Erwählte des Zwielichts 55

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1)Sie suchten sich ihre Schlafstätten im Lazarett. Es waren noch genug freie Betten da. Malika suchte sich eines hinter einem Vorhang aus und kroch bis auf ihre Stiefel komplett angezogen unter die Decke. Sie wartete, bis sie aus der ebenfalls mit Tüchern abgetrennten Kammer neben ihrer tiefe Atemzüge hörte, dann schlüpfte sie von der Pritsche und rollte Decke und Kissen so zusammen, dass es auf den ersten Blick aussehen würde, als wenn dort jemand schlief. Vorsichtig nahm sie ihre Stiefel in die Hand und schlich zum Eingang der Baracke. Dort schlüpfte sie in die Stiefel und huschte nach draußen. Die Zelte der Generäle standen in der Mitte des Lagers, das wusste sie. In die Schatten geduckt lief sie auf das Zentrum des Lagers zu, nutzte die noch stehenden Zelte als Deckung. In der Nähe der fünf großen Zelte, die um ein weiteres, noch größeres herum im Kreis standen, blieb sie geduckt stehen und sah sich um. Alle Generalszelte waren mit Bannern und Wappen geschmückt. Sie suchte nach Tayaras Greifvogel und fand ihn auf dem Zelt, das ihr am nächsten stand. Durch die dunkle Zeltplane schimmerte es hell, und Malika sah sich bewegende Schatten, die sich gegen die Plane abzeichneten. Zwei Personen schienen an einem Tisch zu sitzen, anscheinend tranken sie miteinander, redeten und gestikulierten dabei. Vorsichtig schlich Malika näher. Zeltplane war keine Mauer, es würde leicht sein, ein Gespräch zu belauschen, vorausgesetzt, die Wache vor dem Zelt bemerkte sie nicht. Sie ließ sich auf den Boden gleichen und robbte hinter das Zelt.
„… möchte Euch zu diesem grandiosen Sieg gratulieren, General“, hörte sie eine sehr bekannte Stimme.
Liandras. Versuchte er, Tayara auszuhorchen?

Malika hielt den Atem an.
„Wir haben die vielen Gefallenen gesehen. Es muss ein Tag des Triumphes gewesen sein. Ich wäre zu gern dabei gewesen.“
„Da sei dir nicht so sicher, Kundschafter.“
Malika glaubte, das überhebliche, stolze Lächeln auf Tayaras Zügen sehen zu können.
„Wir hatten Glück. Das war alles.“
„Glück? Wir hörten von einem unglaublichen Naturschauspiel und niedergehenden Blitzen, die die Lichtlinge zu Fall gebracht haben.“
Tayara lachte. Es klang wie zerbrechendes Eis, kalt und freudlos.
„Was ich sage. Wir hatten Glück, dass dieses seltsame Gewitter zu dieser Stunde über uns kam.“
„Es gibt Gerüchte im Lager, General.“ Liandras‘ Stimme klang schmeichelnd.
Malika biss sich auf die Lippen. Wenn Liandras tatsächlich versuchte, Tayara zum Reden zu bringen, dann machte er es gut. Tayara war stolz auf das, was sie konnte und vollbracht hatte. Liandras‘ Komplimente würden sie streicheln wie ein seidiges Kleid.
„Und die besagen … was?“
„Dass Ihr für dieses Glück gesorgt haben könntet, General.“
Tayaras Schatten beugte sich vor.
„Was glaubst du, Kundschafter?“
„Die anderen sagten, Ihr hättet gebetet.“
„Da hast du deine Antwort. Ja, Liandras. Die Lage war so aussichtslos, dass ich gebetet habe. Ich, eine Kriegerin, habe Götter um Hilfe gerufen. Lach nur und denke, ja, so weit ist es mit uns gekommen, dass unsere Krieger Götter anflehen. Aber sie haben geholfen, nicht wahr?“
„Was für Götter waren das, General?“
Malika konnte es nicht sehen, aber sie wusste, dass tayara lächelte. „Das, mein Freund, wirst du noch früh genug erfahren.“
Also hat Iendra Recht. Tayara hat nicht den Nachtkrieger oder die Todesherrin gerufen, und erst recht nicht die Schwarze Flamme der Heilung.
„Geh jetzt, Liandras. Wir reden, wenn wir in Telava sind. Dann weiß ich genug, um alles mit euch, mit der gesamten Armee zu teilen.“
Malika sah, wie Liandras den Kopf neigte und sich erhob. „In Telava dann.“ Sein Tonfall sagte Malika, dass er sich mehr erhofft hatte.
Tayara stand ebenfalls auf, öffnete die Zeltklappe und wies Liandras mit einer unmissverständlichen Geste den Ausgang. Liandras zuckte mit den Schultern und verließ das Zelt. Die Artm wie er draußen einen Ast ins Lagerfeuer trat, zeigte Malika, wie frustriert er war. Entschlossen heftete sich sich an seine Fersen. „Liandras!“
Er wirbelte herum.