Erwählte des Zwielichts 60

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1) Niemand schien sich darüber zu wundern, dass die vier Kundschafter unter sich blieben. Malika war erleichtert darüber, dass die anderen Soldaten und Kundschaftertruppen sie in Ruhe ließen. So war es leichter, über die Dinge zu reden, die sie am Abend noch nur mit Liandras hatte teilen wollen. Sie wartete, bis alle vom Essenfassen zurück waren, dann zog sie die Ledertasche hervor und begann, Javarons Aufzeichnungen herauszuholen, als letztes das uralte, schwarze Buch aus dem doppelten Boden seiner Reisetruhe.
Nidhan zog die Brauen zusammen. „Was ist das?“
„Bücher, die Javaron gehört haben. Er hatte mir an seinem letzten Tag gesagt, dass er mir … Dinge über die Ni-Thi-Yanara erzählen würde. Aber er kam nicht mehr dazu, weil er vorher starb. Also habe ich mir mit Liendras Hilfe die Aufzeichnungen geholt, die er bei sich hatte.“
„Was haben diese Ni-Thi-Yanara mit der Schlacht zu tun?“ Dirian kratzte mit seinem Dolch den Schmutz unter seinen Nägeln hervor. „Ich dachte, damit wollten wir nichts zu schaffen haben.“
„Will ich auch nicht“, sagte Malika. „Aber anscheinend sind sie der Schlüssel. Oder das, was damals mit ihnen passiert ist. Als sie verschwanden, weil man ihre Götter vernichten wollte. Wer auch immer ‚man‘ war. Ich glaube, jemand will nicht, dass es ein Volk gibt, das sowohl Licht als auch Dunkel in sich trägt. Wir können die Nithyara ignorieren, wir müssen nichts mit ihnen zu schaffen haben, und da sie sich nicht mehr einmischen, können wir doch einfach so tun, als gäbe es sie nicht. Aber anscheinend ist es so einfach nicht. Sie sind wieder da, und jemand weiß davon. Jemand, der nicht wollte, dass Javaron mir von den allerersten Ni-Thi-Yanara berichtet. Jemand, der nicht will, dass ans Licht kommt, was damals passiert ist.“
Dirian schüttelte den Kopf. „Mich würde eher interessieren, wie Tayara und die anderen es geschafft haben, so viele Lichtlinge zu vernichten und dabei so gut wie ohne Verluste vom Schlachtfeld zu gehen.“
„Ich glaube wie Malika“, sagte Liandras, „dass das eine mit dem anderen zusammenhängt. Zeig uns die Bücher, Mal. Sehen wir einmal, was unser Chronist geschrieben hat.“
Malika reichte die Bücher herum, das Schwarze behielt sie selbst in den Händen. Noch schlug sie es nicht auf. Sie wartete.
„Das hier sind Aufzeichnungen der letzten Wochen“, sagte Liandras, nachdem er rasch die Ledermappe mit den losen Blättern durchgesehen hatte. „Die Aufzeichnungen beginnen vor einem halben Jahr und enden vor einer Woche. Kriegsberichte. Rekrutierungen, Schlachtpläne, Verluste. Das liest sich eher wie Listen als wie eine Chronik.“
„Das hier ist Javarons Tagebuch.“ Nidhan legte ein Buch aufgeschlagen in die Mitte ihre Kreises. Im Feuerschein schimmerte Javarons winzige Handschrift. Die letzte Seite endete mit einem Bericht über Tayaras letzte Schlacht. Malika glaubte, Javarons Stimme zu hören, als sie seine Worte las.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals so ein Unwetter erlebt zu haben. Der Himmel verdunkelte sich, Wolken schoben sich vor die Sonne und tranken ihre Strahlen, verwandelten Helligkeit in Schatten und unseren größten Nachteil in einen kleinen Vorteil gegen die Krieger des Lichtes. Die Luft schmeckte seltsam, so, als würde Metall brennen. Sie ließ Funken in unserem Haar knistern. Der Wind, der in der Dämmerung noch frisch geweht hatte, schwieg jetzt. Ich hörte das Schnauben der Pferde beider Seiten, Schritte, dann das Klirren, mit dem Schwert auf Schwert trifft. Das Sirren von Pfeilen in der Luft. Rufe. Schreie. Und dann kam der Donner. Das Krachen ließ mich beinahe taub werden, und die Blitze, die gleich darauf den Himmel zerrissen, waren so gleißend hell, dass ich glaubte, für einen Moment blind zu sein.
