Erwählte des Zwielichts 109

In sich immer mehr weitenden Kreisen umrundeten sie Dorf und Heiligtum. Niemand sprach, jeder wusste um das ausgezeichnete Gehör der Dunkelelfen, die sie einst selbst gewesen waren, jeder wusste, dass ihre Gabe, ohne Worte miteinander reden zu können, einer ihrer Vorteile war. Aus der Ferne vernahm Flammenstern das Senden der Dorfwachen – sie begannen, Fallen zu stellen und Reisigpuppen um das Dorf herum aufzubauen, um ihre kleine Verteidigungsarmee größer erscheinen zu lassen. Sie waren geschickt. Sie waren fähige Kämpfer. Alles würde gutgehen. Er wechselte einen Blick mit Nebelstreif, die ihre Hand ausstreckte, um seine kurz zu drücken, fühlte einen Moment lang Wegsuchers Hand auf seiner Schulter.

Die Zeit kroch dahin, während sie ritten und nichts fanden als friedlichen Wald und Tierspuren. Der Mond stieg am Himmel auf und machte sich bereits wieder auf den Rückweg, als Sternauge sich mit einem ungeduldigen Schnauben aus der Gruppe löste und mit drei Nachtschleichern vorausritt, um die Gegend zu erkunden. Flammenstern und die anderen folgten ihr langsamer, belauschten den Wald und suchten am Boden nach Spuren. Nach einer Weile kam Sternauge zurück, das Gesicht angespannt.

//Spuren//, sendete sie so, dass alle sie hören konnten, //in einiger Entfernung von hier auf einer kleinen Lichtung. Es sieht aus, als hätten sie dort gerastet, um sich dann aufzuteilen. Wir sollten uns trennen und sie verfolgen.//

Flammenstern runzelte die Stirn. //Ich frage mich, warum wir noch keinen von ihnen gefunden haben, die können sich doch nicht unsichtbar machen.//

//Wahrscheinlich hocken sie irgendwo zwischen den Bäumen, haben darauf gewartet, dass wir uns aufteilen und hoffen, uns in kleinen Häppchen zum Nachtmahl vertilgen zu können.// Wegsuchers Senden klang ätzend.

//Sie wissen nicht, dass wir die Katzen haben//, warf Nebelstreif ein. Sie folgten Sternauge zu der Lichtung, in deren weichem Moos und Gras die Dunkelelfen ein auffälliges Muster an Fuß-und Hufspuren zurückgelassen hatten. Um den fast kreisrunden Moos-und Grasflecken standen die Bäume dicht an dicht. Unter dem Mond waren sie nichts als Schatten, die miteinander zu tintenschwarzem Dunkel verschmolzen. Aus der Mitte der Lichtung erhoben sich Nebelschwaden wie feine Schleier. Flammenstern betrachtete die Spuren. Er fühlte, wie sein Haar sich sträubte und leises Knistern durch die Zeichen auf seiner Haut rann. Etwas stimmte hier nicht. //Viel zu auffällig. Sie wollten, dass wir das hier finden. Sie …//

In diesem Augenblick brach ein Gewittersturm auf Flammenstern und seine Truppe herein. Als hätten die Dunkelelfen im Schatten der Bäume gewartet, stürzten sie sich jetzt auf die Nityhara. Pfeile flogen, Klingen durchschnitten die Luft, und das alles beinahe lautlos, als würden die Nebel, die aus dem Moos der Lichtung aufstiegen, jeden Klang zu dumpfem Rauschen dämpfen.

