Erwählte des Zwielichts 114

Auch Nebelstreifs Augen weiteten sich. „Ich habe genau das versucht, als ich allein war … aber es wollte nicht kommen. Jetzt …“ Auch sie hob ihre Hand, und auch auf ihren Fingen zeigten sich plötzlich die ersehnten Flämmchen. „Vielleicht können wir uns den Weg freibrennen …“

„Versuchen wir es.“ Wegsucher richtete den Blick auf die Stelle, an der sich der Durchgang zu Nebelstreifs Zelle geöffnet hatte, und ließ einen Sternenfeuerstrahl darauf zuschießen. Die Flamme prallte auf die Wand – und zerfaserte in winzige Funken, die sofort verloschen. Wegsucher keuchte auf. Es hatte ihn angestrengt, diesen Flammenstrahl zu rufen, mehr als jemals zuvor. „Dumme Idee, versuch du es nicht … es ist anstrengend …“ Er schnappte nach Luft. „Mehr als eine kleine Flamme, um uns warm zu halten, scheinen sie uns nicht gestatten zu wollen …“

„Aber immerhin das.“ Nebelstreif lehnte sich wieder an ihn. „Halt mich fest“, flüsterte sie. „Ich habe das Gefühl, mir wird immer kälter.“

Wegsucher nickte nur und schloss sie in seine Arme, strich ihr mit den sternenfeuerflammenden Fingern durchs Haar. Funken tanzten in den seidigen Strähnen. Er hätte so gern mehr getan.

Nebelstreif zitterte in seinen Armen. „Wir müssen nicht frieren“, raunte sie, „du weißt, was wir tun können, um nicht mehr zu frieren.“

„Sie beobachten uns“, erinnerte Wegsucher sie. Das Feuer mit ihr teilen, während Tayara und ihre Handlanger zusahen? Wieder erschauerte er. Als er mit nebelstreif und Flammenstern zusammengewesen war, hatten ihn Flammensterns Blicke doch auch nicht gestört. Im Gegenteil. Es hatte ihn erregt, zu wissen, dass sein Blutsbruder zugesehen hatte, während er Nebelstreifs Zeichen nachgezogen und gefühlt hatte, wie sie unter seinen Händen immer mehr in Flammen geriet. Es wäre so einfach. Feuer rufen, Feuer teilen, Kraft und Wärme wiederfinden. Tayara und ihrer Nachtgöttin trotzen …

„Und wenn schon“, murmelte Nebelstreif sehr nah an seinem Ohr, „sie sind mir gleichgültig, ich friere, und ich weiß, dass ich nicht frieren muss. Dir ist auch kalt, gib es zu … du sehnst dich doch auch nach dem Feuer … bitte, Wegsucher. Flammenstern würde mit dir dasselbe tun. Jeder von uns würde es tun. Wir sind Nithyara. Kinder des Sternenfeuers.“

„Und wen sie genau das wollen? Wenn sie wollen. Dass wir uns ineinander verlieren, nur um uns dann zu töten?“ Es fiel ihm schwer zu atmen. Warum war seine Brust auf einmal so eng?

„Wenn sie unseren Tod gewollt hätten, dann hätten sie uns gar nicht eingesperrt“, murrte Nebelstreif. „Dann hätten sie uns sofort umgebracht.“ Sie bebte heftig. „Wegsucher, bitte …“

Ihre Hand schlüpfte unter sein Lederwams, unter sein Hemd. Er biss die Zähne zusammen, als ihre Finger ein Zeichen fanden und ihm blind folgten, so, als könnten ihre Augen es sehen. Ich bin hier. Sie ist hier. Flammenstern nicht. Wir sind allein. Allein! Der Gedanke durchfuhr Wegsucher wie ein Blitzschlag. Allein mit Nebelstreif – das war, was er wollte, seit … seit wie vielen Monden schon?

Wärme teilen, Feuer rufen, das Leben zurückholen. Flammenstern würde nicht wollen, dass sie starben, nicht wahr? Wegsucher schnappte nach Luft, als Nebelstreif unter seinem Hemd zielsicher das Zeichen ertastete, das seine linke Brustwarze umrahmte. Er stöhnte auf. Funken knisterten unter seiner Kleidung, die auf einmal viel zu eng, viel zu störend war. „Theanna“, raunte er in Nebelstreifs Ohr. Und dann nur noch ein weiteres Wort: „Ja …“

Ihre Kleider fielen wie Herbstlaub auf den steinigen Boden, wurden zu einem weichen Lager unter ihnen, als sie die Stiefel von den Füßen traten und eng umschlungen auf den Wust von Mänteln, Hosen, Hemden und Unterzeug sanken. Wegsucher spürte den harten Boden kaum noch. Nebelstreif hatte sich über ihn gebeugt, saß rittlings auf ihm und ließ ihre in Sternenfeuer getauchten Fingerkuppen über seine Haut gleiten. Funken knisterten in den Linien seiner Zeichen, ließen sie aufleuchten. Das scharfe Brennen ließ die Wärme in seinen Körper zurückströmen. Auch Wegsucher rief das Feuer. Es tanzte auf seinen Händen, mit denen er Nebelstreifs weiche Brüste umschloss, die Zeichen auf ihrer seidigen Haut nachzog. Im Feuer wurden sie eins – und Wegsucher wusste, dass er Nebelstreif niemals wieder mit einem anderen Mann teilen wollte. Ihre Hände waren so sanft, ihre Küsse so feurig und zugleich so süß, dass er nicht anders konnte, als süchtig danach zu werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.