Erwählte des Zwielichts 59

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1) „Da ist etwas drin …“ Iendra schob ihre schmalen Hände in den Spalt, den ihr Dolch hinterlassen hatte, und zerrte ein dünnes Buch hervor. Es war so alt, dass es knisterte, der schwarze Ledereinband wirkte brüchig. Sie reichte es Malika und kramte noch einmal in dem Geheimfach. Schließlich schüttelte sie den Kopf. „Nichts mehr. Nur das. Pack es weg, die anderen starren uns schon an, als wären wir wahnsinnig.“
Malika schob das Buch in die Tasche. Dann stopfte sie die Kleidung zurück in die Truhe, schloss den Deckel und wandte sich ab. Iendra folgte ihr.

Als sie aufbrachen, stand die Truhe immer noch da, der Deckel aufgerissen und die Kleider herausgezerrt – anscheinend hatte sie jemand brauchen können. Malika spürte den Riemen der Umhängetasche schon nach kurzer Zeit schmerzhaft in ihre Schulter schneiden, aber sie wollte Javarons Bücher keinem anderen anvertrauen.
Liandras schloss zu ihr auf, während sie marschierten. „Hast du etwas gefunden?“ raunte er ihr zu.
„In seiner Kiste waren ein paar Bücher. Iendra und ich haben alles, was irgendwie nach Schriftstück aussah, eingepackt, ich habe die Sachen bei mir. Wir sehen sie uns an, wenn wir rasten. Wie stehen Nidhan und Dirian zu all dem, was geschehen ist?“ Malika sprach es nicht aus, aber sie wusste, dass Liandras verstand. Trauen sie Tayara noch?
„Sie misstrauen allem hier“, sagte er leise. „der Ausgang dieser Schlacht macht alle misstrauisch, aber sie schweigen alle. Niemand will sich mit Tayara anlegen. Götter, sie war schon immer unnahbar und eisig, aber jetzt … mir graute vor ihr, als ich gestern in ihrem Zelt war. Etwas an ihren Augen macht mir Angst. Klingt albern, ich weiß.“
„Nein.“ Malika fasste seine Hand. „Ich bin mir sicher, dass jemand Javaron umgebracht hat“, wisperte sie. „Vielleicht sogar Ta …“
„Sei still! Warum sollte …?“
„Ich weiß es nicht. Es ist nur ein Verdacht. Wir müssen und die Bücher ansehen.“
„Warum hast du ihn überhaupt nach den … du weißt schon … gefragt? Waren wir uns nicht einig, dass sie tot sind für uns? Dass sie nicht mehr existieren?“
Malika hob mit einem leisen Seufzen die Schultern.
„Ich glaube, so einfach ist es nicht mehr“, sagte sie. „Nicht mehr, seit ich die Überreste der Schlacht gesehen und gehört habe, was Tayara zu dir gesagt hat.“
„Also gut. Sehen wir uns die Bücher an.“

Malika ließ sich ins Gras fallen, wo sie stand, als die Generäle endlich Halt für den Tag befahlen. Die ganze Nacht hindurch hatte Tayara sie marschieren lassen, als seien sämtliche Heere des Lichts hinter ihnen her, sie hatte ihnen keine Rast gegönnt und jeden gnadenlos antreiben lassen, der zurückblieb.
Die Sonne war schon aufgegangen. Malika blinzelte. Sie war hundemüde, dennoch verschaffte sie sich einen Überblick über das Lager und gesellte sich zu Liandras. „Ein Zelt“, sagte sie, „wir teilen. Dann haben wir Ruhe.“
Während sie aus gesammelten Ästen und den mitgebrachten Planen einen einfachen Unterschlupf errichteten, gesellten sich Dirian und Nidhan zu ihnen und bauten ihr Zelt neben ihrem auf.
„Was denkt ihr über all das?“ fragte Liandras nach einer Weile, „Tayara, die Schlacht, diesen raschen Aufbruch?“
Nidhan hieb mit seinem Hammer ein Holzstück in den Boden, als wollte er einen Lichtling erschlagen. „Ich habe keine Ahnung, was ich denken soll. Dieses Schlachtfeld verfolgt mich, ich habe den ganzen Tag davon geträumt. Ich habe Schatten gesehen, die sich um alles schlangen, was irgendwie nach Licht roch. Mir laufen jetzt noch Schauer über den Rücken, wenn ich daran denke. Gruselig.“
Dirian nickte stumm.
Mailka warf einen Blick in die Runde. „Wir müssen reden“, sagte sie. „Holen wir uns Essen. Und dann treffen wir uns hier wieder.“