Erwählte des Zwielichts 112

Sie nahmen Abschied von den toten Nachtschleichern. Ihre Reitkatzen begleiteten sie, doch die anderen blieben zurück, kauerten sich zu ihren gefallenen Rudelmitgliedern und stimmten einen wilden Trauergesang an, der Flammenstern die Haare zu Berge stehen ließ. Er wusste, die Katzen würden wiederkommen, wenn sie für die Toten gesungen hatten. So, wie auch die Nityhara für ihre Toten singen würden. Er hoffte, dass im Dorf niemand war, für den sie würden singen müssen.

 

VII

Wegsucher glaubte, in zähem Sirup zu liegen, der seinen Mund mit ekelhafter Süße füllte. Sie roch nach Lilien und schmeckte nach Tod. Er wollte die Augen öffnen, aber seine Lider waren wie zugeklebt. Fast schon ein Wunder, dass er überhaupt in der Lage war zu atmen. Er fühlte sich, als hätte Tayaras gesamte Truppe ihre Stiefel auf seinem Rücken abgetreten. Kälte kroch aus dem harten Boden, auf dem er lag, in seinen Körper. Unter seinen Händen fühlte er die schartige Kühle feuchter Felsen.
//Flammenstern? Nebelstreif? Hört ihr mich? Hört mich … irgendjemand?// Sogar das Senden war anstrengend. Wegsucher konnte seine Gedanken nicht lenken, immer wieder entschlüpften sie ihm, wenn er versuchte, sie zu sammeln und denen zu schicken, um deren Leben er am meisten fürchtete. Tief in sich konnte er das Blutband zu Flammenstern spüren, doch es war nur noch ein dumpfes Echo des Gefühls von Zusammengehörigkeit, das er kannte. So, als sei Flammenstern viel zu weit weg. Sein Blutsbruder lebte – aber er würde ihn nicht mit der Kraft seiner Gedanken erreichen können. Wegsucher schauderte. Ihm wurde bewusst, dass er allein war, und ziemlich sicher gefangen, und er wusste nicht, was mehr an der Kälte schuld war, die in seinem Inneren stachelige Eiszapfen wachsen ließ. Als er noch Amayas gewesen war, hatte es ihm nichts ausgemacht, allein zu sein. Doch Wegsucher sehnte sich nach seinen Clangeschwistern. Er zwang sich, die Augen zu öffnen.

Wie er vermutet hatte, lag er auf Felsen. Überall um ihn herum war Stein, eine Höhle, die Wände glitzerten feucht in einem fahlen Dämmerlicht, das von überall her zu kommen schien. Es fühlte sich falsch an, dieses Licht. Wegsucher blinzelte. Nirgends konnte er eine Lichtquelle ausmachen. Und – nirgends einen Ausgang! Panik drückte seinen Magen zusammen. Wie war er hineingekommen in diesem Raum ohne Türen, ohne Zuweg? Woher kam der Luftzug, der ihn mit klammen Fingern streichelte? Immerhin gab es einen Luftzug. Immerhin würde er hier nicht ersticken.

Wegsucher zwang sich zur Ruhe. Er ließ den Blick durch die Höhle schweifen. Die Decke wölbte sich mindestens drei Mannslängen über ihm. Drei Männer würden an der weitesten Stelle nebeneinander stehen können, ohne dass einer von ihnen die Höhlenwand berühren konnte. Grauer Stein mit schimmernden Quarzadern. Das diffuse Licht kam von oben. Die Höhlendecke bildete eine Kuppel, die sich immer weiter nach oben zog und sich in einem schmalen Schacht zu verwandeln schien, durch den das merkwürdige Leuchten fiel. In einer kleinen Mulde nicht weit von der Stelle, an der er erwacht war, hatte sich Wasser gesammelt. Es war klar und kalt. Wegsucher kostete es vorsichtig, dann schöpfte er mit beiden Händen und trank, um den pelzig-fauligen Geschmack aus seinem Mund zu vertreiben. Hinter einem Stein entdeckte er eine Holzschale mit einem Brotkanten und je einem Stück Hartkäse und Trockenfleisch. Immerhin wollen sie mich nicht verhungern lassen. Wer auch immer sie sind. Der Anblick des Essens ließ Wegsucher merken, wie hungrig er war. Während er aß, zergrübelte er sich den Kopf darüber, wie lange er schon hier war. Hunger und Durst ließen ihn darauf schließen, dass seit dem Kampf im Wald mindestens ein, wenn nicht sogar zwei Tage vergangen sein mochten. Dumpfes Pochen breitete sich hinter seinen Schläfen aus, als er versuchte, sich zu erinnern, was geschehen war. Die Dunkelelfen und ihre echsenartigen Reittiere waren aus dem Wald hervorgebrochen, hatten ihn und die anderen Nithyara angegriffen, und dann? Was war dann passiert? Wegsucher erinnerte sich an plötzliche Dunkelheit, Kälte, ein Gefühl von fast schmerzhafter Einsamkeit – und dann hatte etwas nach ihm gegriffen, ihn eingehüllt wie ein Wirbelsturm, und ihn von den Füßen gerissen. Wegsucher legte den Käse in die Schale zurück – ihm wurde übel bei der Erinnerung an das seltsame Gefühl, das dann gefolgt war – so, als hätte sein Körper sich in die Länge gezogen, nur, um sich dann wieder zusammenzuziehen wie eine Schnecke, auf die jemand Salz gestreut hatte. Er musste würgen. Es hatte sich angefühlt, als wäre er durch zähen Teer gezogen worden. Wegsucher würgte die Übelkeit hinunter und stemmte sich auf die Füße.

„Hallo? Hört mich jemand? Zeigt euch! Verdammt, zeigt euch, ihr feigen Hunde, und redet mit mir! Was wollt ihr von mir?“

„Wegsucher?“

Wegsucher erstarrte, als statt der erwarteten Dunkelelfen eine sehr vertraute Stimme seinen Namen rief.

„Götter, Nebelstreif? Nebelstreif, wo bist du?“

„Hier …“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.