Erwählte des Zwielichts 88

Wieder flackerte das Wachfeuer auf, als Iendra den Namen aussprach, Funken stoben, und wieder frischte der Wind auf. Flammenstern bebte. Ein kalter Schauer rann über seinen Rücken, als hätte ein Spuk in seinen Nacken geatmet. Sein Haar sträubte sich, und er fühlte den Drang, das Sternenfeuer zu rufen, um sich zu schützen. Um sich herum sah er Sternenfeuer aufflackern, als seine Nithyara wie einem inneren Instinkt folgend ihre Flammen riefen. Auch Flammenstern formte seine Hände zu einer Schale und ließ das Sternenfeuer tanzen. Seine Wärme vertrieb den unangenehmen Eishauch des mächtigen dunklen Namens.
„Sternenfeuer“, murmelte Malika. „Ich habe das Gefühl, der Name der Finsteren wird hier nicht gern gehört.“
„Er ist kalt. Die, von der ihr sprecht, ist ein alter Feind.“ Flammenstern ließ das Sternenfeuer höher lodern. „Das Sternenfeuer schützt uns – auch davor, dass die Dunkle uns vielleicht hört. Die Sternenherrin und der Nachtschatten sollen nie wieder zu Beinahe-Vergessenen werden. Malika, was geschah, nachdem Javaron starb und ihr diese Legenden gefunden hattet?“
„Wir wurden verraten“, knurrte Liandras. „Malika und Iendra wurden verraten.“
„Eins nach dem anderen.“ Malika drückte Liandras‘ Hand. „Tayara befahl dem Heer, nach Telava zu ziehen, wir sollten uns dort sammeln und ausruhen. In der Stadt nahmen wir Quartier und kundschafteten alles aus. Schon in der ersten Nacht wurde einer unserer Kundschafter getötet, seine Partnerin schwer verletzt. Ich habe noch nie solche Wunden gesehen, es war furchtbar.“ Malika schüttelte sich, als wollte sie die Erinnerung von sich schleudern.

„Er sah aus, als sei er bei lebendigem Leibe von einer scharfen Säure zerfressen worden“, sagte Iendra leise. „Ich spürte Zauber in den Wunden, dunklen Zauber. Seine Gefährtin zu retten fiel mir nicht leicht. Sie sagte etwas von Schattenwesen, die aus dem Nichts auftauchten. Malika und Liandras haben die Schattenwesen auch gesehen.“
Malika nickte. „Sie überfielen uns bei Nacht in dem Quartier, das wir zusammen mit Nidhan und Dirian gewählt hatten … Flammenstern, sie sind tot … Nidhan und Dirian … sie sind tot. Aber der Reihe nach … ich weiß inzwischen, dass diese dämonische Kreatur wahrscheinlich nach den Büchern gesucht hat, denn wie Liandras schon sagte, wir wurden verraten. Jemand hat gesehen, wie wir die Bücher aus Javarons Sachen genommen haben, und er hat es Tayara erzählt. Am nächsten Abend gingen wir auf Kundschaft. Tayara hatte uns befohlen, nach unterirdischen Gängen zu suchen, und wir machten dort weiter, wo der gefallene Kundschafter und seine Partnerin gewesen waren. Wir fanden unterirdische Gänge – und wir fanden ein Heer da unten, eine Armee, Dunkelelfen. Der Verräter war bei ihnen, ein einfacher Wagenlenker, dem niemand je Beachtung geschenkt hatte. Wir wurden bedroht, die Fremden wollten uns gefangennehmen, wir versuchten, uns zu erklären, schließlich kämpften wir. Liandras und ich konnten fliehen, Nidhan und Dirian fielen dort unten.“ Malika holte tief Atem und blickte auffordernd zu Iendra.
„Zur gleichen Zeit saß ich draußen vor dem Lazarett auf einem der Türme der Stadt und wollte einfach nur meine Ruhe“, nahm die Heilerin den Faden auf, „ich hatte zu viel gesehen und wollte die Bilder von diesen grässlichen Wunden aus dem Kopf bekommen. Was ich fand, waren unsere Generäle. Tayara, die sich in einer der Ruinen mit Varael und Durnin besprach. Sie redeten von einer Gruppe, die sie die Verborgenen nannte, und dass es an der Zeit sei, für … die Dunkle. Ich erfuhr, dass der Wagenlenker von den Büchern wusste und reimte mir zusammen, dass der Überfall durch die Dämonenschatten auf Mals Quartier kein Zufall gewesen sein konnte. Also sah ich zu, dass ich wegkam, und wartete auf Mal und die anderen. Sie kam, allein, mit Liandras, sie war verletzt, vergiftet. Ich tat, was ich konnte … und wir beschlossen, zu fliehen. Doch noch während wir Pläne schmiedeten, hörten wir Aufruhr auf den Straßen, es wurde nach Heilern gerufen, also zeigte ich mich. Die Generäle kamen auf mich z, Tayara mit Schrammen im Gesicht, und auch Durnin und Varael sahen aus, als hätten sie gekämpft. Sie trieben mich zu Shinyenna und Lucai. Beide waren schwer verwundet und lagen im Sterben. Und beide flüsterten von Verrat. Ich … ich tat, als würde ich sie heilen, aber in Wahrheit führte ich sie in die Nacht … Als Tayara wiederkam, waren beide tot. Mein Herz ist schwer. Ich sollte heilen, kein Leben nehmen – aber ich hätte ihnen nicht helfen können, und hätte Tayara sie umgebracht, dann wäre es sicher weniger sanft gewesen. Damit tröste ich mich, auch wenn es nur ein schwacher Trost ist.“
Flammenstern sah Tränen in Iendras Augen schimmern. Er streckte eine Hand aus und drückte kurz ihre klammen Finger. Iendra erwiderte den Händedruck und sprach weiter. „Ich täuschte Erschöpfung vor und flüchtete zurück zu Mal und Liandras. Und wir flohen. Unterwegs stießen die Nachtschleicher zu uns, vielleicht, weil ich in meiner Verzweiflung betete.“ Iendra schenke Flammenstern ein trauriges Lächeln. „Deine neuen Götter haben mich gehört und uns die Nachtschleicher geschickt. Wir wollten zu euch, das erschien uns allein sinnvoll. Zu den einzigen, von denen wir denken, dass sie gegen die Dunkle bestehen können. Zu denen, denen die Dunkle vielleicht eine noch größere Bedrohung ist, als uns. Tayara, Durnin und Varael haben sich mit den Verborgenen verbündet und die rufen … die Finstere. Sie haben Shinyenna und Lucai die Schatten der Finsteren auf den Hals gehetzt und selbst so getan, als hätten sie auch gekämpft, aber in Wahrheit war das ein Mordanschlag!“
„Und das war es vermutlich auch bei Tirac, dem Kundschafter, der durch die Schatten der Finsteren fiel“, sagte Malika, und Liandras fuhr fort: „Weil sie vermutlich genau wie wir die Verborgenen gefunden haben, bevor Tayara entschieden hatte, dem Heer von ihrer Anwesenheit zu berichten. Warum hätte sie uns sonst nach Telava geführt? Sie wusste, dass die Diener der Finsteren dort warteten. Und wer sie zu früh fand, musste sterben, denn Tayara muss mit Zweiflern gerechnet haben. Und sie muss uns schon länger in Verdacht gehabt haben, dass wir ihr nicht mehr trauen, sonst hätte sie uns nicht beobachten lassen.“