Erwählte des Zwielichts 63

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1) Als es dämmerte, verließ Malika das gemeinsame Quartier und machte sich auf die Suche nach Iendra. Die Heiler hatten ihr Quartier in den Überresten des Fürstenpalastes aufgeschlagen. Malika fand Iendra in einem Saal, der früher einmal ein Ballsaal gewesen sein mochte. Zum Teil zersprungene Spiegel zierten die Wände, die Fenster waren mit Tüchern verhängt. In den Spiegelscherben brach sich hundertfach das Licht abgedunkelter Öllaternen und Kerzen. Der typische Geruch nach Lazarett stieg Malika in die Nase, als sie eintrat. Blut, ein Hauch von Eiter und Tod, Kräuter, Alkohol. Iendra beugte sich über ein Lager, auf dem eine zitternde Soldatin lag und leise und hektisch auf sie einredete. Iendras Gehilfen wanderten zwischen weiteren Lagern herum, auf denen diejenigen ruhten, die schon verwundet oder krank nach Telava aufgebrochen waren und sich nun hier erholen sollten. In einer Nische entdeckte Malika etwas mit einem dunklen Tuch Verhülltes, das ziemlich sicher ein Körper war. Sie schauderte. Der erste Tod. Eine innere Stimme flüsterte ihr, dass er nicht der einzige bleiben würde.
Iendra drückte die Hände der Soldatin, dann strich sie ihr sacht über die Stirn, und die Frau sank auf ihre Bettstatt zurück. Iendra erhob sich mit einem Seufzen und rieb sich die Stirn.
„Iendra?“
„Oh … Mal, entschuldige. Ich habe dich nicht kommen hören, was gibt es?“
„Da bin ich mir nicht so ganz sicher. Ich würde dir gern etwas zeigen, kannst du hier kurz weg? Wir hatten letzte Nacht Besuch.“
„Dann wart ihr nicht die einzigen.“ Ihr Kopf ruckte kurz in die Richtung der schlafenden Soldatin. „Das ist Khara. Sie gehörte zur Tagpatrouille. Auch sie haben Besuch gehabt. Unangenehmen Besuch, wie es scheint. Ich habe noch nie solche Wunden gesehen. Khara brachte einen Kameraden, aber für ihn konnte ich nichts mehr tun. Und sie selbst zittert, als hätte sie den Tag in den Eishöhlen von Gormland verbracht. Kein Feuer, keine heißen Steine, nichts hilft wirklich, außer meiner Heilergabe. Und ich weiß noch nicht einmal, was ich da eigentlich heile, denn Khara hat keine äußerlich sichtbaren Wunden.“ Iendra zuckte ratlos mit den Schultern. „Ihr Gefährte dagegen …“
„Darf ich ihn sehen?“
„Hast du schon gegessen?“
Malika schüttelte den Kopf.
„Gut, dann kannst du einen Blick wagen. Aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt, wenn dir doch schlecht wird. Er sieht mehr als übel aus, ich habe so etwas noch nie gesehen.“
Malika war jetzt schon schlecht, als Iendra sie zu dem abgedeckten Körper führte und dann vorsichtig die Decken wegzog. Ein seltsam feuchtes, schmatzendes Geräusch erklang, als die Decke sich hob, und im Licht der Kerzen konnte Malika auch erkennen, warum. Sie schlug entsetzt die Hände vor den Mund, als sie die schleimigen Fäden sah, die zäh an dem Toten und den Tüchern klebten, sich in die Länge zogen und dann zerrissen. Der Mann, der da lag, war kaum noch als solcher zu erkennen. Es schien, als hätte ihn jemand erst verbrannt und dann mit ätzender Flüssigkeit übergossen. Seine Haut sah aus, als löse sie sich auf, nachdem sie zuvor wie unter Feuer Blasen geworfen hatte. Die Augenhöhlen starrten leer zur Zimmerdecke, aufgelöste Augäpfel hingen in den Winkeln wie erstarrte Tränen über einem aufgerissenen Mund voller verbrannter Zahnstümpfe. Die Hände waren schwarze, nackte Knochen, gekrümmt wie Klauen. Ein beißender Geruch ging von der Leiche aus, kroch in Malikas Nase und legte sich wie ein schimmeliger Pelz auf ihre Zunge.
„Genug“, keuchte Malika, und Iendra ließ die Decke zurückfallen. Malika sah sich nicht noch einmal um, sie rannte aus dem Saal und lehnte sich draußen auf dem mit Schutt übersäten Korridor an die Wand und schnappte nach Luft. Der Gestank des Toten hing immer noch in ihren Atemwegen. Sie zuckte zusammen, als Iendra ihr eine Hand auf den Arm legte und ihr einen Becher in die Hand drückte. Malika roch Kräutertee und den scharfen Geruch von Wurzelschnaps. Ohne nachzudenken kippte sie den Inhalt in einem Zug hinunter und schüttelte sich. Es schmeckte widerlich bitter, aber immerhin vertrieb das Zeug das faulige Echo aus Malikas Mund. „Danke …“
Iendra nickte und lehnte sich neben Malika. Eine Weile schwiegen sie beide, dann begann Iendra, zu reden: „Die Patrouille brachte Khara und Tirac heute früh zu uns. Was genau geschehen war, konnte uns bisher keiner sagen. Khara redet die ganze Zeit etwas von einem Schemen, von dem eine Eiseskälte ausging, und dass dieser Schemen Tirac umgebracht hat. Ich verstehe das nicht. Wenn ich es richtig verstehe, dann hat dieses … Ding Tirac umflossen wie Nebel, Khara hörte ihn schreien, und dann war das Ding wieder weg und Tirac … oder das, was von ihm noch übrig ist … lag tot am Boden.“ Sie grub die Zähne in die Unterlippe. „Malika, ich habe Angst. Irgendetwas stimmt hier nicht. Ich fühle mich nicht wohl in dieser Stadt.“
„Ich mich auch nicht“, sagte Malika leise. „Ich muss dir etwas zeigen. Kannst du hier kurz weg?“
„Lass mich nur den anderen Bescheid sagen.“
Iendra verschwand in der Halle. Malika trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Wenn sie die Augen schloss, sah sie Tiracs entstellte Leiche vor sich und konnte an nichts anderes denken, als dass es sie und Liandras ebenso hätte erwischen können. Bei der Vorstellung, dass es auch Liandras hätte sein können, der da verwesend unter Leichentüchern lag, drehte sich ihr der Magen um. Gewaltsam würgte sie den Brechreiz hinunter.
„Mal? Du siehst aus wie dein eigener Tod. Was ist passiert?“ Iendra war zurück, eingehüllt in einen Umhang.
„Ich bin mir nicht sicher, das ist es ja. Aber ich glaube, ich kann dir Spuren dessen zeigen, was Tirac getötet hat. In unserem Tagquartier war etwas, auf das Kharas wirre Beschreibung passt. Ein Schemen, von dem Kälte ausging, wie ein Schatten, ohne Form, fließend und wabernd. Es war da, ich habe es gesehen, und Liandras auch.“
„Verdammt. Verdammt, Malika. Mir gefällt das nicht. Ich mag diesen Ort nicht.“
„Ich auch nicht.“ Malika senkte ihre Stimme. „Am liebsten würde ich abhauen. Weit weg.“ Zu Iloyon.