Erwählte des Zwielichts 102

Flammenstern nickte. „Gut. Wir haben Zeit, uns vorzubereiten – und ich möchte, dass ihr dass ihr genau das tut. Stellt Fallen um das Dorf herum. Sternenkatze, wenn du die Nachtschleicher noch einmal rufen kannst, dann bitte sie, für uns zu beobachten. Lass sie unsere Augen und unsere Ohren im Wald sein. Ich weiß, dass wir einander eines Tages jagen werden, aber noch ist es nicht an der Zeit. Noch brauche wir sie als Verbündete.“

Sternenkatze nickte.

„Feuerlanze, du bleibst im Dorf.“

„Warum? Flammenstern, ich bin nicht krank, ich bin nicht gebrechlich, ich bin schwanger. Das ist alles. Ich kann tun, was die anderen tun. Kundschaften, wachen. Behandle mich nicht wie ein rohes Ei, Clanführer, tu mir das nicht an!“ Sie rollte die Augen, ihr Blick huschte zwischen Flammenstern und ihrem Gefährten hin und her. „Hast du dich mit Nachtjäger verschworen?“

Flammenstern sah sie ernst an. „Du bist die Hoffnungsträgerin, du bist die Zukunft. Durch dich kommt der erste neugeborene, nicht erschaffene Nityhara auf diese Welt. Du und dein Kind, ihr seid wichtig, Feuerlanze. Zu wichtig, als das sich euch in Gefahr bringen will. Ich weiß, dass ich dich nicht einsperren kann, Theanna, aber ich bitte dich, sei vorsichtig, und bleibe bei Nachtjäger.“

„Damit kann ich leben. Danke, Flammenstern.“ Sie lehnte sich an Nachtjäger, der sie in den Arm nahm und fast besitzergreifend die Hände über ihrem noch flachen Bauch faltete.

Wegsucher wollte nicht hinsehen, und doch klebte sein Blick geradezu an Feuerlanze. Wie ein Fausthieb in den Magen kam die Sehnsucht nach einem eigenen Kind zurück. Nach einem Kind, dessen Mutter Nebelstreif war. Er zuckte zusammen, als er merkte, dass Flammenstern ihn aufmerksam beobachtete. Dankbar griff er zu, als Sternenkatze herumging und aus einem Korb die frischen Fladen verteilte. Nach ihrer Runde setzte sie sich wieder. „Ich werde die Nachtschleicher rufen“, sagte sie. „Sie werden kommen und uns helfen. Ich weiß es ganz sicher.“

„Sie werden uns eine große Hilfe sein. Danke, Sternenkatze. Sturmklinge, Schattenlicht, ihr werdet mit den anderen wachen und kundschaften. Was wisst ihr über die Pläne des Heeres?“

Sturmklinge hob die Schultern. „Nicht viel“, gab er zu, „was wir wissen, haben wir bereits berichtet. Wir wissen nicht, wann Tayara die verborgene Truppe Khadiss-Anbeter ins Spiel bringen will, oder, ob sie ihre Pläne seit unserer Flucht geändert hat. Dass sie uns verfolgen lassen wird, bezweifeln wir nicht. Aber was sie mit dem Heer tun wird, ob sie sich irgendwann als Khadisstreue zu erkennen geben wird, das weiß ich nicht.“

„Und ich ebensowenig“, sagte Schattenlicht, „wir können nur die Augen offenhalten.“

„Dann tut das.“ Flammenstern wirkte zufrieden, auch wenn Wegsucher die Sorgen seines Seelenbruders noch immer deutlich spüren konnte. Wegsucher sah ihn an. „Lass mich mit den Kundschaftern ziehen. Du und Nebelstreif, ihr solltet hierbleiben und den Hain bewachen.“

Flammenstern hob eine Braue, grinste aber, als Nebelstreif ihn sacht in die Seite stieß. „Gut. Macht euch bereit – Nebelstreif und ich übernehmen die erste Wache im Hain, ihr anderen kennt eure Aufgaben.“

Zustimmendes Gemurmel erhob sich, dann verschwanden die Nityhara allein oder in kleinen Gruppen. Wegsucher blieb noch eine Weile am Feuer sitzen und beobachtete, wie nach einer Weile Gruppe um Gruppe das Lager verließ. Sternauge und Sternenkatze verschwanden in Richtung des Göttersteins, Sturmklinge und Schattenlicht ließen sich von Schattensang und Lehmformer einweisen und zogen wenig später mit den beiden los. Nachtjäger ging mit Feuerlanze. Flammenstern trat auf Wegsucher zu. „Wem schließt du dich an?“

„Ich gehe allein.“ Langsam stand er auf.

„Ich sagte, niemand geht allein, Ta’nesha.“

Wegsucher legte beide Hände auf Flammensterns Schultern. „Ich weiß, was ich tue“, sagte er. „Außerdem muss ich nachdenken.“

„Du kannst nicht zugleich nachdenken und kundschaften“m, erwiderte Flammenstern und umfasste mit den Händen Wegsuchers Unterarme. „Was ist wirklich los, Ta’nesha? Du bist schon den ganzen Abend so still. Warum bist du wirklich weggegangen, statt uns zu wecken? Wir hätten sicherlich etwas gefunden, mit dem wir die Zeit bis zum Treffen am Feuer hätten überbrücken können.“ Er grinste, und Nebelstreif schmiegte sich mit einem leisen Schnurren an ihn.

Wegsucher ließ Flammenstern los und entzog ihm seine Arme. „Wie ich schon sagte, ich muss nachdenken. Über vieles. Über … uns.“

„Was gibt es da nachzudenken?“ Nebelstreif drückte Wegsuchers Hand. „Ich war noch nie so glücklich wie am vergangenen Tag. Mit euch. Ich möchte euch beide nie wieder gehenlassen. Ihr seid meine Gefährten. Ihr beide. Seelenbrüder.“

„Es ist für mich nicht so leicht, wie es euch erscheinen mag“, sagte Wegsucher und setzte sich wieder ans Feuer. „Ihr seid Ta’nesha.“

Nebelstreif lächelte. „Das sind du und Flammenstern auch! Und warum sollte mich das stören?“

„Ihr seid einander näher, als du und ich es je sein werden, Nebelstreif.“ Wegsucher sah sie an und sah nur Unverständnis in ihrem Blick. „Ich weiß nicht, ob ich das auf Dauer ertragen kann. Ich weiß es einfach nicht. Bitte … lasst mich allein.“ Er nickte beiden knapp zu, dann wandte er sich ab.