Erwählte des Zwielichts 31

zwielichtbild War dies noch immer dieselbe Nacht? Wie lange waren sie in der Welt der Götter gewesen? Angefühlt hatte es sich wie höchstens drei Tage und Nächte. Aber was waren ein Tag und eine Nacht in der Welt der Götter? Fast war ihm, als höre er den Nachtschatten in seinen Gedanken leise lachen.
Finde es heraus!
Wie Schatten huschten sie durch Unterholz und Buschwerk. Flammenstern fand die Spuren, die er auf seinem Weg zur Lichtung hinterlassen hatte. Er wunderte sich. Hatte er wirklich so tiefe Fußabdrücke im Moos verursacht? Hatte er wirklich so viele kleine Zweige geknickt, war er so auffällig gewesen?
//Sieh dir das an. Diese Spuren. War ich denn vor dieser Verwandlung ein Pferd, dass ich so durch den Wald getrampelt bin?//
Er hörte Nebelstreif in seinen Gedanken lachen.
//Du hast dich verändert. Wir haben uns verändert. Unsere Wahrnehmung, unsere Art, uns zu bewegen. Spürst du nicht, wie du auf einmal eins mit dem Wald bist? Du bewegst dich wie ein Waldwesen, wie eine große Katze. Katzen hinterlassen auch keine Spuren im Wald!//
Flammenstern spürte es, ja. Aber es fühlte sich dennoch alles fremd und neu und so anders an.
Was sich nicht fremd anfühlte, war das sanfte Prickeln auf der Haut, als er Sirisas Schutzkreis durchschritt, nur dass er auch die Magie des Kreises viel intensiver spüren konnte als zuvor. Einen Moment zögerte er, dann trat er aus dem magischen Bann heraus in den Kreis seiner schlafenden Gefährten. Nebelstreif verharrte neben ihm.
//Sie schlafen alle…//
Flammenstern setzte sich ans Feuer, das mit bläulich schimmernder Flamme brannte, und ließ seine Hand durch die glühende Hitze gleiten.
//Sternenfeuer. Der Schutz der Sternenherrin. Sie hat ihr Versprechen gehalten und über die anderen gewacht.// Flammenstern ließ seinen Blick über das Lager schweifen. Malika und Liandras lagen dicht nebeneinander am Feuer, Rhian war an Veannans Lager eingenickt, sie lag halb über dem Körper des Kriegers. Neben ihnen lag Amayas, zusammengerollt, ein Stück weiter von ihm entfernt hatten Naeve, Dirian und Amon ihre Schlaflager ausgerollt. Nidhan und Luath saßen am Feuer, Rücken an Rücken, wie sie miteinander Wache zu halten pflegten, aber auch sie schliefen.
//Sollen wir sie wecken?// Flammenstern zögerte. Er sah die Schlafenden an und auf einmal fühlte er sich fremd zwischen seinen Gefährten. Würden sie sie wirklich erkennen? Würden sie noch Cianthara und Iloyon in ihren maskierten, zeichenübersäten Gesichtern erkennen?
//Vielleicht nicht alle auf einmal. Rede zuerst mit Amayas. Überzeuge ihn, und du hast alle anderen überzeugt, ich bin mir sicher. Geh. Ich halte Wache.//
Flammenstern erhob sich lautlos und schob sich die Kapuze seines Umhanges über den Kopf. Dann schlich er zu Amayas und legte sanft eine Hand auf dessen Mund, die andere auf die Schulter. Amayas erwachte sofort, er zuckte zusammen, sein Körper spannte sich. Noch bevor er schreien konnte, drückte Flammenstern ihm seine Hand auf die Lippen. Sofort spürte er Zähne, die sich in seine Handfläche gruben.
„Ich bin es, Iloyon! Hör auf, mich zu beißen!“
Amayas entspannte sich und wandte sich ihm zu.
„Bist du wahnsinnig geworden, dich so anzu…“
„Still! Kannst du aufstehen? Ich muss mit dir reden. Allein.“
Flammenstern blieb so sitzen, dass sein Gesicht im Schatten lag. Amayas richtete sich mit einem leisen Ächzen auf.
„Was ist denn los? Und warum sollen die anderen nicht hören, was du zu sagen hast?“
„Weil ich es zuerst mit dir allein bereden muss, Bruder. Bitte.“
Amayas zuckte mit den Schultern, wickelte sich in seinen Umhang, richtete sich auf und kam schwankend auf die Beine. Flammenstern griff nach seinem Arm und stützte ihn, er sah zu Boden, damit Amayas sein maskiertes Gesicht nicht sehen konnte. Langsam führte er ihn ein Stück vom Lager weg, zu einer kleineren Lichtung, die ihm auf dem Rückweg von der Lichtung mit dem Stein aufgefallen war.
„Mach dir keine Sorgen. Ne… Cianthara hält Wache, Sirisas Schutzbann ist stark. Wir sind in Sicherheit. Setz dich.“ Er ließ sich auf einem umgestürzten Baum nieder und wartete, bis Amayas neben ihm saß.
„Also gut. Was ist so wichtig, Bruder? Ich spüre, dass etwas auf dir lastet. Etwas ist anders. Was ist passiert? Ist dir etwas begegnet, als du allein warst?“
Flammenstern atmete tief durch. Das kann man wohl sagen.
„Ich weiß nicht, wie ich in wenigen Worten beschreiben soll, was mir und Ne… Cianthara passiert ist.“
„Warum willst du sie immer Naeve nennen?“
„Das will ich gar nicht. Amayas, Bruder, hör mir zu. Sag mir, ob du… daran zweifelst, dass ich es bin, der hier bei dir ist. Ich, Iloyon.“
„Was redest du da für einen Unsinn? Natürlich bist du Iloyon, ich kenne dich doch. Ich weiß, wie du dich bewegst, ich weiß, wie du sprichst, ich kenne deine Stimme. Verdammt noch mal, ich weiß sogar, wie du riechst. Was soll das?“
„Ich frage dich, weil ich nur noch zum Teil Iloyon bin.“
Amayas runzelte die Stirn.
„Hauchst du mich bitte mal an?“
„Ich soll was?“
„Mich anhauchen. Ich will wissen, ob du an Rhians Wurzelschnapsvorräten warst.“
Für einen Moment war Flammenstern geneigt, zuzustimmen. Bei den Göttern, in ihrem Feuer, da hatte er sich wirklich eine Weile lang wie betrunken gefühlt.
„Ich bin nicht betrunken. Ich war noch nie in meinem ganzen Leben so nüchtern. Amayas, es ist etwas geschehen. Vielleicht war es ein Wunder, vielleicht war es das verrückteste, was mir jemals passiert ist, vielleicht war es Irrsinn. Ich finde keine Worte dafür.“ Er legte seine linke Hand in Amayas‘ Hand, die Hand, in der noch deutlich sichtbar zwischen den silbrig blauen Zeichen die Blutsbruderschafts-Narbe zu sehen war. Amayas nahm die Hand und starrte auf die Zeichen.
„Iloyon, was ist das? Bist du verletzt? Fehlt dir etwas, bist du krank? Ist das… ein Zauber?“
Flammenstern fühlte, wie Amayas‘ Hand unter seiner zitterte.
„Nein, es ist kein Zauber. Auch keine Krankheit. Es ist eher eine Verwandlung.“