Erwählte des Zwielichts 52 – extralanges Osterschnipsel

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1) Sie erreichten die Tore des Lagers in den frühen Morgenstunden. Noch war es nicht hell, noch war die Sonne nur beinahe erwacht. In einiger Entfernung holte Liandras die Überreste des Banners der Kundschafter hervor und hielt es hoch. „Nacht über den Landen!“, rief er zu den Torwachen hoch, auch wenn er ahnen musste, dass diese Parole schon mindestens einen Mond lang veraltet war. „Die Jäger sind zurück … oder das, was von ihnen übriggeblieben ist!“
Eine Weile blieb es still, dann antwortete eine Frauenstimme.
„Kundschafter Liandras?“
Liandras seufzte erleichtert, während Malika ein Schauer über den Rücken rann.
General Tayara.
„Heil und am Leben, General Tayara. Bei mir sind die Kundschafter Malika, Nidhan und Dirian. Lasst uns passieren, wir berichten umgehend.“
Es rumpelte, dann wurde das Tor in der Palisade gerade so weit geöffnet, dass sie hindurchschlüpfen konnten.
Im Lager herrschte rege Betriebsamkeit – es sah aus, als würde es abgebrochen. General Tayara, eine hochgewachsene Dunkelelfe in schwarzer Rüstung, das schimmernde Haar kurz geschnitten bis auf einen langen, dünnen Zopf, der von ihrem Nacken bis zu ihren Hüften herabhing, trat ihnen entgegen. Ihr schmales Gesicht wirkte eingefallen und noch bleicher, als Dunkelelfen es üblicherweise waren, aber ihre Augen brannten in leidenschaftlichem Feuer. Malika glaubte, beginnenden Wahnsinn zu sehen. Sie blieb einen Schritt zurück, als Liandras vor Tayara salutierte.
„General, ich bringe Euch Jäger zurück. Wir waren auf dem Weg zurück ins Lager, als wir von Lichtkriegern angegriffen wurden. Alle bis auf uns fielen in diesem Kampf.“


Es gelang ihm sogar, ein wenig betroffen auszusehen. Malika biss sich auf die Lippen. Sie hatte geglaubt, Liandras würde sein Wort nicht halten.
Vielleicht tut er das auch nicht. Ich muss ein Auge auf ihn haben. Tayara hält große Stücke auf ihn und er bewundert sie. Ich frage mich, was er zu tun bereit ist für noch mehr Anerkennung.
Sie wartete, dann trat auch sie vor, und mit ihr Dirian und Nidhan. Tayara musterte sie mit einem kühlen Blick.
„Also hat Iloyon.“ Es war eine Feststellung, nicht mehr. Liandras schwieg.
Malika atmete tief durch. „Er hat getan, was er konnte, General. Am Ende waren wir nur noch zwölf. Wir haben versucht, ihnen zu entkommen, indem wir uns trennten. Sie nahmen Iloyon und Amayas gefangen … wir schafften es sogar noch, die beiden herauszuholen, wir wähnten uns schon beinahe sicher. Doch dann kamen sie wieder. Es waren zu viele.“
Tayara hob eine schmale Augenbraue. „Warum habt ihr Amayas und Iloyon nicht zurückgelassen?“
Liandras warf Malika einen brennenden Blick zu, aber sie ließ nicht locker.
„Iloyon ist … war unser Anfüher. Wir haben ihm vertraut und er vertraute uns. Ich weiß, dass Ihr nicht viel von seiner Art zu führen haltet, General. Aber er hätte keinen von uns zurückgelassen. Also, wie hätten wir…“
„Genug.“ Tayara machte eine ungeduldige Handbewegung. Malika biss sich auf die Zunge.
„Wäre ich an seiner Stelle gewesen, hätte ich gewollt, dass ihr mich zurücklasst.“ Tayara wandte sich wieder an Liandras. „Liandras, ich übergebe dir das Kommando über die Kundschafter. Nimm in deine Truppe auf, wen du für geeignet hältst, um die Gefallenen zu ersetzen. Und jetzt ruht euch ein paar Stunden aus. Ihr könnt im Lazarett schlafen, alle anderen Zelte und Baracken werden bereits abgebaut. Solltet ihr nicht zu müde sein, helft den anderen. Und morgen Abend ziehen wir weiter.“
Liandras salutierte. „Zu Befehl, General.“ Mit keiner Miene verriet er, ob er sich über seine Beförderung zum Anführer der Kundschafter freute. Fast schien es Malika, als hätte er nichts anderes erwartet.
