Vergossenes Herzblut: Vom Umgang mit Textkritik

Leise Musik.
Vorhang auf.
Die Autorin sitzt vor dem Computer und lächelt selig.
Die Szene ist gelungen. Ja. das ist das Beste, das ich in meinem Leben geschrieben habe. Alles stimmt. Die Perspektive. Die Figuren, wie sie handeln, was sie sagen. Ich war wirklich gut dieses Mal.
Die Autorin nimmt ihren Text, küsst ihn noch einmal zum Abschied und dann schickt sie ihn in die Welt. Zu einem Betaleser. In ein Textkritikforum. Oder sie stellt ihn in ihr Blog, damit alle sehen, was für eine geniale Szene sie da geschrieben hat, in der alles stimmt, in der alles gut ist, so wie es ist.

Und dann kommt sie, die kalte Dusche. Der Betaleser hat aus drei Seiten Text fast zehn gemacht, so viele Kommentare und Korrekturvorschläge hat er hineingeschrieben. Der ganze Text ist rot, kaum noch ein zusammenhängender schwarzer Satz und der Rand trieft vor rosa unterlegten Kommentaren. Nicht anders im Textkritikforum. Beitrag um Beitrag haben sich hinter den Text gehängt, man hat ihn seziert, auseinandergenommen, analysiert, Satz für Satz kommentiert und nichts als ein Schlachtfeld übriggelassen, über das rot das Herzblut der Autorin rinnt. Auch die Kommentare im Blog lassen zu Wünschen übrig. Da ist kein Lob. Nirgends. Nur mehr oder weniger (in den Augen unserer frustrierten Autorin eher weniger) konstruktive Meinungen, die alle eines gemeinsam haben: sie tun weh.
Die Autorin ist enttäuscht, wütend und traurig.
Aber das war doch wirklich richtig gut! Warum sagt mir niemand, dass es gut ist? Füllwörter? Adjektivitis? Pah. Die Adjektive brauche ich, damit sich auch alle anderen das Ganze so vorstellen können, sie ich es vor meinem inneren Auge sehe. Ich brauche die Adjektive doch, um die Gefühle meiner Figuren zu transportieren. Schwache verben? Logiklöcher? Mangelhafte Recherche? Perspektivwechsel? Das kann doch alles nicht sein. Haben die meinen Text überhaupt gelesen, haben sie ihn verstanden?
Leise Musik.
Vorhang fällt.

Hand auf’s Herz – welcher Angehörige der schreibenden Zunft hat sich nicht schon einmal über Kritik am eigenen Werk geärgert? Wie geht man um mit vernichtender Kritik, mit Nicht-Lob, mit Meinungen, die von der eigenen abweichen, mit dem gnadenlosen Verriss eines Textes, den man doch mit so viel Liebe geschrieben hat, der einem selbst so gut gefällt, den man selbst für wirklich gut hält?
Negative Kritik, ganz gleich, wie konstruktiv und behutsam sie auch formuliert ist, schmerzt, das ist klar. Ich habe keinen allgemeingültigen Rat, wie „man“ mit einem Verriss umgehen sollte. Ich möchte hier nur aus eigener Erfahrung schreiben, wie ich gelernt habe, damit umzugehen, wenn jemandem mein Geschreibsel nicht gefällt und er das auch unverblümt kundtut.
Die eingangs beschriebene Szene habe ich am eigenen Leib erfahren. Ich war wütend, stinkwütend, überlegte, mich umgehend aus dem bösen Textkritikforum wieder abzumelden und mich mit meinem geliebten Text in meinem Zimmer einzuschließen und nichts, aber auch gar nichts daran zu ändern. Denn die anderen sind schließlich alle doof und verstehen mich und meinen Text sowieso nicht.
Falsch. Nein. So nicht.
Spätestens, als mir auffiel, dass nicht nur ein Leser sondern gleich mehrere mit einigen Kritikpunkten einer Meinung waren, begannen die Gedankenrädchen, sich zu drehen. Da musste doch was dran sein. Also: eine Nacht darüber geschlafen, dann noch eine und noch eine, so lange, bis ich mir die Meinungen zum Text durchlesen konnte, ohne gleich traurig oder wütend zu werden. Mir wurde klar – die hatten Recht. Zumindest teilweise. Ich nahm, was ich von den angemäkelten Punkten übernehmen wollte, überarbeitete, stellte den Text noch einmal zur Diskussion, und auf einmal kam auch das ersehnte Lob.

