Erwählte des Zwielichts 86

„Malika, Liandras, Iendra!“ Er breitete die Arme aus. „Thalan’zhe hai’re, Theann …“ Er stutzte, lachte leise, als er merkte, dass er seine alten Gefährten in seiner neuen Sprache gerufen hatte. Malika blickte ihn fragend an. „Was?“
„Entschuldigt”, wechselte Flammenstern in die Sprache der Dunkelelfen. “Was bei allen Göttern macht ihr hier, wie habt ihr uns gefunden? Und wie kommt ihr zu diesen Tieren? Ich fühle die Macht der Sternengekrönten in ihnen.“
„Das ist eine lange Geschichte, Iloyon“, sagte Malika, biss sich auf die Unterlippe und korrigierte. „Verzeih … Flammenstern?“
„Ja.“
Malika atmete tief durch. „Eine lange Geschichte, mein alter Freund – ich hoffe, dass ich dich trotz allem immer noch so nennen darf. Es ist viel passiert beim Heer. Diese Wesen sind Nachtschleicher. Sie nennen sich selbst so. Sie haben zu uns gesprochen. Von Telava haben sie uns bis hierher getragen und uns geholfen, diesen Ort wiederzufinden. Flammenstern, in Telava geschehen Dinge, die uns nicht gefallen. Ich habe alte Schriften, die du sehen musst. Die ihr alle sehen solltet. Es ist wichtig. Für uns – und auch für euch und eure Sicherheit. Die Bücher gehörten Javaron, du erinnerst dich sicher an ihn.“

„Der Chronist.“ Flammenstern nickte. „Nachtschleicher. Sie sind wunderschön.“ Er trat näher und berührte den Nachtschleicher neben Malika. Funken sprühten, als er seine Finger in das weiche Fell grub. Der Blick des Tieres traf seinen – und in diesem Moment verstand er, dass die Nachtschleicher etwas waren, das in seinem Leben, im Leben aller seiner Nithyara, noch gefehlt hatte. Für einen Augenblick sah er das Tier, die Macht, die Kraft, die Göttin. Eine Gabe. Einen ebenbürtigen Gegner, Gefahr und Schutz zugleich. Flammenstern wusste, dass er eines Nachts einen Nachtschleicher jagen würde, um sein Fleisch zu essen und auf seinem Fell zu ruhen. Er fühlte Wissen und Verstehen. Der Kater senkte den mächtigen Kopf. Dann rieb er sich erst an Flammensterns Hand, dann an Malika, und wandte sich ab. Die anderen Schleicher ließen sich ebenfalls noch einmal zum Abschied berühren, dann huschten auch sie ins Unterholz zurück. Flammenstern blinzelte und schüttelte den Kopf.
„Nachtschleicher“, wiederholte er. „Bücher, Javaron … kommt ins Lager, kommt zu den anderen und berichtet auf unserem Ratsplatz, erzählt und teilt unser Nachtmahl mit uns. Ihr seid willkommen. Ihr seid immer noch unsere Freunde, auch wenn ihr euch gegen diesen Weg entschieden habt.“
„Kann man nicht eine Entscheidung auch rückgängig machen?“ Malikas Blick brannte, als sie Feuerstern ansah. „Ich weiß nicht, ob nicht doch wir es sind, die den Fehler begingen, indem wir weiter kämpfen wollten; als ihr, die ihr euch aus der ganzen Sache herausgezogen habt. Wir sagen euch alles. Von Anfang an. Und gegen ein gutes Essen und einen Becher Tee oder Wein haben wir denke ich alle nichts.“ Iendra und Liandras murmelten Zustimmung.
Flammenstern nickte. Er führte seine drei Freunde zum Wachfeuer, um das herum Wegsucher inzwischen die anderen versammelt hatte. Unauffällig beobachtete er Malika, Liandras und Iendra, deren Blicke immer wieder über maskenbedeckte Gesichter und schimmernde Zeichen huschten, als trauten sie nicht, wirklich hinzusehen. Als hätten sie Angst. Immer noch. Und als würden sie in den so vertrauten und doch so fremden Gesichtern nach etwas suchen, das sich irgendwie nach „damals“, nach zuhause anfühlte. Nach der Familie, die sie im Heer immer gewesen waren. Seine Nithyara hingegen blickten den drei ehemaligen Kameraden offen und neugierig entgegen.
Flammenstern versuchte, seine Nithyara mit Malikas Augen zu sehen. Da war noch Vertrautes, und doch – sie mussten so unendlich fremd wirken. Die Masken, die Zeichen, die weißen Haare, die zierlicheren, schmaleren und drahtigeren Körper.
„Setzt euch zu uns“, sagte Flammenstern und machte eine einladende Handbewegung. „Ich weiß, dass euch überraschen muss, was ihr hier seht, aber denkt daran, dass ein Teil von uns immer noch die Männer und Frauen sind, die ihr gekannt habt, auch wenn wir anders aussehen, neue Namen tragen und gezeichnet sind von den Göttern, denen wir nun dienen. Ich bin Flammenstern. Cianthara hat den Namen Nebelstreif angenommen. Den, den ihr als Amayas kanntet, ist nun Wegsucher. Amon und Sirisa haben Nachtjäger und Feuerlanze als ihre Nityharanamen gewählt, Naeve und Veannan Sternauge und Schattensang. Rhian ist Weitherz und Luath Lehmformer. Nehmt unsere neuen Namen und lernt uns neu kennen, auch wenn wir alte Freunde sind. Und teilt eure Geschichte mit uns, so wie wir unsere Vorräte.“
Wie auf ein Zeichen hin begannen die Nithyara, Holzschalen mit Fleisch und Wurzeln, Honigwaben und Beeren zu verteilen, dazu Becher mit Beerensaft und süßem Tee.
Flammenstern sah, dass Malikas Augen sich weiteten, als Sternauge ihr etwas zu essen und zu trinken reichte. „Nae … Sternauge … du … du bist geheilt? Wir ist das möglich?“
„Sternenfeuer“, sagte Sternauge mit einem Lächeln. „Ich wurde wieder sehend gemacht, in mehr als nur einer Hin … Götter!“ Sternauge erstarrte, fast ließ sie Teller und Becher fallen, hätte Malika nicht instinktiv zugegriffen. Sternauges Blick klebte an Malika, und ihr neues schwarzes Auge füllte sich von einem Moment zum anderen mit einem kreiselnden Sternwirbel. Die Seherin stand starr wie eine Statue.
„Was hat sie?“ flüsterte Malika alarmiert. Mit bebenden Händen stellte sie das Essen beiseite.