Erwählte des Zwielichts 54

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1) Javaron hob eine Augenbraue. „Woher weißt du von den Ni-Thi-Yanara? Die Geschichten über sie sind beinahe so alt wie die Welt, und sie werden nur selten erzählt.“
Malika zuckte in gespielter Gleichgültigkeit die Schultern. „Lagerfeuergeschichten. Ich habe es irgendwo aufgeschnappt, konnte aber nicht weiter zuhören. Und seitdem bin ich neugierig. Da wurde von Magie gesprochen, die von den Sternen kommt, von fremden Göttern.“
Javaron nickte. „Sie sind altes und vergessenes Volk. So lange ich lebe, habe ich noch nie jemanden getroffen, der einen lebenden Ni-Thi-Yanara gesehen hat. Sie verschwanden vor vielen Jahrhunderten.“
„Was weißt du über sie?“
„Warum interessiert dich das so?“
„Ich bin nur neugierig. Aber wenn du nicht darüber reden willst …“
„Wer sagt, dass ich nicht will?“ Javaron senkte die Stimme zu einem Flüstern. „Es gibt Dinge, über die man nicht reden sollte.“
„Und die Ni-Thi-Yanara gehören dazu? Warum?“ Malika zog ebenfalls eine Augenbraue hoch und sah den Chronisten an. Er schien ihren herausfordernden Blick zu bemerken und lächelte.
„Manche Dinge sollte man ruhen lassen. Aber gut. Niemand weiß, warum sie verschwunden sind, aber die alten Geschichten sagen, dass sie vernichtet wurden, damit ihre Götter vernichtet werden. Vor allem einer von ihnen. Der Sage nach sind Götter nur so stark wie der Glaube ihrer Anhänger. Vernichte die Anhänger, und du vernichtest den Gott.“
„Ich verstehe.“ Malika sah den Chronisten an. „Warum wollten sie die Götter der Nithya… Ni-Thi-Yanara vernichten?“

Javarons Blick bohrte sich in ihre Augen. Malika erschauert. „Weil sie gefürchtet wurden. Vor allem der eine. Der, den die Ni-Thi-Yanara den Nachtschatten nannten. Ich denke allerdings, dass das alles eher ein Missverständnis gewesen ist, das zur Ausrottung der Ni-Thi-Yanara beigetragen hat.“
Malika biss sich auf die Lippe. „Javaron … was weißt du?“
„Zu viel, als dass ich dir jetzt alles erklären könnte. Ich werde dir etwas zeigen, wenn wir in Telava sind. Und du wirst mir dann sagen, warum du all das wissen willst. Bis dahin kannst du dir überlegen, was dir die Informationen wert sind.“ Er zwinkerte ihr zu.
Malika musste grinsen. „In Ordnung. Auch wenn ich nicht verstehe, warum du mit diesen alten Geschichten so geheimniskrämerisch umgehst.“
Javaron lächelte. „Auch das werde ich dir sagen, wenn wir in Telava sind. Und jetzt geh schlafen, du siehst müde aus. Wir haben morgen einen langen Weg vor uns, ich sollte auch noch ein wenig schlafen. Den Frieden der Nacht, Malika, Shenandras Tochter.“
„Den Frieden der Nacht, Javaron. Ich werde darüber nachdenken. Aber ich glaube, du kennst meine Antwort bereits.“ Sie erwiderte sein Zwinkern, dann wandte sie sich ab und ging zum Waschzuber. Die anderen waren bereits fertig, nur ein Berg schmutziger Kleider bewies, dass sie da gewesen waren. Malika schälte sich aus ihren Sachen, wusch sich und zog die frische Uniform an, die die anderen ihr hingelegt hatten. Dann ging sie zur Feuerstelle, wo die anderen bereits vor leeren Schalen saßen und Kräuterbrot kauten. Liandras warf ihr einen fragenden Blick zu, als sie ans Feuer ging und sich eine Schale füllte. Der dickflüssige Eintopf roch gut, auch wenn er vermutlich nur aus dem bestand, was sie im Feld zu Essen hatten – Trockenfleisch, Kräutern, steinhartem Ziegenkäse und Wurzeln. Malika setzte sie sich zu den anderen und begann, die dicke Suppe mit einem Brotkanten zu löffeln.
„Was hattest du denn noch mit Javaron zu besprechen?“ Liandras biss in sein Brot und sah sie über das Lagerfeuer hinweg an.
„Nichts Besonderes.“ Malika rührte in der heißen Suppe und blies in die Schale. „Ich hatte mich an eine alte Geschichte erinnert und wollte hören, ob er darüber etwas weiß. Er sagte, es sei ein Märchen ohne besonderen Hintergrund. Nur eine Kindergeschichte.“ Sie löffelte weiter, schob nach einer Weile die leere Schale von sich und gähnte ausgiebig.
„Ich gehe schlafen.“
Nidhan erhob sich ebenfalls. „Ich auch. Es sind genug andere hier, die die Sachen packen können, ich muss nicht dazwischen herumrennen.“
Dirian nickte. „Ich bin auch müde. Kommst du, Liandras?“
Liandras schüttelte den Kopf. „Später. Ich werde noch ein bisschen helfen. Ich bin nicht müde.“
Malika legte den Kopf schief. „Nicht?“
„Kein bisschen. Geht schlafen, ich komme nach.“