Fortsetzungsroman: Erwählte des Zwielichts 6

zwielichtbild Der Schrei riss Iloyon aus seinen Gedanken. Um ihn herum ließen sich seine Leute zu Boden fallen, suchten Deckung in den Büschen. Liandras packte das Pferd, zerrte es tiefer ins Unterholz und warf Laub und Geäst auf die Trage. Iloyon duckte sich, er hörte das singende Sirren über sich und das trockene Geräusch, mit dem der Pfeil sich neben ihn in einen Baum bohrte. Reglos blieb er liegen. Auch die anderen verharrten, niemand bewegte sich, keiner wagte auch nur zu atmen. Dann hob Cianthara eine Hand und deutete in die Richtung, aus der der Pfeil gekommen war.
Das Chaos brach los. Noch mehr Pfeile durchschnitten die Luft, ein Summen wie von einem Bienenschwarm. Sie kamen von allen Seiten.
„Hinterhalt!“ Ciantharas Stimme überschlug sich.
Iloyon biss sich auf die Zunge. Es hatte keinen Sinn, sie zurechtzuweisen. Der Feind wusste ganz genau, wo sie steckten. Aus den Augenwinkeln sah er seine Leute nach ihren Waffen greifen, Armbrüste wurden gespannt, Bolzen flogen der nächsten Pfeilsalve entgegen. Einige der Geschosse trugen Flammen. Jemand schrie unterdrückt auf, fluchte. Iloyon sah Dirian, der den aus seinem Oberarm ragenden Schaft abbrach und sein Schwert zog. Er sah Cianthara, die ihr Rapier aus der Scheide riss und an seine Seite stürmte. Feuer flammte auf. Hell. Sonne, Feuer, das Glitzern von Rüstungen. Sie kamen wie eine Lawine. Es waren viele. Zu viele, aber Iloyon beschloss, sich von ihrer Zahl nicht beeindrucken zu lassen, als sie von allen Seiten aus den Büschen hervorbrachen, und es aussah als hätten sie dort schon seit Stunden gewartet. Er spürte mehr, als dass er sah, wie Cianthara, Malika, Dirian und die anderen instinktiv ihre Plätze einnahmen, bis sie alle Rücken an Rücken standen, Cianthara an seiner Seite, ein schützender Kreis um die versteckte Trage. Tyuran. Wo war Tyuran? Iloyon kam nicht mehr dazu, sich nach dem jungen Kriegsmagier umzusehen. Er zog sein Schwert. Die lichte Horde brach über sie herein wie ein Unwetter. Blitze zuckten aus der Hand eines weiß gerüsteten Elfen, weitere in silbrig schimmernden Wappenrücken mit dem Zeichen der Sonne stürmten mit gezogenen Klingen auf Iloyons kleinen Trupp zu. Der Elf bellte Befehle, Iloyon verstand Bruchstücke. Töten. Keine Gefangenen. Keine Gnade.
Stahl prallte auf Stahl. Iloyon taumelte, als der Schwertstreich eines Elfen seine Klinge traf. Der Krieger war größer als er, hochgewachsen und breitschultrig für einen Elfen, und er führte seinen Anderthalbhänder mit tödlicher Sicherheit. Iloyon sprang zurück, suchte festen Stand. „Du willst unbedingt sterben, ja?“
Ihre Klingen trafen aufeinander, Iloyon parierte den Schlag und spürte den Aufprall bis in die Schulter. Seine müden Muskeln protestierten, als er die Klinge hob, vorsprang und auf den Elfen einzudringen begann.
„Nicht ich werde sterben.“ Stolz schimmerte in den Augen des Elfen. Hellgrün waren sie, hellgrün wie der Wald, und tief in ihnen sah Iloyon den Wahnsinn schimmern.
Um sie herum tobte der Kampf, aber Iloyon war, als sei er für diesen Moment aus seiner Welt herausgerissen, als gäbe es jetzt und hier nur ihn und diesen Elfenkrieger. Iloyons Klinge prallte auf das Schwert des Elfen, glitt daran entlang, die Parierstangen verkeilten sich ineinander, der Elf zog Iloyon näher, bis sie so dicht voreinander standen, dass Iloyon den Atem des Lichtkriegers auf seinem Gesicht spürte. Im letzten Augenblick sah er die Hand des anderen, die in den Falten des Wappenrocks verschwand und mit einem Dolch wieder auftauchte. Iloyon riss sich los, stieß den Elfen von sich, der taumelte, beinahe fiel er.
„Warum tust du das?“ Iloyon sah dem Elfen in die Augen und suchte nach einer Antwort.
Der Elf fing sich, fand sein Gleichgewicht, fand festen Stand, der Dolch löste sich von seinen Fingern. Iloyon duckte sich im letzten Moment, sprang vor, ließ zu, dass die Klingen sich wieder ineinander verkeilten. Der einzige Laut, den der Elf von sich gab, war ein wütendes Knurren.
„Warum?“ stieß Iloyon hervor.
„Die Nacht wird fallen. Mit jedem einzelnen von euch, den wir töten, wird diese Welt heller!“
„Und mit jedem sterbenden Elfen ein Stück dunkler. Warum?“ Iloyon verbiss sich in den anderen wie ein Wolf in seine Beute. Antworten. Er wollte Antworten, und er wollte sie, bevor er fiel.
„Deine Worte nützen dir nichts, Dunkelelf.“ Der Lichtkrieger spannte sich, Iloyon fühlte, wie die Muskeln unter Rüstung und Wappenrock spielten, als der Krieger ihn von sich stieß.
„Die Welt ist besser ohne euch!“ Wieder drang der Elf auf ihn ein und drängte Iloyon zurück, bis er mit dem Rücken an einem Baum stand. Iloyon keuchte. Er hob sein Schwert.
Die Klingen trafen singend aufeinander. Iloyon fühlte, wie das Elfenschwert an seinem abglitt, dann fraß sich sengender Schmerz in seine Schulter.
Mit dem Schmerz kam der Zorn. Wie ein roter Schleier legte sich die Wut vor seinen Blick, tauchte seine Welt in einen blutigen Schimmer. Er hörte sich selbst schreien, dann klang in seinen Ohren nur noch das Singen der Schwerter. Erst, als da nichts mehr war, das sich ihm in den Weg stellte, wurde er ruhiger. Das Schwert fiel ihm aus der Hand. Iloyon sank in die Knie. Lichtblitze zuckten und tanzten um ihn herum. Danach wurde es still. Viel zu still.
Iloyon hörte nichts als seinen eigenen Herzschlag und sein keuchendes Atmen. Ihm war, als könne es gar nicht genug Luft geben, um die Gier seiner Lungen zu stillen. Neben ihm lag der Elf. Blut rann aus einer tiefen Wunde in seiner Brust. Aber noch lebte er. Iloyon spürte, wie der Blick des sterbenden Kriegers sich in seinen fraß.
„Warum? Um diese Welt… von einem Fehler der Götter zu befreien!“ Er zuckte noch einmal, dann lag er still, und seine Augen starrten blicklos in das Licht, das ihn schon, während er noch lebte, geblendet hatte.