Erwählte des Zwielichts 58

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1) Liandras schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Iendra sagt, der Schnitt an seiner Kehle ist wieder aufgebrochen, während er schlief. Er ist verblutet.“
„Nein …“
„Es tut mir leid.“ Liandras zog sie an sich. Sie spürte ihre Lippen an ihrem Ohr. „Seltsam, dass er an dem Tag starb, an dem er sagte, er wolle dir mehr von den Ni-Thi-Yanara erzählen …“
Mailka zuckte zusammen. Sie machte sich los und starrte Liandras an. „Ich … ich will ihn noch mal sehen.“
bereits verbrannt.“
Malika zerbiss einen Fluch zwischen den Zähnen. „Ich verstehe. Ich … ich mochte ihn wirklich. Er war ein fähiger Chronist.“ Die Wahrheit war: sie verstand gar nichts.
Und ich wollte ihn noch so vieles fragen.
Ihr wurde kalt.
Du wirst dafür sorgen, dass die Geschichte sich nicht wiederholt.
Was meinten die Stimmen damit? Hatte es mit den Ni-Thi-Yanara zu tun? Mit ihren Fragen nach dem vergessenen, verschwundenen Volk? Diesem wiedergeborenen Volk, mit dem sie nichts zu tun haben wollte?
Hinter ihr verschwand das Lazarettzelt.
Malika würgte ihre Tränen hinunter und stand auf. Sie konnte jetzt nichts mehr essen. „Ich suche Iendra.“
Ohne ein weiteres Wort ließ sie Liandras stehen und eilte zurück zu den Ruinen des Lazaretts, das gerade von vielen helfenden Händen zu handlichen Paketen verschnürt und auf Wagen geladen wurde. Iendra stand etwas abseits neben den Überresten eines schwelenden Scheiterhaufens.
„Weißt du, was passiert ist?“ Malika trat neben die Heilerin und blickte in die schwelende Asche.
Iendra schüttelte den Kopf. Sie nahm einen Schluck aus dem Becher, den sie in der Hand hielt. Malika roch Wurzelschnaps. Wortlos nahm sie Iendra den Becher aus der Hand und trank ebenfalls. Iendra sagte nichts, sie nahm den Becher ebenso wortlos zurück, trank und reichte ihn Malika wieder. Nach einem tiefen Atemzug sah sie Malika an.
„Ich habe keine Ahnung“, sagte sie leise. „Als ich heute Abend nachsehen wollte, ob er schon wach ist, da lag er in seinem Bett, und alles war voller Blut. Ich habe schon viel gesehen in diesem Lazarett, aber glaub mir, ich war noch niemals so erschrocken. Alles war gut gewesen, seine Wunde heilte, sie hätte nicht mehr aufbrechen dürfen. Aber dennoch sah es so aus, als sei das geschehen.“
Malika erwidert den Blick der Heilerin. Ihre Hände hatte sie nervös ineinander verschlungen, sie knetete ihre Finger.
„Willst du sagen, jemand hat … ihm das angetan? Ihn ermordet?“
„Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass seine Wunde heilte und er nicht mehr daran hätte sterben dürfen. Und ich weiß nicht, wer ein Interesse daran haben könnte, einen Chronisten zu töten. Ich … ich habe seine Aufzeichnungen zusammengepackt. Ich werde sie nach Telava bringen. Jemand muss sein Werk fortsetzen.“
Malika durchfuhr es wie ein heißer Strom.
„Gib sie mir, Iendra. Javaron wollte mir noch etwas sagen … aber das kann er nun nicht mehr. Er sagte, wir würden uns in Telava unterhalten. Vielleicht finde ich die Antworten auf meine Fragen in seinen Büchern.“
Iendra nickte. „Seine Truhe ist auf dem Wagen. Aber es sind nicht viele Bücher darin, das meiste wird er zuhause in den Höhlen gelassen haben.“
„Vielleicht gibt es Bücher, an denen er so hängt, dass er sie überall hin mitnimmt. Vielleicht, weil er denkt, dass es gefährlich ist, wenn sie anderen in die Hände fallen. Vielleicht …“
„Schon gut.“ Iendra drückte Malika den Becher in die Hand und eilte zum Wagen, bevor die Holztruhe, die darauf stand, unter Bergen von Zeltplane und Holzgestängen vergraben wurde. „Wartet noch, ich muss noch einmal an diese Kiste.“
Einer der Soldaten, der mit dem Verstauen des Lazaretts betraut war, fluchte. „Das fällt dir jetzt ein, heilerin? Wenn ich sie noch mal ablade, bleibt das Zeug hier.“
Iendra nickte grimmig. „Her damit.“
Die Kiste flog vom Wagen, ihr Deckel sprang auf, als sie auf dem Gras aufschlug, und Kleidungsstücke quollen heraus. Iendra zerrte die Kiste beiseite. Malika griff mit zu, und gemeimsam schafften sie die Kiste an den Rand des Lagers.
„Er braucht die Sachen nicht mehr … nur die Bücher sind wichtig.“ Malika schob die Kleidungsstücke beiseite und zerrte eine Umhängetasche aus dunkel gefärbtem Leder hervor. Sie war schwer. Es waren drei in Leder gebundene Bücher darin, eine lederne Mappe mit losen, eng beschriebenen Blättern, mehrere dünne Rollen Pergament, ein Tintenfass und Holzgriffel mit tintenverschmierten Spitzen. Iendra packte konsequent alles aus der Kiste und klopfte ihren Boden ab, während Malika rasch einen Blick in die Bücher warf, dann die Tasche schloss und den Trageriemen über die Schulter schwang.
„Da ist es hohl …“ Iendra zögerte nicht lange, sie hielt sich nicht damit auf, nach dem Mechanismus zu suchen, der das geheime Fach im Boden der Truhe öffnen würde. Sie rammte ihren Dolch in den Stoff, der die Kiste auskleidete, riss ihn beiseite und legte einen dünnen doppelten Boden aus Holz frei, der der Klinge nicht lange standhielt. Kein besonders gutes Versteck, dachte Mailka, aber wer hielt sich im Feld auch schon damit auf, in der Kleidertruhe des Feldschreibers nach einem Geheimfach zu suchen?