Erwählte des Zwielichts 105

Danke, flüsterten ihre Gedanken. Beobachtet, Nachtschleicher. Schützt unsere Grenzen. Gebt Nachricht, wenn Finsternis sich nähert.

Das werden wir, schnurrte die Katze. Priesterin, wir wollen dir etwas anvertrauen.

Die Katze entzog sich behutsam Sternenkatzes Umarmung und gesellte sich wieder zu ihren Gefährten. Das Gras bewegte sich, und etwas Kleines, Helles tappte auf Sternenkatze zu. Ein junger Nachtschleicher, fast noch ein Welpe, kaum größer als ein Hase. Sein Fell war silbern wie Mondlicht, die Augen klare blaugrüne Edelsteine. Feine graue Streifen durchzogen den Mondlichtpelz wie Nithyarazeichen. Sternenkatze streckte langsam eine Hand aus, und das kleine Wesen schnupperte, kam näher und drückte sich an die Hand. Sternenkatze lächelte, als sie das Fell berührte. So mussten sich Wolken anfühlen, so weich und seidig.

Dieses Junge unserer Art wird bei dir bleiben, bis die Zeit des Jagens anbricht, klang die Stimme der alten Katze in Sternenkatzes Gedanken. So lange es an deiner Seite ist, weißt du, dass wir unser Wort halten und eure Grenzen sichern.

Sternenkatze fühlte nichts als Liebe, als das Nachtschleicherjunge auf ihren Schoß sprang und sich schnurrend zusammenrollte. Sie strich über sein Fell und wusste, sie würde dieses Wesen lieben, und wenn es fortging, würde es einen Teil von ihr mit in die Wälder nehmen.

Danke, sendete sie, ich werde auf sie achtgeben und sie schützen, so wie ihr uns beschützt.

Die Nachtschleicher senkten die mächtigen Köpfe und schnurrten einen letzten Gruß, dann verschwanden sie wie Nebel und Schatten zwischen den Bäumen. Sternenkatze nahm den Nachtschleicherwelpen auf den Arm. Auch wenn es noch ein junges Tier war und kaum mehr als einen oder zwei Monde alt sein konnte, war es schon so groß wie ein Fuchs mit zu großen Pfoten und zu großen Ohren. Das Fell war seidenweich. Warm drängte sich die junge Katze in Sternenkatzes Arme. Ihr Herz strömte über vor Liebe zu diesem kleinen weichen Tier. „Du bist Sanftpfote“, flüsterte sie und erntete als Antwort ein Schnurren, das das ganze Tier vibrieren ließ. Sternenkatze wusste, dass sie den Namen der kleinen Nachtschleicherin richtig gedeutet hatte. Ein Unterpfand für den Frieden. Sternenkatze lächelte. Sie konnte nur ahnen, dass die Nachtschleicher in ihren Gedanken gesehen hatten, was verfeindete und Frieden schließende Dunkelelfenfamilien taten, um diesen Frieden zu sichern – sie tauschten Kinder aus, die in der jeweils anderen Familie aufwuchsen und oft auch in sie hineinheirateten. So wurden aus dem Austausch von Geiseln mächtige Bündnisse.

„Ich hoffe, dass es genug ist“, murmelte Sternenkatze, drückte Sanftpfote an sich und machte sich auf den Weg zurück zum Dorf, um Flammenstern zu berichten. Ein Dutzend Nithyara und ein Rudel Nachtschleicher. Sie alle waren Erwählte und Kinder des Nachtschattens und der Sternengekrönten. Es musste genügen.

Warum ertappte Sternenkatze sich dann immer wieder dabei, wie sie durch die Baumwipfel zu den Sternen aufblickte und versuchte, in ihnen die Sicherheit zu finden, die sie in sich selbst nicht spürte?

Sie hatte Angst.

Sanftpfote drückte den Kopf an Sternenkatzes Hals und schnurrte. Sternenkatze strich über ihren Rücken. „Schatten kommen auf uns zu. Sie warten auf uns in den Wäldern, sie kommen auf uns zu aus Telava. Und sie wachsen in einem aus unseren Reihen.“

Ihr habt das Feuer der Sterne, klang es in Sternenkatzes Gedanken, ihr habt die Klauen und die Zähne der Nachtschleicher und eure eigenen vom Feuer durchdrungenen Klingen. Es wird immer Schatten geben. Und immer Feuer, um sie zu vertreiben.

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