Erwählte des Zwielichts 48

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1)Flammenstern beobachtete schweigend, wie Amon und Sirisa – Feuerlanze – einander in die Augen sahen und lächelten. Sie nutzten ihre neue Gabe der stummen Zwiesprache. Das war gut. Sie alle mussten lernen. Ihr Überleben hing davon ab.
Flammenstern sah auf. „Wenn wir hier bleiben wollen, brauchen wir ein befestigtes Lager, das wir nach und nach zu einem Dorf ausbauen. Wir sollten im Verborgenen bleiben, bis wir uns an unser neues Leben gewöhnt haben. Nur ein neues Aussehen und zu wissen, dass man Fähigkeiten hat, sie vorher nicht da waren, nützen uns gar nichts, wenn wir angegriffen werden. Malika hat uns ein Versprechen gegeben, aber wer weiß, ob sie es halten kann? Wenn die Generäle ihr nicht glauben und davon überzeugt sind, wir seien desertiert, dann werden sie uns suchen. Wir sind gut geschützt durch unser neues Aussehen und unsere neue Sprache, durch die Gaben der Götter. Aber wir können uns nicht nur darauf verlassen.“
Wegsucher nickte. „Du hast vorgeschlagen, diese Bäume zu nutzen, also tun wir das. Lasst uns Baumhütten bauen, das sollte hier nicht schwierig sein. Die Baumkronen sind so sehr ineinander verwoben und verwachsen, dass wir dort oben schon jetzt spazieren gehen könnten. Nutzen wir das. Und einige sollten zurückgehen in unsere alten Lager, und all das holen, was wir zurückgelassen haben. Wir werden es brauchen. Der Krieg hat viel zerstört, Menschen und Elfen haben ihre Städte und Dörfer verlassen. Ich bin kein Dieb. Aber wenn uns Dinge in die Hände fallen, die andere zurückgelassen haben, sollten wir sie nutzen.“

Flammenstern nickte. „Ich übergebe diese Aufgabe dir. Wir werden uns aufteilen. Ihr solltet mindestens zu dritt oder zu viert gehen und sammeln, was ihr findet und was brauchbar ist, herbringen. Wer hierbleibt, beginnt mit dem Bau der Baumhütten.“
„Ich gehe mit Am… Wegsucher.“ Luath erhob sich, Weitherz folgte ihm. „Ich gehe auch mit. Nebelstreif bleibt hier, dann hat jede Gruppe einen Heiler.“
Sternauge erhob sich ebenfalls. „Ich komme auch mit. Vielleicht kann ich helfen. Ich glaube, ich kann Orte finden, an denen es Dinge gibt, die wir brauchen können.“
„Dann gehe ich auch.“ Veannan nahm ihre Hand. „Ich werde mit meiner gewählten Schwester gehen. Und ich möchte einen neuen Namen wählen, bevor wir uns trennen.“ Er sah Feuerlanze an. „Ich bin Schattensang.“
Flammenstern nickte. „Gut. Nebelstreif, Feuerlanze, Amon, wir bleiben hier und versuchen, Häuser zu bauen.“
Wegsucher grinste. „Wir wollen einen Palast sehen, wenn wir wiederkommen!“
„Aber nur, wenn ihr genug Gold und silberdurchwirkte Teppiche mitbringt!“ Flammenstern grinste ebenfalls. Er schaute in die Runde und lächelte. Seine Gedanken waren voller Wärme, als er eine wortlose mentale Umarmung an seine Freunde schickte. Seine „Leute“ waten sie schon lange nicht mehr. Er fühlte eine Welle von Zuneigung und Wärme, als die anderen einer nach dem anderen, zuerst zögernd, dann immer sicherer, antworteten.
Amon sah in die Runde. „Ich will ebenfalls meinen Namen schon jetzt ändern. Ich muss nicht mehr nachdenken. Ich bin Nachtjäger.“
Flammenstern lächelte. „Ein guter Name für den, der diesem neuen Nithyara-Clan seine erste Beute gebracht hat.“ Er drückte Nachtjägers Schulter, dann wanderte sein Blick zu Luath.
„Was ist mit dir? Willst du noch warten, oder auch schon jetzt einen neuen Namen wählen?“
Luath, der junge Bogenschütze, kaute auf seiner Unterlippe und sah in die Runde, dann blieb sein Blick auf Flammenstern hängen.
„Bevor ich in den Krieg gezwungen wurde, war ich Töpfer. Ich will für den Clan wieder ein Töpfer sein. Wie werden viele Dinge brauchen, die man aus Ton machen kann. Nennt mich Lehmformer, bis mir etwas… heroischeres eingefallen ist.“
Nebelstreif stand auf und legte einen Arm um Luath. „Handwerk ist wichtiger für uns als alles Heldengetue“, sagte sie mit fester Stimme. „Wenn wir überleben wollen, müssen wir alle zusammen gut sein, es geht nicht, wenn jeder von uns der Beste sein will. Lehmformer ist ein guter Name.“
Flammenstern nickte ihr zu. Er spürte, dass sie die Liebe fühlte, die er ihr sendete. Er hatte sie noch nie so geliebt wie in dieser Nacht.
Nithyara. Seine Nithyara. Nebelstreif, Wegsucher, Feuerlanze, Nachtjäger, Sternauge, Schattensang, Lehmformer und Weitherz. Sein eigenes Herz wurde so weit, dass es sich anfühlte, als wolle es seine Brust sprengen, als er in einer stummen, gedanklichen Umarmung seine Geschwister-Freunde, seine Geliebte und seinen Seelenbruder einschloss