Erwählte des Zwielichts 53

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1) „Malika, Liandras! Und Nidhan und Dirian! Willkommen zurück. Die Jäger sind also wieder da.“
„Nur wir, Heilerin.“ Liandras neigte den Kopf. „Wir haben viele verloren. Tot, vermisst … wir wissen es nicht. Wir haben uns zu viert durchgeschlagen, nachdem wir die anderen verloren hatten. Iloyon und Cianthara sind gefallen, Tyuran ebenfalls, Sirisa, Amon …“ Er schluckte.
Malika sah ihn an und runzelte die Stirn. Sie konnte nicht einschätzen, was Liandras wirklich empfand, und das machte sie wahnsinnig. Sie waren doch Freunde. Oder nicht? Die anderen waren ihre Freunde gewesen. Oder nicht? Sie verstand seine Wut und warum er gegangen war – es waren dieselben Gründe, aus denen sie selbst die Nithyara verlassen hatte. Doch heuchelte er jetzt? Oder war seine Kälte vor Tayara nur gespielt gewesen?
Iendra nahm seine Hand. Die Heilerin in den schlichten schwarzen Gewändern sah müde aus, ihr schmales Gesicht grau vor Blässe, ihre Augen dunkel umringt.
„Ich trauere mit euch. Möge die Nacht sie aufnehmen.“ Sie seufzte. „Worüber wollt ihr mit mir reden?“
„Über die Schlacht“, antwortete Javaron. „Sag ihnen, was du gefühlt hast.“
„Du hast ihnen von den Blitzen erzählt?“

Javaron nickte.
„Ich war mit den anderen Heilern und Feldschern da, bereit, die Verwundeten zu übernehmen … aber es kamen keine. Außer Javaron wurden in dem ganzen Getümmel nur vier weitere verwundet. Die Blitze mähten alles nieder, was nicht zu uns gehörte, und was sie nicht trafen, schlugen wir mit Leichtigkeit zurück. Es entkamen nur wenige. Was auch immer es war, es war effektiv. Aber keiner unserer Magier hat es gerufen. Ihr wisst, dass ich Priesterin war, bevor ich Heilerin bei der Armee wurde.“
Malika nickte, die anderen ebenso. Liandras knetete seine Finger.
„Sag, worauf du hinaus willst, Iendra.“
„Ich kenne die Macht unserer Götter. Ich weiß, wie sich der Nachtkrieger anfühlt, die dunkle Todesherrin und die schwarze Flamme der Heilung. Ich kenne sie. Aber ich habe in diesen Blitzen keinen von ihnen erkannt. Aber dennoch etwas … was nicht mit unserer Magie zu vergleichen war. Ich habe etwas Dunkles gespürt, eine Finsternis, die nicht die ist, der wir dienen. Das, was ich gespürt habe, war unsagbar alt. Eine Finsternis, die selbst uns fremd ist. Eine Nacht, dunkler als unsere Nächte. Es hat mir Angst gemacht.“
Javaron strich ihr über die Hand, als sie zitterte.
„Haben noch andere das bemerkt?“ Liandras sah sie an.
„Ich weiß es nicht. Niemand spricht darüber. Ich habe bisher auch nur Javaron davon erzählt. Er ist der Chronist. Er muss es wissen.“
Liandras nickte. Nachdenklich strich er sich über das Kinn. Er schwieg.
„Würdest du … es wiedererkennen?“ Malika sah Iendra fest in die Augen.
Sie nickte.
Malika senkte die Stimme. „Wir müssen vorsichtig sein. Iendra, glaubst du, dass Tayara etwas damit zu tun hat?“
„Still!“ Die Heilerin legte den Finger auf die Lippen. „Nicht. Es fliegen schon genug Gerüchte herum. Zeltplanen und Holzgeflecht haben Ohren hier.“ Sie sagte nichts weiter, aber Malika sah sie ganz leicht nicken, dann erhob sie sich.
„Ich wollt sicher einen Schlafplatz. Ihr seht schrecklich aus. Wir haben noch frische Kleider hier, und ihr könnt ein Bad nehmen, wenn ihr wollt, allerdings nur ein kaltes. Über dem Feuer hängt noch Suppe, nehmt, so viel ihr wollt. Und dann ruht euch aus. Wir wollen morgen Nacht aufbrechen, dann solltet ihr geschlafen haben. Ihr könnt die freien Betten nehmen.“
„Danke, Heilerin.“ Liandras erhob sich. „Ich will wirklich gern etwas essen, mich waschen und dann ins Bett…“
Nidhan und Dirian nickten und standen ebenfalls auf. „Wir kommen mit. Malika?“
„Geht schon vor. Ich komme gleich. Ich bin müde, aber ich kann jetzt noch nicht schlafen, und Hunger habe ich auch nicht.“
Liandras warf ihr einen leicht fragenden Blick zu, dann zuckte er die Schultern und ging mit den anderen in die mit Tüchern abgehängte Nische, wo der Waschzuber stand. Iendra streckte sich. „Wenn ihr mich nicht braucht, werde ich auch gehen, ich muss noch einmal nach den Verletzten sehen. Sie müssen morgen alle so weit sein, dass wir sie transportieren können. Schlaf gut, Malika. Gut, dass wenigstens ihr wieder da seid. Und pass gut auf. Hier hat sich einiges verändert, ihr wart lange weg.“
Sie nickte Malika noch einmal zu, dann verschwand sie. Malika sah ihr nach, dann rieb sie sich das Gesicht und seufzte.
„Was meint sie?“
Javaron seufzte ebenfalls. „Die Generäle. Vor allem Tayara. Sie hat sich verändert, sie scheint noch härter geworden zu sein. Niemand kann es wirklich in Worte fassen. Was hier passiert, ist wie eine schleichende Krankheit.“
„Ich werde aufpassen. Javaron, kann ich dich noch etwas fragen?“
„Natürlich. Worum geht es?“
„Du bist alt. Du bist Chronist, du kennst weit mehr Geschichten als nur die unseres Volkes. Hast du schon einmal von einem Volk gehört, das sich Ni-Thi-Yanara nannte?“