Erwählte des Zwielichts 87

„Eine Vision.“ Schattensangs Stimme klang ruhig. Er legte Sternauge einen Arm um die Schulter und hielt sie, während alle schweigend abwarteten. Nach einer Weile holte Sternauge tief und zitternd Atem. „Götter, Malika … ich habe … ich habe es gesehen … unter der Stadt, in den unterirdischen Gängen … dort, wo einst Menschen viel zu tief in den Boden gruben und etwas aufweckten, was man besser hätte schlafen lassen … sie ist zurückgekehrt! Flammenstern, sie ist zurückgekehrt! Der Nachtschatten wütet, und ich kann fühlen, dass die Sternenherrin Tränen vergießt!“ Sie schluchzte auf und drückte das Gesicht an Schattensangs Schulter.

„Theanna“, murmelte er sanft, „von wem sprichst du? Wer ist zurückgekehrt?“

Es war Malika, die antwortete. „Khadiss“, sagte sie. Flammenstern schauderte, als er den Namen hörte. Der zischende Klang bohrte sich in seine Ohren. War es Zufall, dass der Wind auffrischte und das Wachfeuer Funken in den dunklen Himmel spie? War es plötzlich kälter geworden? Lag da ein roter Schatten auf der Mondsichel, der zuvor noch nicht dagewesen war? Flammenstern atmete langsam aus. „Setzen wir uns“, sagte er und ließ sich am Feuer nieder, „essen und trinken wir und lassen Malika berichten. Wer ist sie, und woher wisst ihr von ihr?“ Etwas in ihm sperrte sich dagegen, den Namen auszusprechen. Sie musste mächtig sein, und wer mächtige Wesen bei ihrem Namen rief, der machte sie nur noch mächtiger. Jeder Nithyara wusste das. Flammenstern fühlte das Wissen tief in sich. Fühlte eine Erinnerung, wie ein leises Klingen in der Ferne, ein Echo aus einer anderen, lange vergangenen Zeit, als sei es die Erinnerung eines Anderen – oder die aus einem anderen Leben.

Während sich die anderen am Feuer niederließen und zögernd nach Essen und Trinken griffen, holte Malika aus ihrem Rucksack ein altes, in brüchiges Leder gebundenes Buch hervor. Es knisterte sacht, als sie es aufschlug. „Ich glaube, Nae … Sternauge hat in ihrer Vision gesehen, was wir nur ahnen, dessen Auswirkungen wir aber unter den Straßen Telavas schon gefunden haben“, begann sie. Flammenstern lehnte sich vor, um nur keines ihrer Worte zu verpassen und um ihr Gesicht sehen zu können, während sie sprach.

„Es ist einiges los gewesen, während wir vom Heer getrennt waren, Flammenstern. Lass mich von Anfang an berichten, vielleicht versteht ihr dann Sternauges Vision, und warum wir hierherkommen mussten.“

Flammenstern nickte. Nebelstreif erhob sich. „Ja, du solltest berichten, Malika, aber zuerst werde ich den Honigschnaps holen. Das klingt nach Neuigkeiten, nach denen wir ihn brauchen werden.“ Sie hauchte Flammenstern einen Kuss auf die Wange, und er nahm sie in den Arm. „Danke, Ta’nesha. Ich schmiede bereits Schlachtpläne …“ Was ich nie wieder tun wollte.

Ich weiß, antwortete ihm ihre Gedankenstimme. Ich liebe dich. Und du wirst das richtige tun. Lass dich von den Göttern leiten.

Sie beugte sich zu Wegsucher und küsste auch ihn auf die Wange, was Malika ein Stirnrunzeln entlockte. Flammenstern lächelte innerlich. Was würde sie erst sagen, wenn sie herausfand, dass er die provisorische Hütte auf der Baumhausplattform mit Nebelstreif und Wegsucher teilte?

Sobald der Honigschnaps verteilt war und eine Platte mit Fladenbrot herumgereicht war, nickte Flammenstern Malika zu. „Berichte, Theanna. Schwester, Freundin. Unsere Ohren gehören ganz dir, auch wenn ich glaube, dass niemand wirklich hören will, was du zu sagen hast.“

Malika seufzte und leerte ihren Schnapsbecher, bevor sie nach Brot und Schale griff. „Glaubt mir, es wäre auch mir sehr viel lieber, wir müssten diese Erlebnisse nicht mit euch teilen. Alles begann, kurz nachdem Liandras und ich wieder zu den anderen gestoßen waren. Es hatte einen Kampf gegeben. Lichtlinge hatten unser Heer bei Tag überfallen, und alle berichteten, dass der Himmel sich plötzlich verdunkelt hatte. Blitze über das Schlachtfeld seien über das Schlachtfeld gefegt, die alles niedergemähten, das die Farben des Lichtheeres trug. Nicht ein Dunkelelf wurde getötet und nur verschwindend wenige verwundet. Einer von denen war Javaron, der Chronist. Ich besuchte ihn im Lazarett, er war ein alter Freund … und ich wusste, dass er sehr viele alte Legenden kennt. Also fragte ich ihn nach den Ni-Thi-Yanara.“

Flammenstern hob eine Braue. Er merkte, wie Wegsuchers Züge sich verdunkelten, und legte eine Hand auf seinen Arm.

„Ich wollte wissen, was ich hinter mir gelassen hatte und ich wollte wissen, was nun aus euch wird, Flammenstern. Ihr wart meine Freunde und das seid ihr immer noch, und euch zu verlassen hat mir das Herz zerrissen. Aber zu jenem Zeitpunkt konnte ich eurem Weg noch nicht folgen. Javaron berichtete, dass die Ni-Thi-Yanara schon einmal gelebt hatten und dann vernichtet wurden. Durch Mächte der Finsternis, die so düster sind, dass es sogar Geschöpfe der Dunkelheit wie uns davor graut.“

„Was hat das alles mit dem Schlachtfeld, den Wolken und den Blitzen zu tun?“, warf Wegsucher nun doch ein.

„Warte es ab“, antwortete Liandras an Malikas Stelle, und Iendra fuhr fort: „Am nächsten Abend, nachdem Malika mit Javaron geredet hatte und er versprochen hatte, ihr mehr zu erzählen, sobald es ihm besser ging, fand ich ihn in seinem Lazarettbett vor … tot. Seine Wunden waren nicht schwer gewesen, er hatte sich nur bei einem Sturz den Kopf leicht angeschlagen. Niemand stirbt an so etwas. Aber er war tot. Malika und ich durchsuchten seine Sachen. Wir fanden diese Bücher, und darin die Legende der vergangenen Ni-Thi-Yanara und der Macht, die sie damals vernichtete. Eine Gottheit mit Namen Khadiss.“