NaNo-Riesenschnipsel

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„Du bist so eine niederträchtige Ratte, Nadim Belazar!“
Nadim verneigte sich. „Ich danke für das Kompliment.“
Nura wollte etwas erwidern, doch das melodische Glockenspiel des Klingelzugs aus den Räumen hinter der roten Tür unterbrach ihn.
„Das ist er. Der Fuchs. Er hat geläutet.“
„Ich bin nicht taub, Nura. Und doch werden wir uns jetzt taub stellen. Ich haben es nicht gehört.“
„Und was willst du tun? Er wird läuten, bis das Seil vom Klingelzug abreißt.“
„Lass mich nur machen. Ich werde alles zu deiner – und meiner – Zufriedenheit regeln. Der Fuchs soll sich nicht anstellen. Sein Gefängnis wird ein angenehmes sein. Wenn Shayan keine Kunden hat, kann er ihn haben, solange sie beide wollen. Und glaube mir, Shayan wird wollen. Bis wir eine Lösung für dieses lästige Problem gefunden haben, wird der Fuchs unser Gast sein.“
„Und dann? Ich meine… was soll mit ihm geschehen, wenn wir eine Lösung gefunden haben?“
Nadim lächelte und fuhr sich stumm mit der Handkante über die Kehle. Er lachte, als Nura erblasste.
„Ach komm schon, Amio, sei nicht so eine Memme. Wir lassen ihn heute doch bereits sterben. So wird uns zumindest niemand der Lüge bezichtigen, wenn irgendwann irgendwo seine Leiche auftaucht.“
Wieder läutete es, dieses Mal mehrmals hintereinander.
„Götter, wie ungeduldig, ich glaube, ich werde doch einmal hingehen und das regeln. Dieses Läuten bereitet mir Kopfschmerzen. Kümmere dich um die Gäste, Amio, und lade den Grafen Variccia zu einem Wein ein, ich habe ihn doch heute Abend schon gesehen.“
Nura nickte. „Ich weiß, er ist da, er ist vor einer Weile mit Elion und Padnim ins Badehaus gegangen. Wenn er wiederkommt, rede ich mit ihm und werde ihm deine Steine schmackhaft machen. Es gefällt mir nicht, was wir hier tun.“
Nadim lachte. „Mir schon, mein Lieber. Mir schon.“
Er tätschelte noch einmal Nuras Hand. Es gefiel ihm, wie der offizielle Besitzer der Flammenden Rose jedes Mal zusammenzuckte, wenn er ihn berührte. Nura wollte von Männern nichts wissen, ihm gefielen Frauen, schöne Frauen. Einen Moment lang war Nadim versucht, ihm anzubieten, er könne auch Gerüchte darüber streuen, dass Nura mit seiner angebeteten Schwester schlief, wenn er nicht mitspielte. Doch dann überlegte er es sich anders. Die Idee war so schön, dass er sie sich für ein anderes Mal aufsparen wollte. Im Augenblick hatte Nura am Tode des Fuchses und an der Bestechung des ehrenwerten Grafen genug zu knabbern. Er stand auf, als die Glocken ein weiteres Mal aufklangen. Nura schien sich unter seinem Blick zu ducken. Er nahm den Beutel mit den Granatsteinen und verließ das Hinterzimmer Richtung Empfangsraum, während Nadim sich auf den Weg zur roten Tür machte. Der Fuchs würde keine Waffen bei sich haben, es ziemte sich nicht, die Zimmer der Huren bewaffnet zu betreten, also würde er mit ihm leichtes Spiel haben. Er griff unter die Stofffetzen seines Kostüms, wo er im Gürtel den langen Dolch verborgen hatte. Eine Hand legte er an den Griff, als er den Mechanismus betätigte und die rote Tür öffnete. Dahinter stand der Fuchs und bedachte ihn mit einem überraschten Blick – sicher, er hatte Nura erwartet. Und ziemlich sicher eine saftige Rechnung, und den Weg nach draußen. Nadim lächelte innerlich.
Leider verloren, Füchslein in der Falle.
„Nadim. Endlich, ich dachte schon, es kommt niemand mehr.“
„Wäre das denn so schlimm? Die Gesellschaft könnte doch angenehmer nicht sein!“
„In der Tat, sie war angenehm, aber das alte Sprichwort sagt, man soll doch gehen, wenn es am schönsten ist, also, danke, dass du gekommen bist, um die Tür zu öffnen, ich würde jetzt gern gehen.“
Aus den Augenwinkeln sah Nadim Shayan, der mit einem Rock aus blauer Seide bekleidet in der Tür zu seinem Zimmer stand und dem Fuchs beinahe sehnsüchtig nachblickte.
