Erwählte des Zwielichts 89

Für einen Moment war es still, dann sprachen plötzlich alle auf einmal. Flammenstern ließ Nithyara und Dunkelelfen eine Weile gewähren, er wusste, dass Feuer in ihnen tobte und sie ihrem Zorn Luft machen mussten. Nach einer Weile erhob er sich und breitete die Arme aus. „Ruhe, Freunde. Wir gewinnen nichts, wenn wir uns in einen Haufen aufgescheuchter Vögel verwandeln. Wir haben gehört, was Malika, Iendra und Liandras berichtet haben, und wir sollten darüber nachdenken, was wir nun tun. Denn …“ Er unterdrückte ein frustriertes Aufseufzen. Das letzte, was er wollte, war, wieder in diesen verfluchten Krieg einzugreifen, aber er hatte keine andere Wahl. Und seine Nithyara auch nicht. Er atmete tief durch, dann sprach er es aus. „Wir sind die neuen Erwählten des Zwielichts. Wir sind die Dämmerung zwischen Finsternis und Licht. Ich wollte nicht noch einmal meinen Fuß auf eines der Schlachtfelder setzen, aber ich fürchte, wir müssen es tun, wenn Tayara und ihre Verbündeten wirklich Khadiss anruft.“

„Flammenstern!“ Sternauge zuckte zusammen, als er den Namen aussprach, aber er sah in ihr Nithyaraauge und hielt ihren Blick fest. „Wir geben ihr Macht, wenn wir ihren Namen aussprechen und uns dabei fürchten“, sagte er, und begriff erst, als er weitersprach, wie der uralte Zauber der Namen wirkte. „Aber wenn wir von ihr sprechen und keine Angst haben, uns nicht vor ihr ducken, ihr nicht gestatten, Macht über uns zu gewinnen, dann kann uns ihr Name nicht mehr erschrecken. Denn der Nachtschatten und die Sternengekrönte sind zurückgekehrt und sie sind neu erstarkt durch uns. So lange wir uns an unseren Göttern festhalten, an denen, die uns zu ihren Erwählten gemacht haben, können wir Khadiss aufhalten. Und das … müssen wir tun.“

„Und wie?“ entfuhr es Malika. „Ihr habt nicht gesehen, was diese Schattendämonen tun können! Ihr habt diese Wunden nicht gesehen!“

„Doch“, sagte Sternauge sanft, „Ich habe all das gesehen, Malika. Und ich kenne wie auch Flammenstern und wir alle hier die Waffe, die wir gegen die Göttin ins Feld führen müssen.“ Sie hob ihre Hand, und Sternenfeuer loderte auf. „Für den Nachtschatten!“ rief sie dem Nachthimmel entgegen, „für die Sternengekrönte! Die Nithyara werden kein zweites Mal fallen!“

Flammenstern fühlte, wie eine Welle der Hoffnung ihn überrollte, als er seine Seherin so sah. Auch er sprang auf, und die anderen folgten ihm, riefen das Feuer, rissen die Arme zum Himmel empor und ließen das helle lodernde Blau die Nacht erleuchten. „Für die Sternengekrönte! Für den Nachtschatten! Al’Hai’re! Für die Sterne! Ihr Feuer möge die Finsternis verzehren!“

Flammenstern wusste nicht, woher die Worte kamen, die zu ihm kamen wie ein Schwarm Leuchtkäfer, und ihm den Weg wiesen. Alt waren die Worte, schon einmal hatten Nithyara sie gesungen, damals, als sie noch Ni-Thy-Yanara hießen und sich ebenfalls Khadiss gegenübersahen. Doch jetzt war das damals leise Hoffnungslied ein wilder Schlachtruf, der die Sterne weckte und den Mond mit rotem Glanz überzog. Nebelstreif und Wegsucher fassten Flammensterns Hände und fielen in den archaischen, wilden Gesang ein, und bald sang der gesamte Clan.

Das Wachfeuer färbte sich blau. Funken tanzten, setzten sich auf Hände und Scheitel und ließen Zeichen in hellem Silber aufleuchten. Flammenstern fühlte eine Kraft in sich, die ihn glauben ließ, er könnte mit einem einzigen Strahl seines Sternenfeuers eine Göttin vernichten.