Erwählte des Zwielichts 76

Ary-Beitragsbild-Zwielicht (1)

„Wir haben unterirdische Gänge gefunden. Unterirdische Hallen, hier unter der Stadt. Dort lagerten Dunkelelfen. Als wir uns noch fragten, was sie dort trieben und wie bei allen Göttern sie da hingekommen waren, stellten sie uns auch schon zur Rede. Sie nannten uns Spione und griffen uns an. Malika kannte einen von denen – er war anscheinend nur ein kleines Licht bei der Truppe, ein Wagenlenker. Aber wer wusste, dass Malika Javarons Sachen durchsucht hat. Er arbeitete für Tayara. Er hat Malika verraten – und damit auch dich.“

„Scheiße“, entfuhr es Iendra.

Liandras nickte. Vorsichtig schob er die Arme unter Malikas Körper. „Dirian und Nidhan sind tot“, sagte er leise, „wir konnten gerade noch so wegkommen. Malika erwähnte Iloyons Namen, bevor sie ohnmächtig wurde. Ich denke, sie will desertieren.“

„Nicht die dümmste aller Ideen“, knurrte Iendra. Sie schob Trümmer und Sand über das Blut, das überall auf dem Boden schimmerte. „Ich habe Tayara heute Nacht belauscht. Sie, Varael und Durnin sprachen von ‚Verborgenen‘, die unter der Stadt warten. Und sie erwähnten den Namen Khadiss.“

„Davon stand etwas in den Aufzeichnungen.“ Liandras erhob sich, schwankte kurz, dann stand er fest. „Komm mit zum Haus. Wenn Tayara wirklich Khadiss angerufen hat, dann stecken wir tiefer im Mist, als wir bisher angenommen haben, aber das würde auch den Ausgang dieser Schlacht erklären, nach der Javaron starb. Sie hat einen Pakt mit einer Gottheit geschlossen, die sogar unseren Vorfahren zu finster war. Wenn sie uns unter dem Banner der Khadiss in die Schlacht führt, dann … dann können wir am Ende nur verlieren. Sie ist nicht Nacht, Iendra. Sie ist Finsternis. Sie will mehr als nur auf dem Schlachtfeld vergossenes Blut. Khadiss will Seelen. Wer mit ihr einen Pakt schließt, wird selbst zu Finsternis.“

Iendra nickte. „Aber was sollen wir tun? Wir können nicht einfach zu Lucai und Shinyenna rennen und es ihnen erzählen, wie kleine Kinder, denen andere kleine Kinder die Puppen weggenommen haben.“

„Nein.“ Liandras holte tief Luft. „Wir gehen weg. Wir tun, was Malika will. Wir gehen und suchen Iloyon und schließen uns ihm an.“

„Das ist desertieren!“

„Ich weiß.“ Liandras bog in eine Seitengasse, um einer Kundschaftergruppe auszuweichen. Auf Umwegen führte er Iendra zu dem weißen Haus, in dem noch immer ihre Ausrüstung lag. Malika hatte inzwischen das Bewusstsein wieder vollständig verloren. Reglos hing sie in Liandras‘ Armen. Iendra huschte an ihm vorbei und öffnete die Tür zum Unterschlupf, spähte in das dunkle Zimmer, dann betrat sie es. Liandras folgte ihr, und sie schloss die Tür und lehnte sich dagegen. „Wirklich, Liandras? Weggehen? Einfach so? Und dass, nachdem du dich noch da draußen gegen Iloyon entschieden hast?“

Liandras ließ Malika auf eines ihrer Schlaflager sinken und deckte sie zu. „Als wir draußen waren, war noch alles anders.“ Er nahm Malikas Hand in seine und hauchte einen Kuss auf ihre schlaffen Finger. „Damals sah ich in Iloyon nur einen kriegsmüden Kommandanten, der andere Kriegsmüde um sich geschart hatte und einem Traum nachjagte. Dann sah ich einen Mann, der für fremde Götter bereit war, alles aufzugeben, was sein Leben bisher ausgemacht hatte. Das kam mir vor wie Verrat. Und jetzt muss ich dabei zusehen, wie auch unsere eigenen Heerführer unser Volk verraten. Wir sind dunkel. Wir dienen dennoch nicht den Dämonen der Finsternis.“

Iendra kniete sich neben ihn und tastete nach Malikas Pulsschlag. „Sie ist in keinem Zustand, in dem wir sie mitnehmen können“, sagte sie, und Liandras hob eine Braue. „Wir? Du kommst mit?“

Kam sie mit? Iendra schluckte das Würgen in ihrer Kehle mühsam hinunter. Sie wollte nicht an Tirac denken und an das, was ihn getötet hatte. An das, was Tayara beschwor, wenn sie Khadiss anrief. „Ich kann Tayara nicht mehr dienen“, sagte sie leise. „Ebensowenig Durnin und Varael. Shinyenna und Lucai …“ Sie zuckte mit den Achseln. „Wir können mit ihnen reden, aber werden sie uns zu –„ Sie hielt inne, als von draußen Schreie erklangen. „Was zum …?“

Liandras wollte sich erheben. „Ich gehe nachsehen.“

„Nein, du bleibst. Wenn Tayara da draußen ist und schon weiß, was in den unterirdischen Gängen passiert ist, bist du so gut wie tot. Wenn eine Heilerin da auftaucht, wo Alarmrufe erklingen, wird sich keiner etwas denken. Bereite alles vor. Ich will mit euch gehen, aber wenn ich es doch nicht kann, dann will ich euch wenigstens den Rücken freihalten. Ich komme wieder.“

„Iendra, sei vorsichtig!“

„Ich versuche es!“ Sie lächelte mit mehr Zuversicht, als sie in sich spürte, und verließ das Haus.