja nur ich…“
„Nur…“ Silbersang schob sich neben ihn, strich ihm durchs Haar, nahm seine Hand und küsste die Innenfläche.
„Du bist es, Ta’nesha. Seit ich dich habe, seit wir einander gefunden haben, kann es gar kein Geschenk geben, das für mich wertvoller sein könnte. Denn was kann schon wertvoller sein als die andere Hälfte meiner Seele?“ Er lächelte und strich Sänger die Tränen von den Augen. „Und jetzt lächle für mich, mein Mittwinterbruder, und feiere mit mir! Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen müsstet. Jede Nacht mit dir und jeder Tag, den ich an deiner Seite schlafen kann, ist ein Geschenk – und das nicht nur zu Mittwinter.“
Ein zögerndes Lächeln stahl sich auf Sängers Züge. „Du bist unglaublich, Ta’nesha“, flüsterte er. „Ich schäme mich immer noch… aber ich danke dir auch. Ich…“ Er kämpfte schon wieder mit den Tränen. Fest umarmte und küsste er Silbersang, so, als wolle er ihn nie wieder loslassen.
Ich liebe dich, flüsterten seine Gedanken Silbersang zu, und… du bist für mich auch das allergröße, beste und schönste Geschenk.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich wieder zu den anderen Gästen gesellten. Sternenglanz schmunzelte in sich hinein, als ihm auffiel, dass die beiden verschwunden waren. Und eine diensthabende Wache, die einen Routinegang durch die Korridore machte, wunderte sich nur ein wenig darüber, dass das Kleiderlager für Mitternachts Leibwache abgeschlossen war.

Ende

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