Erwählte des Zwielichts 75

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1) „Lauf!“ hörte sie Liandras brüllen, der versuchte, sich zwei der fremden Krieger vom Hals zu halten. Auch Dirian kämpfte gegen zwei, und in das Lager unten kam Bewegung, die anderen hatten offensichtlich den Tumult gehört, den der Kampf verursachte. Trotzdem zögerte sie.
Was hätte Iloyon jetzt getan?
Malika rannte los, zerrte den Dolch aus dem Auge des toten Verräters und sprang mit einem lauten Schrei einen der Männer an, die Liandras bedrängten. Der Soldat strauchelte, fiel und stürzte in Liandras‘ Schwert. Gleichzeitig schrie Dirian auf. Für einen Moment war Liandras frei – und er packte Malikas Hand und rannte.
„Nein! Dirian …!“ Malika konnte nicht zurückblicken, zu sehr war sie damit beschäftigt, zu laufen und sich unter den Wurfsternen wegzuducken, die ihre Gegner ihnen im Lauf nachschickten.
„Er ist tot! Lauf, Mal, LAUF!“

Sie rannte, die Treppe hinauf, die Gänge entlang, und brauchte eine Weile, bis sie merkte, dass die anderen Dunkelelfen ihnen nicht mehr folgten. Als Liandras sie in den engen Raum des Torhauses zerrte und dem Mechanismus, der die Falltür schloss, einen Fußtritt versetzte, versagten ihre Beine ihr den Dienst und sie sackte zusammen, klammerte sich an Liandras und schnappte keuchend und hustend nach Luft. Erst jetzt bemerkte sie den stechenden Schmerz im linken Oberschenkel. Mit zitternden Fingern zupfte sie das Wurfmesser heraus. Blut tränkte ihre Hose, die Haut um die Wunde herum fühlte sich seltsam taub an.
„Liandras … Dirian und Nidhan …“ Sie schluckte.
„Mal …“ Liandras sank neben ihr in die Knie und drückte sie an sich. „Bist du verletzt?“
„Wurfmesser.“ Sie ließ die kleine Klinge fallen. Warum war ihr auf einmal so schlecht? Dunkle Punkte tanzten vor ihren Augen. Als sie sprechen wollte, war ihre Zunge bleischwer. „Liandras … ich …“
„Komm, steh auf, wir müssen hier weg! Ich bringe dich ins Lazarett, und dann müssen wir berichten …“
„Kann nicht … aufstehen …“ Malika versuchte es, aber ihr Bein gab unter ihr nach, das taube Gefühl hatte sich inzwischen bis in den Fuß hinein ausgebreitet. Sie fror.
„Scheiße, Gift … komm her!“ Liandras packte sie und hob sie auf seine Arme. Malika wollte protestieren, aber sie wusste, dass er Recht hatte – sie konnte nicht laufen, aber sie mussten hier weg. Erschöpft schlang sie die Arme um Liandras‘ Nacken. „Iendra“, murmelte sie. „Tayara … nicht. Nicht melden … weg … ganz weg … fliehen … müssen … fliehen!“ Ihre Gedanken schlugen Saltos, sie wusste, was sie sagen wollte, aber aus ihrem Mund quollen nur Wortfetzen, ihre Zunge war zu langsam. Innerlich fluchte sie, schnappte nach Luft. Verdammt, warum war sie so müde? Warum fühlte sie sich so schwer? Warum war es so verdammt anstrengend, zu atmen? „Iloyon“, brachte sie noch hervor, dann versank die Welt um sie herum in Dunkelheit.

