Erwählte des Zwielichts 110

Stille hüllte ihn ein, so tief, dass sie seine Ohren mit dumpfem Druck füllte.

„Nebelstreif! Wegsucher!“ Flammenstern wusste, dass er rief, fühlte, dass er schrie, aber er hörte noch nicht einmal ein Wispern. Er rief Sternenfeuer. Spürte, wie es auf seiner Handfläche knisterte, aber er sah es nicht. Er war taub. Er war blind. Was ist das für ein Zauber? Sein Herz begann zu rasen, als nie gekannte Angst ihn überschwemmte wie eine Woge. Er ertrank darin. Die anderen … er konnte die anderen nicht mehr spüren.

//Nebelstreif … Ta’nesha? Hörst du mich? Wegsucher, Bruder, wo seid ihr?//

Stille, nichts als Stille, als seien seine Sinne blind und taub geworden für die Bänder, die ihn an seine Gefährten schmiedeten.

Flammenstern rammte seine Klinge in den Boden und sank in die Knie. Er bebte. Die Leere in ihm drang durch jede seiner Poren nach Außen, umfloss ihn wie ein Mantel aus zähem Schlamm, der ihn zu ersticken drohte. Auch die Stimmen der Götter waren verstummt, ihre Präsenz fort. Erst jetzt, da er sie nicht mehr hören konnte, wurde ihm klar, dass sie immer da gewesen waren, ihn immer begleitet hatten. Flammenstern rang die Übelkeit nieder, die sich wie eine Klaue in seinen Magen gekrallt hatte, und schnappte nach Luft. //Wegsucher? Nebelstreif?//

Sie blieben stumm. Flammenstern war allein. So allein wie noch nie zuvor in seinem Leben. Er schloss die Augen. Das Gefühl drohte ihn zu überwältigen, aber er durfte nicht zulassen, dass der Schmerz siegte. Er war eine Klinge. Er war Sternenfeuer. Er durfte nicht zerbrechen. 

 

Eine Hand streichelte sein Haar, glitt an seiner Wange hinab, ein Daumen streifte sanft seine Lippen.

Er zuckte zurück. Die Berührung war warm, blieb auf seiner Haut kleben, fühlte sich an wie Sirup, der aus seinem Haar tropfte.

„Kleiner Verräter“, schnurrte eine rauchdunkle Stimme. „Iloyon. Was hast du dir dabei nur gedacht, mein Feldherr?“

„Tayara …“ Flammenstern unterdrückte mühsam ein Würgen, als ihm ein schwerer, süßblumiger Duft in die Nase stieg. Lilien. Seit wann roch sie nach Lilien? Tayaras Nähe nahm ihm den Atem, als vergifte sie die Luft. „Ich habe euch nicht verraten. Ich bin nur … gegangen.“

„Dort, wo ich ausgebildet wurde, nennt man Fahnenflucht und Hochverrat, was du getan hast, Feldherr. Darauf steht der Tod. Und du wirst dem Tod begegnen, früher oder später. Ich werde dich zerbrechen, kleiner Nithyara, und dann werden dir dein Feuer und deine Götter nichts mehr nützen. Ihr werdet wieder dahin zurückkehren, woher ihr gekommen seid, und dieses Mal werden eure Götter keine beinahe-Vergessenen werden. Sie werden vollständig vergessen und schwinden, bis nicht ein Stein dieser Welt mehr an sie erinnert. Merke dir das, Feldherr Iloyon.“

„Ich bin Flammenstern.“

Er wusste, dass sie lächelte, sich daran weidete, dass er sich so unwohl fühlte, auch wenn er sie nicht sehen konnte. Warum konnte er sie hören? Wahrscheinlich, weil sie es will … was für ein Zauber ist das? Nachtschatten, Sternengekrönte, helft! Wo seid ihr?

Tayara lachte. „Bete nur, kleiner Nityhara. Sie können dich nicht hören, denn hier ist meine Göttin stärker als deine. Hier, im Herzen der Nacht, lebt die, deren Namen du nicht aussprechen kannst, ohne dass dir übel wird. Khadiss.“ Sie ließ die letzte Silbe zischen wie eine Schlange. Kälte fuhr durch Flammensterns Glieder, fraß sich durch seine Adern und berührte fast zärtlich sein Herz. Er fühlte, wie das Feuer in ihm gefror. Es schmerzte. Flammenstern wusste, dass der Tod überall um ihn herum lauerte und ihn anstarrte. Darauf wartete, dass die Klinge in ihm zerbrach. Er riss sich zusammen.

„Ich bin nur einer“, stieß er hervor und klammerte sich an das Heft des Schwertes, vor dem er kniete. Eine Nithyaraklinge. Geläutert im Schmiedefeuer. Gehärtet im Sternenlicht. Schmerz ist nur Schmerz. Flammenstern wusste nicht, woher die Worte kamen. Er hat nur die Macht über dich, die du ihm gestattest. Nicht mehr. Es ist nur Schmerz. Vor seinem inneren Auge strahlten die blauen Augen der Sternengekrönten und die sternenerfüllten des Nachtschattens ihn an. Flammenstern hob den Kopf. Quälte sich auf die Füße. Stand.

„Ich bin nur einer“, wiederholte er, „aber ich bin nicht allein. Ihr könnt uns nicht wieder vertreiben, denn wir sind bereits ein Teil dieser Welt. Aber wir sind kein Teil deines Krieges mehr, Tayara. Verschwinde, und nimm deine Göttin mit.“

Sie lachte. Es war ein zweistimmiges Lachen, das die Luft wie Klingen durchschnitt und Flammenstern einen Schauer über den Rücken rieseln ließ.

„Das werde ich, kleiner Nityhara. Leb wohl. Wir werden uns wiedersehen. Und dann wirst du zerbrechen wie eine Klinge, die auf Stein prallt.“

Das werden wir ja sehen.

Sie ging tatsächlich. Der schwere Lilienduft schwand, die Dunkelheit zerfaserte wie Wolken im Sturm, und Flammenstern konnte wieder sehen, wieder hören. Um sich herum sah er Spiegelbilder seiner Selbst, Nithyara, die sich aus kauernder Haltung erhoben, Nachtschleicher, die sich an sie drückten und ihnen halfen, aufzustehen. Auch sein eigener Kater war wieder da und sah ihn an. Wissen stand im Blick des Tieres, eine Intelligenz und ein Verstehen, das über die eines Tieres hinausgingen. Vier der mächtigen Katzen lagen blutüberströmt am Boden und rührten sich nicht mehr. Sie tot zu sehen ließ Flammenstern Tränen in den Augen spüren. Die Nachtschleicher waren gefallen, um ihn und seine Leute zu schützen. Kampfgefährten.