Erwählte des Zwielichts 62

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1) Liandras sprach aus, was Malika dachte. Schauer rannen ihr über den Rücken, als ihr Blick auf feine schwarze Schlieren auf dem Boden fiel. Als hätte das Ding sich in den Boden gebrannt. Raureif verwandelte sich in Wassertropfen. Wärme kehrte zurück.
„Ich habe keine Ahnung“, murmelte sie. Im gleichen Moment schossen Dirian und Nidhan mit gezogenen Dolchen aus dem Nebenzimmer. Dirian blieb stehen, als er sah, dass nur Liandras und Malika im Raum waren, und keuchte dumpf, als Nidhan ihm in den Rücken prallte.
„Alles gut!“ Malika hob die Hände. „Was auch immer es war, es ist weg.“
„Es?“ Dirian starrte sie an.
Malika hob die Schultern. „Ich habe keine Ahnung, was es war, aber es ist weg. Da war nur … ein Schatten.“
„Ein Schatten? Und warum war es auf einmal so verdammt kalt?“ Nidhan musterte sie zweifelnd.
Liandras deutete auf die schwarzen Schlieren am Boden. „Das ist alles, was davon übrig blieb“, sagte er. „Vielleicht sollte Iendra sich das ansehen.“
„Du meinst, es war Magie?“ Nidhan kniete sich hin und berührte die dunklen Linien. Malika zog ihren Dolch aus dem Sessel. „Verdammt, was ist das denn?“ Die Klinge sah aus, als sei sie innerhalb weniger Augenblicke um mehrere Jahrhunderte gealtert. Rost blühte auf dem Metall, und als Malika ihn berührte, zerbröselte ihr den Dolch unter den Fingern.
Liandras stieß einen Fluch aus und zog sein Schwert ebenfalls aus dem Sessel. „Dasselbe… es ist vollkommen verrostet!“
„Wie kann das sein?“ Nidhan berührte den bröckelnden Rost und zerrieb ihn nachdenklich zwischen den Fingern.

„Wir heben sie auf und zeigen sie morgen Iendra.“ Malika legte die Reste des Dolchs auf den Kaminsims. „Und ich werde heute kein Auge mehr zutun.“
„Wir sollten das melden“, überlegte Dirian, „vielleicht ist diese Stadt doch nicht so leer, wie wir gedacht haben. Was, wenn die Lichtlinge oder die Menschen denen eine Falle gestellt haben, die versuchen, Telava für sich zu beanspruchen?“
„Das glaubst du doch selbst nicht.“ Liandras schüttelte den Kopf. „Das kam nie und nimmer von den Lichtlingen. Und auch nicht von den Menschen. Wir reden mit Iendra. Und dann entscheiden wir, ob wir damit zu den Generälen gehen.“
Dirian nickte. „Gut. Dann … lasst uns den Rest des Tages zusammenbleiben. Nur für den Fall, dass das Ding wiederkommt. Und überlegen, wie wir weiter vorgehen. Wenn Tayara wirklich etwas plant, dann …“ Er sprach nicht weiter. Malika bemerkte, dass er sich auf die Lippe biss, als scheue er sich davor, zu mutmaßen, dass Tayara sich mit Mächten eingelassen hatte, die selbst einem Dunkelelfen unheimlich waren. Sie fachte das Kaminfeuer wieder an. „Ich gehe zu Iendra, bevor wir zu Tayara müssen.“
„Und ich werde die Generäle beobachten.“ Liandras ließ sich auf den malträtierten Sessel fallen. „Malika, du solltest das Sagenbuch immer bei dir tragen – ich werde das Gefühl nicht los, dass jemand weiß, dass wir es haben, und genau das nicht will.“
Malika nickte und kramte das Buch hervor. „Ich will einmal sehen, ob … oh, verdammt!“ Sie schlug es auf, blätterte und hielt inne. „Ich glaube das einfach nicht …“
„Was denn?“ Nidhan beugte sich über ihre Schulter. „Verstehe“, sagte er leise.
„Könntet ihr bitte einmal …?“ kam es beinahe zugleich von Liandras und Dirian. Malika ließ das Buch sinken. „Ich zitiere: Der Fluch der Telava-Stollen. Glaubt ihr immer noch, dass Tayara uns hergebracht hat, weil es hier so gemütlich ist?“
Liandras schüttelte den Kopf. „Was sagt die Legende?“
Malika überflog den kaum zwei der handgeschriebenen Seiten kurzen Text. „Der Fluch wird nicht näher beim Namen genannt. Es heißt, die Bergleute hätten zu tief gegraben und etwas geweckt, was besser weitergeschlafen hätte. Einer von ihnen war anscheinend eine ganze Weile in den Stollen verschwunden – und als er wieder auftauchte, war eine Höhle voller blau leuchtender Kristalle das einzige, wovon dieser Mann noch sprach. Das, und … Augen. Er soll bis zu seinem Tod von blauen Augen geredet und unter entsetzlicher Angst gelitten haben. Was auch immer er da unten gefunden hat – es hat diesen Bergmann in den Wahnsinn getrieben.“
Malika klappte das Buch zu.
„Was für ein beschaulicher Ort.“ Liandras trat hinter Malikas Sessel und begann, ihr den Nacken zu massieren. Sie seufzte. „Götter, das ist gut … Liandras, was glaubst du, wäre passiert, wenn dieses Ding nicht nur unsere Waffen, sondern uns berührt hätte? Wir haben gesehen, was es mit Metall macht. Was tut es dann mit Fleisch und Blut?“
Liandras‘ Hände in ihrem Nacken zitterten. „Das will ich mir nicht vorstellen“, sagte er. „Ich bin ein Mann des Schwertes, ich kann mit diesem Zauberpfuscherkram nichts anfangen und bin auch nicht erpicht darauf, mehr darüber zu lernen.“