Erwählte des Zwielichts 113

Ein schabendes Geräusch durchdrang die Höhle, ein Felsblock versank im Boden, und ein schmaler Durchgang tat sich wie von Zauberhand auf. Dahinter lag eine weitere Höhle, ebenso von diffusem Licht erfüllt wie Wegsuchers eigenes Gefängnis – und da stand Nebelstreif. Sie lachte und weinte zugleich, als sie loslief. Wegsucher trat ihr entgegen, schloss sie in die Arme und drückte sie an sich. „Ich bin hier, alles wird gut.“ Wie auch immer alles gut werden sollte – aber er würde dafür sorgen, dass Nebelstreif und er hier wieder herauskamen!

„Wegsucher … ich kann nicht zu den anderen senden … ich kann sie nicht hören, ich kann Flammenstern nicht spüren!“

„Shht. Beruhige dich. Ich auch nicht. Aber horche in dich hinein, Theanna. Er ist dein Ta’nesha und mein Blutsbruder. Ich bin mir sicher, dass er lebt – also solltest du dir noch einmal mehr sicher sein!“

Sie nickte. „Ja … ja, ich bin mir sicher, dass er lebt, aber ihn nicht spüren zu können … gar nicht … ich war noch nie so allein in meinem Leben. Wenigstens du bist da!“ Sie drückte sich noch enger an ihn.

Wenigstens … Das Wort grub Klauen in Wegsuchers Herz. „Wenigstens?“ raunte er und strich durch Nebelstreifs Haar. „Ich liebe dich, Theanna, das weißt du. Ich liebe dich. Schon so lange. Warum tust du mir weh?“

„Ach, Wegsucher! Du weißt doch, wie ich es meine. Und du weißt auch, dass ich deine Liebe erwiedere. Ich liebe dich, wie ich Flammenstern liebe.“ Sie hob den Kopf, sah zu Wegsucher auf, und dann drückte sie ihre Lippen auf seine. //Ich liebe dich//, wiederholte sie wortlos, und er verstand, wie ernst es ihr war. Sie konnte nicht lügen, wenn sie die Gedankensprache benutzte. //Warum glaubst du mir nicht?//

Er unterbrach den Kuss schwer atmend. Ihre Lippen hatten die Kälte vertrieben, das Feuer aufflammen lassen. „Ich glaube dir“, murmelte er. „Ich glaube dir.“ Aber Flammenstern hat so viel mehr … nicht nur deinen Körper, Theanna. Er hält deine Seele in seinen Händen. Berührt sie, indem er deinen Seelennamen wispert, wenn ihr das Lager miteinander teilt …

Götter, woher kamen diese Gedanken? Sie sollten nach einem Fluchtweg suchen, stattdessen erging er sich schon wieder in eifersüchtelnden Gedanken, und setzte damit alles aufs Spiel, was er mit Nebelstreif und Flammenstern teilte. Sie waren doch Freunde. Sie konnten einander alle drei lieben, nicht wahr?

Warum war dann da schon wieder diese nagende Stimme, die sich in sein Herz krallte und Nebelstreif für sich allein forderte? Wegsucher atmete tief durch und schob Nebelstreif sanft von sich. „Wir sollten sehen, dass wir hier wegkommen“, sagte er und ärgerte sich, dass seine Stimme so rau klang.

Nebelstreif sah sich um. „Deine Höhle ist genau wie meine, keine Gänge, keine Wege, die hin oder wegführen, nur das Luft-und Lichtloch in der Decke. Ich glaube, jemand beobachtet uns. Sonst hätte sich doch der Stein nicht verschoben, als du anfingst zu rufen.“ Sie deutete auf den im Boden versunkenen Stein, der sich in genau diesem Moment wieder zu heben begann. „Verdammt …“

Wegsucher grinste schief. „So schlimm, eine Gefängniszelle mit mir zu teilen? Eben hast du dich noch gefreut, mich zu sehen …“

Nebelstreif schnaubte. „Lass die Sticheleien … hilf mir lieber, die Wände abzuklopfen. Irgendwo muss es doch einen Weg geben.“

„Wenn du meinst …“ Gemeinsam schritten sie die Wände ab, ließen die Hände über den rauen Fels gleiten, klopften, tasteten, lauschten, nur, um sich wenig später resigniert auf einen Stein fallen zu lassen.

„Nichts“, murmelte Wegsucher. „Wir sitzen hier fest, bis einer von denen sich dazu herablässt, sich uns zu zeigen und zu sagen, was bei allen Göttern sie von uns wollen.“

„Tayara. Ich bin mir sicher, sie steckt dahinter. Sie und ihre Nachtanbeter.“ Sie lehnte sich an Wegsucher. „Mir ist kalt.“

„Mir auch …“ Wegsucher legte die Arme um Nebelstreif. Er konnte fühlen, wie das steinerne Gefängnis die Wärme aus seinen Knochen zu saugen begann. Vielleicht war es auch ein weiterer Dunkelelfenzauber. Er erschauerte und zog Nebelstreif enger an sich, hob die freie Hand und rief das Sternenfeuer. Fast überrascht blickte er auf die kleine Flamme, die über seine Finger tanzte. Ein Teil von ihm hatte bezweifelt, dass er an diesem Ort das Feuer würde rufen können. Warum ließen die Dunklen ihn das Feuer rufen? Fürchteten sie es nicht?