Bratäpfel – eine Meeresträume-Weihnachtsgeschichte

Alvar wischte Wassertropfen von der winzigen Scheibe im einzigen Fenster der Hütte und spähte hinaus. Es hatte geschneit, wieder, die ganze Nacht hindurch. Der Schnee hatte den Strand in eine bizarre Traumlandschaft verwandelt. Alles war weiß, es glitzerte im Schein der aufgehenden Sonne. Eiskristalle funkelten an den Halmen des Strandgrases, das tapfer der Kälte trotzte und sich leicht im Wind wiegte. Spuren im Schnee führten hinunter zum Wasser. Spuren nackter Füße.

Alvar schlang fröstelnd die Arme um den Körper und warf noch ein paar Scheite auf das kleine Kochfeuer. Allein bei dem Gedanken, dass Sayain barfuß und vermutlich nackt zum Meer hinuntergelaufen war, um in seinen unendlichen, eisigen Tiefen zu jagen, ließ Gänsehaut auf seinem Körper sprießen. Natürlich, seinen Geliebten störte die Kälte nicht. Fische frieren nicht, hatte Sayain mit einem Augenzwinkern gesagt, als er das erste Mal an einem verschneiten Wintertag zum Meer gegangen war, um zu jagen. Alvar hatte am Strand gewartet, war von einem Fuß auf den anderen gehüpft und hatte sich beinahe die Finger abgefroren. Er war Kälte gewohnt, aber auch Nordmänner gingen im Winter nicht so ohne weiteres im Meer baden.

Die Erinnerung an das, was nach Sayains erster winterlicher Fischjagd gewesen war, ließ Alvar dennoch einen wohligen Schauer über den Rücken rinnen. Vergessen war der Gedanke an Schnee, Eis und lausig kaltes Wasser, vertrieben von den Gedanken an kühle Haut, die unter seinen Händen langsam wieder warm wurde. An Küsse auf weiche Lippen, die nach Salz und Meer schmeckten, die Erinnerung an langes silbernes Haar, das nach Wind duftete. An einen eisigen Körper, der neben ihm auftaute und irgendwann alles andere als kalt gewesen war. Die Erinnerung an die Liebesnacht ließ Alvar leise aufseufzen.

„Sayain“, flüsterte er in die Stille der kleinen Hütte hinein. Er liebte ihn so sehr. Seit sie gemeinsam vor den Sklavenjägern geflohen und sich hier in dieser einsamen Hütte am Strand niedergelassen hatten, war er so glücklich wie noch nie in seinem Leben. Sayain, sein Gestaltwandler, sein geliebter, wunderschöner Meeresjäger. Alvar wurde niemals müde, Sayain zuzusehen, wenn er als mächtiges Fischwesen wie eine scharfe Klinge das Wasser durchschnitt, wenn er ausgelassen wie ein Delfin über die Wellen sprang. Silfri. Er nannte ihn immer noch so, weil er sich an Sayains wahrem Namen immer wieder die Zunge verrenkte. Silfri, Silberner.

