Erwählte des Zwielichts 56

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1) „Malika, bist du wahnsinnig, mich so zu erschrecken? Was schnüffelst du hinter mir her?“ Liandras wollte sie an den Schultern fassen, und Malika ließ es zu. „Ich muss wissen, ob ich dir noch trauen kann, Liandras“, zischte sie, „ich war mir nicht sicher, als ich dich gehen hörte. Ich musste wissen, ob du … ob du Iloyon verrätst.“
„Verdammt, Malika …“ Liandras seufzte. Seine Hände glitten von Mailkas Schultern. Fast hilflos sah er sie an. „Ich kann und ich will nicht verstehen, was er da macht, Mal. Aber Iloyon ist mein Freund, so wie deiner. Ich muss ihn nicht verstehen, aber das macht uns nicht zu Feinden. Ich habe ihn nicht verraten, und ich habe auch nicht vor, das zu tun, darauf gebe ich dir mein Wort, wenn dir das etwas bedeutet. Ich darf dich daran erinnern, dass auch du keine Nithyara werden wolltest. Und dennoch bist du noch Iloyons Freundin, wie es scheint. Also – kann ich nicht auch noch sein Freund sein? Ich wollte wissen, ob Tayara etwas mit den Blitzen zu tun hat, und ob es wahr ist, ass sie fremde Götter anbetet.“
Malika lachte auf. „Und du glaubst, das bindet sie dir einfach so auf die Nase, nur weil du ihr ein paar Komplimente machst?“
Liandras zuckte die Schultern. „Ich dachte tatsächlich, ich könnte sie bei ihrem Stolz auf diese gewonnene Schlacht packen. Hat nicht geklappt, aber es hätte klappen können. Malika, wir müssen jetzt zusammenhalten. Irgendwas stimmt hier nicht, und ich will herausbekommen, was.“

„In Ordnung. Ich nehme dein Wort an. Lass uns Kundschafter in unserem eigenen Lager sein.“ Sie streckte die Hand aus, und Liandras schlug mit einem sichtlich erleichterten Seufzen ein.
„Ich will dich nicht auch noch verlieren, Mal“, sagte er, während er ihre Hand drückte. „Dich nicht, und Nidhan und Dirian auch nicht. Es reicht, dass die anderen weg sind. Sie sind für mich tatsächlich gestorben. Der mit den Zeichen, der sich Flammenstern nennt, ist nicht mehr Iloyon für mich, verstehst du? Ist die Maskierte, die sich Nebelstreif nennt, für dich noch Cianthara?“
Malika hob die Schultern. Sie spürte Tränen in den Augen brennen. „Ich weiß es nicht“, sagte sie. „Ich weiß aber auch nicht, ob die dort in dem Zelt hinter und immer noch Tayara ist. Ich konnte sie nie leiden, aber sie war immer eine gute Anführerin, bei der ich dachte, sie wüsste, was sie tut. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Ich bin mir bei gar nichts mehr sicher. Manchmal zweifle ich auch an diesem Krieg, so wie Iloyon es tat. Aber ich will nicht seinen Weg gehen, um ihn zu beenden. Wir müssen das Licht schlagen. Nur so gibt es ein Ende. Und wir müssen herausfinden, was hier passiert und wie Tayara diese Schlacht gewonnen hat.“
Liandras nickte und zog Malika zurück auf den Weg zum Lazarett. Bevor sie das Zelt betraten, hielt Malika ihn noch einmal auf. „Javaron weiß von den Ni-Thi-Yanara.“
„Das wundert mich nicht. Er ist älter als wir beide und unsere Väter zusammen, und er ist Chronist. Wahrscheinlich hat seine Mutter ihn bereits mit Schriftrollen gewickelt, als er noch an ihrer Brust trank.“
„So ein Unsinn.“ Malika lachte verhalten und wurde gleich wieder ernst. „Hör zu. Er will mir etwas zeigen, wenn wir in Telava sind. Er weiß mehr über dieses fremde Volk, als er mir jetzt sagen will in all diesem Chaos hier. Vielleicht hilft uns das, zu verstehen.“
„Willst du denn das?“
Malika nickte. „Ja“, sagte sie, „ich will verstehen, warum Iloyon das getan hat, und Cia und die anderen. Ich will verstehen. Schlaf gut, Liandras. Und … danke. Danke, dass wir noch Freunde sind. Und verzeih mir, dass ich an dir gezweifelt habe.“
Sie spürte Liandras‘ Blicke im Nacken, als sie als erste das Zelt betrat und zu ihrem Feldbett zurückkehrte. Als sie endlich einschlief, war ihr Schlaf voller verwirrender Träume.