VI

Iendra hörte das Knirschen und Schaben von Schritten, noch bevor sie die unförmige Gestalt aus den Schatten des Torhauses auftauchen sah. Sie duckte sich tiefer in ihr Versteck. Das Herz hämmerte ihr in die Kehle, als sie die Augen schloss und sich konzentrierte, um die Ausstrahlung ihrer Umgebung zu prüfen.
Mit einem leisen Zischen stieß Iendra den angehaltenen Atem aus, als sie die vertrauten Auren ihrer Freunde erkannte, doch die Erleichterung wich schnell einer dumpfen Beklemmung. Das waren Malika und Liandras. Doch wo waren Dirian und Nidhan? Die vier trennten sich nie. Vorsichtig schob Iendra sich aus ihrem Versteck. Jetzt sah sie, dass nur Liandras noch auf den Beinen war und er Malika mehr hinter sich herzerrte und halb trug, als dass sie selber lief.
„Liandras! Hierher!“
„Götter, Iendra, dich schicken die Götter! Hilf mir …“ Er schwankte unter Malikas Gewicht. Iendra schob ihren Arm unter Mailkas Achseln, nahm Liandras damit Last ab und zog ihn und die Bewusstlose in die Schatten zwischen den Trümmern. Liandras runzelte die Stirn. „Was soll das, Iendra, sie muss ins Lazarett, sofort, sie wurde von einem vergifteten Messer getroffen!“
Iendra schüttelte den Kopf. „Halt sie“, sagte sie knapp und riss mit geübtem Griff Malikas Hosen über der Wunde auf. Sie hörte Liandras scharf einatmen, als das durchgeblutete Leder graugrün schimmernde Wundränder und schwarzgeronnenes Blut offenbarte. „Wir können nicht ins Lazarett“, sagte sie knapp und löste den Schlauch mit dem Wurzelschnaps von ihrem Gürtel, „das da kann nicht warten. Halt sie fest und schieb ihr irgendwas zwischen die Zähne, ich werde ihr wehtun müssen. Kann sein, dass sie es merkt, obwohl sie weggetreten ist.“
Liandras nickte, die Zähne zusammengebissen. Er löste ein breites Lederarmband von seinem Handgelenk und schob es Malika zwischen die blassgrauen Lippen. Ihre schwarze Haut sah aus wie mit Asche bestäubt, Schweiß schimmerte auf ihrer Stirn und ihr Atem ging schnell und flach. Iendra grub die Zähne in ihre Unterlippe, als sie ihr Messer zog, es mit dem Schnaps abspülte und dann ein wenig von der scharfen Flüssigkeit über die Wunde rinnen ließ. Malika zuckte zusammen, sie wimmerte leise. Liandras hielt sie fest und hauchte einen Kuss auf ihr Haar. „Alles wird gut, Mal, halt durch!“ Sie stöhnte leise, ihre Lider flatterten, aber sie öffnete die Augen nicht.
Iendra fasste das Messer fester, dann schnitt sie tief in die Wunde. Malika wimmerte lauter, ihre Zähne gruben sich in das Lederband und sie wollte um sich schlagen, aber Liandras hielt sie in fester Umarmung, und Iendras Hände lagen in festem Griff um ihr Bein. Iendra beugte sich über die Wunde, küsste das blutende Fleisch und sog daran. Blutgeschmack füllte ihren Mund, faulig und bitter. Sie spuckte aus und sog noch einmal, und wieder, bis sie endlich nur noch den metallisch-süßen Geschmack frischen, gesunden Blutes auf der Zunge spürte. Malika hatte schon vor einer Weile aufgehört, zu wimmern, sie lag still in Liandras‘ Armen und atmete noch immer viel zu schnell und viel zu flach. Als Iendra ihre Hände auf die Wunde legte, spürte sie die fiebrige Hitze, die von Malikas Haut ausging. Sie konzentrierte sich auf ihre Heilergabe. Die Wunde begann, sich zu schließen, quälend langsam. Iendra wusste, dass sie sie nicht vollständig würde heilen können, nicht in einer einzigen Nacht, wohl aber das Gift gebannt hatte. Sie fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund und sah Liandras an. „Jetzt können wir sie wegbringen, aber nicht ins Lazarett. Es wird ihr noch eine ganze Weile dreckig gehen, und wenn sie wach wird, wird ihr vermutlich übel sein und sie wird Kopfschmerzen haben, aber ich glaube, ich habe das Gift aus ihrem Blut gebannt. Wir gehen zu dem Haus, in dem ihr gelagert habt. Wo sind Dirian und Nidhan? Was ist eigentlich passiert? Wo ist sie verletzt worden?“