Tayara neigte knapp den Kopf, dann wandte sie sich ab und ging zu ihrem Zelt. Malika unterdrückte ein Seufzen. Auf einmal war sie schrecklich müde.
„Macht, was ihr wollt, aber ich werde nicht helfen, ich muss erst schlafen.“
In Wahrheit wollte sie es vermeiden, anderen Dunkelelfen zu begegnen, die sie kannte. Sie wollte nicht tausendmal berichten, dass Iloyon gefallen war, dass er „versagt hatte“, wie Tayara es ausdrückte.
Liandras nickte. „Gehen wir ins Lazarett.“

Nur eines der befestigten Zelte stand noch. Alle anderen waren bereits abgebaut. Malika runzelte die Stirn. Die Schlacht da draußen musste furchtbar gewesen sein, gemessen an den gefallenen Lichtlingen. Wie konnte es sein, dass dieses Lazarettzelt bis auf gerade einmal fünf Verwundete leer war? Sie ließ ihren Blick über die Gestalten auf den schmalen Feldbetten wandern. Vier schliefen, aber einer erwiderte ihren Blick wach und klar.
„Malika, Shenandras Tochter?“ Seine Stimme klang heiser. Um seinen Hals trug er einen Verband, seine linke Schulter war ebenfalls eingebunden. Die Verbände waren blutbefleckt, aber es war trockenes Blut.
Sie trat an das Bett. „Javaron?“ Ihr Chronist. Sie kannte ihn von den vielen langen Tagen am Lagerfeuer, wenn sie im Schutz von Zeltplanen gewacht hatten. Javaron hatte den Krieg begleitet und seine Geschichte aufgeschrieben, seit sie denken konnte. Er war alt – niemand wusste, wie alt, aber alle sagten, er hätte den Beginn des Krieges noch miterlebt. Er musste einer der wenigen sein, die noch wussten, warum sie diesen Krieg führten…
„Was machst du denn hier? Du bist Chronist, du gehörst nicht in die vorderen Reihen!“
Javaron lächelte. „Da war ich auch nicht. Aber auch weiter hinten war es diesmal gefährlich. Und du? Wie erging es dir? Die Jäger sind zurück?“
Sie seufzte und ließ sich auf der Bettkante nieder, „Liandras, Nidhan, Dirian und ich. Wir haben die meisten verloren. Sie sind gefallen oder verschwunden … und die verschwundenen sind sicher auch bereits tot …“ Tränen brannten in ihren Augen. Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen. „Was ist hier geschehen, Javaron? Wir haben die Toten gesehen, als wir zurückkamen.“
Die anderen kamen näher und setzten sich neben Javarons Bett auf den Boden. Der Chronist nickte ihnen kurz zu, dann begann er, zu sprechen. Seine Augen wirkten sehr dunkel, als er seine Erinnerungen zurückrief.
„Es war grauenvoll. Sie kamen in den frühen Morgenstunden. Wir wussten, dass sie sich sammeln. Wir haben immer wieder kleine Stoßtrupps geschickt, um ihre Verbände zu schwächen. Aber was an dem Morgen auf uns zugerollt kam, war eine Flutwelle, mit der niemand gerechnet hat. Wir waren sicher, dieses Mal würden sie uns überrennen. Allein schon, dass die Sonne immer höher stieg, senkte unsere Möglichkeiten, mit ihnen fertigzuwerden.“ Javaron schloss kurz die Augen, dann sprach er weiter.
„Wir machten einen Ausfall nach dem anderen, aber für jeden von ihnen, den wir unschädlich machten, kamen zwei neue nach. Bis …“ Er atmete tief durch. Für einen Moment ging sein Blick in weite Ferne.
Malika berührte ihn sanft am Arm. Ihre Hand zitterte. „Bis was?“
„Bis der Himmel sich verdunkelte. Wolken zogen auf, schwarze, dichte Wolken, sie schoben sich vor die Sonne, es blitzte und donnerte, aber es fiel kein Regen. Da waren nur diese Blitze. Sie fällten unsere Feinde wie eine Sense, die Korn mäht.“ Er flüsterte beinahe und schien sich zwingen zu müssen, weiterzusprechen.

