Erwählte des Zwielichts 103

„Wegsucher!“ Nebelstreifs Stimme folgte ihm, dann hörte er Flammenstern: „Lass ihn, Ta’nesha. Etwas hat ihn aufgewühlt, er muss erst einmal allein damit zurechtkommen.“
Mehr hörte Wegsucher nicht mehr. Er begann, zu laufen, bis an den Bach, übersprang ihn und lief in die Wälder, weg von den Wegen der Kundschafter. Er brauchte Zeit, und wenn die anderen sie ihm nicht geben wollten, dann musste er sie sich eben nehmen.
Wegsucher folgte den Wildpfaden, die vom Bach tiefer in den Wald führten. Auch, wenn er ihn schon weit hinter sich gelassen hatte, konnte er Flammensterns Verwirrung immer noch fühlen. Mit Macht zog er seine Barrieren hoch. Flammenstern sollte nicht das Echo seiner Zweifel fühlen, nicht seine Gedanken, die immer noch um Nebelstreif kreisten wie Motten um eine Kerzenflamme. Es musste einen Weg geben, mit beiden in Frieden leben zu können und dieses Begehren zu töten. Nur dann konnte er mit sich und dieser verrückten Beziehung zu seinen beiden besten Freunden Frieden schließen.

V

Nebelstreif sah Wegsucher nach, wie er zwischen den Silberbäumen verschwand, und seufzte innerlich. Flammenstern sah sie verwirrt an. „Ich verstehe das nicht, was ist denn auf einmal los mit ihm? Ich kann seinen Gedanken nicht folgen, er blockt mich vollkommen ab.“
Nebelstreif nahm seine Hand. „Hast du nicht gefühlt, wie viel Überwindung es ihn gekostet hat, sich zu uns zu legen?“
„Ja … aber ich hoffte, dass wir seine Bedenken zerstreut haben. Für mich ist das auch neu. Ich habe ihn nie als Mann begehrt, er war immer nur mein Bruder. Aber das Feuer, das wir teilten …“ Flammenstern atmete tief durch, und Nebelstreif lächelte. „Ich weiß, was du gespürt hast. Und es ist die Wahrheit, ich will euch beide nie wieder verlieren. Ich habe mich noch nie so ganz gefühlt, wie am vergangenen Tag, mit euch beiden und diesem Feuer. Zusammen können wir Berge einreißen und Heere aufhalten!“
Flammenstern lachte leise und zog sie an sich. „Das vielleicht nicht, Geliebte. Aber ich habe es auch gespürt. Diese Kraft in dem Feuer, die Kraft in uns. Die Götter in uns. Warum entzieht er sich jetzt?“
„Ich weiß es nicht. Es ist dumm. Vielleicht ist er eifersüchtig. Ich erinnere mich, wie er mich schon früher angesehen hat. OB er mich geliebt hat? Ich weiß es nicht, aber sicherlich war da Begehren.“
„Warum hat er nie etwas gesagt?“
„Frag ihn, Geliebter. Aber lass ihn von sich aus zurückkommen. Lass ihm Zeit.“
Flammenstern nickte nachdenklich, ließ zu, dass Nebelstreif seine Hand nahm und ihn auf den Weg zum Götterstein zog. Tiefer Frieden ergriff sie, als sie dem Felsen näherkamen, auf dem sie und all die anderen den Bund mit den Göttern geschlossen hatten. Nie hatte sie sich so zuhause gefühlt wie an diesem Ort und bei denen, die sie liebte – noch nicht einmal in der Höhle, in der sie geboren worden war. Sie trat an den Stein und legte die Hände auf die glatte Fläche. Der Stein schimmerte silbrig grau, feine Kristalladern zogen sich wie Zeichen über ihn hinweg. Wenn die Götter nahe waren, glühten sie im Sternenfeuer. Nebelstreif zog eine der Linien nach. Leises Kribbeln rann durch ihre Finger. Die Macht der Götter lebte an diesem Ort. Sie lehnte sich an den Felsen. „Ich wünsche mir nur Frieden“, murmelte sie, „ich will ein Leben ohne Krieg – und jetzt müssen wir vielleicht doch wieder kämpfen. Und ich meine nicht nur die Khadiss-Anhänger und Tayara. Wir müssen anscheinend auch um unseren eigenen kleinen Frieden kämpfen. Ich will Wegsucher nicht verlieren, Ta’nesha. Wollen wir ihm geben, wonach er sich sehnt? Meinen Seelennamen?“
„Willst du das denn wirklich?“ Flammenstern berührte leicht Nebelstreifs Lippen. Sie legte ihr Gesicht in seine Hände.
„Das ist es ja. Ich weiß es nicht. Darum wollte ich herkommen. Ich hoffte, es würde mir hier leichter fallen, mich zu entscheiden, aber ich weiß es wirklich nicht. Er ist mein Freund und ich habe ihn gern, ich hatte Freude daran, mit euch beiden das Feuer zu teilen, und ich will es wieder tun. Ich liebe ihn auf eine ganz andere Weise als ich dich liebe. Warum ihm das nicht reicht, verstehe ich nicht.“
„Er will dich ganz. Nicht nur deinen Körper, Liebste, auch deine Seele.“

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