Mit einem Lächeln beugte Alvar sich über den Tontopf im Feuer und schaute kurz hinein. Darin lagen in geschmolzener Butter goldbraun gebackene Äpfel, die er vor einigen Tagen zusammen mit der Butter, Honig, Gewürzen und einigen Händen voll Nüsse und Mandeln gegen frischen Fisch auf dem Markt im nahen Dorf eingetauscht hatte. Sayain wusste nichts davon, es sollte eine Überraschung werden. Immerhin war heute das Mittwinterfest. Das ganze Dorf war geschmückt worden, überall hingen immergrüne Zweige und Misteln.  Alvar lächelte und kramte den Mistelzweig aus der Ecke, wo er ihn versteckt hatte, und hängte ihn über der Tür auf.  Dann wandte er sich wieder den heißen Äpfeln zu und ließ ein wenig Honig darüber rinnen. Sie dufteten nach vergangenem Herbst, nach Zimt und der Süße von Honigwein. Durch die Hitze war ihre pralle Schale aufgeplatzt und das weiße Fruchtfleisch schimmerte hindurch, vollgesogen mit Butter und Honig. Alvar leckte sich die Lippen. Eine süße Verführung. Er dachte an Sayains Lippen, an seine weiße Haut, sein seidiges Haar. Daran, dass sie bald Süßes essen und danach Süßes tun würden. Der Gedanke daran badete seinen Körper in wohliger Wärme. Alvar zog den Tontopf an den Rand des Feuers, damit die Äpfel nicht verbrannten, dann nahm er seinen Mantel und ging an den Strand hinunter. Er folgte Sayains Spuren bis zu einem Felsen, auf dem er den Umhang seines Geliebten fand, mit winzigen Schneekristallen bedeckt. Er nahm den Mantel, schüttelte ihn aus und klemmte ihn unter den Arm, damit der Stoff wieder warm wurde. Dann setzte er sich auf den Felsen und schaute auf das Meer hinaus. Es dauerte nicht lange, und er sah den mächtigen Fisch aus dem Wasser schnellen, schneeweiß und schimmernd. Ausgelassen tobte er durch die Wellen dem Strand entgegen, überließ sich der Brandung, die ihn immer näher an den Felsen herantrieb. Noch einmal verschwand der Fisch unter Wasser, und mit der nächsten Welle hob sich Sayain als Mann aus dem Meer. Silbern und schön wie eine Gestalt aus einem Märchen. Er zog ein Netz hinter sich her, in dem glitzernde Fische lagen. Sie zappelten nicht mehr – Alvar wusste, dass sie bereits tot waren, schnell und sauber getötet durch den Biss des Jägers. Er kletterte vom Felsen und breitete den Umhang aus. Mit einem Lächeln auf den Lippen kam Sayain ihm entgegen.

„Du solltest doch drinnen bleiben!“

Sayain schmiegte sich in den Umhang und in Alvars Arme, das Netz hatte er in den Schnee fallen lassen. Alvar umarmte ihn und rubbelte ihn mit dem Umhang trocken.

„Ich weiß. Aber ich liebe es, zu sehen, wenn du an Land kommst, mein Schöner.“ Er küsste ihn, küsste ihm das Salz von den Lippen. „Ich liebe es, wie du schmeckst, wenn du aus dem Wasser kommst. Ich liebe es, wie du duftest. Komm. Ich habe etwas für dich!“

Sayain erwiderte den Kuss und ließ die Zunge leicht über Alvars Lippen huschen. „Das trifft sich gut. Ich habe nämlich auch etwas für dich. Immerhin ist doch heute Mittwinter. Er zwinkerte, dann löste er sich von Alvar, griff nach dem Netz und stieg den Strand zur Hütte hinauf. Alvar lächelte in sich hinein und folgte ihm.

Fröstelnd huschte er in die Hütte, während Sayain die Fische in den angrenzenden kleinen Schuppen brachte.  Alvar war froh, dass Sayain seine Beute gleich draußen fertigmachte und in der Schneetonne vergrub, wo der Fisch gefrieren und frisch bleiben würde.

Alvar zog den Topf mit den Äpfeln aus dem Feuer. Ein Duft nach Gewürzen und Sünde breitete sich in der kleinen Hütte aus, als er den Deckel abnahm. Die Äpfel waren knusprig überkrustet von Honig und Nussmehl, vollgesogen mit ihrem eigenen Saft, das weiße Fleisch unter der rotbraunen, aufgeplatzten Schale schimmerte wie Schnee.

Die Tür öffnete sich, Wind wehte Schneeflocken und Sayain herein, der seinen Umhang abwarf und splitternackt vor Alvar stand und die Arme ausbreitete.

„Ich bin zuhause, Geliebter! Wärme mich!“ Er grinste und schlang die Arme um Alvar, der mit einem leisen Schaudern die Umarmung erwiderte. Alvar küsste ihn und linste zu dem Mistelzweig hoch.

„Jetzt gehörst du mir für ein weiteres Jahr“, sagte er mit einem Schnurren in der Stimme. Sayain betrachtete den Zweig und grinste. „Nordmannzauber?“

„Ja. So könnte man es nennen!“ Alvar küsste ihn noch einmal.

„Sayain schmiegte sich an ihn und schnupperte.