//Angriff!// Flammensterns Senden war ein Schrei, Flammenstern wusste selbst nicht, ob er die anderen warnen oder den Angriff befehlen wollte, aber sofort wussten alle, wo ihr Platz war. Flammenstern wusste, Nebelstreif und Wegsucher waren an seiner Seite, in seinem Rücken, und ebenso würden auch die anderen aufeinander achtgeben. Nachtschleicher grollten, sprangen den Angreifern entgegen, die aus den Schatten kamen, als würde der Wald sie ausspucken. Flammenstern rief das Sternenfeuer, sah aus dem Augenwinkel überall um sich herum Silberflammen aufzüngeln, die die Lichtung mit ihrem Nebel in geisterhaftes Licht tauchten. Er konnte nicht erkennen, wie viele Gegner aus dem Dickicht gebrochen waren, aber er sah jetzt, was die seltsamen Hufspuren hinterlassen hatte. Die Dunkelelfen ritten, aber was auf die Lichtung trampelte und nach vorspringenden Nachtschleichern auskeilte, hatte nur entfernte Ähnlichkeit mit Pferden. Eine Klinge hieb nach Flammenstern, er riss seinen Nachtschleicher herum, der Kater sprang, strauchelte, prallte gegen den kesselförmigen Leib der Kreatur. Nachtschleicherkrallen schabten über Schuppen, ein reptilhafter Kopf mit zurückgebogenen Fangzähnen schnappte nach Flammensterns Hand, als er instinktiv sein sternenfeuerüberflammtes Schwert hochriss.

„Gift!“ brüllte Flammenstern – grünlichen Geifer troff von den Schlangenzähnen, das Ungeheuer kreischte, als Flammensterns Silberfeuer auf seine Schuppenhaut traf. Von einem Moment zum anderen versank die Lichtung in undurchdringlichem Chaos. Flammenstern spürte Nebelstreif und Wegsucher nicht mehr an seiner Seite, schattenhafte Kreaturen schienen überall zu sein, flackerndes Sternenfeuer traf auf Reptilienhaut, der Geruch von Blitzen und angesengtem Haar erfüllte die Luft. Das Reittier des Dunkelelfen vor Flammenstern scheute vor dem Sternenfeuer zurück, stieg, sein Reiter klammerte sich fluchend fest, zwang das Tier auf die Füße zurück. Flammenstern nutzte die Gelegenheit, ließ seine Klinge vorschnellen, dem Gegner in den Oberschenkel beißen. Sofort sprang der Nachtschleicher zurück, brachte Flammenstern so aus der Reichweite des Schwertes, das ein weiterer Gegner wirbelte.

//Nebelstreif, Wegsucher!// Flammenstern kämpfte auf dem Katzenrücken um sein Gleichgewicht, versuchte, zu erkennen, wo Freund und wo Feind waren, parierte einen Hieb, griff an, biss die Zähne zusammen, als seine Klinge hart auf einen Schild prallte.

//Hinter dir//, klang Wegsuchers Senden. //verdammt, sind das viele, und diese Viecher …//

„Pass auf!“ schrillte Nebelstreifs Stimme über den Lärm hinweg. Flammenstern wirbelte herum. Etwas Silbriges durchschnitt die Luft vor ihm, der Nachtschleicher duckte sich. Flammenstern glitt von seinem Rücken, rollte sich ab. Er sah, wie Nebelstreifs Nachtschleicher über ihn hinwegsetzte, mit beiden Vorderpranken in die Seite eines Reptilienpferdes prallte und das Tier samt Reiter umwarf. Hufe wirbelten, Krallen tauchten unter Schuppen, der Dunkelelf brüllte, als Nebelstreifs Sternenfeuer ihn in eine lebende Fackel verwandelte. Flammenstern kam wieder auf die Beine, hob sein Schwert, parierte den Schlag einer Axt, der ihn wieder von den Füßen riss. Einen Moment lang schien seine Umgebung zu gefrieren, als der axtschwingende Reiter zu ihm hinabblickte. „Verräter“, zischte der Dunkelelf, das bleiche Gesicht zu einer Maske der Verachtung verzogen, „stirb!“ Er hob die Axt, Flammenstern sah Mondlicht auf das silbrige Blatt treffen, sah die Blutspuren darauf, wusste, der nächste Schlag würde ihn treffen … Ein Nachtschleicher sprang. Die Axt biss in seine Flanke, das Tier brüllte auf. Fiel.

Flammenstern rappelte sich auf. Keine Zeit, nach dem Schleicher zu sehen, er musste wissen, wo seine Leute waren, musste sich überzeugen, dass Nebelstreif und Wegsucher noch standen, dass …

Dunkelheit fiel, als hätte jemand Flammenstern eine schwarze Decke über den Kopf geworfen.