Bevor mich der Pfeil streifte, sah ich noch, wie die Lichtlinge fielen. Sie erstarrten mitten in der Bewegung, ich sah, wie sie die Münder aufrissen, aber ich hörte keine Schreie. Ihre Augen waren geweitet. Ich sah es, denn der, der mich erschlagen wollte, stand so nah vor mir, dass ich seinen Atem auf dem Gesicht fühlen konnte. Er wollte nach mir schlagen, aber er tat es nicht mehr. Er erstarrte, wie alle anderen auch. Und der Blick seiner tiefschwarzen Augen wird mich bis ins Grab verfolgen.

„Götter, ich hoffe, sein Todesschlaf ist nicht durchzogen von diesen Bildern.“ Malikas Magen zog sich zusammen bei Javarons letzten Worten.
„Das klingt wie Zauberei“, murmelte Nidhan, „wie dunkelste Zauberei, vor der sich selbst unsere Magier scheuen sollten.“
„Sie waren es nicht. Javaron hat es mir versichert, bevor er starb, und auch Iendra. Wir hatten nur noch drei Magier. Sie hätten das niemals vollbringen können!“
„Nicht allein“, stimmte Liandras zu. „Aber wenn sie Hilfe hatten … wenn Tayara tatsächlich gebetet hat, wie sie mir versicherte …“
„Gebetet – aber zu wem? Welche Gottheit antwortet auf so eine Weise? Welche antwortet überhaupt noch?“ Nidhan klappte das Buch zu.
„Die der Ni Thi-Yanara, wenn man den anderen glauben darf“, murmelte Malika. „Und vielleicht auch die, die diese Götter tot sehen wollen. Wer kann das Verschwinden anderer Götter mehr wollen, als wieder andere Götter, die ihre Macht in Gefahr sehen?“
Dirian schnaubte. „Das ist mir zu hoch. Es klingt, als seien die Götter auch nicht anders als wir. Kriege, Intrigen, Machtspielchen? Ist das nicht ein wenig unter der Würde eines Gottes?“
Liandras lächelte bitter. „Und was, wenn die Götter gar nicht so anders sind als ihre Geschöpfe? Was, wenn sie uns für ihre Pläne einnehmen und benutzen?“
„Jetzt klingst du wie Iloyon“, brummte Nidhan. „Das ist doch alles Unsinn. Was steht in deinem Buch, Mal?“
Malika schlug das kleine schwarze Buch behutsam auf. Die Seiten und der brüchige Ledereinband knisterten unter ihren Fingern. Sie musste blinzeln. Javarons Handschrift war schon in seinen Aufzeichungen zum Krieg klein, hier war sie geradezu winzig, als hätte der Chronist versucht, möglichst viele Worte in dieses dünne Buch zu bannen. Sie suchte vergeblich nach einem Inhaltsverzeichnis, also blätterte sie wahllos und überflog die Überschriften. „Es sieht so aus, als hätte er Legenden gesammelt“, sagte sie schließlich. „Javaron hat das alles selbst aufgeschrieben, aber es ist nicht seinen Gedanken entsprungen und beruht nicht auf Dingen, die er erlebt hat. Ich weiß nicht, wann er angefangen hat, sich damit zu befassen, aber das sieht wirklich alt aus. Das sind … Märchen. An einiges davon erinnere ich mich. Meine Mutter erzählte mir diese Geschichten, als ich noch ein Kind war. Die Schlachten des Nachtkriegers. Die Geschichte vom Nachtkrieger und der Todesherrin, und wie sie gemeinsam die Flamme der Heilung schufen.“ Malika blätterte weiter. „Aber da ist auch einiges, von dem ich noch nie etwas gehört habe. Hier geht es um die Ni-Thi-Yanara und ihre seltsamen Götter. Den Nachtschatten und die Sternenherrin. Und um einen Erzfeind dieser Götter. Um einen Kreislauf, der immer wieder neu beginnt. Ein Rad aus Licht und Dunkelheit. Es geht um Völker des Lichtes und der Dunkelheit, die sich bekriegen. Immer wieder. Es ist ein Krieg, der nie endet und …“ Malika ließ das Buch sinken.