Erwählte des Zwielichts 107

Damit verblasste das Leuchten. Flammenstern fühlte sich von einem Moment zum anderen verlassen, als die Macht der Götter sich zurückzog und der Felsen nur noch wie ein einfacher grauer Stein aussah. Er strich über die raue Oberfläche. „Das war nicht das, was ich erwartet habe“, murmelte er. Aber was hatte er denn erwartet? Dass die Götter ihm einen Namen nannten?

Klingen im Schmiedefeuer.

Erkenntnis durchfuhr Flammenstern wie ein Blitzschlag.

Was auf sie zukam, war nicht das drohende Grollen eines erneuten Untergangs. Es war eine Bewährungsprobe, die zeigen sollte, ob er und seine Leute wirklich die neuen Nithyara waren, auf die die Sternengekrönte und der Nachtschatten so lange gewartet hatten. Sie prüften jeden von ihnen. Jeden auf seine Weise, das verstand Flammenstern jetzt, als er sich langsam vom Stein löste und die Lichtung verließ, um in das Dorf zurückzukehren. Er spürte die Hände der Götter auf seiner Seele. Ihn prüften sie, indem er angenommen hatte, als die anderen ihn zum Anführer gemacht hatten. Sie prüften Wegsucher, indem sie ihn mit seiner Liebe zu Nebelstreif konfrontierten, und damit stellten sie auch Nebelstreif auf die Probe. Jeder kämpfte auf seine Weise mit diesem neuen Leben als Zwielichtkind, das für keine Seite stritt, sondern nur noch für ein eigenes freies Leben in Frieden.

 

Nithyara!

Sternenkatzes Senden schoss wie ein Pfeil durch Flammensterns Gedanken.

Es beginnt! Kommt alle zum Dorf zurück! Achtet auf eure Rücken und achtet auf Verfolger! Die Nachtschleicher haben Eindringlinge gesehen. Sie kommen in die Wälder. Sie suchen nach uns. Noch sind sie fern, aber sie fächern sich auf und wollen einen Kreis um uns ziehen.

Flammenstern zerknirschte einen Fluch zwischen den Zähnen. So schnell schon. Er ahnte, dass Sternenkatze, Schattenlicht und Sturmklinge sich Vorwürfe machen und fürchten würden, dass sie Tayaras Dunkelelfen doch auf ihre Spur gelockt hatten. Verdammt, die waren schnell … Er lächelte bitter. Nicht nur die Nityhara hatten Verbündete, die sie schneller als der Wind durch Tag und Nacht trugen, auch Tayara konnte auf übernatürliche Kräfte und die Macht einer Göttin zurückgreifen. Wie auch immer – sie alle schwebten in der Gefahr, gefunden zu werden. Flammenstern drückte seine Handflächen auf den Götterstein, dann hauchte er einen Kuss auf den Felsen. Diesmal nicht, sendete er seine Gedanken mit einem feinen Strahl von Sternenfeuer in die Zeichen, nie wieder werdet ihr zu Beinahe-Vergessenen werden. Diesmal nicht! Und auch in Zukunft nicht!

 

Als er das Wachfeuer erreichte, hatten sich dort schon beinahe alle versammelt, nur Sternauge und Schattensang fehlten noch. Alle hatten Sternenkatze umringt, die mit Sanftpfote auf der Schulter und zwei jungen Nachtschleicherkatern mit blaugrau schimmernden Hörnern am Feuer wartete. Sie streckte die Arme aus, als Flammenstern zu ihnen trat. „Gut, dass du gleich gekommen bist. Meine Freunde werden Sternauge und Schattensang herbringen, sie waren am weitesten vom Lager entfernt. Andere umkreisen unser Dorf in weiten Spiralen und werden mir zutragen, wenn Tayara und ihre Leute näherkommen.“

„Sind sie es?“ Flammensterns Blick hing an den beiden mächtigen Katern, deren Krallen den Boden aufrissen. Ihre Ohren zuckten. Flammenstern ahnte, dass sie viel mehr hören konnten als das beständige Rauschen des leichten Windes in den Bäumen und die Geräusche kleiner Tiere im Unterholz.

„Die Bilder, die meine Freunde mir geschickt haben, lassen keinen Zweifel zu“, sagte Sternenkatze, „leider. Ich hätte nicht gedacht, dass sie so schnell auf unsere Spur stoßen. Aber anscheinend haben auch sie Verbündete. Es ist ein Stoßtrupp, nach dem, was die Katzen mir zeigten, zwanzig, vielleicht dreißig Leute unter Waffen. Sie folgen der Spur unserer ersten Nachtschleicherverbündeten, als ob sie sie riechen können.“

Flammenstern nickte grimmig. „Wahrscheinlich können sie das. Vielleicht haben auch sie tierische Verbündete.“ Er sah von einem zum anderen und fand in den Blicken seiner Nityhara nichts als Entschlossenheit.

„Wir werden kämpfen für das, was wir hier gefunden haben“, sagte Nebelstreif, stand auf und nahm Flammensterns Hand. „Wir werden uns das nicht mehr wegnehmen lassen.“