„Du bist wunderbar warm. Was duftet hier so? Ich habe es schon am Strand gerochen, der Duft ist überall an dir, in deinem Haar, in deinen Kleidern. Und dein Mund schmeckte nach Honig…“ Sayains Lippen suchten die seinen und pressten sich auf Alvars Mund. Alvar vergaß die Kälte um sie herum, küsste Sayain tief und hungrig, kostete den Geschmack nach Meer und Salz. Er wehrte sich nicht, als Sayain begann, die Schnürungen seiner Kleider zu lösen. Vergessen war der Topf, als Sayain ihn vor den Kamin dirigierte und ihn auf den Wollteppich vor dem Feuer niederdrückte. Er wehrte sich nicht, als er Sayains kühle Hände auf der Haut spürte. Und als Lippen und Zunge diesen Händen zu folgen begannen, vergaß er alles um sich herum. Da waren nur noch Sayain und dieser Duft nach Salz und Wind, der sich mit dem Duft süßer, nach allen fernen Ländern der Welt riechenden Gewürzen und Früchten mischte. Honig. Zimt. Nüsse und Mandeln. Äpfel. Sayain. Salz und Meer. Sayain.

Alvar ertrank in Sayains Küssen, in seinen Umarmungen, in seiner Lust und seiner Liebe. Als ihre Körper vor dem Feuer eins wurden, fühlte sich Sayains schneeweißer Körper alles andere als kalt an. Wogen der Lust spülten alles Denken fort und ließen nur noch Platz für das Fühlen und das Feuer. Sie brannten beide.

„Mein unmöglicher, verführerischer Fisch!“ Alvar küsste Sayain auf die Nasenspitze und strich ihm das schweißfeuchte Haar aus dem Gesicht. Noch immer rann ein Echo der Lust durch seinen Körper. Wie immer, wenn er und Sayain einander geliebt hatten. Es war, als würde das Feuer bleiben und jedes Mal stärker nachwirken. Sayain lächelte.

„Hat es dir etwa nicht gefallen?“

„Dumme Frage.“ Alvar küsste ihn noch einmal. Sayain seufzte tief und schmiegte sich an ihn.

„Was ist denn nun mit der Überraschung?“ Seine Augen funkelten wie die eines Kindes, das ein Geschenk erwartete. „Und was riecht hier so gut?“

„Die –  oh, Mist. Jetzt sind sie wohl kalt.“

„Die was? Was ist jetzt kalt?“ Sayain erhob sich, trat an den Tisch und schnupperte.

„Bratäpfel. Wir haben sie immer zu Mittwinter gegessen, als ich noch ein kleines Kind war. Das einzige, woran ich mich gern erinnere.“ Er nahm einen Löffel, tauchte ihn in einen der beiden inzwischen deutlich abgekühlten Äpfel und hielt Sayain den Bissen vor die Lippen. Sayain nahm ihn, kaute, und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Das ist gut!“

Alvar nickte. „Heiß sind sie noch besser.“

„Dann sollten wir sehen, dass sie wieder heiß werden.“ Sayain nahm den Tontopf und schob ihn an den Kamin.

„Und die Zeit, die sie brauchen, um wieder heiß zu werden, können wir sinnvoll nutzen!“

Er zog Alvar zu sich auf den Wollteppich zurück, griff unter den weichen Stoff und holte etwas hervor, das er Alvar reichte.

„Was ist das?“

„Ein Geschenk des Meeres. Und meine Mittwintergabe für dich.“

Alvar betrachtete das Ding genauer – es war eine Muschel, außen unscheinbar, rau überkrustet von Kalk und Schalenresten anderer Muscheln. Doch die Innenseite schillerte in allen möglichen Blau-und Grüntönen, an einigen Stellen ein wenig Violett, Rosa und Silber.

„Wunderschön.“ Alvar hauchte Sayain einen Kuss auf die Lippen. „So wunderschön wie du. Ich werde sie immer bei mir tragen.“

Sayain lächelte. „So wie ich die andere Hälfte.“ Er erwiderte Alvars Kuss. „Ich liebe dich“, flüsterte er, dann begannen seine Finger, erneut auf Wanderschaft zu gehen. „Wir haben noch Zeit, viel Zeit.“

Alvar schloss die Augen und ergab sich den sanften Fingern seines Geliebten. Seine Welt versank in einem Traum aus Sayain, blau schillernden Muscheln, brennendem Feuer und dem Duft von Bratäpfeln.