Malika wusste nicht, wo sie war. Um sie herum war es dunkel, dass selbst ihre nachtsehenden Augen die Finsternis nicht durchdringen konnten. Sie hatte das Gefühl, zu schweben. Es war ein eigenartiges, beängstigendes Gefühl. Stille umgab sie.
„Wo bin ich?“
„… bin ich? … bin ich?“
Ihre Stimme verhallte und warf ein Echo zurück. In der Ferne hörte sie ein Lachen. Sie erschauerte. Irgendwo hatte sie dieses Lachen doch schon einmal gehört. Sie erinnerte sich. Es war ein Lachen im Wind, im Rascheln des Laubes der Bäume.
„Malika, Shenandras Tochter. Willkommen.“
Die Stimme war tief und sanft, sie erinnerte an das Schnurren einer Katze.
„Wer bist du? Wo bin ich hier?“
„In deinen Träumen. Du stellst viele Fragen, Malika, Shenandras Tochter. Du stellst falsche Fragen. Aber auch richtige. Stelle die richtigen Fragen und du wirst die Antworten bekommen, die du suchst. Du zweifelst. Und du zweifelst zu Recht. Du suchst und fragst und tust das zu Recht. Halte deine Augen offen. Es gibt viele Götter, und nur wenige, denen du trauen kannst.“
Malika spürte, wie eine Hand nach ihrer Seele griff. Sie keuchte auf.
„Wer bist du? Warum sagst du mir das alles?“
„Weil du die bist, die verhindern kann, dass die Geschichte sich wiederholt. Es hat bereits begonnen. Aber du kannst es verhindern.“
„Was? Was soll ich verhindern? Wer bist du? Zeig dich!“
Es blieb still.
„Bitte. Ich verstehe das alles nicht.“
Stille. In dem Dunkel, das sie umgab, sah Malika winzige Lichter aufflammen, immer mehr, wie Sterne am nächtlichen Himmel. Als die Stimme wieder sprach, klang es, als mischte sich zu der schnurrenden Männerstimme die melodiöse, sanft-rauchige Stimme einer Frau.
„Du wirst verstehen, wenn es an der Zeit ist, Malika, Shenandras Tochter. Du hast zur richtigen Zeit gezweifelt und du wirst zur richtigen Zeit deine Zweifel ablegen. Du wirst nicht nur ein Leben retten. Achte auf die Zeichen und deute sie gut. Es gibt viele verschiedene Arten von Freunden. Und es gibt viele verschiedene Arten, Freundschaft zu beweisen. Du bist guter Stahl Malika, Shenandras Tochter. Du bist eine gute Klinge. Sei scharf, wenn du es sein musst. Dir wird viel abverlangt werden. Aber du kannst es. Lebe. Und deute die Zeichen. Deute sie gut.“
Malika erschauerte. „Warum ich?“
Die Stimmen lachten. Malika glaubte, eine Hand zu spüren, die ihr über das Haar, dann über die Wange strich. Es fühlte sich an wie die Hand ihrer Mutter. So hatte sie sie getröstet, als sie noch ein Kind war.
„Weil du die richtige bist.“
Die Sterne verblassten. Das Dunkle kehrte zurück. Malika ließ sich fallen. Sie schloss die Augen, sie wusste, da waren Hände, die sie trugen, sie würde nicht fallen. Eine Hand fuhr ihr über die Augen.
„Sieh…“
Und Malika sah. Sie erwachte mit einem Schrei.