Erwählte des Zwielichts 111

„Flammenstern, den Göttern sei Dank!“ Sternauge lief ihm entgegen und nahm seine Hände, ihr folgten Schattensang, Lehmformer und das restliche Nachtschleicherrudel.

Flammenstern zog Sternauge an sich, aber er war alles andere als beruhigt. „Wo sind Wegsucher und Nebelstreif?“ Zwei der toten Schleicher waren ihre Tiere gewesen. „Sucht sie“, befahl er mit flacher Stimme, „findet sie. Sie können doch nicht einfach weg sein.“

Konnten sie nicht?

Sternauge senkte ihren verwirrenden Blick in Flammensterns. „Flammenstern … etwas ist geschehen. Ich habe es gesehen, als ich doch blind war in diesem Zauber, blind und taub …“

„Wie wir alle“, warf Lehmformer ein „es war entsetzlich. Ich konnte euch nicht spüren, nicht hören …“

Schattensang nickte. „Ging mir genauso … ich habe versucht, den Zauber zu brechen, aber …“

Flammenstern schüttelte den Kopf. In seinem Inneren nistete noch immer ein Echo der Kälte, die er unter dem Zauber gespürt hatte. Er sendete behutsam seine Gedanken aus, tastete nach dem Seelenband, dem Blutsbruderband. Seltsam dumpf hallte das Echo der Verbindungen in seiner Seele. Noch immer antworteten Nebelstreif und Wegsucher nicht auf sein Senden, aber er wusste tief in sich, dass sie lebten. Ihr Tod würde sich anders anfühlen. „Sternauge, was hast du gesehen?“

„Dieser Überfall … Tayara wollte uns nicht töten. Sie wollte nur … uns.“ Ihr Blick schweifte über die Lichtung. Keine Spur von Nebelstreif und Wegsucher.

Flammenstern begriff. „Sie haben Wegsucher und Nebelstreif entführt …“ Das Eis in Flammenstern bekam Stacheln. „Sie wollen etwas gegen uns in der Hand haben, etwas, womit sie uns … mich … erpressen können. Sie haben die mitgenommen, die mir in meinem Leben am meisten bedeuten. Dass Iloyon Cianthara liebte, war kein Geheimnis im Heer, auch nicht, dass Amayas und Iloyon das Blutsbruderband teilen. Tayara muss zu Recht davon ausgehen, dass sich daran nichts geändert hat, auch wenn wir uns verändert haben.“ Flammenstern rang mit sich. Was tun? Gehen? Bleiben? Suchen? Er bezweifelte, dass er Nebelstreif und Wegsucher finden würde, wenn sie wie aufgescheuchte Kaninchen in den Wald rannten. Auch wenn es ihm das Herz zerriss, er musste mit den anderen zum Dorf zurück. Denn Tayara würde die Entführten nicht töten. Sie würde sie als Druckmittel benutzen. Und wenn er wusste, wo sie mit ihnen steckte, dann würden die Nityhara zuschlagen und Tayara und ihre Khadissanbeter mit Sternenfeuer empfangen. 

Schattensang trat näher und legte Flammenstern eine Hand auf die Schulter. „Ich kann das Echo des Zaubers noch spüren“, sagte er leise, „es fühlt sich an die ein Torzauber. Wenn sie wirklich ein Portal benutzt haben, dann können unsere Clangeschwister sonstwo sein. Ich kann versuchen, den Zauber zu verfolgen, aber dafür brauche ich Zeit.“

Flammenstern nickte. „Wenn ich dich mit Sternauge und einigen Nachtschleichern alleinlasse …“

„Dann bin ich nicht allein. Und ich fühle mich sicher genug.“

„Ich sehe mehr und anders als wir alle“, függte Sternauge hinzu und lehnte ich einen Moment lang an Schattensang. „Ich passe auf ihn auf. Geh du mit Lehmformer zum Dorf zurück und sieh nach den anderen. Es sollten so viele von uns wie möglich am Heiligtum sein, falls Tayara noch einmal zurückkommt. Der Zauber der Nacht konnte wirken, weil der Götterstein weit weg ist. Näher am Stein können wir mehr bewirken. Ich weiß, dass Nebelstreif und Wegsucher noch leben.“

Flammentern nickte. „Aber der Zauber hat etwas mit dem Ta’nesha-Band gemacht, und auch das Blutsband zu Wegsucher ist schwach – ich kann sagen, dass sie leben, aber ich finde nicht heraus, wohin Tayara sie gebracht hat. Und ohne Spuren …“ Er betrachtete den Boden. Nachtschleicherklauen hatten ihn aufgerissen, hier und da war ein Stiefelabdruck im Moos, aber keine Spuren führten von der Lichtung weg. „Es ist, als wären sie geflogen“, schnaubte er. „Wir müssen zurück. Die anderen brauchen uns. Und wir brauchen sie.“

„Aber näher am Stein besteht auch die Gefahr, dass die Dunkelelfen ihn zerstören“, gab Lehmformer zu bedenken.

„Vielleicht“, sagte Sternauge. Ihr schwarzes, sternendurchdrungenes Auge glühte im Dunkeln wie das einer Katze. „Aber Flammenstern hat Recht. Ihr müsst zurück. Hier sind keine Leichen. Und keine Spuren. Ich denke nicht, dass sie geflogen sind, aber ganz sicher haben sie Tormagie benutzt.“

Schattensang nickte. „ich tue, was ich kann, um herauszufinden, wo sie sind“, sagte er, „Flammenstern, Lehmformer, geht jetzt. Mit den Nachtschleichern sind wir sicher. Und wenn wir etwas finden, dann melden wir es sofort.“

„Sendet nicht.“ Flammenstern sah nacheinander alle anderen an. „Ich bin mir nicht sicher, ob sie nicht einen Weg gefunden haben, unserem Senden zu folgen. Kommt ins Dorf zurück, wenn ihr etwas gefunden habt.“

„Das werden wir.“ Schattensang umarmte Flammenstern. Für einen Moment ahnte Flammentern, dass Nebelstreifs und Wegsuchers Zukunft jetzt in der Hand des einstigen Kriegsmagiers lagen, und er war trotz seiner Sorge um die Gefährten erleichtert, so mächtige Verbündete zu haben. „Wir werden siegen“, sagte er und fühlte die Zuversicht in seine Seele zurückströmen. „Wir sind wenige, aber wir sind Sternenfeuer, und wir sind Klingen, während Tayaras Leute nichts als abgerichtete Hunde sind, die hechelnd auf ihre Befehle warten.“

Schattensang grinste. „Schön gesagt, Clanführer. Und jetzt verschwindet. Wir haben viel zu tun!“