„Es war so … unwirklich. Fühlte sich falsch an. Das war kein Kampf Mann gegen Mann mehr. Und ich weiß, dass unsere Magier das nicht hätten vollbringen können. Die meisten Gildenmagier sind schon abgezogen und in unser neues Hauptlager weiter im Landesinneren verlegt worden. Wir hatten noch drei von ihnen hier, die Lichtlinge mindestens zwanzig. Sie hätten es sein müssen, die uns mit Magie besiegen. Aber es waren wir, die siegten. Die Blitze fielen. Und fielen. Um mich herum stürzten die Lichtlinge zu Boden wie gefällte Bäume, aber das Unheimlichste war, dass ich sie nicht schreien hörte. Einer von ihnen stand direkt vor mir, es war der, der mir die Schulter durchbohrte und dann versuchte, mir die Kehle durchzuschneiden, als ich vor ihm in die Knie ging.“ Javaron hustete und griff nach dem Becher, der neben seinem Bett stand. Dirian reichte ihn ihm, Javaron trank und sprach weiter, immer noch leise.
„Ich saß also da, auf Knien, und sah zu ihm hoch, mein Schwert in der Hand, aber ich wusste, wenn er zuschlägt, würde ich nicht abwehren können. Ich sah ihm in die Augen. Sie waren blau. Eisblau und kalt. Sein Mund verzog sich zu einem Knurren, als er sein Schwert schwang. Und dann erstarrte er plötzlich, die Klinge fiel ihm aus der Hand, als einer dieser Blitze auf ihn niederging. Seine Augen wurden mit einem Schlag leer. Er sank zu Boden, den Mund zu einem Schrei geöffnet, den keiner seiner Kameraden mehr hören würde. Er fiel einfach um. Seine Augen wurden schwarz. Ein wenig Blut rann ihm aus der Nase, das war alles. Ich habe keine Ahnung, wie er gestorben ist.“
Malika schluckte. Sie sah Dirian an, auch der war blass geworden. Nidhan kaute auf seiner Unterlippe und rutschte unbehaglich auf dem Boden herum. Liandras war der einzige, den Javarons Bericht nicht zu beunruhigen schien.
„Hat Tayara etwas dazu gesagt? Oder einer der anderen Generäle? Durnin? Varael? Shinyenna? Lucai?“
Javaron schüttelte den Kopf. „Sie alle hüllen sich in Schweigen. Nach der Schlacht haben sie in Tayaras Zelt zusammengehockt und gestritten. Lucai soll Tayara sogar zum Zweikampf herausgefordert haben, und Shinyenna forderte Tayaras Absetzung. Doch das kann hier niemand entscheiden. Das kann nur der Heerführer tun, und der ist im neuen befestigten Lager bei Telava. Ich denke, das ist einer der Gründe, warum wir dorthin abziehen. Der andere sind diese unzähligen Leichen da draußen. Noch ein paar Tage, und man kann hier nicht mehr atmen und die Seuchen werden über uns kommen wie eine Strafe der Götter. Diese Schlacht ist jetzt zwei Tage her. Tayara befahl gleich nachdem die Lichtlinge so vernichtend geschlagen worden waren, den Abzug. Telava ist vor einiger Zeit gefallen, wurde vollkommen geplündert und ist ausgestorben, die Menschen sind fort – tot, versklavt, kriegsgefangen oder geflohen. Gerüchteweise wurde Tayara vor den Rat der Nacht befohlen, der sich inzwischen in Telava eingefunden hat. Ob sie gehen wird? Keiner weiß es. Sie hat sich verändert.“
„Wir alle haben uns verändert“, sagte Liandras. „Diese Blitze – hat irgendwer hier eine Ahnung, woher sie kamen?“
Javaron nickte. „Tayara sagte, sie habe gebetet und ihre Gebete seien erhört worden. Mehr nicht. Die einen tun es als ein Wunder der Natur ab, andere sprechen tatsächlich von einem Wirken der Götter.“
Wieder senkte der die Stimme zu einem Flüstern. „Aber wenn es wirklich Götter waren … dann kenne ich sie nicht. Vielleicht sprecht ihr mit Iendra.“
Die Heilerin, die still ihren Dienst an den Verwundeten versah, sah auf, als sie ihren Namen hörte, und kam näher.
„Worüber soll wer mit mir sprechen?“ Sie schaute hinter einer Trennwand hervor.