Erwählte des Zwielichts 106

VI

Flammenstern hasste es, zu warten.

Seit Sternenkatze dem Clan von ihren Träumen berichtet hatte, seit sie zu den Nachtschleichern gegangen und mit der kleinen Sanftpfote zurückgekommen war, kreisten seine Gedanken um die Konfrontation mit den Anhängern Tayaras und der Finstergöttin, und um den Verräter. Ein Teil von ihm hoffte, dass Sternauge sich geirrt, dass sie die Vision, die ihr den Verrat gezeigt, falsch gedeutet hatte. Sein Blick wanderte über das Dorf, den Clan, seine Nityhara. Sternenkatze und Weitherz, die beieinander saßen und Sanftpfote beobachteten. Das Nachtschleicherjunge hatte die Herzen des Clans im Sturm erobert, es gab keinen, der ihm beim gemeinsamen Essen am Feuer nichts zusteckte, die kleine Katze streichelte oder ihr Tannenzapfen und Grasbälle warf. So lange Sanftpfote da war, würd der Clan Hilfe von den Nachtschleichern erhalten, die in weiten Kreisen um das wachsende Dorf in den Silberbäumen strichen und Sternenkatze sofort vor drohender Gefahr warnen würden. Flammenstern fühlte sich sicherer, seit die Nachtschleicher für den Clan wachten. Und doch nagte die Gewissheit an ihm, dass einer seiner Nithyara ihn verraten würde.

Nur: Wer?

Sein Blick wanderte zu Nebelstreif und Wegsucher. Gemeinsam schliffen sie Klingen, die Nachtjäger geschmiedet hatte. Flammenstern dankte den Göttern, dass die Spannungen zwischen ihnen sich wieder gelöst hatten. Wegsucher war so lange fortgeblieben und hatte so lange auf sein Senden hin geschwiegen, dass Flammenstern schon kurz davor gewesen war, ihm einen Suchtrupp nachzuschicken, der ihn ins Lager zurückbringen sollte. Doch gerade, als er kurz davor gewesen war, war Wegsucher von allein zurückgekommen, hatte sich selbst einen Narren geschimpft, erst ihn und dann Nebelstreif geküsst und sie dann beide in ihren gemeinsamen Unterschlupf gezerrt und … Flammenstern spürte jetzt noch das Echo des Feuers, das sie geteilt hatten, wieder und wieder, bis sie sich gefühlt hatten wie geschmiedeter Stahl in der Esse, aus verschiedenen Lagen zu einer einzigen Klinge verschmolzen, gehämmert und gehärtet. Sie waren eins. Auch Wegsucher konnte das nicht mehr leugnen, selbst wenn er Nebelstreifs Seelennamen noch nicht gefunden hatte. Sie hatten nicht mehr darüber gesprochen. Anscheinend empfand auch Wegsucher es nicht mehr für nötig.

Flammensterns Blick wanderte weiter zu Feuerlanze, die die Griffe der geschliffenen Klingen kunstvoll mit Leder umwickelte und aus Holz, Leder und Pelz Wehrgehänge und Scheiden baute. Sie legte all ihre Kunstfertigkeit in die Arbeiten, brachte an jedem Klingengriff kleine Verzierungen, Zeichen und Runen an, die auf den zukünftigen Besitzer hinwiesen. Die Klingen, die sie und Nachtjäger schufen, waren wie die Nithyara selbst: tödliche Waffen, und dabei doch schön, sie wirkten zerbrechlich und waren doch hart von Feuer und Hammerschlägen. Flammenstern war stolz auf seine Nityhara. In nur wenigen Nächten hatten sie Fallen um das Dorf erreichtet, die improvisierten Behausungen hatten inzwischen fest geflochtene und mit Lehm verschmierte Wände, und die Baumstämme, die sie trugen, hatten ihre Bewohner ebenfalls mit Fallen versehen. Das Dorf war wie ein Igel, der sich zusammenrollte und seine Stacheln in alle Richtungen ausfuhr.

Sturmklinge und Schattenlicht waren auf Kundschaft und würden wohl erst am kommenden Morgen zurückkehren, ebenso Sternauge, Schattensang und Lehmformer. Sie waren gut vorbereitet – Flammenstern musste sich immer wieder selbst sagen, dass er getan hatte, was er tut konnte. Sie waren wachsam, sie hatten Verbündete, die Götter leiteten sie und gaben ihnen ihr Feuer.

Es musste genügen. Auch wenn sie nur wenige waren, sie waren wehrhaft, sie hatten die Nachtschleicher als Verbündete gewonnen, und die Götter hatten einem jeden von ihnen die Geheimnisse des Waldes in die Herzen geschrieben.

Wenn nur der drohende Verrat nicht wäre und die bohrende Frage: Wer ist es?

Flammenstern wandte sich ab und schlug den Weg zum Götterstein ein.

Willst du, dass wir mitkommen? Wegsuchers und Nebelstreifs Stimmen schlichen in seine Gedanken.

Nein, sendete er zurück. Ich möchte eine Weile allein sein und meine Gedanken ordnen. Passt auf die anderen auf. Ich bin bald zurück. Wenn etwas geschieht, dann ruft mich.

Flammenstern spürte die stumme Zustimmung der anderen und atmete erleichtert auf. Er ließ die Silberbäume hinter sich und betrat die Lichtung mit dem Götterstein. Mondlicht tanzte auf dem Felsen und ließ die kleinen Kristalleinschlüsse darin glitzern. Als er die Hände auf den Stein legte und sein Feuer rief, füllte es die feinen Ritzzeichnungen auf dem Stein mit lebendigem Leuchten. Seine Gedanken wanderten zurück zu der Nacht, in der er und Nebelstreif von den Göttern gerufen worden, und zu den Nächten, in denen seine Gefährten ihnen gefolgt waren. Wie konnte jemand zum Verräter werden, der das Feuer der Götter in sich aufgenommen hatte? Was musste geschehen, damit ein Nithyara sich gegen seinen eigenen Clan stellte und damit nicht nur ihn, sondern auch die Götter verriet?

Sternengekrönte, Nachtschatten, antwortet mir. Helft mir. Ich muss den finden, der uns verrät, bevor ein Unglück geschieht.

Wind strich durch Flammensterns Haar. Das Feuer in den Zeichen im Stein kribbelte unter seinen Fingern. Die Linien im Stein formten Runen, dann Worte. Die Klingen liegen im Schmiedefeuer. Aber das Feuer kann nicht sagen, wer bestehen und wer brechen wird.

Flammenstern ballte die Hände zu Fäusten. Warum helft ihr mir nicht? Wollt ihr, dass eure Nithyara, kaum wieder erstanden, sofort wieder untergehen?

Sternenfeuer streifte Flammenstern wie eine sanfte Hand. Ihr seid Klingen im Schmiedefeuer. Die Hammerschläge machen euch stärker. Ihr müsst lernen. Lernen, dass Schmerz keine Macht über euch hat. Dass es euch nicht brechen wird, wenn ihr etwas verliert. Ihr werdet nicht vergehen. Ihr werdet bestehen, denn ihr seid unsere Kinder, und wir werden euch schützen. Aber wenn ihr wachsen und erstarken wollt, dann müsst ihr durch das Feuer gehen.