Erwählte des Zwielichts 108

Flammenstern legte seinen Arm um Nebelstreif, streckte eine Hand aus und zog auch Wegsucher an sich. Im gleichen Moment brachen zwei weitere Nachtschleicher aus dem Dickicht, die Sternauge und Schattensang auf ihren Rücken trugen.

„Flammenstern“, rief Schattensang schon von Weitem, „wir haben ihre Spuren gesehen!“

„Bericht, Schattensang.“

„Es sind vermutlich mehr als zwanzig, und sie kommen auf Pferden. Zumindest hinterlassen ihre Tiere Spuren wie Pferde. Was auch immer unsere … Freunde reiten, es ist mindestens so schnell wie die Schleicher.“

Flammenstern nickte. „Das bedeutet, wir müssen von nun an jederzeit damit rechnen, überfallen zu werden, aber so weit will ich es nicht kommen lassen. Sternenkatze, wie schnell können die Schleicher Tayaras Leute aufspüren?“

„Schnell genug.“ Sie lächelte und sah dabei aus wie eine Katze, unter deren Pfote sich eine Maus wand. „Sie sind begierig zu jagen.“

„Gut.“ Flammenstern nickte ihr zu, dann ließ er den Blick über die versammelten Nithyara schweifen. „Ich will, dass Tayaras Leute abgefangen werden, bevor sie diesen Ort auch nur von Weitem sehen können. Keiner von ihnen soll auch nur in die Nähe des Göttersteins kommen. Ich möchte dort Nachtschleicher. Sternenkatze, Weitherz, ihr bewacht das Heiligtum. Nachtjäger, Feuerlanze, Sturmklinge und Schattenlicht – ihr schützt das Dorf. Alle anderen folgt mir, wir werden sie aufspüren, und wir werden sie aufhalten.“

Ohne Widerspruch folgten die Nithyara den Anweisungen. Flammenstern spürte die kühle, tödliche Ruhe, die von seinen Clangeschwistern ausging. Klingen, Krieger, Beschützer – jeder von ihnen wusste, wo sein Platz war. Auch er selbst kannte den seinen, auch wenn er nicht glücklich darüber war. Heilerin und Priesterin zogen sich mit Sanftpfote und drei erwachsenen Nachtschleicherkatern zum Hain zurück, während Nachtjäger die Dorfwächter um sich scharte und mit ihnen die Verteidigung des Dorfes besprach. Auch ihnen gesellten sich Nachtschleicher zu. Flammentern erkannte die Tiere als die, die Schattenlicht und die anderen ins Dorf getragen hatten. Während er darauf wartete, dass die übrigen Nithyara sich ausrüsteten und bereitmachten, erschienen immer mehr Nachtschleicher zwischen den Bäumen. Sie alle waren kräftige Tiere, die meisten von ihnen Kater mit gewundenen Hörnern. Ihre Krallen scharrten über den Waldboden, das Haar an ihren buschigen Schweifen stand in alle Richtungen ab. Sternenfeuer schien in ihrem Seidenpelz zu knistern. Ein Kater bewegte sich geschmeidig auf Flammenstern zu. Sein Raubtiergeruch stieg Flammenstern in die Nase und ließ sein Herz schneller schlagen. Der Kater roch nach Wildheit, nach Kampf und Blut. Flammenstern streichelte den muskulösen Rücken. „Du kommst mit mir?“

Der Kater schnurrte. In Flammensterns Gedanken formte sich ein Bild – in dieser Nacht würde jeder Nithyara einen Nachtschleicher reiten.

 

Es war eine eindrucksvolle kleine Armee, die sich nur wenig später ins Dickicht des Waldes bewegte, das musste Flammenstern zugeben. Sie waren nur sechs, aber jeder von ihnen ritt einen Nachtschleicher, wurde von mindestens einem weiteren begleitet und trug eine neue Rüstung und eine noch nach Schmiedefeuer und brennendem Öl duftende Klinge, die nach dem ersten Blut schrie. Die Nachtschleicherohren zuckten, die Tiere hoben witternd die Köpfe und prüften den Wind. Flammenstern spitzte die Ohren, lauschte und öffnete seinen Geist für die leisen Hinweise, die der Wald und die Katzen ihm gaben. Nebelstreif und Wegsucher ritten an seiner Seite, vergessen schienen die Schwierigkeiten der vergangenen Nächte. Sie sahen einander an, und Flammenstern wusste, sie waren eins. Ohne Worte sendete er ihnen das Bild, das er sah – zu allem entschlossene Kriegerinnen und Krieger, und Nachtschleicher, die nur in ihrer Nähe friedliche Verbündete waren. Flammenstern mochte kaum daran denken, was die im Moment noch in seidenen Pfoten verborgenen Klauen, die scharfen Zähne und das mächtige Gehörn der Kater mit den neugierigen Dunkelelfensoldaten anstellen mochten.