Nadim schüttelte den Kopf. „Ich bedaure, Silberfuchs, aber du wirst nirgendwo hingehen.“
Der Fuchs legte den Kopf schief. „Wie war das?“ fragte er, die Stimme sanft. Gefährlich leise.
„Du hast mich verstanden, Fuchs. Du bist bis auf weiteres unser Gast. Ich würde es begrüßen, wenn du keine Schwierigkeiten machst, sondern dich einfach damit abfindest. Du wirst bleiben. So wie ich unseren süßen Shayan kenne, hat er dir bereits das ganze Dilemma seiner Anwesenheit unterbreitet. Du siehst, Fuchs… es ist unabdingbar, dass du bleibst, denn ich will meinen Shariach nicht verlieren. Und Nura liegt auch sehr viel an ihm.“
Der Fuchs wich einen Schritt zurück. Nadim beobachtete ihn ganz genau, er achtete auf jede noch so kleine Bewegung – der Fuchs war nicht dumm, vielleicht hatte er irgendwo eine Waffe. Im Stiefel, im Ärmel, irgendwo. Diese Glücksritter waren unberechenbar. Er fasste seinen eigenen Dolch fester.
„Ihr steckt jetzt schon bis zum Hals in Schwierigkeiten, Nura und du. Sollte das, was hier passiert, irgendwie dem Fürsten zu Ohren kommen, seid ihr beide eure Köpfe los.“
Nadim lächelte. „Genau darum bleibst du hier, Fuchs. Wir können es uns nicht leisten, dass jemand redet, und ich habe das dumme Gefühl, du wirst reden, also wäre es sinnvoller und für deinen eigenen Kopf gesünder, wenn du dich darauf einstellst, eine Weile hier zu bleiben.“
„Und wenn mir der Sinn danach nicht steht? Der Fuchs bewegte sich schnell, trat noch einen Schritt zurück, bückte sich kurz und zog ein Messer aus seinem Stiefel. Nadim sah die Klinge im Kerzenlicht schimmern, er drehte sich, wich aus, das Messer in der Hand es Fuchses verfing sich in den Bändern seines Kostüms, er fühlte, wie die Klinge leicht seine Haut ritzte, doch das war alles. Er holte aus, drehte seinen eigenen Dolch in der Bewegung und ließ den Knauf der Waffe mit Wucht gegen die Schläfe des Silberfuchses krachen. Die Augen des Mannes weiteten sich einen Moment lang überrascht, dann rollten sie im Schädel nach hinten, für einen Moment sah Nadim nur noch Weiß in ihnen. Mit einem dumpfen Laut sank der Fuchs in sich zusammen und blieb reglos liegen. Ein feiner Blutfaden rann von seiner Schläfe über die Stirn.
„Meister!“ klang es entsetzt von der Tür her, „Meister, was hast du getan? Er war gut zu mir. Er war der, den ich so sehr gebraucht habe!“
Nadim schnaubte. Er kniete sich neben den Silberfuchs, tastete nach dem Puls und nickte zufrieden, als er das Pochen unter seinen Fingern spürte, langsam, aber kräftig. Er schleifte den reglosen Körper über den Beschwörungskreis und ließ ihn vor Shayans Füßen liegen.
„Darum kannst du ihn jetzt auch behalten. Er gehört dir, mach mit ihm, was du willst. Solange du keine Gäste hast, darf er bei dir sein. Kümmere dich um ihn, wenn du ihn behalten willst.“
Damit wandte Nadim sich ab und ließ die rote Tür hinter sich ins Schloss fallen. Wenn seine Informationen über die Shariach stimmten, dann verfügten diese Dämonen über eine schwache Heilergabe. Das einzige, was der Fuchs von diesem Schlag zurückbehalten würde, waren eine Schramme, vermutlich eine Beule und ein paar Stunden Kopfschmerzen. Der Shariach würde das schon wieder in Ordnung bringen. Sehr zufrieden mit sich und der Welt machte Nadim sich auf die Suche nach Nura. Er musste wissen, ob dieser Weichling bereits mit dem Grafen gesprochen hatte oder ob er auch das noch selbst erledigen musste.

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