Erwählte des Zwielichts 57

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1) II

Mit einem Schrei fuhr Malika aus dem Schlaf. Sie zitterte am ganzen Körper, ihre Decken waren zerwühlt, die Kleider klebten ihr schweißfeucht auf der Haut. Sie rang nach Atem.
„Malika? Alles in Ordnung bei dir?“ Nidhan schob den Vorhang zur Seite und sah sie besorgt an. Malika nickte. Sie richtete sich auf, rieb sich das Gesicht und fuhr sich mit den langen Fingern durch die Haare.
„Alles in Ordnung“, murmelte sie und zwang sich zu einem Lächeln. „Ich habe nur so ein verwirrendes Zeug geträumt.“
Nidhan nickte mitfühlend. „Kein Wunder. Ich habe auch andauernd Alpträume. Man gewöhnt sich daran.“
„Nein. Niemals.“ Malika schälte sich aus den Decken und schwang die Beine aus dem Bett. „Wie spät ist es?“
„Sie haben eben zum Abendessen geblasen. Wir sollen die restlichen Sachen zusammenpacken, noch diese Nacht brechen wir auf. Ein Wunder, dass sie uns das Lazarett nicht unter dem Hintern abgebaut haben. Das ganze Lager bis auf ein paar letzte Zelte ist verschwunden, alle sitzen um die Lagerfeuer und scharren mit den Füßen. Sieh zu, dass du fertigwirst.“
„Zu Befehl …“
Nidhan grinste und verschwand.
Malika rieb sich noch einmal das Gesicht, dann packte sie ihre Sachen zusammen, ging noch einmal zum Waschzuber und schüttete sich eine Handvoll Wasser ins Gesicht. Am kommenden Morgen würden sie alle wieder dreckig sein nach einer ganzen Nacht auf den Beinen. Sie war hundemüde, aber sie schob ihre Müdigkeit beiseite und suchte sich einen Platz an einem der Lagerfeuer, wo sie etwas zu essen und einen Becher mit heißem, süßen Tee ergatterte. Ein wenig abseits ließ sie sich nieder und kaute ihr Fladenbrot, biss abwechselnd davon und von der steinharten, getrockneten Wurst ab, die man ihr am Feuer gegeben hatte. Die Erinnerung an den Traum kroch wie eine sich in den Schwanz beißende Schlange durch ihren Verstand. Ihr war, als hätte sich jedes Wort, das die körperlosen Stimmen gesprochen hatten, in ihre Erinnerung eingebrannt.

Es gibt viele verschiedene Arten von Freundschaft.
Du bist guter Stahl Malika, Shenandras Tochter. Du bist eine gute Klinge. Sei scharf, wenn du es sein musst.
Warum ich? – Weil du die Richtige bist.

Die richtige wofür? Guter Stahl? Verschiedene Arten von Freundschaft? Ich soll verhindern, dass die Geschichte sich wiederholt?
Aber noch schlimmer als die Worte waren die Bilder. Malika zitterte. Sie schlang die Arme um sich und schloss die Augen, sie schüttelte sich wie eine nasse Katze, aber die Bilder verschwanden nicht. So viel Blut. So viel Tod. So viele Seelen, die darauf warteten, zurückzukehren und Rache zu nehmen. So viele gepeinigte, gequälte, missverstandene Seelen. Sie hatte nie geglaubt, dass Götter so sein konnten wie sie. Wie Elfen. Wie Menschen. Aber diese Götter waren wie sie. Sie waren ihrem Volk nahe gewesen, sie hatten mit ihnen gelitten, hatten den Schmerz ihres Volkes gespürt, den Aufschrei der hingeschlachteten Ni-Thi-Yanara, die nichts anderes gewollt hatten, als eine Brücke zu sein zwischen Licht und Dunkel, die Dämmerung dort, wo sich Tag und Nacht berührten und sich doch nicht berühren konnten. Sie waren hingeschlachtet worden von Lichtlingen und Dunkelvölkern gleichermaßen. Und ihre Götter waren mit ihnen gefallen, gestorben, aber niemals ganz vergessen. Beinahe vergessen.
Du musst verhindern, dass die Geschichte sich wiederholt. Aber wie?

„Malika!“
Sie ließ beinahe ihren Becher fallen, als Liandras ihren Namen rief. Er trat neben sie, setzte sich und legte einen Arm um ihre Schultern.
„Malika, es tut mir so leid. Ich weiß, du hast ihn gemocht …“
Sie runzelte die Stirn. „Liandras, was bei allen Göttern und Dämonen ist passiert?“
„Javaron. Er ist gestorben.“
„Was?“ Malika hatte das Gefühl, als würde der Boden unter ihren Füßen weggerissen. Mit zitternden Händen stellte sie ihren Becher beiseite. Der Bissen, auf dem sie gerade gekaut hatte, schien in ihrem Mund immer größer zu werden. Mühsam würgte sie ihn hinunter und wünschte sich im gleichen Moment, sie hätte es nicht getan, so übel wurde ihr mit einem Mal. Die Leere, die sie gespürt hatte, nachdem sie sich von Iloyon und seiner Gruppe getrennt hatten, war wieder da, tief und kalt wie ein bodenloser See.
„Aber… er war doch gar nicht so schwer verwundet…“ Sie wusste nicht, was sie sonst sagen sollte. Ihr Kopf war wie leergefegt. Javaron – tot? Das konnte, das durfte nicht sein!