Erwählte des Zwielichts 104

Nebelstreif nickte. Genau das fürchtete sie, und wusste zugleich nicht, was sie zögern ließ, Wegsucher ihren Seelennamen zu geben. Sie waren doch Kampfgefährten, hatten einander den Rücken gedeckt, einander mehrmals das Leben gerettet, füreinander gekämpft. Sie waren doch Freunde.

„Es fühlt sich nicht richtig an“, murmelte sie. „Ich kann nicht einmal sagen, warum, aber es fühlt sich nicht richtig an. Der Gedanke daran macht mir Angst. Ich stelle mich vor ihn und lege meine Kleider ab, ich schlafe mit ihm, und wenn ich ein Kind empfangen sollte, dann werde ich darüber glücklich sein, gleich, ob du der Vater bist oder er, denn ich weiß, ihr werdet beide wunderbare Väter sein. Mein Körper spricht zu ihm in der Sprache der Leidenschaft, mein Herz in der Sprache der Liebe und Freundschaft. Aber meine Seele hat nicht einen Atemzug lang nach dem Namen seiner Seele gesucht. Ich habe nichts von dem gefühlt, was ich spürte, als unsere Seelen zueinander sprachen und ihre Namen tauschten. Du kennst mich. Mein Licht, meine Dunkelheit und meine Dämmerung. Du nimmst mich, wie ich bin, du kennst mich ohne jede Maske. Meine Ängste, meine Sorgen, meine Fehler. Ich glaube, ich will so nackt noch nicht vor Wegsucher stehen.“ 

„Dann tu es nicht, Ta’nesha“, sagte Flammenstern sanft, „irgendwann wird er verstehen. Und wer weiß, was in dieser Zeit noch zwischen dir und ihm wächst.“

„Ja.“ Nebelstreif lehnte sich an Flammenstern und küsste ihn, fühlte, wie er den Kuss erwiderte und seine Hände über ihren Rücken strichen. Flammen knisterten auf seinen Fingerspitzen, durchdrangen ihre Kleidung und flossen in die Zeichen, ließen ihre Haut brennen. Mit einem leisen Keuchen machte sie sich los. „Nicht jetzt, Ta’nesha!“ Sie lachte atemlos. „Warte damit auf den Tag. Ich werde mich jede Stunde dieser Nacht darauf freuen!“

„Ich nehme dich beim Wort, Ta’nesha.“ Flammenstern küsste sie noch einmal. „Komm mit zurück ins Lager. Ich will dort sein, wenn die Kundschafter zurückkommen.“

 

***

Sternenkatze folgte den Pfaden, auf denen sie die Nachtschleicher hatte verschwinden sehen, nachdem die Tiere beobachtet hatten, wie sie, Sturmklinge und Schattenlicht zu Nithyara geworden waren. Sie hatte sich schon vor einiger Zeit von Weitherz getrennt, die Kräuter sammeln und später wieder mit ihr zusammentreffen wollte. In ihren Gedanken waren sie beieinander. Sternenkatze würde es sofort wissen, wenn Weitherz Gefahr drohte, und ebenso würde es im umgekehrten Fall sein. Sie fühlte sich sicher. Vor allem, weil sie wusste, dass die Nachtschleicher in der Nähe waren und sie beobachteten. Auf einer Lichtung, umgeben von Silberbäumen, ließ sie sich nieder und sendete ihre Gedanken aus.

Nachtschleicher, Katzen der Göttin, Nachtschleicher, Klauen und Zähne des dunklen Mondes, ich weiß, dass ihr hier seid und dass ihr mich hören könnt. Noch einmal muss ich um eure Hilfe bitten, denn die Finsternis, vor der wir geflohen sind, hat sich an unsere Fersen geheftet und verfolgt uns wie ein dunkler Fluch. Wir wollten die anderen nie in Gefahr bringen, aber ich fürchte, genau das haben wir getan, indem wir zu ihnen gestoßen sind und uns mit ihnen vereint haben. Dunkelmond, Sternengekrönte, hört meine Stimme, die auch eure Stimme ist, und schickt mir noch einmal eure Boten! Noch ist die Zeit des Jagens nicht gekommen.

Sternenkatze wartete. Sie saß ruhig auf der Lichtung, bewegungslos wie die Katzen, die sie gerufen hatte. Um sich herum fühlte sie die Nacht mit all ihren Sinnen. Jeder Baum in diesem Wald atmete eine Geschichte, jeder Stein sprach von Zeiten jenseits ihres Verstehens. Jedes Tier, jede Pflanze an diesem Ort war durchtränkt von der Macht der Nithyaragötter. Sternenkatze vernahm das Tappen großer, weicher Pfoten über das Lied von Nacht und Wald hinweg. Eine warme Welle von Zuneigung rollte ihr entgegen, als genau die Nachtschleicher, die ihnen auf ihrem Weg beigestanden hatten, auf die Lichtung schlichen und sich ihr näherten. Ihre Katze streifte sie schnurrend, weiches schwarzes Fell berührte Sternenkatzes Gesicht.

Du hast gerufen, wir sind gekommen, Dienerin unserer Herrin. Wir haben deine Worte gehört, und wir stimmen dir zu – noch ist unsere Zeit der Jagd nicht gekommen. Wir werden Finsternis jagen, dein Volk und meines. Und erst, wenn sie vertrieben ist, werden wir einander jagen, so, wie die Götter es beschlossen haben. Doch wisse, Dienerin unserer Herrin, wann immer ihr uns wirklich braucht, werden wir das Jagen für diese Zeit vergessen und euch zur Seite stehen. Denn wir sind alle Kinder derselben Götter und durchdrungen von demselben Feuer.

Für einen Moment blitzten die sonst so goldenen Augen der Katze in blauem Leuchten auf. Sternenkatze verstand. Sie legte die Arme um den mächtigen schwarzen Kopf und drückte ihr Gesicht in das weiche Fell. Die Nachtschleicherin schnurrte tief, das sanfte Grollen stieg aus ihrer Brust auf und streichelte Sternenkatze wie die Hand einer Mutter.