Erwählte des Zwielichts 90

II

Malika fühlte die Lieder der Nithyara in sich dringen, und etwas tief in ihr vibrierte im stampfenden Rhythmus des Schlachtgesangs. Er berührte sie, auch wenn sie kein Wort verstand. Iendra schien es ebenso zu gehen. Die Heilerin sprang auf und reihte sich in den Tanz um das Feuer ein, den Flammenstern und Nebelstreif anführten, sie wirbelte im Schein der Flammen um das Feuer und stieß einen aufpeitschenden Trillerruf aus, den Nebelstreif mit einem Lachen aufnahm. Malika fühlte Liandras‘ Arm um ihre Taille, fühlte sich hochgezogen, und nur einen Atemzug später tanzte auch sie. Das Lied, der Tanz, die Sternenfeuerfunken und der laue Nachtwind schien alles von ihr zu nehmen, was sie auf dem Ritt zum Hain der Nithyara beschwert hatte. Im Schlachtgesang zerfielen ihre Sorgen zu Staub, tanzende Füße zertraten ihre Ängste, bis nichts mehr von ihnen übrig war.

Als der Morgen kam, ließen die Nityhara das Lied verklingen. Sie ließen sich am Feuer nieder, Schweiß glänzte auf ihrer Haut, ihre Haare hatten sich aus Zöpfen und Aufsteckfrisuren gelöst, noch immer schimmerte das Feuer in ihren Zeichen und ließen sie wild und ungezähmt aussehen, eins mit dem Land und dem Hain. Malika ließ sich keuchend zu Boden fallen und zog Liandras mit sich. Flammenstern blieb als einziger stehen. Sein Blick glühte vor Stolz. „Wir werden kämpfen und wir werden sein wie dieses Lied und dieser Tanz. Geht jetzt, ruht euch aus. Malika, Iendra, Liandras, ihr bleibt, so lange ihr wollt. Ihr könnt dort oben auf der Plattform im Baum schlafen, dort seid ihr sicher. Und wenn ihr für immer bleiben wollt, dann seid ihr willkommen.“

„Das seid ihr.“ Nebelstreif umarmte Malika. „Von Herzen. Ist es nicht so?“

Die anderen nickten, drückten Malikas Hände und die der anderen, umarmten sie und raunten ihnen leise „Bitte, bleibt bei uns“ zu.

„Danke“, sagte Liandras. „Danke – auch von Herzen. Wir werden darüber nachdenken und euch unsere Entscheidung wissen lassen. Am kommenden Abend.“

„Gut. Wer nimmt die Wache? Nein, nicht du, Feuerlanze. Schattensang? Sternauge? Danke. Ihr anderen – auf die Bäume. Und wenn ihr Ablösung braucht, dann weckt mich.“

Ohne weitere Worte erklommen die Nithyara bis auf Schattensang und Sternauge die Bäume, und auch Malika und ihre Gefährten kletterten zu dem Plateau, das Flammenstern ihnen zugewiesen hatte. Malika sah, dass hier ein Baumhaus entstehen würde, größer als der Rest der in die Baumkronen gebauten Hütten. Die Plattform war so groß, dass für keinen von ihnen die Gefahr bestand, hinunterzufallen, wenn sie ihr Lager in der Mitte aufschlugen. Lehmformer folgte ihnen und reichte Malika Bündel aus Fellen und Decken. „Gut, dass ihr hergekommen seid“, sagte er. „Uns allen behagt es nicht, doch wieder in den Krieg eingreifen zu müssen, aber wenn wir es nicht tun, dann wird die Dunkle zu mächtig. Habt einen friedlichen Tag. Und … bleibt. Wir brauchen euch.“

Malika nahm die Bündel. „Danke, Lu … Lehmformer. Wir werden es uns gut überlegen, Flammenstern wird unsere Antwort bekommen, wenn die Nacht hereinbricht.“

Lehmformer nickte und kletterte eichhornschnell zu seinem eigenen Baumquartier. Malika entrollte die Bündel, verteilte Felle auf dem Holzboden und reichte dicke Wolldecken herum.

„Fast wie zuhause“, kommentierte Liandras. Die Decken stammten noch von der Armee.

Iendra wickelte sich in ihre, lehnte sich zurück und blickte in den Himmel. Die Sterne verblassten, während die nahende Sonne alles in goldenes Rotviolett tauchte. Liandras nahm eine der Decken und hängte sie als Sonnenschutz in die Äste über ihnen, dann legte auch er sich hin. „Was denkt ihr?“ fragte er.

„Ich werde bleiben“, sagte Iendra sofort. „Die Sternengöttin antwortete auf meine Bitten und schickte die Nachtschleicher zu uns. Wie kann ich nicht bleiben und zu ihrer Dienerin werden? Ich bleibe und ich folge Flammensterns Weg.“

Malika ertappte sich dabei, dass sie nachdenklich an ihren Fingernägeln knabberte und vergrub die Hände unter ihrer Decke. „Ich habe keine Angst mehr vor ihnen“, sagte sie leise. „Dieser Tanz, dieses Lied, diese Worte, die ich nicht verstanden habe, das alles hat etwas mit mir gemacht. Als ich mit euch wegging, glaubte ich, Iloyon verloren zu haben, aber er ist immer noch da, auch wenn er jetzt Flammenstern heißt und diese Maske und diese Zeichen trägt. Sein Herz ist noch immer dasselbe. Er ist noch immer unser Anführer, mehr, als es Tayara und die anderen jemals waren. Ich habe mich bei ihm immer sicher gefühlt. Ich glaube, ich kann mich auch bei Flammenstern sicher fühlen. Aber ich bleibe nur, wenn …“ Sie grub die Zähne in ihre Unterlippe. „Liandras, ich bleibe nur, wenn auch du bleibst. Denn noch wichtiger als Flammenstern bist … du mir geworden.“

Sie fühlte, dass ihr das Blut in die Wangen schoss, und sah, dass Iendra schmunzelte und sich dann betont langsam auf die andere Seite rollte, so dass sie ihr und Liandras den Rücken zuwandte.