Aus meinen Erfahrungen mit Textkritik und Betalesern habe ich drei Dinge gelernt:

Kritik spiegelt immer eine Meinung wider, die meist nicht die eigene ist.
Darum: durchlesen, durchatmen, bis zehn zählen, noch einmal lesen, darüber schlafen, das Ganze ruhen lassen und dann entscheiden, welchen der kritisierten Punkte ich aufgreifen will, wo ich etwas ändern möchte und wo ich ganz klar sage: nein, das ist meins, das ist mein Stil, da lasse ich mir nicht hineinreden. Meist sind die Hinweise von Textkritikern und Betalesern freundlich gemeinte Hinweise, Ratschläge und Vorschläge. Man kann sie annehmen – muss aber nicht. Am Ende gehört der Text immer noch mir.

Stell nie einen Text zur Diskussion, der aus ganz frischem Herzblut besteht.
Natürlich hängt mein Herz an allem, was ich geschrieben habe. Meine Bücher, meine Geschichten, sind meine geistigen Kinder, natürlich liebe ich sie. Mütter lieben ihre Kinder ebenfalls, aber sie lieben sie anders, wenn sie Babys sind, als wenn sie im heiratsfähigen Alter mit dem Partner vor den Traualter treten. Ich lasse meine Geschichten zumindest ins Teenageralter reifen, bevor ich sie das erste Mal aus der Hand gebe. Mit etwas Abstand zum eigenen Werk ist auch „böse“ Kritik sehr viel erträglicher. Sicher, auch bei Kritik an einer schon gereiften Geschichte kann man sich über angemarkerte Kleinigkeiten ärgern, aber es fällt leichter, wenn es einem gelingt, das eigene Werk mit etwas Abstand, sozusagen mit Lektorenaugen, zu lesen. Darum: reifen lassen. Sobald das Wort „Ende“ unter dem Text steht, schließ ihn für ein Weilchen weg, dann lies ihn nochmal. Du wirst dich wundern. Überarbeite im stillen Kämmerlein, einmal, vielleicht zweimal, und erst dann nutze Betaleser und Textkritikplattformen.

Textkritikplattformen sind nicht für jeden etwas.
Manch einer möchte zu seinem Text möglichst viele Meinungen. Anderen sind zwei oder drei lieber, danach vielleicht noch einmal zwei oder drei andere, aber kein Wust von vielleicht zwanzig Antworten, die vielleicht noch alle unterschiedlich ausfallen. Darum: Suche dir die Möglichkeit, an Textkritik zu kommen, die für dich die beste ist, mit der du dich am wohlsten fühlt. Für den einen ist es ein Textkritikforum, für den anderen ein Stamm an Betalesern, die man nicht selten ebenfalls in den verschiedensten Autorenforen findet. Und auch hier: sei wählerisch. Vielleicht stellst du fest, dass du mit Betaleser A wunderbar klarkommst, mit B aber nicht arbeiten kannst, und wenn das Schicksal der Welt davon abhinge. Trau dich, das zu sagen. Betaleser beißen nicht, meist sind sie sogar Freunde, zumindest Bekannte. Man kann mit ihnen reden. Und vielleicht klärt ein Gespräch mit B die Fronten derart, dass er danach die Arbeit von A wunderbar ergänzen kann.

Ganz wichtig ist: so gemein sie im ersten Moment auch wirken, Textkritikforen-Meinungen und Betaleserkommentare sind nicht dazu da, den Autor „runterzuziehen“. Die Kritiker wollen alle nur eins: den Text besser machen. Und manchmal gehen die Meinungen, was „besser“ ist, schon mal auseinander.
In diesem Sinne: weiterschreiben und nicht entmutigen lassen!

2 Replies to “Vergossenes Herzblut: Vom Umgang mit Textkritik”

  1. Pingback: Mit der Kettensäge auf Füllwortjagd: Der Betaleser - Tina Alba

  2. Romy

    Ich gehöre wohl zu der masochistischen Sorte: Wenn ich einen Text zurück bekomme, der nicht vor roten Kommentaren trieft befürchte ich sofort, dass der Beta den Text gar nicht richtig gelesen hat.

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